Google+ – Top oder Flop? Im Gespräch mit Experten (Teil 3/5)

Google+ feierte vor kurzem sein einjähriges Jubiläum. Das soziale Netzwerk ist am 28. Juni 2011 erschienen und drei Monate später, am 20. September 2011, aus der Beta-Phase getreten. Grund genug einmal nachzufragen, wie das Portal inzwischen wahrgenommen wird.

Google+ - Top oder Flop das sagen die Experten Teil3

Wir haben einmal 15 deutsche Influencer aus den Medien, der PR und dem Unternehmertum gefragt, was Googles soziales Netzwerk ausmacht, ob sie überzeugte Nutzer sind und welche Vor- und Nachteile die Plattform für sie vereint. Herausgekommen ist eine 5-teilige Serie, die wir euch liebe Leser diese Woche präsentieren wollen. Heute im Gespräch Thilo Specht, Mathias Winks und Peter Bihr…


Thilo Specht (Burson-Marsteller):

Google+ – Top oder Flop? Im Gespräch mit Experten Thilo SpechtGoogle+ – Top oder Flop? Weder noch. Aber auch. Warum auch nicht? Wäre Google+ ein zweites Facebook, wäre es überflüssig. Die Google-Suche nach „google+ ist tot“ findet aktuell 144.000 Ergebnisse. Darunter recht namhafte Quellen aus dem Umfeld digitaler Themen, die sich im Dramatisieren üben. Denn Google+ lebt. Unbestritten ist die Plattform näher am Tod als Facebook. Denn sie ist eben erwachsener. Dafür mag ich sie sehr. Keine Ads, keine Tageslosungen und Sinnsprüche, keine pseudolustigen Videos. Dafür gehaltvolle, lange – teils sehr lange! – Beiträge von geschätzten Autoren wie Jörg Wittkewitz, Martin Lindner und Christoph Kappes. Aber auch Skurriles von Torrid Luna und Michael Reh.

Ob ich mir im Klaren darüber bin, dass das weniger mit dem Konzept der Plattform, als mit der Zusammenstellung der Circles zu tun hat? Jepp, bin ich. Und doch sind die Rahmenbedingungen auch dafür verantwortlich:

Weil Google+ bisher im Bereich Marketing und PR kaum Beachtung findet, umgibt die Plattform der Nimbus des Nichtkommerziellen. Hier kann ich privat sein, mich einfach in den Inhalten verlieren. Niemand versucht krankhaft, mich für Dienstleistungen und Produkte zu „engagen“. Schön!

Und dann ist da noch der USP „Hangouts“. Videokonferenzen, die tatsächlich gut funktionieren, sogar mit einem Haufen Menschen – das gibt’s nicht allzu oft und ist meist sehr teuer. Mit den Hangouts kein Problem und zudem noch kostenlos. Tatsächlich nutze ich diese Art des Videoconferencing sehr gerne. Mit Hangouts on Air lassen sich Hangouts live streamen und automatisch auf YouTube veröffentlichen. Was damit an neuen Formaten tatsächlich möglich ist, bleibt der Fantasie überlassen. Spannend ist es allemal.

Deshalb bleibt Google+ auch weiterhin permanent geöffnet – auch, wenn ich zugegebenermaßen den Tab in meinem Browser etwas seltener als den Facebook-Tab öffne und aktualisiere.


Thilo Specht ist Manager Cross Media & Campaigning bei der PR-Agentur Burson-Marsteller. Er entwickelt Strategien und Konzepte für die digitale Kommunikation. Auf Cluetrain PR bloggt er über das Spannungsfeld Social Media und PR, auf Twitter ist er als @tspe unterwegs.


Mathias Winks (Whudat):

Google+ – Top oder Flop? Im Gespräch mit Experten Mathias WinksDas Ding ist: ich nutze Google+ eigentlich wirklich nur als Promotool für’s Blog. Anders als bei Facebook pflege ich es nicht wirklich, ich nehme so gut wie alle Circle-Anfragen an bzw: ich „circle“ zurück und spreade dort halt alle Beiträge in der Hoffnung, dass die Leute auf’s Blog kommen. Bei facebook guck‘ ich genauer hin, da passieren halt auch „private“ Dinge, ich interagiere mit meinen „Freunden“.

Für mich als Betreiber eines Lifestyle-Blogs ist facebook ohnehin unumgänglich, meine Kundschaft ist dort, auf facebook spielt die Musik. Facebook ist quasi der Club (früher sagte man „die Diskothek“), der rund um die Uhr geöffnet hat, jeder User ist DJ, Lightjockey und Content-liefernde Tresenkraft in einem, die logische Weiterentwicklung von Klickibunti-Myspace, nur in wesentlich aufgeräumter, intuitiver Form und für Jedermann.

Google+ kommt mir eher so vor wie der mit Sagrotan behandelte Konferenzraum, oder wie der Web-gewordene Thomas Gottschalk, der cool sein will, es aber trotz größter Mühe einfach nicht schafft. Das liegt vermutlich auch daran, dass ich 95% der mich circlenden Dudes nicht kenne und dass davon wiederum ein Drittel so aussieht, als würden sie sich ausschließlich mit einem Kristall-Mineral Deostein pflegen; ich kann mich aber auch täuschen.


Mathias Winks aka MC Winkel aus Kiel bloggt inzwischen hauptberuflich auf whudat.de, eines der größten Lifestyle-Blogs Deutschlands, welches er 2004 ins Leben rief. Er wurde von den Bürgern seiner Stadt in diesem Jahr zum „Lieblingskieler 2012“ gewählt, ist Mitglied der norddeutschen Sprechgesangskombo „Büro am Strand“ und hält Durst für schlimmer als Heimweh.


Peter Bihr (NEXT Berlin)

Google+ – Top oder Flop? Im Gespräch mit Experten Peter BihrGoogle+ ist eine Alternative zu Facebook. G+ ist Wettbewerb, Wettbewerb belebt das Geschäft und sorgt für Innovationen. Das Interface ist aufgeräumter, die Interaktionsquoten höher als bei Facebook und Google als Betreiber ist nicht im gleichen Maß darauf angewiesen, die Nutzer zu monetarisieren, wie es so schön heißt. Also Nutzer zu verkaufen – denn Google verdient schon Geld, und zwar nicht zu knapp. Und die Features, oh die Features: Allein die Videochats bei Google+, die sogenannten Hangouts, sind einfach großartig. Kurz gesagt, das sozialen Netzwerk ist nach allen denkbaren Maßstäben das überlegenere Produkt.

Und trotzdem gibt es ein Problem, und zwar ein gewaltiges: Google+ fühlt sich verlassen an, vereinsamt. Obwohl praktisch jedes Posting auf Google+ mehr Reaktionen erzeugt als auf Facebook, fühlt es sich hier immer ein wenig so an, wie im Western-Film – als würde bald ein Strohballen über die menschenleere, staubige Straße wehen. Woran das liegt? Da kann ich nur spekulieren, aber ich habe eine Hypothese, bestehend aus zwei Teilen.

Erstens hat Google+ versucht, zu vieles auf einmal zu sein. Ähnlich wie ein paar Jahre zuvor bei Google Wave strotzt Google+ vor Funktionalitäten. Das überfordert Nutzer leicht. Facebook hat viel kleiner angefangen, nicht mal der Newsfeed, der heute synonym mit Facebook ist, existierte damals. Facebook ist über Jahre hinweg gewachsen und hat Features nach und nach eingebaut. Google+ startete viel größer. Und somit auch viel komplexer.

Zweitens haben die Profis Google+ sehr schnell besetzt. Die professionellen Marketer, Berater, Analysten (Ich selbst bin da schuldig im Sinne der Anklage!). Die ersten Nutzer setzen den Ton für die Community. Beweisstück A, Facebook: Hier waren die ersten Nutzer eine eingeschworene, überschaubare Gruppe von Studenten der Ivy League Universitäten. Die Nutzer kannten sich entweder persönlich oder über Bande, so konnte eine wirkliche Community entstehen, die organisch gewachsen ist. Bei Google+ waren lauter Profis am Werk, die ihre Inhalte aus verschiedensten anderen Netzwerken in die Plattform hineingespiegelt haben, Metadiskussionen über die Effizienz des Netzwerks führten und über alles gesprochen haben, außer über den Kern eines wirklich sozialen Netzwerks: Privates. So ist hier nie eine Community entstanden, die sich so (vermeintlich) vertraut und persönlich anfühlen konnte wie auf Facebook.

Und so steht Google+ heute etwas verloren da: Groß genug, um kein wirklicher Misserfolg zu sein. Ein solides Produkt. Aber ohne Liebe und wirkliche Freunde. Das zu schreiben fühlt sich fast etwas gemein an. Und kurz überkommt mich der Impuls, nach langem endlich mal wieder in meinen Google+ Account reinzuschauen. Der Impuls hält aber nicht lange: Lieber nochmal fix Twitter checken.


Peter Bihr entwickelt Strategien für die digitale Welt. Er ist Programmdirektor der Konferenz NEXT Berlin und Editor at Large des Magazins Project377. Er organisiert regelmäßig Veranstaltungen wie Cognitive Cities Conference, Ignite Berlin oder TEDxKreuzberg. Zuvor hat er die digitale Strategieberatung Third Wave Berlin mitgegründet. Zudem hat er für verschiedene kleine Onlinemagazine und Blogs als Redakteur Themen rund um das Web 2.0, Social Media und digitales Leben betreut, über die er auch auf seinem privaten Weblog www.thewavingcat.com schreibt.


Google+ – Top oder Flop? Im Gespräch mit Experten - Teil 2Google+ – Top oder Flop? Im Gespräch mit Experten (Teil 4/5)

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Andreas Weck

Andreas Weck

schreibt seit 2011 für die Netzpiloten und war von 2012 bis 2013 Projektleiter des Online-Magazins. Zur Zeit ist er Redakteur beim t3n-Magazin und war zuletzt als Silicon-Valley-Korrespondent in den USA tätig.

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