MOOCs – eine gute Option für die Vermittlung von Wissen

Veränderungen und neue Möglichkeiten werden beinahe täglich durch innovative Ideen und fortschreitender Technik geschaffen. Auch im Bildungssystem sucht man stetig nach neuen Wegen, wie das Wissen noch einfacher für jeden zugänglich gemacht werden kann. So öffnet digitales Lernen den Menschen dahingehend viele neue Türen.

Sarah Holstein arbeitet im Zentrum für mediales Lernen (ZML) des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und beschäftigt sich ganz besonders mit dem Thema E-Learning und ist an der Erstellung von sogenannten MOOCs beteiligt – Massiv Open Online Courses. Zu diesem Thema wird Sarah Holstein auch auf der bevorstehenden OPEN!2016 – die Konferenz für digitale Innovation – sprechen. 

MOOCs kommen aus dem amerikanischen und stehen kostenfrei für Millionen von Menschen zur Verfügung, die ihr Wissen auch außerhalb von Hochschulen erweitern möchten. Derzeit ist das ZML schon bei einigen spannenden MOOC-Projekten beteiligt.

In einem Interview erklärt uns Sarah Holstein, was genau MOOCs sind, welche Vorteile sie haben und wie wir sie am besten nutzen können:

Jennifer Eilitz: MOOCs werden in Deutschland immer bekannter und immer mehr interessierte Menschen nehmen an diesen Online-Kursen teil. Wie sehen Sie die Entwicklung? Ist das nur eine Art Trend, der irgendwann wieder nachlassen wird, oder können MOOCs ein fester Bestandteil für Hochschulen werden?

Sarah Holstein: Ich denke schon, dass MOOCs einen festen Platz an den Hochschulen einnehmen werden. Wobei nicht in der Dimension, wie man teilweise ursprünglich propagiert hatte. Sie werden die Hochschullehre nicht ersetzen, sondern an bestimmten Stellen einfach zusätzliche neue Optionen eröffnen. Viel mehr als für Studierende sehe ich den Wert von MOOCs für die breite Öffentlichkeit, die auf diesem Weg die Möglichkeit erhält, partiell an Hochschullehre teilnehmen zu können, um zum Beispiel über die eigene Hochschulzeit hinaus über aktuelle Entwicklungen im eigenen Fach informiert zu bleiben. Und für die Hochschulen haben die MOOCs einen hohen Marketingwert. Sie können sich mit tollen Lehrprodukten international darstellen.

Man sitzt ja nicht direkt in einer Präsenzvorlesung. Ist der Lerneffekt dennoch derselbe?

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Image by Sarah Holstein

Das kommt immer auch auf den eigenen Lerntyp an. Es gibt sicher Personen, die besser in einer Vorlesung und andere die besser in einem MOOC lernen. So wie manche Personen lieber etwas erklärt bekommen und andere es lieber selbst in einem Buch nachlesen. Eine Präsenzvorlesung hat den Vorteil, dass ich als Studierender direkt mit dem Dozenten in Kontakt treten kann, um beispielsweise Fragen zu stellen, ein MOOC ermöglicht mir dafür zum Beispiel ein individuelles Lerntempo. In einer Vorlesung muss ich ja als Studierender gleichzeitig mitdenken und mitschreiben und wenn ich einen Gedankengang verpasse, ist es oft schwer den Faden wieder aufzunehmen.

Bei einem MOOC kann ich ein Video nochmal anschauen oder zu einer Stelle zurückspringen, bis ich den jeweiligen Aspekt verstanden habe und erst dann gehe ich zum nächsten Thema. So haben beide Formate ihre Vor- und Nachteile.

Wenn man erstmal die Hochschule verlassen hat und im Berufsleben steht, ist es ja häufig nicht mehr so einfach, im eigenen Fachgebiet „up to date“ zu bleiben. MOOCs sind hier eine tolle Möglichkeit, weiterhin über neueste Entwicklungen informiert zu bleiben oder auch, um sich neue Themengebiete zu erschließen. Hier ermöglichen MOOCs zum einen den Zugang zum Wissen und sind durch das sehr flexible Kursdesign sehr gut mit dem Arbeitsalltag zu vereinen. Was ich damit also sagen will, ist, dass die Bewertungsperspektive nicht von „zuerst hatte ich eine Präsenzveranstaltung und jetzt nur noch einen MOOC“ sondern von „zuerst hatte ich zu bestimmten Informationen gar keinen Zugang und jetzt habe ich über einen MOOC immerhin digital vermittelten Zugang“hin reicht.

Wenn ich mir einen MOOC von der Stanford University in den USA anschaue, wäre es natürlich noch toller, wenn ich vor Ort sein könnte, diese Option bietet sich mir leider aber gar nicht. Aber überhaupt an einer Veranstaltung der Stanford University teilnehmen zu können, ist doch ein großer Gewinn, oder?

Auf jeden Fall! Der Unterschied zwischen xMOOCs und cMOOCs ist ja, dass die xMOOCs eher einen Vorlesungscharakter haben und im Anschluss an eine Prüfung anknüpfen. Die cMOOCs hingegen gleichen eher einem Workshop oder auch Seminaren. Welche Form der MOOCs präferieren Sie? Welche könnte sich besser auf den Lernerfolg auswirken?

Ich würde einen xMOOC eher mit einer Lehrveranstaltung mit klarem Lernziel und definiertem Lernweg vergleichen und einen cMOOC eher mit einem BarCamp, in dem der Erfolg viel von den Teilnehmern selbst abhängt und sich auch jeder selbst sein Ziel setzt. Welches Format geeigneter ist, hängt meiner Meinung nach davon ab, welchen Kenntnisstand ich in einem Thema habe. Wenn ich mir ein neues Thema erschließen will, sind xMOOCs besser geeignet, da sie mir eine klare Struktur vorgeben, der ich folgen kann.

Ein cMOOC überfordert Themeneinsteiger, da auf den Teilnehmer sehr viele Informationen und Diskussionsstränge einprasseln. Aus diesen vielen Optionen muss er dann selbst eine Auswahl treffen und Gewichtungen vornehmen, was einen in einem neuen Thema überfordert. Als Experte in einem Thema wiederum sind cMOOCs eine tolle Option spannende Diskussionen zu starten und ein Thema aus vielen Blickwinkeln zu beleuchten. cMOOC geben einem dann hierbei die Freiheit eigene Schwerpunkte zu setzen und Themen mitzugestalten.

Wie stellt man sich den Ablauf eines solchen Online-Kurses vor? Sitzt der Lernende vor dem Bildschirm, sieht sich das Video an und macht sich gegebenenfalls Notizen? Oder können diese auch aktiver an den Kursen teilnehmen?

Das kommt auf die Gestaltung des jeweiligen Kurses an. Die MOOCs – an deren Erstellung ich beteiligt war – hatten immer mehrere Komponenten. Zum einen die Videos als Wissensinput, die ich mir als Teilnehmer anschaue, aber auch Übungsaufgaben, in denen ich als Teilnehmer dazu aufgefordert bin, das vermittelte Wissen anzuwenden. Außerdem sind Diskussionsaufgaben ein wichtiger Bestandteil der Kurse. Diese erfüllen zwei Aufgaben. Zum einen erwecken Sie den Kurs zu Leben und machen ihn zu einer Gruppenerfahrung. Die Materialien kommen ja quasi „aus der Konserve“, aber durch die Interaktion mit den anderen Kursteilnehmern, beispielsweise über den Austausch in Diskussionsforen, erlebe ich als Teilnehmer, dass da noch andere an den gleichen Themen arbeiten wie ich.

Dieser häufig auch internationale Austausch ist sehr bereichernd. Was wir auch häufig erleben, ist, dass sich lokale Gruppen bilden. Einzelne Teilnehmer fragen im Forum, ob aus ihrer Region weitere Teilnehmer im Kurs sind und diese treffen sich dann. Zum anderen sind die Diskussionsaufgaben eine tolle Möglichkeit, die vermittelten Inhalte zu reflektieren und auch mit den eigenen (Berufs-)Erfahrungen zu verknüpfen und von den Perspektiven der anderen Teilnehmer auf einen Aspekt zu profitieren.

Welche Möglichkeiten sehen Sie in diesen Online-Kursen? Welche Vorteile können Lernende und Lehrende daraus ziehen?

Für Lernende sehe ich vor allem die Vorteile, Zugang zu Wissen zu erhalten, den sie vorher nicht hatten, von tollen Dozenten aus der ganzen Welt profitieren zu können, auch nach der eigenen Ausbildung noch an Hochschullehre partizipieren und in Austausch mit Tausenden von Teilnehmern treten zu können.

Für Lehrende ist es eine tolle Möglichkeit, mit der eigenen Lehre in die Öffentlichkeit zu treten oder auch ein Thema bekannter zu machen. Aktuell produzieren wir beispielsweise einen MOOC unter anderem mit der Zielsetzung, auf ein eher unbekanntes Fachgebiet aufmerksam zu machen und so auch mehr Studierende für dieses Fach zu begeistern. Als Lehrender erhält man durch einen MOOC eine internationale Plattform. Für unsere Dozenten haben sich aus den MOOCs auch fruchtbare Kontakte für zukünftige Zusammenarbeiten entwickelt.

Gibt es auch Probleme, die durch die Online-Kurse entstehen?

Dass durch einen Kurs Probleme entstehen, sehe ich nicht. Was man sagen kann, ist, dass das erfolgreiche Absolvieren eines Online-Kurses hohe Anforderungen an die Selbstmanagementfähigkeiten der Teilnehmer stellt. Das bedeutet, ich kann mir schon vorstellen, dass es auch Personen gibt, für die ein MOOC nicht das geeignete Lernmedium darstellt. Personen, die mehr Anreize von außen brauchen, haben es in einem MOOC wahrscheinlich schwer. Aus meiner Erfahrung würde ich sagen, dass speziell die Personen sehr gut in einem MOOC lernen können, die eine hohe intrinsische Motivation für ein Thema mitbringen.

Auf iversity.org sind ja auch unter anderem MOOCs, wie beispielsweise der videobasierte Online-Kurs für besseres Selbst- und Zeitmanagement vom ZML zu finden. Dort habe ich gesehen, dass man am Ende ein Zertifikat oder auch ECTS – also Credit Points – erhalten kann. Inwieweit werden in Deutschland diese Nachweise ernst genommen? Habe ich mit diesen Nachweisen gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

Das kann ich schwer beantworten. Ich würde MOOCs vor allem empfehlen, wenn es mir als Teilnehmer primär darum geht, mir das Wissen anzueignen. Wenn im Vordergrund steht, ein Zertifikat zu erwerben, das ich beispielsweise meiner Bewerbungsmappe hinzufügen kann, würde ich eher klassische Weiterbildungskurse empfehlen. In unseren MOOCs kontrollieren wir auch nicht, ob vor dem PC auch tatsächlich die Person sitzt, die auf dem Papier angemeldet ist. Somit hat so ein Zertifikat, wenn es nicht mit einer kontrollierten Prüfung abgeschlossen wurde, per se nur bedingte Aussagekraft. Wenn wir selbst ECTS für einen MOOC vergeben, müssen die Studenten vor Ort unter kontrollierten Bedingungen noch eine Prüfung ablegen.

Würde es Sinn machen, wenn auch andere Institutionen oder Bildungszentren – außer die Hochschulen – MOOCs anbieten würden? Beispielsweise vielleicht Bibliotheken, Gesamtschulen oder auch Unternehmen?

Das tun sie bereits. Die Frage lässt sich aus zwei Perspektiven beantworten. Zum einen die der Anbieter. Hier würde ich sagen, dass MOOCs für viele Institutionen ein toller Weg sind, neue Zielgruppen zu erreichen und das eigene Portfolio zu erweitern. Aus Sicht der Teilnehmer wird es natürlich immer schwieriger, die Qualität der MOOCs einzuschätzen, je weniger ich über den Anbieter und dessen Absichten weiß. Gerade bei Unternehmen wäre natürlich immer zu hinterfragen, wie neutral die Informationen sind, die ich in einem solchen MOOC erhalte.


Image „elearning“ by geralt (CC0 Public Domain)


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Jennifer Eilitz

Jennifer Eilitz

kommt aus der Lüneburger Heide, studiert Bibliotheks- und Informationsmanagement an der HAW in Hamburg und arbeitet bei den Netzpiloten als Werkstudentin, nachdem sie dort ihr sechsmonatiges Praktikum absolviert hat. Und wenn sie nicht gerade für die Netzpiloten schreibt, dann schreibt sie an ihrem ersten Roman, der im Bookshouse-Verlag erscheinen wird.

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