Interview mit Generation-Y-Expertin Hannah Bahl

Hannah Bahl ist Expertin für die Generation Y und gleichzeitig selbst eines ihrer Mitglieder. Im Interview spricht sie über die derzeitige mediale Präsenz der Generation und erklärt, was sie so besonders macht. Bei der Erkundung ihres Potenzials sieht sie auch im Austausch und im Zusammenleben zwischen den verschiedenen Generationen eine zukünftige Aufgabe. Die freie Journalistin interessiert sich für gesellschaftliche Veränderung und macht nach ihrem Bachelor-Studium zurzeit ihren Master in Berlin.

Jannika Liesenberg (JL): Über die Generation Y wird so einiges erzählt. Welche Merkmale prägen sie deiner Meinung nach wirklich?

Hannah Bahl (HB): Aus meiner Sicht zeichnet sich die Generation Y besonders durch die virtuellen Netzwerke in denen sie sich bewegt aus, ich denke für diese Generation ist das Gefühl von Gemeinschaft, das auch Marina Keegan in ihrem Essay „The Opposite of Loneliness“ anspricht, von großer Bedeutung. Wir sind also die Generation „Wir sind nicht hier, wir sind überall“ – immer flexibel, permanent online und verfügbar. Es gibt kaum einen Kontinent, auf dem wir keine Freunde haben, immer ist irgendwer gerade unterwegs in ein neues Leben und die nächste Möglichkeit lauert immer schon hinter der nächsten Ecke, was für das Treffen von Entscheidungen zu Herausforderungen führen kann (wie entscheidet man sich überhaupt noch für etwas oder jemanden, wenn alles voller Möglichkeiten ist?), aber auch gleichzeitig dazu führt, dass man immer in Bewegung ist. Wir sind dabei als Generation privilegiert (in Wohlstand und ohne Krieg aufgewachsen) in unserer Freiheit immer wieder in Frage zu stellen, wer wir sein möchten. Das bedeutet aber auch, reflektiert zu handeln und sich immer wieder die Frage zu stellen: will ich das wirklich und welchen Mehrwert schaffe ich? Entscheidungen sind nicht mehr nur individueller, persönlicher Natur, sie stehen immer im Kontext des Netzwerkes, in dem man angespielt wird und jemandem anderen wiederum den Ball zu wirft.

Eine andere Fähigkeit, die für diese Generation aus meiner Sicht eine große Bedeutung hat, ist Resilienz. Wir lassen uns von Krisen nicht mehr aus dem Konzept bringen, weil wir uns so an sie gewöhnt haben. Wenn wir fallen, klopfen wir uns kurz ab, rappeln uns wieder auf und machen weiter. Das spannende daran ist, denke ich, dass, wenn nichts mehr sicher ist, das Selbst im Umkehrschluss das Einzige ist, auf das man sich noch verlassen kann, was natürlich erklären würde warum diese Generation manchmal durchaus auch etwas egozentrische Tendenzen hat. Das Rückbesinnen auf sich selbst und das In-Balance-bleiben, das der Generation Y häufig als Egoismus vorgeworfen wird, ist somit wahrscheinlich einfach eine Methode, um die weitere eigene Handlungsfähigkeit im Netzwerk zu garantieren.

Ich finde es außerdem spannend, dass bei den meisten von uns die eigenen Handlungen im Jetzt stattfinden, aber gleichzeitig auch immer zukunftsorientiert und sich selbst hinterfragend sind. Jede Entscheidung ist mit dem Wissen verknüpft, dass man am Ende des Tages das eigene Gesicht im Spiegel ertragen können muss. Und ich glaube, das wird nur funktionieren, wenn man hart daran arbeitet herauszufinden, wer man eigentlich ist oder sein möchte. Wenn das bedeutet, keine Festanstellung einzugehen, mehr Chancen wahrzunehmen, sich auf Weltreise zu begeben oder sich endlich einen Eames Chair zu kaufen, weil man schon immer davon geträumt hat, dann ist das eben so – solange man diese Entscheidungen nicht unreflektiert trifft.

JL:Kannst du dich selbst mit ihnen identifizieren?

HB: Da ich selbst 1989 geboren bin, bin ich definitiv Mitglied dieser Generation und führe wahrscheinlich auch ein relativ typisches, wenn es so etwas gibt, Generation-Y-Leben. Mein Lebenslauf hat sehr viele Stationen, ich setzte mich oft mit der Frage auseinander, ob die Dinge, die ich mache, für mich einen größeren „Sinn“ haben und bin auf der Suche nach einem Beruf der eher Berufung ist. Mir kommt es dabei weniger darauf an, was das für ein Unternehmen ist, als auf die Tatsache, dass Jemand sich mit mir als Person auseinandersetzt. Ich habe an Führung die Erwartung, dass eine Beziehung entsteht, in der man sich gegenseitig weiterbringt und Kompetenz wichtiger als Hierarchie ist. Ich habe den Wunsch, Dinge zu verändern und mich nicht festen Strukturen anpassen zu müssen und die Hoffnung, dass Flexibilität bald Normalität wird. Für mich ist eine der wichtigsten Charakteristiken außerdem, dass diese Generation immer auf der Suche ist und in Bewegung bleibt. Das Hinterfragen der Dinge und des aktuellen Zustandes, das sich ja auch in der abgewandelten Generation-„(Wh)Y?“-Defintion wieder findet, sehe ich bei sehr vielen Menschen in dieser Generation, die sich nicht mit dem jeweiligen Status Quo zufrieden geben wollen.

JL: Wie bist du mit der Thematik in Verbindung gekommen und warum ist sie dir wichtig?

HB: Ich habe 2011 angefangen, mich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen, weil ich das Gefühl hatte, dass das in den Medien gezeichnete Bild dieser Generation nicht mit meiner eigenen Wahrnehmung aus dieser Generation heraus übereinstimmt.

JL: Was sind die größten Herausforderungen für die Generation?

HB: Die größte Herausforderung für diese Generation wird es sein, die Dinge die sie jetzt einfordert – Flexibilität, andere Arbeitsbeziehungen, größere Gleichberechtigung, mehr Freiheit – auch umzusetzen und sich nicht, wie viele vorherige Generationen, mit dem Status Quo zufrieden zu geben. Kämpferisch und fordernd zu bleiben und nicht den Fokus auf die Dinge, die man verändern möchte zu verlieren (in der gesamten Masse der Möglichkeiten, die sich so auf tun), ist, glaube ich, eine der großen Herausforderungen. Außerdem die große Frage, wie man sich Ruhepunkte schafft in einer Gesellschaft, die im Netzwerk einfach durch eine unfassbare Schnelligkeit geprägt ist. Wie bleibt man in Balance und gleichzeitig agil?

JL: Der Autor Nils Schulenburg sagte kürzlich bei Radio Bremen, man müsse aufhören, die Generation Y zu bewerten und stattdessen ihre Eigenschaften hinnehmen, um sie wertschätzen zu können. Siehst du das genauso?

HB: Ich sehe das genauso, da gibt es dieses wunderbare Zitat, das Sokrates zugeschrieben wird: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Hier zeigt sich eigentlich ganz gut, dass intergenerationale Konflikte einfach schon immer vorprogrammiert sind und das es normal ist, wenn eine Generation zunächst abgelehnt wird mit den Anforderungen, die sie hat. Ich glaube, dass in den Forderungen dieser Generation sehr viel gesamtgesellschaftliches Entwicklungspotential steckt. Gerade wenn es um die Frage, wie wir arbeiten und leben wollen geht, sind die Themen ja immer über-generational und ich glaube, dass auch ein 55 jähriger Mitarbeiter Lust hat, ein Sabbatical zu nehmen, das aber vielleicht nicht so vehement einfordern würde wie Generation Y es tut. Insofern stimme ich mit Nils Schulenburg definitiv überein, dass Wertschätzung und konstruktive Auseinandersetzung mit dieser Generation schon ein Fortschritt wäre.

JL:Wird der Generation Y mit dem ganzen Medienwirbel vielleicht zu viel Aufmerksamkeit geschenkt?

HB: Allen Generationen wurde Aufmerksamkeit geschenkt, allerdings haben sich die Medien natürlich sehr verändert, weshalb diese Generationsdiskussion, die ja auch immer eine mediale Diskussion ist, vielleicht so omnipräsent erscheint. Ich denke, dass man die Aufmerksamkeit wieder in eine intergenerationale Diskussion in der Gesellschaft zurückbringen müsste, um die Frage zu beantworten, wie wir alle gemeinsam zusammen leben wollen.

JL: Wie sieht die Zukunft für die Ypsiloner aus?

HB: Hoffentlich gut, mit viel Konfetti, Freiheiten und Sicherheit. Ich glaube es ist sehr schwer die Zukunft vorauszusagen, aber ich muss dabei immer an Rainer Maria Rilke denken, der in seinen „Briefen an einen jungen Dichter“ seinem jungen Freund Xaver Kappus einen Lebensrat mit auf den Weg gibt. „Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“ – Das ist glaube ich auch das, was ich mir wünsche; dass man uns allen erlaubt, gemeinsam in die Antworten hineinzuleben.


Image (adapted) by Hannah Bahl


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Jannika Liesenberg

Jannika Liesenberg

kommt aus Hamburg und studiert derzeit in Bremen Germanistik und Frankoromanistik. Seit Februar 2016 arbeitet sie als Praktikantin bei den Netzpiloten.

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