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Diese Unternehmen heben E-Learning auf die nächste Stufe

E-Learning (adapted) (Image by coyot [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Von Online-Sprachkursen über Onlineseminare für Mitarbeiter bis hin zum Salsakurs auf YouTube: E-Learning ist ein Trend, der längst zum Mainstream geworden ist. Auch wenn sich darüber streiten lässt, ob nun das Beauty-Tutorial auf YouTube pädagogisch wertvoll ist, gibt es auch in Deutschland mittlerweile einige Startups, aber auch etablierte Unternehmen, die das E-Learning auf die nächste – professionelle – Stufe gehoben haben.

Mehr als ein Beauty-Tutorial auf YouTube

Learnity ist eines dieser Startups, ein Online-Marktplatz für eine Vielzahl von Lerninhalten. Dazu gehören zum Beispiel Kurse für Schüler, wie etwa Stochastik für die Oberstufe oder einem Audioguide zu verschiedenen Textsorten. Nutzer finden auf Learnity aber auch Universitätsinhalte oder Fortbildungen für den beruflichen Alltag, wie etwa ein Kurs zur Buchhaltung. Die meisten Kurse basieren auf Videos. Einige Inhalte – vor allem im Bereich „Schule” – sind gratis, andere wiederum, wie etwa ein Juravorbereitungskurs für das Staatsexamen, kosten rund 40 Euro als Flatrate-Angebot.

Das Eppendorfer Unternehmen hinter Learnity, die Education Gateway GmbH, will dabei mehr sein als eine Sammlung von beliebigen Lernvideos. So betont Geschäftsführer Christian Sellmann, dass die Inhalte auf learnity.com struktuierter sind als beispielsweise YouTube-Videos, einem Lehrplan folgen und sich nicht allein auf Videos oder Audios beschränken, sondern mit Begleitmaterialien für die Lernenden gepaart werden. Die Inhalte werden dabei meist von Professoren, Lehrern oder Experten erstellt, und kommen offensichtlich bei Nutzern gut an. Gymnasialschüler loben beispielsweise, dass sie mit den Inhalten der Webseite im eigenen Tempo lernen können, die Inhalte zum Wiederholen auf dem Smartphone speichern können und ihnen die Visualisierung von Lernstoff dabei hilft, sich die Informationen besser zu merken.

E-Learning ist individueller und günstiger

Tatsächlich kann das Lernen im Netz viele Vorteile haben. Nutzer können die Inhalte in ihrem Tempo abrufen, beliebig oft wiederholen und so viel individueller lernen als etwa im Frontalunterricht. Hinzu kommt, dass User die Inhalte unabhängig von Zeit und Ort abrufen können, was es zum Beispiel auch Berufstätigen ermöglicht, sich neben dem Job weiterzubilden. Hinzu kommt, dass Onlinekurse – einmal erstellt – kostengünstiger sind. Lehrende müssen nicht jedes Mal an einem Ort physisch anwesend sein, die Materialien müssen nicht immer und immer wieder ausgedruckt werden und auch Lernende zahlen für Onlinekurse weniger.

Tina Seufert, Professorin am Instititut für Psychologie und Pädagogik der Universität Ulm, glaubt, dass auch Hochschulen vom E-Learning weitaus mehr profitieren könnten als sie es bisher tun: „Warum sollte ich nicht – weltweit oder von mir aus auch nur bundesweit – die Vorlesung ,Einführung in die Chemie für Studienanfänger? in ein, zwei oder fünf Varianten multimedial und mediendidaktisch von den besten Leuten mit den besten Mitteln umsetzen lassen und dann allen zur Verfügung stellen?”, sagt sie in einem Interview mit der Wirtschaftswoche.

Ganz klar: Wenn die E-Learning-Inhalte gut aufbereitet, nutzerfreundlich und mediendidaktisch strukturiert sind, können sie für Lernende sehr wertvoll sein. Das sind natürlich viele „Wenns”. Denn es reicht nicht, dass der Vortragende charismatisch ist, die Inhalte müssen technisch für Nutzer einfach zu erfassen sein und darüber hinaus auch professionell erstellt worden sein, damit User tatsächlich gewisse Lernziele erreichen. Darüber hinaus ist es mit dem E-Learning ein wenig wie mit dem Arbeiten im Homeoffice. Je flexibler die Zeiteinteilung, desto mehr Selbstdisziplin müssen Nutzer mitbringen. So hat schließlich nicht jeder die Motivation, nach Feierabend noch Spanischvokabeln zu pauken oder sich eine Vorlesung zum Thema „Elektronische Bauelemente und Schaltungen” anzuhören.

E-Learning-Angebot wird differenzierter

Doch auch hier denkt die neue Generation der E-Learning Unternehmen weiter. Viele haben begriffen, dass einige Nutzer ein begrenztes Zeitbudget haben. So hat Dee Dammers, professioneller Gitarrist, Gitarrenlehrer und Gründer hinter gitarre-lernen-online seine Lerninhalte genau daran angepasst. Dammer verspricht Nutzern, dass sie mit einem Einsatz von lediglich drei Mal zehn Minuten pro Woche, jede Woche ein neues Lied lernen können. „Das funktioniert in der Mittagspause im Büro, zuhause vor dem Zähneputzen oder gemütlich am Wochenende“, erklärt er seinen Schülern auf seiner Plattform. 19 Euro kostet das Gitarren-Paket im Monatsabo und beinhaltet über 50 Videos, mehr als 150 PDF-Dateien und Hunderte von Audios. All das kommt noch mit einer Erfolgsgarantie: Sollte man als Schüler nicht die vorgegebenen Ziele erreichen, erhält man bis zu 30 Tage nach der Anmeldung sein Geld zurück.

Beispiele wie Learnity oder gitarre-lernen-online zeigen, dass sich die E-Learning-Angebote in Deutschland immer weiter professionalisieren und differenzieren, um sich so besser an individuelle Nutzerbedürfnisse anzupassen.

Dieser Trend lässt sich auch für das E-Learning in Unternehmen beobachten. Die Arbeitswelt ändert sich rasant durch die Digitalisierung und Unternehmen können nur dann mithalten, wenn sie ihre Mitarbeiter regelmäßig weiterbilden. Onlinekurse sind für viele Betriebe eine ideale Lösung, da sie sich viel flexibler in den Arbeitsalltag integrieren lassen als etwa eine Fortbildung am Wochenende. Ein weiterer Vorteil der Onlinekurse ist, dass sich die Inhalte viel individueller an die jeweiligen Mitarbeiterbedürfnisse anpassen lassen, was sowohl für die Mitarbeiter als auch für das Unternehmen letztlich viel mehr bringt als ein Massenkurs.

Mehr Onlinekurse in Unternehmen

Dahingehend scheint sich auch das Angebot für Unternehmen zu entwickeln. So bietet beispielsweise Springer Medizin ein hochspezialisiertes Fortbildungsportal im Nezt für Ärzte. Der Pharmakonzern Pfizer wiederum hat ein eigenes E-Learning-Portal speziell für seine Mitarbeiter herausgearbeitet. Dahinter steckt natürlich nicht nur ein humanitärer Gedanke. Eine Forsa-Studie zum E-Learning in deutschen Unternehmen hat gezeigt, dass Personaler Weiterbildung nicht nur deshalb schätzen, weil sie ihre Mitarbeiter besser qualifizieren können. Darüber hinaus sagten 70% der Personaler, dass auch das Image des Arbeitgebers davon profitiert, wenn ein Unternehmen Fortbildungsmöglichkeiten anbietet.

Das wird sich in Zukunft wohl noch verstärken. So zeigt eine gemeinsame Studie des Digitalverband Bitkom und dem Projekt FLIP, dass die Anzahl der Onlinekurse in Unternehmen in Zukunft noch weiter steigen wird. In einer Befragung unter Unternehmen kam heraus, dass 82% der Unternehmen glauben, dass digitale Selbstlernprogramme an Bedeutung gewinnen werden.

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Screenshot Grafik Onlinekurse Unternehmen (Quelle: Flip-Projekt)

E-Learning ein Millionenmarkt

Selbstverständlich profitieren nicht nur Unternehmen und Mitarbeiter vom E-Learning-Angebot, sondern auch die Anbieter selbst. Denn E-Learning ist ein sehr lukrativer Markt ist. So hat Bitkom ermittelt, dass der Umsatz der E-Learning-Unternehmen im Jahr 2014 um gut 13 Prozent, auf 582 Millionen Euro angestiegen ist.

Doch auch wenn der Anteil der E-Learning-Angebote für Privatpersonen, Bildungseinrichtungen und Unternehmen weiter steigt und sich wahrscheinlich weiter verbessern und spezialisieren wird, in einem sind sich Experten einig: Den persönlichen Unterricht wird E-Learning zwar ergänzen, nicht aber völlig ersetzen können.


Image (adapted) „E-Learning“ by coyot [CC0 Public Domain]


 

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MOOCs – eine gute Option für die Vermittlung von Wissen

elearning-image-by-geralt-cc0-public-domain-via-pixabay

Veränderungen und neue Möglichkeiten werden beinahe täglich durch innovative Ideen und fortschreitender Technik geschaffen. Auch im Bildungssystem sucht man stetig nach neuen Wegen, wie das Wissen noch einfacher für jeden zugänglich gemacht werden kann. So öffnet digitales Lernen den Menschen dahingehend viele neue Türen.

Sarah Holstein arbeitet im Zentrum für mediales Lernen (ZML) des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und beschäftigt sich ganz besonders mit dem Thema E-Learning und ist an der Erstellung von sogenannten MOOCs beteiligt – Massiv Open Online Courses. Zu diesem Thema wird Sarah Holstein auch auf der bevorstehenden OPEN!2016 – die Konferenz für digitale Innovation – sprechen. 

MOOCs kommen aus dem amerikanischen und stehen kostenfrei für Millionen von Menschen zur Verfügung, die ihr Wissen auch außerhalb von Hochschulen erweitern möchten. Derzeit ist das ZML schon bei einigen spannenden MOOC-Projekten beteiligt.

In einem Interview erklärt uns Sarah Holstein, was genau MOOCs sind, welche Vorteile sie haben und wie wir sie am besten nutzen können:

Jennifer Eilitz: MOOCs werden in Deutschland immer bekannter und immer mehr interessierte Menschen nehmen an diesen Online-Kursen teil. Wie sehen Sie die Entwicklung? Ist das nur eine Art Trend, der irgendwann wieder nachlassen wird, oder können MOOCs ein fester Bestandteil für Hochschulen werden?

Sarah Holstein: Ich denke schon, dass MOOCs einen festen Platz an den Hochschulen einnehmen werden. Wobei nicht in der Dimension, wie man teilweise ursprünglich propagiert hatte. Sie werden die Hochschullehre nicht ersetzen, sondern an bestimmten Stellen einfach zusätzliche neue Optionen eröffnen. Viel mehr als für Studierende sehe ich den Wert von MOOCs für die breite Öffentlichkeit, die auf diesem Weg die Möglichkeit erhält, partiell an Hochschullehre teilnehmen zu können, um zum Beispiel über die eigene Hochschulzeit hinaus über aktuelle Entwicklungen im eigenen Fach informiert zu bleiben. Und für die Hochschulen haben die MOOCs einen hohen Marketingwert. Sie können sich mit tollen Lehrprodukten international darstellen.

Man sitzt ja nicht direkt in einer Präsenzvorlesung. Ist der Lerneffekt dennoch derselbe?

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Image by Sarah Holstein

Das kommt immer auch auf den eigenen Lerntyp an. Es gibt sicher Personen, die besser in einer Vorlesung und andere die besser in einem MOOC lernen. So wie manche Personen lieber etwas erklärt bekommen und andere es lieber selbst in einem Buch nachlesen. Eine Präsenzvorlesung hat den Vorteil, dass ich als Studierender direkt mit dem Dozenten in Kontakt treten kann, um beispielsweise Fragen zu stellen, ein MOOC ermöglicht mir dafür zum Beispiel ein individuelles Lerntempo. In einer Vorlesung muss ich ja als Studierender gleichzeitig mitdenken und mitschreiben und wenn ich einen Gedankengang verpasse, ist es oft schwer den Faden wieder aufzunehmen.

Bei einem MOOC kann ich ein Video nochmal anschauen oder zu einer Stelle zurückspringen, bis ich den jeweiligen Aspekt verstanden habe und erst dann gehe ich zum nächsten Thema. So haben beide Formate ihre Vor- und Nachteile.

Wenn man erstmal die Hochschule verlassen hat und im Berufsleben steht, ist es ja häufig nicht mehr so einfach, im eigenen Fachgebiet „up to date“ zu bleiben. MOOCs sind hier eine tolle Möglichkeit, weiterhin über neueste Entwicklungen informiert zu bleiben oder auch, um sich neue Themengebiete zu erschließen. Hier ermöglichen MOOCs zum einen den Zugang zum Wissen und sind durch das sehr flexible Kursdesign sehr gut mit dem Arbeitsalltag zu vereinen. Was ich damit also sagen will, ist, dass die Bewertungsperspektive nicht von „zuerst hatte ich eine Präsenzveranstaltung und jetzt nur noch einen MOOC“ sondern von „zuerst hatte ich zu bestimmten Informationen gar keinen Zugang und jetzt habe ich über einen MOOC immerhin digital vermittelten Zugang“hin reicht.

Wenn ich mir einen MOOC von der Stanford University in den USA anschaue, wäre es natürlich noch toller, wenn ich vor Ort sein könnte, diese Option bietet sich mir leider aber gar nicht. Aber überhaupt an einer Veranstaltung der Stanford University teilnehmen zu können, ist doch ein großer Gewinn, oder?

Auf jeden Fall! Der Unterschied zwischen xMOOCs und cMOOCs ist ja, dass die xMOOCs eher einen Vorlesungscharakter haben und im Anschluss an eine Prüfung anknüpfen. Die cMOOCs hingegen gleichen eher einem Workshop oder auch Seminaren. Welche Form der MOOCs präferieren Sie? Welche könnte sich besser auf den Lernerfolg auswirken?

Ich würde einen xMOOC eher mit einer Lehrveranstaltung mit klarem Lernziel und definiertem Lernweg vergleichen und einen cMOOC eher mit einem BarCamp, in dem der Erfolg viel von den Teilnehmern selbst abhängt und sich auch jeder selbst sein Ziel setzt. Welches Format geeigneter ist, hängt meiner Meinung nach davon ab, welchen Kenntnisstand ich in einem Thema habe. Wenn ich mir ein neues Thema erschließen will, sind xMOOCs besser geeignet, da sie mir eine klare Struktur vorgeben, der ich folgen kann.

Ein cMOOC überfordert Themeneinsteiger, da auf den Teilnehmer sehr viele Informationen und Diskussionsstränge einprasseln. Aus diesen vielen Optionen muss er dann selbst eine Auswahl treffen und Gewichtungen vornehmen, was einen in einem neuen Thema überfordert. Als Experte in einem Thema wiederum sind cMOOCs eine tolle Option spannende Diskussionen zu starten und ein Thema aus vielen Blickwinkeln zu beleuchten. cMOOC geben einem dann hierbei die Freiheit eigene Schwerpunkte zu setzen und Themen mitzugestalten.

Wie stellt man sich den Ablauf eines solchen Online-Kurses vor? Sitzt der Lernende vor dem Bildschirm, sieht sich das Video an und macht sich gegebenenfalls Notizen? Oder können diese auch aktiver an den Kursen teilnehmen?

Das kommt auf die Gestaltung des jeweiligen Kurses an. Die MOOCs – an deren Erstellung ich beteiligt war – hatten immer mehrere Komponenten. Zum einen die Videos als Wissensinput, die ich mir als Teilnehmer anschaue, aber auch Übungsaufgaben, in denen ich als Teilnehmer dazu aufgefordert bin, das vermittelte Wissen anzuwenden. Außerdem sind Diskussionsaufgaben ein wichtiger Bestandteil der Kurse. Diese erfüllen zwei Aufgaben. Zum einen erwecken Sie den Kurs zu Leben und machen ihn zu einer Gruppenerfahrung. Die Materialien kommen ja quasi „aus der Konserve“, aber durch die Interaktion mit den anderen Kursteilnehmern, beispielsweise über den Austausch in Diskussionsforen, erlebe ich als Teilnehmer, dass da noch andere an den gleichen Themen arbeiten wie ich.

Dieser häufig auch internationale Austausch ist sehr bereichernd. Was wir auch häufig erleben, ist, dass sich lokale Gruppen bilden. Einzelne Teilnehmer fragen im Forum, ob aus ihrer Region weitere Teilnehmer im Kurs sind und diese treffen sich dann. Zum anderen sind die Diskussionsaufgaben eine tolle Möglichkeit, die vermittelten Inhalte zu reflektieren und auch mit den eigenen (Berufs-)Erfahrungen zu verknüpfen und von den Perspektiven der anderen Teilnehmer auf einen Aspekt zu profitieren.

Welche Möglichkeiten sehen Sie in diesen Online-Kursen? Welche Vorteile können Lernende und Lehrende daraus ziehen?

Für Lernende sehe ich vor allem die Vorteile, Zugang zu Wissen zu erhalten, den sie vorher nicht hatten, von tollen Dozenten aus der ganzen Welt profitieren zu können, auch nach der eigenen Ausbildung noch an Hochschullehre partizipieren und in Austausch mit Tausenden von Teilnehmern treten zu können.

Für Lehrende ist es eine tolle Möglichkeit, mit der eigenen Lehre in die Öffentlichkeit zu treten oder auch ein Thema bekannter zu machen. Aktuell produzieren wir beispielsweise einen MOOC unter anderem mit der Zielsetzung, auf ein eher unbekanntes Fachgebiet aufmerksam zu machen und so auch mehr Studierende für dieses Fach zu begeistern. Als Lehrender erhält man durch einen MOOC eine internationale Plattform. Für unsere Dozenten haben sich aus den MOOCs auch fruchtbare Kontakte für zukünftige Zusammenarbeiten entwickelt.

Gibt es auch Probleme, die durch die Online-Kurse entstehen?

Dass durch einen Kurs Probleme entstehen, sehe ich nicht. Was man sagen kann, ist, dass das erfolgreiche Absolvieren eines Online-Kurses hohe Anforderungen an die Selbstmanagementfähigkeiten der Teilnehmer stellt. Das bedeutet, ich kann mir schon vorstellen, dass es auch Personen gibt, für die ein MOOC nicht das geeignete Lernmedium darstellt. Personen, die mehr Anreize von außen brauchen, haben es in einem MOOC wahrscheinlich schwer. Aus meiner Erfahrung würde ich sagen, dass speziell die Personen sehr gut in einem MOOC lernen können, die eine hohe intrinsische Motivation für ein Thema mitbringen.

Auf iversity.org sind ja auch unter anderem MOOCs, wie beispielsweise der videobasierte Online-Kurs für besseres Selbst- und Zeitmanagement vom ZML zu finden. Dort habe ich gesehen, dass man am Ende ein Zertifikat oder auch ECTS – also Credit Points – erhalten kann. Inwieweit werden in Deutschland diese Nachweise ernst genommen? Habe ich mit diesen Nachweisen gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

Das kann ich schwer beantworten. Ich würde MOOCs vor allem empfehlen, wenn es mir als Teilnehmer primär darum geht, mir das Wissen anzueignen. Wenn im Vordergrund steht, ein Zertifikat zu erwerben, das ich beispielsweise meiner Bewerbungsmappe hinzufügen kann, würde ich eher klassische Weiterbildungskurse empfehlen. In unseren MOOCs kontrollieren wir auch nicht, ob vor dem PC auch tatsächlich die Person sitzt, die auf dem Papier angemeldet ist. Somit hat so ein Zertifikat, wenn es nicht mit einer kontrollierten Prüfung abgeschlossen wurde, per se nur bedingte Aussagekraft. Wenn wir selbst ECTS für einen MOOC vergeben, müssen die Studenten vor Ort unter kontrollierten Bedingungen noch eine Prüfung ablegen.

Würde es Sinn machen, wenn auch andere Institutionen oder Bildungszentren – außer die Hochschulen – MOOCs anbieten würden? Beispielsweise vielleicht Bibliotheken, Gesamtschulen oder auch Unternehmen?

Das tun sie bereits. Die Frage lässt sich aus zwei Perspektiven beantworten. Zum einen die der Anbieter. Hier würde ich sagen, dass MOOCs für viele Institutionen ein toller Weg sind, neue Zielgruppen zu erreichen und das eigene Portfolio zu erweitern. Aus Sicht der Teilnehmer wird es natürlich immer schwieriger, die Qualität der MOOCs einzuschätzen, je weniger ich über den Anbieter und dessen Absichten weiß. Gerade bei Unternehmen wäre natürlich immer zu hinterfragen, wie neutral die Informationen sind, die ich in einem solchen MOOC erhalte.


Image „elearning“ by geralt (CC0 Public Domain)


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Der Digitale Wandel an den Hochschulen – eine Themaverfehlung?

lecture hall university (adapted) (Image by Markus Spiske [CC BY 2.0] via flickr)

Ob BWL, Jura, Politikwissenschaft oder Lehramt, nur ein winziger Bruchteil der Akademiker dieses Landes ist nach dem Studium fit für die digitale Welt. Die Curricula in unserem Hochschulsystem sind gnadenlos veraltet und bilden am digitalen Wandel vorbei aus. Besonders fatal ist dies bei Studiengängen, die mehrheitlich die Führungskräfte in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft stellen. Weder der Umgang mit digitalen Technologien noch das gesellschaftspolitische und ökonomische Verständnis der digitalen Transformation ist umfänglich in den Köpfen von Hochschulrektoren, Professoren und Studenten angekommen. Was machen wir dagegen?

Welche Kompetenzen brauchen Führungskräfte?

Es klingt nach einer Plattitüde, aber die heutige Welt ändert sich rasant, und die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche. Es gibt ganz einfach keinen Aspekt der Arbeitswelt, der nicht durch Vernetzung und Digitalisierung mittel- bis hochgradig verändert ist oder wird. Das erfordert von Führungskräften ein mindestens grundlegendes Verständnis der Technologien und Entwicklungen, die für unsere Gesellschaft prägend sind.

Es braucht kein Informatikstudium, um grundlegende Funktionsweisen des Internets, der Digitalisierung und Web-Technologien zu verstehen. Genauso ist es relevant, wichtige regulatorische Debatten zu kennen, mit allgemeinen Sicherheitsproblematiken vertraut zu sein und ein Gefühl für den Markt an digitalen Werkzeugen, Hard- und Software zu haben. Von Urheberrecht, Datenschutz und Grundrechten sollte jeder schon einmal gehört haben.

Führungskräfte aller Disziplinen müssen heute die Entwicklungen von Internetregulierung genauso im Auge haben wie Aktienkurse oder Umfragewerte, sie müssen von Open Source genauso gehört haben wie von der DIN-Norm, und man muss von jungen Menschen ganz einfach eine gewisse digitale Grundbildung nach mehreren Jahren des Studiums erwarten können.

Gleichzeitig müssen Führungskräfte grundlegende Fähigkeiten haben, um in einer vernetzten Welt bestehen zu können. Dazu gehört neben dem Wissen über die Digitalisierung auch kollaborative Arbeitsmethoden, ein aufgeklärtes Verhältnis im Umgang mit Maschinen, die Bereitschaft für lebenslanges eigenständiges Lernen, die Arbeit in flachen Hierarchien und agilen Organisationen, sowie der Einsatzfähigkeit in sich rapide wandelnden Branchen.

Wie schlimm steht es um die aktuelle Generation?

Die wenigsten Hochschulen haben heute den Spielraum und die Ressourcen, Themen des digitalen Wandels, adäquat in den Curricula unter zu bringen. Der Bologna-Prozess wurde von den meisten Unis dahingehend umgesetzt, die Studiengänge größtenteils zu verschulen, und mehr Studenten in weniger Zeit zu Abschlüssen zu transportieren.

Auch die Mittelallokation für Hochschulen nach Stichtagsprinzip für das erste Hochschulsemester ist fragwürdig und führt zu falschen Anreizmechanismen, wie Hochschule ihre Resourcen verwaltet. Es bleibt kaum Zeit für Wahlfächer, Projekte oder interdisziplinäre Forschungsvorhaben.

Zum einen gibt es keine Anreize für Studenten, sich nicht-vorgeschriebenen Themen zuzuwenden (vor allem nicht am Anfang von Studiengängen und erst recht nicht in relativ konservativen Studiengängen wie den Rechtswissenschaften), zum anderen fehlt schlichtweg das Angebot.

Methodisch stecken die meisten Studiengänge ebenfalls im letzten Jahrhundert fest. Zu viel Frontalbeschallung und Massenabfertigung, zu viel Individualismus. Es wird wenig in Gruppen, Projekten oder gar im Dialog gearbeitet. Von Anreizen für die Schulen selbst, sich zu optimieren, ganz zu schweigen.

Von den Hochschulführungen bis hinab in die Sekretariate ist man in einer Welt von Papier und Bürokratie verloren, man mag es oft nicht glauben, aber wer an seine Studienzeit zurück denkt, weiß, wie bis auf wenige Ausnahmen so eine Hochschule noch im Vorgestern steckt. Das Resultat sind ganze Absolventenjahrgänge, in denen man Führungskräfte mit digitalen Kompetenzen mit der Lupe suchen muss.

Wo sich was tut

Über die Republik verteilt gibt es vereinzelt Professoren und Dozenten, die versuchen, oft auf Eigeninitiative oder mit Drittmitteln, digitale Themen an die Studenten zu vermitteln. Doch diese Inseln der Hoffnung führen nicht weit. Wir können es uns systemisch nicht erlauben, die Weichenstellung für die Zukunft ein paar Einzelkämpfern anzuvertrauen, die lobenswert gegen die staubige Bürokratie unseres Systems ankämpfen, das nach wie vor so tickt wie in den 50ern, Absolventen ausspuckend, die auf eine Arbeitswelt treffen, der sie fachlich nicht mehr gewachsen sind. Flickschusterei statt Digitalisierungsstrategien sind keine nachhaltige Lösung.

Sowohl Universitäten als auch die sogenannten “Professional Schools” (private oder öffentliche Graduiertenschulen, die zum Beispiel die noch relativ jungen “Public Policy”-Studiengänge oder andere Masterabschlüsse in Spezialfächern anbieten) schneiden schlecht ab. “Irgendwas mit Internet” findet man höchstens in den Bereichen Medien und Kommunikation (hierzu gehört beispielsweise politische Kommunikation oder PR), IT-Recht oder der klassischen Informatik. Aber nicht einmal Letztere ist den Anforderungen der heutigen Branche gewachsen. Oft liest man Beschwerden aus der Wirtschaft, dass junge Informatiker für Startups ungeeignet sind und selbst gar nicht gründen.

Ich selbst unterrichte auch an einer Public Policy School, an der es neben meinem Seminar ebenso kaum digitale Themeninhalte im Curriculum gibt. Kurse dieser Art ziehen zudem meist keine 10 Prozent eines Studienjahrgangs an. Man könnte nun auch das Problem bei der mangelnden Nachfrage suchen, allerdings macht man das bei anderen Themen auch nicht. So gibt es haufenweise Inhalte, die seit Jahren oder Jahrzehnten zum Standard gehören oder vorausgesetzt werden. Ich musste für mein Masterstudium innerhalb weniger Monate meine gymnasialen Mathematikkenntnisse auffrischen, einfach nur, weil es in der Studienordnung stand.

Ein Pflichtkurs in den Fächern Politikwissenschaft oder Demokratie gab es nebenbei bemerkt auch nicht, wohl gemerkt an einer Public Policy School. Aber ich schweife ab, ich will damit nur sagen: die digitalen Themen sind selbstverständlich nicht die einzigen, die vielerorts unterbelichtet bleiben, sie haben aber eine neue Querschnittsqualität.

Der Ausweg ist politisch

Da Universitäten, wie viele andere starre Organisationen, oft nur das Nötigste tun, vor allem angesichts angeblich klammer Kassen (dass Schäuble Steuereinahmen in Rekordhöhe verzeichnet, der Haushalt ausgeglichen ist und die Wirtschaft stark genannt wird, stört die Politik wenig, investiert in die Zukunft wird quasi nicht), muss die Lösung auch dort gesucht werden, wo der Handlungsrahmen gesetzt wird. Doch wenn man mal Menschen aus den Kreisen der Kultusministerkonferenz (KMK) bei Vorträgen zum Thema zugehört hat, will man am liebsten von einer Klippe springen. Es gibt wenige Gremien in diesem Land, die jahrelang so gebremst haben wie dieses. Hier also Fehlanzeige.

Nächster Adressat wären die Hochschulrektoren, auch die treffen sich in einem Gremium (der Hochschulrektorenkonferenz, HRK), aber deren Handlungsspielraum ist auch eher begrenzt, was nicht heißt, dass innerhalb der Hochschulen nicht mehr getan werden könnte. Veränderern und Reformern innerhalb der eigenen Organisation den Rücken zu stärken, würde bereits ein positiveres Klima schaffen, mehr Spielraum bei der Drittmittelakquise könnte potentiell auch viele eigene Schwachstellen ausgleichen.

Letztes Jahr wurden beim “Hochschulforum Digitalisierung” auch eifrig Thesen zur Reform aufgestellt. Das liest sich ganz gut, ist diplomatisch formuliert und sagt wenig Neues. Ein Papier, wie man es auch vor 5 bis 10 Jahren schon hätte verfassen können. Was auffällt ist der minimalistische Ton des Papiers. Es ist eine extrem zaghafte Annäherung an das Thema, auf die Füße treten will man niemandem.

Was ich an der ganzen Veranstaltung vermisst habe,war, dass über die Reform der Systeme selbst und das Verständnis der Digitalisierung gesprochen wurde. Es ging hier immer um das “Wie” der Lehre, nicht um das “Ob und Wie” der Hochschulen oder das “Was” in der Lehre. Das ist fatal. Dazu kommen die eher einseitige Besucherzusammensetzung der Veranstaltung und die Wahrscheinlichkeit, dass im Nachgang nur sehr wenig passieren wird.

Wohin müssen wir uns bewegen?

Die meisten systemischen Probleme in Bezug auf den digitalen Wandel ließen sich eigentlich durch politische Erkenntnis und Veränderungswillen von oben lösen. Doch es fehlt oft sowohl an Erkenntnis als auch Wille (das eine bedingt das andere). Es kann daran liegen, dass diejenigen, die etwas ändern könnten, zu stark den traditionellen Strukturen behaftet sind, denen sie entstammen. Wie auch in der Politik, so hat man die Digitalisierung hier nicht einmal im Ansatz verstanden.

Universitäten sind leider noch immer keine effizienten, modernen Organisationen, sondern zähe Bürokratien und politische Pfründe. Es muss im Kern umgedacht werden. Es braucht umfassende digitale Strategien, die mit dem Föderalismus kompatibel sind, aber den Hochschulen und Bildungssystemen der Länder gleichzeitig eine Richtung vorzeichnen und Anreizsysteme schaffen, um Modernisierung schneller und nachhaltig mitzugestalten.

Es braucht daher Führungskräfte an den Hochschulen und in den Gremien (KMK, Bildungsministerien, etc.) mit mehr Weitblick, Interdisziplinarität, Unternehmergeist und Lösungsorientierung – statt Karrierebürokraten, akademischer Titel oder politischer Verbindungen. Es braucht Reformstrategien für die Hochschulen, die auf Ebene Eins ganzheitlich die Curricula dahingehend anpasst, digitale Themen zu Kernkompetenzen auszubauen, und auf Ebene Zwei die Hochschulen selbst digital besser aufstellt, sowohl personell als auch strukturell.

Hochschulen brauchen Digitalisierungsstrategien, die ihre spezifischen Profile unterstützen. Dies ist in Deutschland quasi noch nicht angekommen, Beispiele gibt es vor allem aus dem Ausland. Hier ist auch mehr Druck auf die Politik gefragt, Bremsklötze wie Urheberrecht, Datenschutz und Föderalismus so zu reformieren, dass es ermöglichende gesetzliche Rahmenbedingungen sind, nicht hinderliche.

Ausblick

Ich hoffe sehr, dass mehr Graduate Schools und andere Studiengänge erkennen, dass am Bedarf vorbei ausgebildet wird. Es muss interdisziplinärer und nachhaltiger gedacht werden, denn gerade die Fachbereiche, aus denen unser System seine Führungselite rekrutiert, müssen eine zukunftsorientierte Ausbildung anbieten, zu der Wissen um den digitalen Wandel im Kern gehören.

Wenn schon die Schule diese Grundlage in einem föderalen Gemeinwesen nicht schafft, muss die Hochschule es versuchen. Das grenzt dann zwar signifikante Kohorten eines Jahrgangs aus, die eben nicht an einer Hochschule ihren Bildungsweg fortsetzen, doch irgendwo muss begonnen werden. Ansetzen müsste man auch schon in den unteren Semestern.

Ein sinnvoller Anfang könnte sein, existierende Pilotprojekte schneller in den Regelbetrieb zu nehmen, digitalen Einzelkämpfern an den Hochschulen den Rücken zu stärken, sowie bei der Besetzung von Professuren digitale Kompetenzen und Themen zu einem Kriterium zu machen.


Image (adapted) „lecture hall / university“ by Markus Spiske (CC BY 2.0)


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Wie VWL-Gichtlinge die (netz-)ökonomische Wirklichkeit ausblenden

GOerasmus – Informationsveranstaltung zu geförderten Auslandsaufenthalten mit ERASMUS+ (adapted) (Image by Universität Salzburg (PR) [CC BY 2.0] via Flickr)

Wolfgang Kasper, emeritierter Professor für Nationalökonomie der australischen Universität New South Wales, geht mit den Protagonisten der Wirtschaftswissenschaften hart ins Gericht. Die sogenannte Neoklassik operiere mit Scheinwissen. Politische Macht und unerwartete sowie schädliche Nebeneffekte von wirtschaftspolitischen Entscheidungen werden einfach wegdefiniert. Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren ceteris paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen. Die Modellschreiner und Makromechaniker bilden nach Ansicht von Kasper ein karriereförderndes Kartell.

Lehrstuhlkandidaten, die Bürokraten und Minister-Aktivismus kritisieren, hätten nur geringe Chancen im undurchsichtigen universitären Ernennungsdickicht. So etablierten sich Professoren, die sich mit ökonometrischen Gefälligkeitsgutachten und Expertenrat in den Dienst von Politikern und Ministerien stellen. Wichtig wären Denkfabriken, Universitäten und Medien, die nicht vom Steuermäzenatentum abhängig sind. Zudem brauche man eine Neuausrichtung der Wirtschaftswissenschaften.

Was wäre sinnvoll?

Das neoklassische Gedankengut stammt aus der Ära der Großindustrie mit Massenproduktion. Heute machen maßgeschneiderte Dienstleistungen zwei Drittel bis drei Viertel der Wirtschaftsaktivität aus. Und hier ist dezentrales Wissen der wichtigste Produktionsfaktor, so Kasper.

Mit Mathematik und irgendwelchen unkritisch hingenommenen statistischen Schätzungen könne man leicht publizieren und promovieren.

Und wo die Daten nicht ausreichen, da müssen eben ‚dummy variables’ und andere ökonometrische Tricks herhalten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ungern man einmal mühsam erlerntes ökonometrisches Wissenskapital ersatzlos abschreibt, auch wenn man merkt, dass die mathematische Ausdrucksweise ein armseliges, künstliches Esperanto darstellt, das für die wirtschaftspolitische Beratung bei weitem nicht das gleiche leisten kann wie das ordnungspolitische Idiom, führt der Nationalökonom weiter aus.

Als lang gedienter Universitätslehrer und Institutsleiter weiß er, wie leicht das neoklassische VWL-Reportoire zu unterrichten ist.

So kann man etwa mit dem Marshall’schen ‚ceteris paribus Kreuz’ von Angebot und Nachfrage oder dem makroökonomischen IS-LM Gleichgewicht ohne viel Anstrengung Vorlesungsstunden füllen und erspart den Studenten die Begegnung mit der viel komplexeren Realität, mit Wissen aus Soziologie, Geschichte, Psychologie, Institutionen oder Unternehmertum. Studenten ohne Lebenserfahrung finden die neoklassische Abstraktion zumeist befriedigend. Für das Examen reicht dies aus. Die meisten merken überhaupt nicht, dass sie um aufregende und anregende Wertediskussionen – etwa Freiheit versus Effizienz, oder Sicherheit versus Gerechtigkeit – betrogen werden.

Erst später, wenn sie ihr Universitätswissen mit der Wirklichkeit konfrontieren, bemerken sie enttäuscht, dass sie mit völlig unbrauchbaren Modellen operiert haben. Man merkt es an den Fehlprognosen, die die Konjunkturforscher in jedem Jahr der Bundesregierung an die Hand geben.

Die Ökonomen liefern mit ihren Modellen keine Aussagen über Kausalzusammenhänge, sie bieten lediglich mögliche Interpretationen vergangener Handlungen von Wirtschaftsakteuren, schreibt Tobias Schmidt in der Zeitschrift Merkur.

Das Ganze ist eine Beschreibung vorhandener Datenreihen. Für die Zukunft folge daraus nichts, bemerkt der Merkur-Autor. Dennoch kommen solche Modell permanent zum Einsatz. Eine Zirkelschluss-Ökonomie mit Blick in den Rückspiegel unter Ausschaltung der wirtschaftlichen und politischen Realität.

Google und Co. können zu einem Problem werden

Einen völligen Blindflug legen die liebwertesten Gichtlinge der Wirtschaftswissenschaften in netzökonomischen Fragen an den Tag. Die ungeheure Dynamik der digitalen Transformation mit ihren ständig neu aufkommenden Trends in der Informationstechnik und der Angriffslust der Internetkonzerne aus dem Silicon Valley stehen nicht auf den Lehrplänen von VWL und BWL. Wie sollte die Wettbewerbspolitik auf die Monopolstrategien von Google und Co. reagieren? Die Internet-Plattformen könnten machtpolitisch irgendwann zu einem Problem werden, warnt Professor Lutz Becker, Studien-Dekan der Fresenius Hochschule, im #BonnerSommerInterview.

Damit müssten wir uns gesellschaftlich auseinandersetzen, fordert Becker. Antworten von den unpolitischen Modellschreinern der wirtschaftswissenschaftlichen Institute sind da nicht zu erwarten. Gefragt wäre eher ein Ludwig Erhard des 21. Jahrhunderts mit netzökonomischer und soziologischer Expertise, der erkennt, wie man mit den großen Aggregationen des Silicon Valley ordnungspolitisch umgeht.

“Das nationale Kartellrecht ist mittlerweile ein zahnloser Tiger. AT&T ist im Vergleich zu Google aus nichtigem Anlass zerschlagen worden”, so Becker.

Das funktioniere im globalen Maßstab nicht mehr. Bislang gebe es keine Antworten auf die “Highländer-Märkte”– also auf das Bestreben der amerikanischen Technologie-Konzerne nach absoluter Herrschaft: “Erst werden maximale Marktanteile angestrebt und erst danach fängt man mit der Abschöpfung an.”

Wie schnell sich Gewichtungen ändern ändern können, sehe man am iCar von Apple.

“Auf einmal sitzt selbst der Audi-Chef Rupert Stadler auf dem Beifahrersitz. Das haben diese Konzernchefs in der Geschichte der Automobilindustrie noch nie erlebt”, erläutert Becker.

Auch klassische Industrien werden durch die Plattform- und App-Ökonomie in neue oligopolistische Abhängigkeitsverhältnisse geraten, etwa durch 3D-Druck- und Robotik-Plattformen zu sehen.

Das Internet sei in vielen Bereichen zu einem Winner-takes-it-all-Markt geworden, schreibt der Kölner Ökonom Thomas Vehmeier:

“In dieser Welt ersetzt der ‘Wettbewerb um den Markt’ den ‘Wettbewerb im Markt’. Im Zentrum eines solchen Ökosystems sitzt ein Market Maker, alle anderen Unternehmen müssen ihre Strategien anpassen und degenerieren zu digitalen Pizzabring-Diensten.”

Für den herkömmlichen Reifenhändler oder Kleinverlag, für den ortsansässigen Apothekerbetrieb oder den Optiker seien das keine tauglichen Rezepte, um bei weiterlaufendem Bestandsgeschäft den Wandel einzuläuten. Diese Rezepte seien von der Realität in vielen Unternehmen zu weit weg und können daher nicht angegangen werden.

“Als Antwort bieten sich gegebenenfalls offene und multifunktionale Plattformen an, die mittelständischen Industrien im Sinne des Commons-Gedanken vor neuen ökonomischen Abhängigkeiten schützen, gleichzeitig neue Geschäftsmodelle sowie Zugänge zu internationalen Märkten eröffnen”, resümiert Becker, der mit seinen Studentinnen und Studenten auf der Next Economy Open am 9. und 10. November ein Forschungsprojekt vorstellen wird.

Bis November werden wir in Netzökonomie-Campus-Runden die Notwendigkeit einer ökonomischen Theorie des Internets auf die Tagesordnung setzen.

Man hört, sieht und streamt sich spätestens am Samstag, den 22. August, beim nächsten Netzökonomie-Campus in Hamburg.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Ich sag mal


Image (adapted) „GOerasmus – Informationsveranstaltung zu geförderten Auslandsaufenthalten mit ERASMUS+“ by Universität Salzburg (PR) (CC BY 2.0)


 

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Podcampus: Podcasts von Hochschulen

Der Podcampus ist eine für die Hamburger Hochschulen ins Leben gerufene Plattform, auf der diese Audio-Beiträge aus dem Bereich Wissenschaft & Forschung bereitstellen können.
Die auf der Plattform bereitgestellten Podcasts geben Einblicke in Kurse, enthalten Mitschnitte von Vorlesungen und präsentieren Interviews mit Professoren und Experten.

Das Projekt ist derzeit wohl einzigartig in Deutschland und präsentiert am Dienstag, den 20. März, eine neue Ausbaustufe auf der CeBIT. Man will vom lokalen Anbieter aufsteigen zu einem deutschlandweiten Sammelpunkt von Hochschul-Podcasts.
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