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Mein Leben ohne Internet: Ein Selbstversuch

Wir ohne Internet? Geht zwar, will aber keiner! Warum das Internet für uns eine so wichtige Infrastruktur ist, testete Tinka am eigenen Leib. // von Katharina Große

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Online-Sein ist für viele von uns Normalzustand. Doch noch immer gibt es viele Orte in Deutschland ohne Breitband-Zugang. Und noch immer sind Themen, die zum Erhalt und zum Ausbau der Schlüssel-Infrastruktur Internet unverzichtbar sind, nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit angekommen  – trotz Digitaler Agenda und dem Ministerium für digitale Infrastruktur. Warum wir nicht aufhören dürfen, über Netzpolitik und das Internet zu diskutieren, wird deutlich, wenn man sich vorstellt, ein Leben ohne Internet zu führen. Egal ob Kaffeeklatsch mit der Freundin in London, wissenschaftliche Recherche oder Nachrichtenfluss –  schon für den Einzelnen ist der Nutzen riesig, von dem Potential für Staat und Gesellschaft ganz zu schweigen.


Warum ist das wichtig? Sich bewusst zu werden, was das Internet uns ermöglicht, ist essentiell, um die Diskussionen über diese Infrastruktur in das Zentrum unserer Gesellschaft zu holen:

  • Online-Angebote vereinfachen unzählige Aspekte unseres Alltags.
  • Ländergrenzen und Entfernungen sind kein Hindernis mehr.
  • Deswegen ist das Internet eine unserer Schlüssel-Infrastrukturen und darf keine Randnotiz sein!

Gestrandet im Offline

Es ist Montagmorgen. Ich stehe im Schlafanzug in meinem Wohnzimmer und halte noch einmal inne, bevor ich den kleinen grünen Schalter umlege. Einige Augenblicke später verfällt mein Telefon in die erwartete Kette von Signaltönen, während E-Mails und Threema-Nachrichten einprasseln. Erleichterung durchströmt mich. Die Welt hat mich wieder!

Rückblick: Vor ziemlich genau drei Wochen stand ich nachmittags um halb sechs im Zentrum von Oxford. In den linken Hand meinen knallgrünen Koffer, auf dem Rücken den orange-leuchtenden Rucksack, in der rechten das Telefon. Nach einigen Augenblicken hätte man beobachten können, wie ich das Telefon schüttelte. (Was ja nachgewiesen immer eine gute Idee ist, wenn ein Gerät nicht funktioniert …) Mit gekräuselter Stirn schaltete ich die Datenverbindung aus und wieder an. Ich bestätigte erneut, dass ich Daten-Roaming zulassen möchte. Nichts. Ich startete das Gerät neu. Nichts.

Und nun? Ich war auf dem Weg zur Internet, Policy & Politics Conference 2014. Bis auf Oxford, Universität, Oxford Internet Institute (OII) und #ipp2014 hatte ich keine Angaben im Kopf. „Wird ja wohl ausgeschildert sein“, hatte ich mir gedacht und: „Sonst hast du ja Google Maps.“ Pustekuchen! In Oxford war ich. Einfach dem Schild zur Uni folgen ging nicht – die einzelnen Colleges und Gebäude sind in der ganzen Stadt verteilt. OII hätte mir auch nichts genützt: Das organisierte die Konferenz zwar, aber die Räume waren irgendwo anders. Und ein Hashtag hat mir in der Offline-Welt eh noch nie eine Wegbeschreibung eingebracht. Ich musste mich also an klassischen Mitteln versuchen: Auf zur Touristen-Info. Die immerhin war groß ausgeschildert – und bereits geschlossen, wie  ich kurz darauf feststellen musste. Na prima. Kurz dachte ich an den Teil meiner Freunde, die zu Ausflüge und Reisen immer mit einer Mappe voller Ausdrucke erscheinen: Adresse, Wegbeschreibung, Alternativroute, Notfallplan, SOS-Morse-Code. Vielleicht doch keine so schlechte Idee?

Ein bisschen Handy-Rebellion

Doch fast sofort kam der Trotz: Wäre doch gelacht, wenn ich mich von ein bisschen Handy-Rebellion unterkriegen lassen würde! „Entschuldigen Siebitte. Wo ist denn St. Anne’s College?“ Der Name war mir in der Zwischenzeit immerhin wieder eingefallen. „Öh, keine Ahnung, ich bin auch neu hier.“ „Kein Problem, danke.“ „Tschuldigung, wissen Sie, wo St. Anne’s ist?“ „Ist das ein College? Noch nie gehört, leider.“ Langsam wurde es dunkel. „Sorry, wissen Sie, wie ich zum St. Anne’s College komme?“ „Leider nein, aber schauen Sie doch mal da auf den Plan, da sind die Colleges eingetragen.“ Halleluja! Und tatsächlich: Ganz am unteren Rand ein Pfeil Richtung Süden, über den Rand der Karte hinaus: St. Anne’s. Gerettet! Schwungvoll marschierte ich los – und drehte nach zwei Kreuzungen wieder um, um ein Foto von der Karte zu machen. Sicher ist sicher.

Auf dem Weg formulierte ich schon die böse E-Mail, die ich meinem Mobilfunk-Anbieter schreiben wollte – und natürlich den Facebook-Status. Ich lichtete ein paar Häuserfassaden ab, um sie direkt an Freunde und Familie schicken zu können: Oxford at last! Doch die Sozial-Vernetzungs-Blase platzte, sobald ich es tatsächlich bis zum St. Anne’s geschafft hatte. „Tut mir Leid, aber Ihren W-LAN-Zugang bekommen Sie erst Morgen mit den Konferenz-Unterlagen!“ „Waaaaaaaas …!“ Ich kürze ab: Nichts zu machen. Kein Internet. Und somit auch keine abendlich gesendete E-Mail mit der Einladung zum gemütlichen Pub-Beisammensein. Keine Chance, noch schnell nachts nachzugucken, wann es Frühstück gab (8:00 bis 9:00, wie man mir um 9:15 vor verschlossener Tür mitteilte). Und auch kein Hinweis darauf, dass das Konferenz-Programm noch einmal geändert worden war und wir erst um 11 Uhr anfangen würden.

Offline-Sein

Wie verändert das Internet unsere Gesellschaft? Mit dieser Frage beschäftige ich mich täglich – und doch wird sein Einfluss besonders deutlich, wenn man plötzlich ohne dasteht. Warum also nicht das Ganze auf die nächste Ebene bringen?

Es ist Freitagmorgen. Ich stehe im Schlafanzug in meinem Wohnzimmer und halte noch einmal inne, bevor ich den kleinen grünen Schalter umlege. Stille. Ich habe die Stromversorgung für Telefonanlage und Router ausgestellt. Ich zögere kurz und schalte dann die Datenverbindung meines Telefons ab, genau wie das WLAN. Ob ich das durchhalte? Klar, im Urlaub bin ich öfter ohne Internet, aber im Alltag?  Natürlich muss ich ein wenig schummeln. Die Arbeitsmails am Freitag werden gelesen. Ansonsten aber: Internetverbot.

Risiken und Nebenwirkungen

Direkt als Erstes wird mir nach dem Abschalten klar: verdammt, kein Radio. Natürlich höre ich Radio per Internet-Stream. Die Batterien in meinem FM-Empfänger, vollgestaubt im Küchenregal, sind seit langem leer. Kurz schlechte Laune, aber das legt sich. Höre ich beim Zähneputzen eben ein paar CDs. (Ja, ich besitze CDs!) Im Büro angekommen, fällt mir ein: Mist, ich sollte doch einer Freundin meine Katzenohren mitbringen (Kostümparty …). Die habe ich natürlich zu Hause liegen lassen. Automatisch öffne ich den Browser, um ihr eine Facebook-Nachricht zu schreiben, doch halt! Darf ich nicht. Und jetzt? Ihre Telefonnummer habe ich nicht. Ok, ein Notfall: Ich schummele und schicke ihr eine E-Mail. Was soll ich auch machen? Als ich sie später sehe, schreibe ich direkt ihre Telefonnummer auf. Überhaupt stelle ich im Laufe der nächsten Tage fest: Mein Telefonnummern-Verzeichnis ist eine Katastrophe. Mindestens ein Drittel der Menschen, mit denen ich am Wochenende sprechen möchte, sind nur mit Threema- oder Skype-Kontakten vermerkt – oder überhaupt nur auf Facebook gelistet. Diejenigen, deren Nummern ich habe, wundern sich, warum ich sie auf einmal anrufe. Oder noch merkwürdiger: SMS schreibe. Aber eigentlich ganz nett, so ein kleiner Schnack zwischendurch – mein Freiminuten-Kontingent aber leidet beträchtlich. Außerdem sind es nur meine Freunde in Deutschland, die davon profitieren. Alle anderen hören dieses Wochenende nichts von mir.  Kein kurzer Kaffeeklatsch mit London. Das ist wirklich hart!

Aber weiter im Text: Nachrichten. Ich bekomme nichts mit! Gar nichts. In der Mittagspause schnappe ich mir aus lauter Verzweiflung eine kostenlos ausliegende Lokalzeitung, die aber mein Informationsbedürfnis in keinster Weise befriedigen kann. Wie zum Henker kommt man eigentlich sonst an Nachrichten? Gibt es noch Zeitungskioske? Und gibt es eine Print-Ausgabe von Aljazeera?

Am Nachmittag lesen ich ein Paper über e-Cognocracy: Das Staatsmodel von Moreno-Jiménez, Pérez-Espés und Velázquez, das direkte und repräsentative Demokratie mit Hilfe neuer IT-Tools verbinden will (2014. e-Cognocracy and the design of public policies. Government Information Quarterly, 31(1), 185–194. doi:10.1016/j.giq.2013.09.004). Ich bin nicht überzeugt und würde das gerne zur Diskussion in eine meiner E-Partizipations-Gruppen posten – aber die sind auf Facebook. ARGH! Dann muss ich daran denken, dass ich das Paper digital lese, über die Uni-Bibliothek runtergeladen und vorher mit drei, vier Mausklicks gesucht habe – wäre ohne Internet auch nicht gegangen.

Generell sind es tatsächlich eher kleine Dinge, die mich aus dem Tritt bringen: Mal eben googeln, wann noch die Zeitumstellung ist und in welche Richtung? Fehlanzeige. Schnell die Vokabel nachschlagen? Nichts da! Kurz nachsehen, wie lange ich mit dem Zug nach Linz brauche? Nein! (Zwischenfrage: Wie hat man eigentlich früher Zugverbindungen rausgefunden? Am Schalter? Musste man dafür jedes Mal zum Bahnhof fahren?!)

Samstag und Sonntag lenke ich mich gut ab, schreibe viele SMS und höre CDs. Zum Glück habe ich gerade einen frischen Bücher-Stapel rumliegen und die Shopping-Tour bei meinen Lieblings-Online-Fair-Trade-Läden verschiebe ich auf nächstes Wochenende. Ok, ich verpasse ein paar Party-Einladungen, vergesse Geburtstage, bekomme nichts mit von den Heimspielen der Uni-Sport-Mannschaften, und um zu sehen, wie das Wetter wird, muss ich die Wolken am Horizont angucken. Die nervösen Zuckungen bleiben zwar aus. Trotzdem: Wann ist endlich Montag?

Offline geht zwar, will aber keiner!

Es ist Montagmorgen. Ich stehe im Schlafanzug in meinem Wohnzimmer und halte noch einmal inne, bevor ich den kleinen grünen Schalter umlege. Erleichterung durchströmt mich. Als Erstes gucke ich mir alle Tagesschau-Sendungen der letzten Tage an. „Willkommen zurück“, schreibt ein Freund. Drei Tage (fast) ohne Internet? Klar ist das machbar. Besonders Facebook hat mir weniger gefehlt als gedacht. Vielleicht heißt das ja, dass es Hoffnung gibt für Alternativen wie Omlet! Und doch: Nicht mehr einfach so mit meinen Freunden außerhalb von Deutschland plaudern? Keine Schnappschüsse mehr an meine Familie schicken? Auf eine Tageszeitung angewiesen sein oder auf die 20-Uhr-Nachrichten warten? Nur mit anderen WissenschaftlerInnen diskutieren können, wenn man sich trifft? Oder mich durch stationäre Bibliothekskataloge wühlen? Unvorstellbar! Und das sind nur die kleinen Dinge, die das Internet für mich persönlich leistet. Von den bereits erschlossenen und noch auszuschöpfenden Potentialen für Organisationen und Staaten fange ich gar nicht erst an. Das Internet ist eindeutig eine unserer wichtigsten Infrastrukturen und deshalb dürfen Themen wie Netzzugang, Breitbandausbau, digitale Bildung, Netzneutralität, Privatsphäre und Datenschutz keine Randbemerkungen sein. Vielen Dank an die Netzpiloten, dass ich zu diesem Ziel einen Beitrag leisten durfte. Dies ist vorerst mein letzter Artikel gewesen. Die Diskussion aber geht weiter! Stay in touch und danke für den vielen Fisch.


Teaser & Image by photsteve101 (CC BY 2.0)


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Katharina Große

Katharina Große

(Tinka) arbeitet und forscht am Lehrstuhl für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik an der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen. Nach ihrem Bachelorstudium an der International Business School in Groningen in den Niederlanden absolvierte sie an der ZU einen Master in Politik- und Verwaltungswissenschaften. Tinkas Forschung konzentriert sich auf die Rolle des Bürgers in der digitalen Demokratie. Außerhalb von Deutschland hat Tinka schon in Frankreich, den Niederlanden, Kanada und Spanien gelebt und spricht die jeweiligen Sprachen. Momentan arbeitet sie daran, der Liste noch Arabisch hinzuzufügen. Tinka reitet, rudert, fährt Snowboard und ist überzeugter Werder-Fan.

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