Try again (Bild: Samantha Marx [CC BY 2.0], via Flickr)

Journalismus und Fehlerkultur: Die Angst vor dem Scheitern

Analysen, Debatten, Wutreden – der Journalismus weiß, sich im Gespräch zu halten. Das ist auch notwendig. Doch welchen Wert haben Worte, wenn Taten ausbleiben? // von Julian Heck

Try again (Bild: Samantha Marx [CC BY 2.0], via Flickr)

Auf der Social Media Week Hamburg hat der junge Journalist Andreas Grieß ein flammendes Plädoyer für einen anderen Journalismus gehalten. Seine vielbeachtete Wutrede drehte sich nicht im Kreis, sondern landete auf direktem Wege viele Treffer. Solche inhaltlichen Punktladungen machten ihm aber schon andere vor. Doch wo sind neben all der Theorie die praktischen Umsetzungen dieser Forderungen? Klar, es gibt sie. Es gibt sie leider nicht genug. Journalisten sind Künstler. Künstler leben auch von ihrer Kreativität. Wer die Angst vor dem Scheitern ständig mit sich herumträgt, wird Grieß‘ Appell kaum gerecht werden können.


Warum ist das wichtig? Die Wutrede vom Jungjournalisten Andreas Grieß hat zurecht viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Doch nun ist es an der Zeit, mehr zu machen und weniger zu debattieren.

  • Andreas Grieß spricht über Frust im Job und Innovationslosigkeit in Verlagen.
  • Journalisten müssen in ihrem Job mutig und risikoreich sein, um die Branche revolutionieren zu können.
  • In das Bewusstsein von Journalisten muss rücken, dass sie einen freien, künstlerischen Beruf ausüben, mit dem sich vielleicht schwieriger die Miete finanzieren lässt als in anderen Branchen.

Journalismus als Beruf: Frust anstatt Innovation?

Andreas Grieß spricht über Frust im Job: „Wenn man überhaupt einen Job im Journalismus findet, ist der schnell sehr frustrierend für unsere Generation.“ Innovationen könne man wegen den immer gleichen Gründen nicht umsetzen. Junge Talente würden nicht zum Einsatz kommen, die alteingesessene Chefetage mache nicht Platz. Das stimmt natürlich teilweise. Die alten Damen und Herren – meistens aber Herren – rücken nun einmal nicht einfach beiseite, weil ein Herr Grieß, ein Herr Gillen oder ein Herr Heck um die Ecke kommen und meinen, die Medienbranche revolutionieren zu können. Aber in welcher Branche ist das bitteschön der Fall? Fragen Sie mal studierte Bankkaufmänner, Chemielaboranten, Mediendesigner oder Archäologen, ob Ihnen mit 26 der Chefsessel freigemacht wird oder sie am Unternehmenskonzept feilen können.

Natürlich fliegen uns zurzeit keine Festanstellungen mehr entgegen. Unter dieser Entwicklung leiden aber nicht nur die Mittzwanziger, sondern Journalisten aller Altersgruppen. Wir müssen uns wahrscheinlich damit abfinden, dass der Beruf des Journalisten vermehrt ein freier Beruf sein wird. Der Journalismus ist gewissermaßen eine künstlerische Branche. Wir Freien versichern uns in der Künstlersozialkasse, gemeinsam mit Gleichgesinnten in verwandten Branchen. Wer die Kreativität nicht auslebt oder keinen Raum dafür erhält, wie Andreas Grieß zurecht kritisiert, der wird in der Medienbranche den Kürzeren ziehen. Wir leben nicht davon, ewig die gleiche Tätigkeit in der gleichen Form auszuüben, sondern kreativ zu sein und uns ständig weiterzuentwickeln – besonders die journalistischen Formate und Herangehensweisen unterliegen einem stetigen Wandel. Nicht umsonst haben BuzzFeed, NowThis News, datenjournalistische Projekte oder die Snowfalls und Co. solch einen Erfolg und finden immer mehr Nachahmer.

Strukturwandel dank Mut und Risiko

Ja, feste Strukturen in Verlagen und Medienhäusern müssen stückweise aufgebrochen werden, um Innovationsversuche – die Betonung liegt auf den Versuchen – zuzulassen. Genauso wichtig ist es aber, dass all die freien Journalisten all ihren Mut zusammennehmen und das Risiko in Kauf nehmen, mit ihren Versuchen auch mal zu scheitern. Wir twittern, bloggen, machen und tun in unserer Freizeit, um an der Markenbildung zu schrauben, uns zu profilieren und etwas zur medienjournalistischen Debatte beizutragen. Wir sollten diese Zeit zukünftig mehr dafür nutzen, einfach mal auszuprobieren, wie sich etwa Martin Giesler vornimmt.

Während ich diesen Beitrag schreibe, könnte ich auch an einem hyperlokalen Projekt arbeiten, dass anders aufgezogen ist als alles, was bisher auf dem Markt ist. Ich könnte diese Zeit nutzen, um meinen Blog nutzerfreundlicher und noch leichter verdaulich aufzubereiten als das meiste, was sich bisher in der Blogosphäre herumtreibt. Ja, statt ausschließlich an dieser – selbstverständlich wichtigen – Debatte teilzuhaben, sollten wir an unseren Schreibtischen sitzen und in der Welt unterwegs sein, um unsere theoretischen Forderungen in die Praxis umzusetzen. Es ist doch kein realistischer und sinnvoller Weg zu fordern, das Alte müsse weg. Stattdessen sollten wir einfach mal machen, mutig sein und das Risiko in Kauf nehmen, dem wir in unserem Beruf sowieso ständig begegnen, wenn wir erfolgreich sein möchten.

Nur dann schaffen wir das, was sich auch der 26-jährige Wutredner Andreas Grieß wünscht: „Also sorgen wir dafür, dass diejenigen, die uns nicht wollen oder nicht machen lassen, in ein paar Jahren bereuen, dass sie sich uns in den Weg gestellt haben.“ Und die Miete? Die müssen wir Journalisten uns vielleicht härter erarbeiten, als es die Bankkaufmänner und Chemielaboranten müssen. Darauf muss sich jeder angehende Journalist einstellen – trotz aller Angst vor dem Scheitern. Journalismus ist eine Kunst. Zaubern gehört leider nicht dazu.


Teaser & Image by Samantha Marx (CC BY 2.0)


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Julian Heck

Julian Heck

ist freier Journalist, Dozent und Lehrbeauftragter an der Hochschule Darmstadt. Er schreibt über die Themen Medien, Technik und digitale Wirtschaft. Zu seinen Auftraggebern gehören unter anderem etailment.de, LEAD digital, Mobilbranche, das Medium Magazin, MobileGeeks.de und die Friedrich-Ebert-Stiftung. Vom Medium Magazin wurde der Südhesse 2013 unter die "Top 30 bis 30" Nachwuchsjournalisten gewählt.

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