Field Of Vision: Dokumentarfilmkunst als Online-Journalismus

Eine Plattform für Filmemacher will die Produktion dokumentarischer Formate flexibilisieren und visuellen Journalismus neu erfinden. Mit dabei: Laura Poitras. Der von Ebay-Gründer Pierre Omidyar finanzierte Projektzusammenhang First Look Media experimentiert seit einiger Zeit mit unterschiedlichen Online-Formaten: Nach dem investigativen Magazin The Intercept um Glenn Greenwald und dem Team von reported.ly um Andy Carvin, das Beiträge aus sozialen Medien kuratiert, geht es nun um nicht-fiktionale Filme als Medium kritischer Berichterstattung. Auch für dieses Vorhaben steht wieder eine prominente Persönlichkeit, nämlich die für die Snowden-Doku Citizenfour mit dem Oscar ausgezeichnete Laura Poitras.

Geleitet wird Field Of Vision von einem dreiköpfigen Team: Neben Poitras gehört dazu der Filmemacher A.J. Schnack, der etwa Dokumentationen über Musiker gedreht hat (zum Beispiel “Kurt Cobain: About a Son”) und Charlotte Cook, die bis vor kurzem beim Dokumentarfilmfestival in Toronto tätig war.

In einem Interview haben die drei Verantwortlichen ausführlich über ihre konzeptionelle Vision Auskunft gegeben. Grundlegend dafür ist das Selbstverständnis als “filmmaker-driven platform”, die als Aufführungsort für Produktionen fungiert, welche auch anderweitig etwa auf Festivals oder im TV gezeigt werden können.

Insofern ist Field Of Vision aber nicht als Online-Outlet zur Zweitverwertung von Ausschnitten aus fertigen Dokumentarfilmen konzipiert, während die Publikation von Nebenprodukten nicht ausgeschlossen ist. Und schließlich will man auch selbst als Auftraggeber operieren, der die Produktionskosten übernimmt. Redaktionell ist eine Kooperation mit den Journalisten von The Intercept intendiert; das Magazin übernimmt auch das fact-checking und die Veröffentlichung der Beiträge.

Ambitionierter Ausblick

Formal stehen dabei kurze Episoden im Vordergrund, “pairing very artistic filmmaking with journalism” (Cook). “We’re also really excited about episodic, multipart or thematic storytelling”, gibt Schnack zu Protokoll. Zur Konkretisierung werden dazu verschiedene Bezugspunkte genannt: Einer ist Convention, ein Multi-Autoren-Film über den Parteitag der US-Demokraten, auf dem Barack Obama 2008 für die Präsidentschaftskandidatur nominiert wurde.

Ein anderes Vorbild ist das britische TV-Format World In Action, das von 1963 bis 1998 produziert wurde. Es gilt als investigativ, links-liberal, verfolgte einen visuellen Kampagnen-Journalismus und assoziierte sich intensiv mit der zeitgenössischen Pop-Kultur. Auf diese nimmt auch Poitras Bezug, wenn sie das Storytelling bei der Netflix-Erfolgs-Serie House Of Cards als ein weiteres Vorbild nennt.

Und außerdem fühlt man sich dem soziologischen Stil des Cinéma Vérité verpflichtet: Die direkte Interaktion zwischen Filmemacher und Gefilmtem soll nicht verschleiert, sondern zum Gegenstand der ästhetischen Reflexion werden. An solchen Kategorien orientiert kulminiert der Ausblick schließlich in der programmatischen Parole, die Poitras ausgibt: “expand the language of visual journalism”.

Programm-Vorschau

Wie das aussehen könnte zeigen vorab im Netz veröffentlichte Ausschnitte respektive Standbilder mit Titeln von Filmen und den Namen ihrer Macher. Laura Poitras selbst startet mit einer Serie über das Asyl von Julian Assange in der Ecuadorianischen Botschaft in London. Ebenfalls angekündigt sind “Notes from the Border”, ein Beitrag zum Thema Flucht von Iva Radivojevic.

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Sie hat ihr Debüt mit dem durch Crowdsourcing finanzierten und preisgekrönten Film Evaporating Borders vorgelegt. Heloisa Passos beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Obdachlosen und ihren Hunden in Brasilien, Kirsten Johnson mit militärischer Überwachung in Kabul, Dustin Guy Defa thematisiert Kunst und Rebellion in Detroit und um LGBT-Rechte geht es Michel Palmieri und Donal Mosher unter dem Titel “Peace in the Valley”.

Die Premiere dieser Beiträge findet übrigens offline statt, nämlich beim New York Filmfestival, wo es einen eigenen Programmpunkt dazu gibt: Field Of Vision: New Episodic Nonfiction.

Flexibilisierung des Formats Dokumentarfilm

Ob das Projekt tatsächlich unseren Horizont erweitert, wie sein Name andeutet, bleibt abzuwarten. Die intendierte Innovation scheint zunächst vor allem in der Flexibilisierung des dokumentarischen Formats zu liegen: Kurze Inhalte, die schneller produziert sowie online publiziert werden können und dadurch einen Beitrag zu aktuellen Diskussionen leisten.

Vielleicht könnte also “Field of Vision” nicht ästhetisch, aber strukturell ähnliches bewirken, wie VICE im News-Bereich oder die Streaming-Dienste im Feld der Fernsehserien.


Teaser & Image by Field Of Vision


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Erik Meyer

Erik Meyer

ist Politikwissenschaftler und zu seinen Schwerpunkten zählen Erinnerungskultur 2.0, Netzpolitik und politische Online-Kommunikation. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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