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Denken Sie chinesischer Herr Lindner oder lesen Sie Popper

Statue of man reading (adapted) (Image by Carl Cerstrand [CC0 Public Domain] via Unsplash)

Thomas Vašek beschreibt in der Philosophie-Zeitschrift „Hohe Luft“ mit einem Exkurs zu den Schriften von François Julien, wie sinnlos es ist, Pläne für die Zukunft zu schmieden. „Unsere westliche Vorstellung ist geprägt von dem Bild des zupackenden Akteurs, der sich heroisch den jeweiligen Umständen entgegenstellt.“ Man könnte es auch Christian-Lindner-Syndrom nennen. Unsere westlichen Denkgewohnheiten sind davon beseelt, Zweck-Mittel-Relationen festzulegen. Wir wählen ein Ziel und fangen dann mit der Planung an. „Dahinter steht die modellhafte Vorstellung, dass unser Handeln einen bestimmten kausalen Effekt auf den Lauf der Dinge hat. Wenn wir A tun, dann tritt die Wirkung B ein“, schreibt Hohe Luft-Chefredakteur Vašek.

Heroisches Handeln mit Pseudowirkung

Das chinesische Denken misstraut dem heroischen Handeln, weil es oft nur eine Pseudowirkung hat. Nur allzu gern versuchen wir krampfhaft, den Faktor Glück zu ignorieren und für unser Tun eine gehörige Portion Kausalität schlichtweg zu erfinden. Klugheitsstrategen hingegen nutzen die jeweiligen Umstände und loten Handlungsoptionen aus. Geschmeidigkeit und Anpassung ersetzen die rationale Planung. „Wir können die Wirkung unseres Handelns nicht beeinflussen“, betont Vašek. Besser ist das „Nicht-Handeln“. Damit ist nicht Passivität oder Trägheit gemeint, sondern die innere Haltung, Dinge nicht erzwingen zu wollen.

Günstige Entwicklungen abwarten

Für den chinesischen Strategen geht es um den Zeitpunkt, in dem eine günstige Entwicklung beginnt. Diesen Moment muss man erkennen und richtig zu nutzen wissen. In der Lehre vom „Nicht-Handeln“ steckt ein Korrektiv für alle selbsternannten Macher, Berater, Manager und Politiker, die Geschäftigkeit mit Effizienz verwechseln, Aktionismus mit Wirksamkeit.

Wie kann man als Nicht-Handelnder agieren? Beim Wissenschaftstheoretiker und Philosophen Karl Popper wird man fündig. Er spricht von der „Stückwerk-Sozialtechnik“. Sein politisches Ideal ist das schrittweise Herumprobieren oder Herumbasteln. Es geht nicht um die Durchsetzung von Tabula-Rasa-Methoden oder um die Allwissenheit von Politikern, die sich gerne in der Pose des Machers darstellen, sondern um Versuch und Irrtum. Niemand ist in der Lage, alles richtig zu machen. Niemand kann genau wissen, wie sich Gesellschaft und Wirtschaft entwickeln. Politische Ziele können nach Ansicht von Popper ehrgeizig formuliert werden. Im Regierungsalltag können sie aber auch fehlschlagen.

Problematisch in der Politik sei häufig die Kombination von Wirrnis und Aggressivität in der politischen Debatte, so Popper.

Nüchterne Diskussionskultur

Mit der Stückwerk-Sozialtechnik pflege man hingegen eine nüchterne Diskussionskultur, da es nicht um abstrakte Ideale geht, unter denen möglicherweise jeder etwas anderes versteht, sondern um kleine Schritte.

Popper ist der Auffassung, dass uns „die Anwendung der Methode des stückweisen Umbaus über die allergrößte Schwierigkeit jeder vernünftigen politischen Reform hinweghelfen wird, nämlich über die Frage, wie wir es anstellen sollen, dass bei der Durchsetzung des Programms die Vernunft und nicht die Leidenschaft und Gewalt zu Worte kommt.“

Schnelle Lösungen sind eine Illusion der Sprücheklopfer

In einer Politik der kleinen Schritte fällt es leichter, sich zu korrigieren und Fehler zu identifizieren. Für viele politischen Protagonisten ist diese Methode natürlich eine Zumutung. „Ein solches Herumbasteln entspricht nicht dem politischen Temperament vieler Aktivisten“, schreibt Popper. Die wollen eher schnelle Lösungen aus der Tasche zaubern und sich als unfehlbare Staatslenker profilieren. Mit den realpolitischen Gegebenheiten hat das aber nichts zu tun. Das gleicht eher der Schiffsmetapher von Otto Neurath, Mitglied des Wiener Kreises.

Reparaturen auf offener See

Das Schiff liegt auf dem Ozean und passt in keine Werft – jegliche Reparaturen, Verbesserungen, Abänderungen erfolgen auf dem Wasser. Sie können nur stückweise erfolgen, eine Generalüberholung ist niemals möglich.

„Es gibt keine tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.“

Es gibt Traditionen, Institutionen, Gesetzbücher und eine über Jahrzehnte gelebte politische Kultur. Die Stückwerk-Methode von Popper macht aus dem Politiker einen Forscher, dem Fehler unterlaufen müssen. Entscheidend ist die Gewissheit, nicht das gesamte System zu zerstören. Altkanzler Helmut Schmidt war von dieser Vorgehensweise beseelt. Nachzulesen im Opus von Jack Nasher: Die Staatstheorie Karl Poppers. Das Notiz-Amt empfiehlt selbstverliebten Politikern wie Lindner eine politische Bildungsreise ins Reich der Mitte und die Lektüre des Wissenschaftstheoretikers Popper.


Image  (adapted) „Statue of man reading“ by Carl Cerstrand (CC0 Public Domain


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • MOBILITÄT golem: Grüne wollen Elektroautos mit 6.000 Euro fördern: Dass die Grünen sich für das Klima aussprechen ist nichts Neues. Doch jetzt wollen sie umweltbewusste Autofahrer zusätzlich unterstützen und jedes Auto mit emissionsfreiem Antrieb mit 6.000 Euro unterstützen. Diese Begünstigung läuft nach einem Bericht des Spiegels solange, bis eine Millionen solcher Autos auf den Straßen fahren. Doch trotz dieses großzügigen Angebotes scheint der Plan nicht wirklich zu funktionieren. Die Zahlen des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle zeigen nämlich seit Beginn des Programmes, dass nur 2000 Anträge auf einen zukünftigen Kauf gestellt wurden. Doch Özdemir stellt klar, dass er hinter diesem Projekt stehe, denn er machte in einem Interview deutlich, er werde nur mit einer Partei in Koalition gehen, die mit seinen Punkten zum Thema Elektromobilität übereinstimmen.

  • GELDANLAGE heise: Angst vorm Digitalen: Deutsche zögern bei Geldanlage im Netz: Das Digitale ist ein fester Bestandteil in unserer Gesellschaft geworden und wird von der deutschen Bevölkerung fleißig genutzt. Nicht aber wenn es um das Anlegen von Geld geht, denn da traut man dem Netz noch nicht über den Weg. Bankgeschäfte abzuwickeln oder aber bargeldlos Bezahlen, ist in Deutschland noch nicht angekommen. Haben Unternehmen wie Vaamo, Easyfolio, Ginmon oder Liqid, die damit werben eine Alternative zur klassischen Bankberatung zu sein, überhaupt eine Chance? Zurzeit sieht es noch nicht so aus, fest steht jedoch, dass sich die Deutschen als fleißige Sparer erweisen. Das hat sich das Hamburger Fintech Deposit Solutions zu Nutzen gemacht und bietet eine revolutionäre Methode an, mit der ihre Kunden trotzdem weiterhin sicher mit Festzins sparen können.

  • GAMESCOM horizont: Gamescom endet mit Besucherrekord: Nach fünf Tagen ist die Gamescom, die größte Messe für Computer- und Videospiele, jetzt vorbei und kann mit einer Rekord-Summe von über 350.000 Besuchern aus 106 Länder abschließen. Doch auch harte Kritik musste die Branche dieses Mal einstecken, denn die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, warf der Branche vor zu wenig gegen die Suchtgefahr vorzunehmen. Mortler hatte schon letztes Jahr auf dieses Problem aufmerksam gemacht, doch sei ihrer Meinung nach nicht genügend darauf eingegangen worden sein. Dass sie damit nicht übertreibt, zeigt eine Studie der DAK-Gesundheit von 2016, nach der jeder zwölfte männliche Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 25 Jahren von Spielsucht geplagt ist. Ein Thema mit dem sich in der Zukunft neben den Chancen, die die Digitalisierung bringt, auch auseinandergesetzt werden muss. 

  • UBER gruenderszene: Expedia-CEO soll neuer Chef bei Uber werden: Nach endlosen Skandalen gibt es jetzt anscheinend einen neuen Chef für Uber. Der Nachfolger dem Firmengründer Travis Kalanick soll Doro Khosrowshahi sein. Der 48-Jährige ist der erfolgreiche Chef von Expedia, die Reiseseite die bereits 2005 gegründet wurde. Er war zwar nicht die erste Wahl, soll jedoch den Schaden der letzten Monate wieder in Ordnung bringen. Eine offizielle Bestätigung des neuen Chefs soll heute öffentlich gemacht werden.

  • INSTAGRAM t3n: Die 5 größten Fehler deutscher Politiker auf Instagram: Wenn Politiker social media nutzen wollen, funktioniert das nicht immer so perfekt. Die fünf größten Fehler, die dabei auftreten, werden hier zusammengefasst. Ein Fehler ist es, wenn Politiker gar nicht erst versuchen auf Instagram und Co. tätig zu sein, denn somit verpassen sie die Chance ihre Interessen auch den jüngeren Wählern näher zu bringen. Die fehlende Authentizität ist auch so eine Sache. Gestelltes Lächeln, gefakter Handschlag, all das wird den Politkern in ihrer Karriere eingeimpft, auf Instagram bringt ihnen diese Ausbildung jedoch gar nichts. Auch die Anstrengung den richtigen Ton zu treffen nervt viele Jugendliche und schreckt die potenziellen Wähler ab. Es zeigt sich also immer wieder, die Zeiten ändern sich und nicht jedem fällt das so leicht.

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Algorithmen können fairer sein als Menschen

code(image by geralt [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Amazon hat kürzlich damit angefangen, Lieferungen am selben Tag in ausgewählten großstädtischen Gegenden anzubieten. Das mag für viele Kunden gut sein, doch die Markteinführung zeigt auch, wie computerisierte Entscheidungsfindung eine hohes Maß an Diskriminierung fördern kann.

Sinnvollerweise begann die Firma mit ihrem Service in Gegenden, in denen die Lieferkosten am niedrigsten waren, indem sie die Postleitzahlen von dicht besiedelten Orten sowie die Anzahl existierender Amazonkunden ermittelten, deren Einkommensniveau hoch genug war, um regelmäßig Produkte, für die Lieferung am selben Tag verfügbar waren, zu erwerben. Die Firma gab eine Internetseite an, auf der Kunden ihre Postleitzahl eingeben konnten, um zu sehen, ob eine Lieferung am selben Tag bei ihnen möglich wäre. Enthüllungsjournalisten bei den Bloomberg News nutzten diese Seite zur Erstellung einer Karte, die die Gegenden mit dem Amazon-Lieferangebot am selben Tag zeigt.

Die Bloomberg-Analyse zeigte, dass viele ärmere, städtische Gegenden von diesem Service ausgeschlossen waren, während in wohlhabenderen Nachbarschaften dieser Service angeboten wurde. Viele dieser ausgeschlossenen armen Gegenden wurden vorwiegend von Minderheiten bewohnt. Beispielsweise wurde in Boston das komplette Stadtgebiet abgedeckt – bis auf den Bezirk Roxbury. Der Service deckte in New York City beinahe sämtliche Bezirke ab, während die Bronx außen vor blieb. In Chicago wurde die verarmte South Side ausgelassen, während die wohlhabenderen nördlichen und westlichen Vorstädte mit einbezogen wurden.

Man ist versucht, zu denken, dass datenbasierte Entscheidungen unvoreingenommen sind. Jedoch zeigen Forschung und wissenschaftliche Diskussionen nach und nach, dass Unfairness und Diskriminierung bestehen bleiben. In meinem Onlinekurs zu Datenethik lernen die Studenten, dass Algorithmen diskriminieren können. Allerdings gibt es einen Silberstreif am Horizont: Wie auch die Bloomberg-Studie zeigt, kann es die Tatsache, die Entscheidungsfindung auf Daten zu gründen, auch einfacher machen, aufkommende Vorurteile zu entdecken.

Voreingenommenheit kann unbeabsichtigt sein

Unfaire Szenarios, wie bei der Lieferpolitik von Amazon, können aus vielen Gründen entstehen, inklusive versteckter Verzerrungen – beispielsweise der Annahme, dass die Bevölkerung einheitlich über die Stadt verteilt ist. Die Entwickler von Algorithmen haben wahrscheinlich nicht die Absicht, zu diskriminieren, und merken es möglicherweise gar nicht, dass sich ein Problem eingeschlichen hat.

Amazon erklärte Bloomberg, dass man keine diskriminierenden Absichten verfolgte, und alles spricht dafür, dass diese Aussage wahr ist. Als Antwort auf den Bloomberg-Bericht haben Stadtbeamte und andere Politiker Amazon dazu aufgerufen, dieses Problem zu beheben. Die Firma reagierte schnell darauf und fügte die ehemals ausgeschlossenen ärmeren städtischen Postleitzahlen zu ihren vom Service abgedeckten Gegenden hinzu.

Eine ähnliche Frage hat sich bei Uber gestellt. Hier sah es zunächst so aus, dass in Gegenden, die eher von einer weißen Bevölkerung bewohnt wurde, ein  besserer Service angeboten wurde. Es ist wahrscheinlich, dass noch mehr Einzelhandel- und Serviceindustriebeispiele in Zukunft gefunden werden, die unabsichtlich durch Algorithmen diskriminieren.

Wird von den Algorithmen zu viel verlangt?

Wir sollten einen Moment innehalten, um zu prüfen, ob wir übermäßige Ansprüche an die Entscheidungen von Algorithmen stellen. Firmen, die stationär arbeiten, treffen ständig standortbezogene Entscheidungen und beziehen dabei Kriterien ein, die sich nicht allzu sehr von denen Amazons unterscheiden. Solche Filialen versuchen, Standorte zu finden, die für eine große Menge potenzieller Kunden mit Geld zum Ausgeben in Frage kommen.

Konsequenterweise entscheiden sich nur wenige Geschäfte dafür, sich in ärmeren innerstädtischen Nachbarschaften niederzulassen. Vor allem im Zusammenhang mit Lebensmittelgeschäften ist dieses Phänomen ausführlich erforscht worden, und der Term „food desert“ („Lebensmittelwüste“) wird benutzt, um städtische Gegenden zu beschreiben, in denen die Einwohner keinen geeigneten Zugang zu frischen Lebensmitteln haben. Diese Standortverzerrung ist weniger gut untersucht, wenn es zu Einzelhandelsgeschäften im Allgemeinen kommt.

Als ein bezeichnendes Beispiel schaute ich mir die 55 Standorte von Target, einer großen Einzelhandelskette, in Michigan an. Als ich jede Postleitzahl in Michigan danach sortierte, ob das Durchschnittseinkommen verglichen mit dem landesweiten Durchschnittseinkommen hier in der unteren oder oberen Hälfte lag, fand ich heraus, dass nur 16 der Targetläden (29 Prozent) in den Gegenden mit Postleitzahlen aus der unteren Einkommenshälfte lokalisiert waren. Mehr als zweimal so viele, 39 Läden, befanden sich in den Gegenden mit den Postleitzahlen der reicheren Hälfte.

Diskriminierung identifizieren

Darüber hinaus findet sich keine einzige Target-Filiale in Detroit, während sich in den reicheren Vorstädten von Detroit diverse Läden befinden. Trotzdem gab es noch keinen öffentlichen Aufschrei mit dem Vorwurf, dass Target durch seine Niederlassungsentscheidungen arme Menschen diskriminiert. Es gibt zwei Hauptgründe, warum die Sorge über Amazon gerechtfertigt ist: Rigidität und Dominanz.

Rigidität hat sowohl mit dem Entscheidungsfindungsprozess des Online-Einzelhändlers als auch mit dem Ergebnis zu tun. Amazon entscheidet, welche Postleitzahlgegenden in das Servicegebiet fallen. Wenn ein Kunde nur eine Straße von der Grenze, die Amazon gesetzt hat, entfernt wohnt, liegt er außerhalb der Servicegegend und kann wenig dagegen tun. Im Gegensatz dazu kann jemand, der in einer Postleitzahlgegend ohne Target-Filiale lebt, dennoch bei Target einkaufen – auch wenn er länger braucht, um dorthin zu kommen.

Es ist außerdem wichtig, wie dominant ein Einzelhändler in den Köpfen der Verbraucher ist. Während Target nur einer von vielen Sportartikelverkäufern ist, genießt Amazon als Interneteinzelhändler Marktdominanz und zieht daher mehr Aufmerksamkeit auf sich. Solch eine Dominanz ist charakteristisch für die heutigen Internetgeschäfte, die nach dem Motto „The Winner takes it all“ funktionieren.

Während ihre Rigidität und Dominanz unsere Sorge über Onlinegeschäfte vergrößern mögen, so helfen sie uns doch auch, ihre Diskrimination besser zu entdecken als bei stationären Geschäften. Bei einer traditionellen Ladenkette müssen wir schätzen, wie lang ein Anfahrtsweg für den Kunden maximal sein darf. Wir müssen uns außerdem des Zeitfaktors bewusst sein: Fünf Meilen zur nächsten Autobahnausfahrt ist nicht das gleiche wie fünf Meilen durch vollgestopfte Straßen in Richtung der anderen Seite der Stadt. Außerdem kann die Anreisezeit selbst in Abhängigkeit von der Tageszeit stark variieren. Nachdem man identifiziert hat, in welchen Gegenden ein Geschäft wahrscheinlich seinen Service anbietet, werden diese Gegenden nicht eins zu eins deckungsgleich mit den geographischen Einheiten sein, für die uns Statistiken über Rasse und Einkommen vorliegen. Zusammengefasst ist die Analyse chaotisch und bedarf eines großen Aufwands.

Im Gegensatz dazu haben Journalisten bei Bloomberg wohl nur wenige Stunden gebraucht, um eine Karte mit der Servicegegend Amazons zu erstellen und diese mit dem Einkommen oder der Rasse in Beziehung zu setzen. Wenn Amazon das betriebsintern vollzogen hätte, hätten sie dieselbe Analyse in nur wenigen Minuten durchführen können – und sie hätten vielleicht die Probleme gesehen und schon vor der Einführung des Services der Lieferung am selben Tag behoben.

Wie vergleichen Menschen?

Lassen Sie uns einen Blick auf ein ganz anderes Beispiel werfen, um zu sehen, wie die gleichen Punkte auf viele Dinge zutreffen. ProPublica hat eine exzellente Analyse von Rassendiskriminierung durch einen Algorithmus, der die Wahrscheinlichkeit, dass ein Krimineller wieder das Gesetz bricht voraussagt, veröffentlicht. Dieser Algorithmus berücksichtigt Dutzende Faktoren und kalkuliert eine Wahrscheinlichkeitseinschätzung. ProPublicas Analyse fand signifikante systematische Rassenverzerrungen, und das, obwohl Rasse nicht einmal unter den spezifischen berücksichtigten Faktoren war.

Ohne den Algorithmus würde ein menschlicher Richter eine ähnliche Einschätzung abgeben, als Teil einer Strafzumessung oder Bewährungsentscheidung. Die menschliche Entscheidung würde vielleicht ein umfassenderes Set von Faktoren berücksichtigen, so wie beispielsweise das Auftreten des Kriminellen vor Gericht. Aber wir wissen aus psychologischen Studien, dass menschliche Entscheidungsfindung voll von Verzerrung und Vorurteilen ist, selbst wenn wir versuchen, möglichst fair zu sein.

Jegliche Fehler, die aus den Verzerrungen in Entscheidungen menschlicher Richter entstehen, sind aber voraussichtlich bei verschiedenen Richtern unterschiedlich bewertet worden – und sogar bei verschiedenen Entscheidungen, die von ein und demselben Richter getroffen werden. Insgesamt mag es Rassendiskriminierung durch unterbewusste Vorurteile geben, dies aber endgültig festzustellen, ist schwierig. Eine amerikanische Studie des Justizministeriums fand deutliche Hinweise darauf, dass bei der Verurteilung weißer und schwarzer Häftlinge Unterschiede bestehen, konnte aber nicht klar bestimmen, ob die Rasse selbst ein Faktor bei diesen Entscheidungen war.

Im Gegensatz dazu wird der Algorithmus, den ProPublica überprüft hat, bei tausenden von Fällen über viele Staaten hinweg genutzt. Seine Rigidität und das hohe Volumen erleichtern die Aufgabe, eine mögliche Diskriminierung festzustellen – und kann Wege bieten, das Problem effizient zu beheben.

Das Nutzen von Informationstechnologie scheint die Unterschiede und Daten deutlicher und leichter verfügbar zu machen. Was gestern noch unter den Teppich gekehrt werden konnte, schreit heute nach Aufmerksamkeit. Während wir immer mehr Nutzen für datengelenkte Algorithmen finden, ist es noch nicht üblich, deren Fairness zu analysieren, vor allem vor der Einführung eines neuen, datenbasierten Services. Um dies zu erreichen, muss ein langer Weg des Messens und Verbesserns der Fairness dieser immer wichtiger werdenden computerisierten Kalkulationen gegangen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image ”Algorithmen” by geralt (CC Public Domain)


The Conversation

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Können wir Politiker durch Roboter ersetzen?

Roboter (Image by geralt [CC0 Public Domain] via pixabay)

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, einen Politiker zu wählen, dem sie voll und ganz vertrauen, der keine versteckten Absichten hat und der wirklich die Ansichten der Wähler repräsentiert – sie würden diesen dann wohl wählen, richtig?

Was, wenn dieser Politiker ein Roboter wäre? Kein Mensch mit einer roboterhaften Persönlichkeit, sondern ein echter, ein mit künstlicher Intelligenz ausgestatteter Roboter.

Eine Zukunft wie diese war jahrzehntelang Gegenstand von Science Fiction. Kann das aber Wirklichkeit werden? Und wenn ja, sollten wir auch diesen Weg beschreiten?

Verlorenes Vertrauen

Die jüngsten Meinungsumfragen zeigen, dass das Vertrauen in Politiker in den westlichen Gesellschaften rapide abgenommen hat und dass Wähler zunehmend Wahlen dazu nutzen, um eine Proteststimme abzugeben.

Dies soll nicht bedeuten, dass die Menschen das Interesse an der Politik und der politischen Mitgestaltung verloren haben. Vielmehr gibt es Hinweise auf ein zunehmendes Engagement in die nicht-traditionelle Politik, die nahelegen, dass die Menschen politisch engagiert bleiben, jedoch das Vertrauen in die traditionelle Parteipolitik verloren haben.

Insbesondere verspüren die Wähler zunehmend, dass sich die bestehenden politischen Parteien zu ähnlich sind und dass sich die Politiker hauptsächlich mit politischem Punktesammeln und politischem Aktionismus beschäftigen. Verärgerte Wähler empfinden, dass die großen Parteien typischerweise mit den mächtigen Partikularinteressen verbunden sind, mit Großunternehmen oder Gewerkschaften gemeinsame Sache machen und dass demzufolge deren Stimmen keinen Unterschied machen werden.

Ein weiteres Anzeichen für ein sich veränderndes politisches Engagement (zumindest ist dies eher wahrscheinlich als eine vollkommene Loslösung) ist der Aufschwung populistischer Parteien mit einer radikalen und systemkritischen Agenda und dem wachsenden Interesse an Verschwörungstheorien – Theorien, die die Ahnungen von Menschen bestätigen, dass das System manipuliert ist.

Die Idee der eigennützigen Politiker und Beamten ist nicht neu. Diese zynische Ansicht wurde durch Fernsehserien wie „BBC’s Yes Minister“ und die neuere US Serie „House of Cards“ (sowie die originale BBC Serie) bekannt gemacht.

Wir mögen das Vertrauen in die traditionelle Politik verloren haben, doch welchen Alternativen haben wir? Können wir Politiker durch etwas Besseres ersetzen?

Das Denken von Maschinen

Eine Alternative wäre, politische Systeme so zu designen, dass politische Entscheidungsträger vor unzulässiger Fremdeinwirkung geschützt sind. Auf diese Weise, so wird argumentiert, wird ein Raum erschaffen, in dem objektive wissenschaftliche Beweise die politische Mitgestaltung beeinflussen können, anstelle von Partikularinteressen.

Auf den ersten Blick sieht dies wie etwas Erstrebenswertes aus. Doch was ist mit den vielen politischen Fragen wie etwa die, bei denen sich die politischen Meinungen deutlich unterscheiden – wie etwa beim Klimawandel, der  gleichgeschlechtlichen Ehe oder der Asylpolitik?

Die Politikgestaltung ist und bleibt naturgemäß politisch und die Vorgehensweisen sind bestenfalls auf evidenzinformiert statt evidenzbasiert. So können jedoch einige Themen entpolitisiert werden – sollten wir also darüber nachdenken, Roboter einzusetzen, um diese Aufgabe zu erledigen?

Diejenigen, die sich auf die technologischen Fortschritte konzentrieren, würden diese Frage wohl bejahen. Immerhin können komplexe Berechnungen, die Jahre gebraucht hätten, wenn sie händisch berechnet worden wären, nun in Sekundenschnelle gelöst werden – indem die neuesten Entwicklungen in der Informationstechnologie genutzt werden.

Solche Innovationen haben sich in bestimmten Politikbereichen als extrem wertvoll erwiesen. Beispielsweise nutzen Stadtplaner, die die Durchführbarkeit neuer Infrastrukturprojekte untersuchen, nun eine leistungsstarke Verkehrsmodellierungssoftware, um zukünftige Verkehrsströme zu prognostizieren.

Diejenigen, die sich andererseits auf soziale und ethische Aspekte konzentrieren, werden wahrscheinlich gewisse Vorbehalte haben. Technologische Fortschritte sind von begrenztem Nutzen in Hinblick auf politische Fragen, die konkurrierende Überzeugungen und Werturteile involvieren.

Ein passendes Beispiel hierfür wäre die Legalisierung der Sterbehilfe, welche von Natur aus eng mit religiösen Ansichten und der Frage der Selbstbestimmung verbunden ist. Wir könnten dazu neigen, dieses Thema als ungewöhnlich abzutun, doch dies wäre eine Nichtberücksichtigung davon, dass die meisten politischen Fragen konkurrierende Überzeugungen und Werturteile mit einbeziehen. Daher wäre diese Perspektive aus der Sicht eines maschinellen Politikers eher von geringerem Nutzen.

Moralvorstellungen

Ein Supercomputer wäre vielleicht dazu in der Lage, präzise Vorhersagen über die Anzahl von Verkehrsteilnehmern auf einer geplanten Ringstraße zu treffen. Was würde der Supercomputer jedoch tun, wenn er mit einem moralischen Dilemma konfrontiert wird?

Die meisten Menschen werden zustimmen, dass es unsere Fähigkeit ist, Werturteile zu fällen, die uns von Maschinen unterscheiden und uns überlegen macht. Was jedoch, wenn wir bestehende ethische Grundsätze in Roboter einprogrammieren könnten? Somit könnten diese Entscheidungen basierend auf vorgegebenen normativen Richtlinien und Konsequenzen, welche aus diesen Entscheidungen hervorgehen, getroffen werden.

Wenn dies möglich wäre, und manche glauben, dass dem so ist, könnten wir schließlich unsere fehlbaren Politiker durch unfehlbare künstlich intelligente Roboter ersetzen?

Die Idee klingt möglicherweise etwas weit hergeholt – aber ist sie das wirklich?

Roboter könnten durchaus schneller ein Teil unseres alltäglichen Lebens werden, als wir denken. Beispielsweise könnten Roboter bald dafür genutzt werden, um Routineaufgaben in Altenpflegeeinrichtungen zu erledigen, um älteren Menschen oder Menschen mit Behinderungen Gesellschaft zu leisten. Vereinzelt wurde auch vorgeschlagen, Roboter zur Prostitution zu verwenden. Welche Meinung wir auch immer von Roboterpolitikern haben, die Basis dafür wurden bereits gelegt.

Eine kürzlich erschienene Publikation präsentierte ein System, das automatisch politische Reden schreibt. Einige dieser Reden sind durchaus glaubwürdig und es wäre für die meisten von uns sehr schwer zu sagen, ob diese von einem Menschen oder einer Maschine geschrieben wurden.

Politiker ziehen bereits menschliche Redenschreiber heran, also wäre es nur noch ein kleiner Schritt für sie, auf einen maschinellen Redenschreiber umzusteigen.

Dasselbe gilt für politische Entscheidungsträger, die etwa für die Stadtplanung oder den Hochwasserschutz verantwortlich sind und die Gebrauch von hoch entwickelten Modellierungssoftwares machen. Wir könnten bald sogar die Menschen vollkommen beseitigen und sie durch Roboter ersetzen, die diese Modellierungssoftware bereits eingebaut haben.

Wir könnten uns noch viel mehr Szenarien ausdenken, aber das zugrunde liegende Problem wird dasselbe bleiben: der Roboter müsste zuerst mit einer beschlossenen Reihe an ethischen Standards programmiert werden, die es ihm erlauben, auf der Basis von vereinbarten Moralvorstellungen zu urteilen.

Der Beitrag der Menschen

Selbst wenn wir also ein Parlament voller Roboter hätten, bräuchten wir noch immer eine Einrichtung mit Menschen als Mitarbeitern, deren Aufgabe es ist, die ethischen Grundsätze zu definieren, nach denen die Roboter programmiert werden sollen. Wer darf über diese ethischen Grundsätze entscheiden? Nun ja, dies müssten wir wahrscheinlich zur Abstimmung zwischen verschiedensten interessierten und konkurrierenden Parteien stellen.

Dies führt uns wieder an den Ausgangspunkt zurück – zurück zu dem Problem, wie unzulässige Beeinflussung verhindert werden könnte. Befürworter der abwägenden Demokratie, die meinen, dass Demokratie mehr sein sollte als ein gelegentlicher Spaziergang zu einer Wahlkabine, werden angesichts der Aussicht auf maschinelle Politiker wohl  erschaudern.

Fürsprecher des freien Marktes hingegen, die sich mehr für einen schlanken Staat, Sparmaßnahmen und den Abbau von Bürokratie interessieren, mögen verstärkt dazu tendieren, es auszuprobieren. Die letzteren scheinen die Oberhand gewonnen zu haben. Versuchen Sie sich also daran zu erinnern, wenn Sie das nächste Mal einen Berichterstatter einen Politiker als Roboter bezeichnen hören, dass vielleicht eines Tages einige von ihnen wirkliche Roboter sein werden!

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Roboter“ by geralt (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Wie aktiv sind Politiker in sozialen Netzwerken?

Social Media (Bild: kropekk_pl [CC0], via Pixabay)

Soziale Netzwerke sind auch für Politiker von immer größerer Bedeutung, wie der Politik- und Kommunikationsberater Martin Fuchs anhand der Aktivität der Bundestagsabgeordneten bei Facebook, Google+ und Twitter nachweist. // von Lars Sobiraj

Social Media (Bild: kropekk_pl [CC0], via Pixabay)

Martin Fuchs hat sich selbst zum „Hamburger Wahlbeobachter“ erkoren. In Zusammenarbeit mit Technikern hat er mehrere Portale erschaffen, die die Aktivität von Personen und Organisationen in sozialen Netzwerken analysieren und vorstellen. Zwar ist die Präsentation in erster Linie Werbung in eigener Sache, zumal Fuchs als Kommunikationsberater tätig ist. Dennoch kommen dabei recht spannende Ergebnisse zutage.

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Starkes langsames Bohren von harten Brettern

SLOW POLITICS (adapted) (Image by Berliner.Gazette [CC BY 2.0] via Flickr)

Krisen allenthalben. Ohnmachtsgefühle ob der rasenden Zyklen in der neuen Unübersichtlichkeit. Was tun? Den eigenen Standpunkt verlassen, hoch oben, aus der Vogelperspektive schauen, um sich selbst neu zu verorten. In „Slow Politics“ liegt die Kraft der Entschleunigung und Vernetzung. 

Es ist gar nicht so lange her, da machte der Topos des neuen „Wutbürgers“ die Runde. Ein mündiger Bürger, der angesichts empfundener Ungerechtigkeit und verloren gegangenem Glauben an die interessenausgleichenden staatlichen Institutionen, nicht mehr einfach genügsamer Teil der schweigenden Mehrheit sein wollte und lautstark Politik die Gefolgschaft verwehrte. Ein mächtiger Zusammenschluss, der eine essentielle Frage einte und formulierte: „In was für einer Demokratie wollen wir leben?“

Angesichts der unaufhörlich auf uns einprasselnden und sich beschleunigenden Zyklen von Krisen – von europäischer Finanzkrise und Lampedusa bis zu Maidan und dem größten Überwachungs- und Ausspähskandal der Geschichte, dem NSA-Gate – scheinen wir eine Schockstarre des empörten Bürgers zu beobachten. Wo sind die Bürgerbewegungen, ob national oder paneuropäisch? Die treibenden externen Faktoren für ein Aufbegehren könnten kaum stärker und offensichtlicher sein und hören auf so apokalyptische Namen wie: „Wirtschaftskrise“, „Institutionskrise“ oder „Repräsentationskrise“. Ob Genügsamkeit, Überforderung oder Entsolidarisierung als Erklärung herhalten können, sei dahingestellt. Ohne zu übertreiben, könnte man vom „Ohnmachtsbürger“ sprechen.

Diese dystopische Ernüchterung tritt freilich nur ein, wenn der suchende Blick lediglich große, soziale und medienkompatible Bewegungen zu vernehmen mag. Auch wenn es wie eine Binsenweisheit klingen mag, dass aufbegehrende Zusammenschlüsse kaum mehr entlang von klassischen gesellschaftlichen Kategorien, wie der Arbeiterklasse, funktionieren (die offene Entsolidarisierung mit dem Streik der Lokführer ist nur der jüngste Hinweis), gibt es eine erstaunliche Leerstelle im nächsten analytischen Schritt. Wenn Zusammenschlüsse sich vielmehr entlang multipler Identitäten ergeben die ad-hoc hierfür protestieren und spontan gegen was anderes demonstrieren (opponierende Hooligans, motiviert durch den Wunsch nach Trennung von Staat und Kirche, sind nur der jüngste Hinweis) ist es geboten die Perspektive zu wechseln.

Entschleunigung aus der Vogelperspektive

Nehmen wir den weißen Fleck, der ganz großen Organisationsformen auf der Karte der Bürgerbewegungen einmal hin und verinnerlichen eine Vogelperspektive, dann entschleunigen sich Bewegungen aus der Draufsicht. Richtungen der Bewegung werden erkennbar, sich gemeinsam bewegende oder aufeinander prallende Gruppen werden frühzeitig wahrnehmbar und spontane Zusammenschlüsse ersichtlich. Aus der Perspektive von „Slow Politics“, der Wahrnehmung von unzähligen europäischen Bürgerbewegungen, ließe sich gar von einer Renaissance der Bewegungen sprechen.

Diese Perspektive eingenommen, kann auch die Fokussierung auf traditionelle Gradmesser des Erfolgs für soziale Bewegungen überwunden werden. Nicht nur Großorganisationen sondern auch Netzwerke wirken, nicht nur öffentlichkeitswirksame Kampagnen, sondern subtile Erweiterungen des Denk- und Sagbaren wirken, nicht nur die direkte und formale Adressierung an politische Akteure, sondern die Ermöglichung von gelebten Alternativen wirken.

Auffällig ist, dass die neuen und ihrer Vielfältigkeit kaum wahrnehmbaren Organisationen, eher projektorientiert, weniger homogen, weniger ortsgebunden, flacher organisiert, tendenziell spontaner und radikaler Forderungen formulieren und Formen der Kommunikation jenseits der Repräsentation von Masse nutzen.

Mangel an öffentlicher Debatte

Allerdings scheint es bisher an einer öffentlichen Debatte über die Bewegungen als Ganzes zu mangeln. Diese Debatte müsste zwei Ziele verfolgen: Ein analytisches und dabei verstehen wollen, was die Bewegungen ausmachen, und ein normatives und dabei eine Solidarität zwischen den Bewegungen ermöglichen. Die Fragen, die es zu beantworten gilt, sind gleichermaßen vielfältig, wie eigentlich schon bekannt: Was sind neue Formen der Bürgerbewegungen? Was sind Elemente die Bewegungen zusammenhalten? Was haben diese Bewegungen gemeinsam? Wie können Organisationen zusammen arbeiten? Wie können soziale und politische Bewegungen nachhaltig arbeiten, angesichts immer schnellerer Zyklen von Krisen, angesichts von beschleunigter Skandalisierung und kürzeren Aufmerksamkeitsspannen für politische Probleme?

Am Anfang steht jedoch die Frage: Was ist eigentlich in einer individualisierten und polyidentitären, post-demokratischen und -ideologischen, digitalisierten und globalisierten Zeit überhaupt noch ein großes, solidarisches „Wir“, was treibt dieses „Wir“ als Bewegung an und auf welche Werte kann sich dieses „Wir“ verständigen?

Die Werte für die eingestanden wird, sind teils erstaunlich abstrakter Art. So hat das kontraintensionale Streben nach „Commons“, Gemeingütern, eine verblüffende Einigungskraft für unterschiedlichste Debatten. Ob bei Persönlichkeitsrechten und der staatlichen (WS „We Are All Migrants“) und privatwirtschaftlichen (WS „After-NSA-Gate“) Verfügung über eigene Daten, der Suche nach alternativen ökonomischen Modellen jenseits von Staat und Wirtschaft wie selbstverwaltete Genossenschaften für Bürger-Energie oder kollaborative Teilungspraxen (WS „Bitcoin Meets Blue Marble“) oder einem offenen Zugang zu Informationen, die als öffentliche Güter verstanden werden („Snowden-Allmende“, WS „Publics in Perils“).

 

Der Workshop „We Are All Migrants“ fokussierte sich hierbei auf das Phänomen der emigrierenden südeuropäischen Fachkräfte und verknüpfte zu diesem Thema eine Datenbank zu Migration mit individuellen, aus einem Crowdsourcing-Projekt gesammelten Stories. „After NSA-Gate“ widmete sich der Sicherheit im Netz bzw. stellte Alternativen (z.B. kinko.me) vor, wie User ihre Privatsphäre im Web schützen können. In „Bitcoin Meets Blue Marble“ kamen Vertreter von Bürgerbewegungen aus dem Bereich der Sharing Economy und der digitalen Währungen zusammen und Interviews zur Frage „Sind wir alle Teil einer größeren Bewegung?“ wurden zu einem Kurzfilm gebündelt. Schließlich wurde im WS „Publics in Peril“ ein Policy Paper entwickelt, dass Lösungsansätze zeigt, wie die Snowden-Akten in Form eines Buches in die öffentliche Bibliothek gelangen und somit zugänglich für die Allgemeinheit werden könnten.

Trotz Buch der Bürgerrechte kein Aufschrei

Auch der Kampf für die vermeintlich unanschauliche digitale Freiheit, eint unterschiedlichste Gruppen, auch wenn diese von einigen als eine versprengte „Hobby-Lobby“ der digitalen Gesellschaft beschrieben wird, die trotz einmaliger Chance allgemeiner Echauffierung keine Massenmobilisierung herstellen kann. Auf die Frage, woran es liegt, dass einerseits Bürgerrechte in der digitalen Welt in den letzten Jahren und insbesondere in den letzten Monaten diskursiv an Bedeutung gewonnen haben, und andererseits angesichts des massenhaften Bruchs dieser Bürgerrechte, die im Chor aufschreiende Stimme aus der Mitte der Gesellschaft stumm bleibt, scheint es bis jetzt keine befriedigende Antwort zu geben.

Es hilft, nach der Vogelperspektive zum Landeanflug anzusetzen und bei Konferenzen wie „Slow Politics“ nachzuspüren, was das „Ich“ im großen „Wir“ mit anderen „Ichs“ bewirken kann.

Während die Schotten zur digitalen Freiheit vor Snowden dicht scheinen, schaufeln sich Programmierer und die normalen „User“ im Workshop ihren eigenen NSA-Gate und erarbeiten ein Manual zur Verschlüsselung der eigenen digitalen Kommunikation (Email, Browser, Chat etc.). Während Politik und Medien die Snowden-Files unter Verschluss halten, diskutieren Bibliotheksaffine und Medienwissenschaftler über eine konkrete Buchpublikation unter Creative Commons. Während mediale Erzählungen von Migration in Europa sich stets am tragischen Einzelschicksal entlang hangeln, generieren zivilgesellschaftliche Organisationen valide Daten über Migrantenströme und ermöglichen eine auf Transparenz fußende Debatte. Während die Inwertsetzung letzter Lebensbereiche durch Sharing-Economy-Geschäftsmodelle beklagt wird, schließen sich Bürger zu einem scheinbar aussichtslosen Unterfangen zusammen und stehen kurz vor dem genossenschaftlich organisierten Rückkauf der Daseinsfürsorge.

So begreift sich der Name „Slow Politics“ auch als ein Warnschild: Solange politische und wirtschaftliche Umsetzungen in ihrer Zähigkeit auf sich warten lassen, bohren die neuen „Ungeduldbürger“ stückweise selbst schon die harten Bretter. Wie lange dieses neue „Wir“ in „Slow Politics“ braucht, um die Stimme der Mitte der Gesellschaft lauter werden zu lassen, bleibt noch unklar. Eine gelegentliche Vogelperspektive hilft aber, um Richtung und Ziel nicht aus dem Blick zu verlieren.

Auf der Berlin Gazette Conference 2014 wurde über das Thema „Slow Politics“ diskutiert. Hier findet ihr die Ergebnisse.


Image (adapted) „SLOW POLITICS“ by Berliner.Gazette (CC BY 2.0)

 


 

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Hot Facebook Links no 10-12

Hier kommen Link 10-12 aus unserer Serie wissenswerter Facebook-Links:

  • http://www.facebook.com/facebookforgood:
    Safety First. Umsichtig: Für jeden besorgten Fragesteller was dabei: Pädagogen, Eltern, Jugendliche…
  • http://www.facebook.com/influencers:
    Sich vor Übergriffen schützen. Praktisch: Tipps zum sicheren Umgang mit dem eigenen Account.
  • http://www.facebook.com/nonprofits:
    Hier noch die US-Seite zum Thema „Privacy Settings & more“
  • Hier die Links 1-9

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    Eine Religion der Ungläubigen

    In einem lesenswerten Beitrag zur Reihe der Süddeutschen Zeitung Wozu noch Journalismus hat Jakob Augstein von der freitag Stellung genommen. Er hat eine Abhandlung über Gay Talese geschrieben, den amerikanischen Journalisten, der durch solche Sätze polarisiert:

    „Wir Journalisten sollten eine Religion der Ungläubigkeit predigen! Ein Heiliger Orden der Ungläubigen, das sollten wir sein. Wir sollten unseren Dienst in Klöstern der Wahrheit tun, über die Schriften gebeugt. Und diese Klöster sollten weit, weit weg sein von den Palästen.“

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