Allzeit bereit: Macht ständige Erreichbarkeit im Job krank?

Eric Pickersgill und seine Frau liegen Abends im Bett. Eigentlich haben sie schon „gute Nacht“ gesagt, doch bevor sie die Augen schließen und den Tag hinter sich lassen, guckt jeder von ihnen nochmal zwanghaft auf das Smartphone. Es könnte ja noch etwas Wichtiges geben, was sie vor dem Schlafengehen noch lesen, beantworten oder posten müssen. Am nächsten Morgen ist es genau das Gleiche. Die erste Geste des Tages ist der Griff zum Smartphone – nicht, dass man nachts womöglich etwas verpasst hat. Diesen ständigen Drang zur Erreichbarkeit hat Eric Pickersgill in seiner Fotoreihe „Removed“ künstlerisch verarbeitet.

Jeder fünfte Erwerbstätige ist psychisch krank

Doch nicht alle von uns können unsere Zwänge so wie Eric Pickersgill in Fotos festhalten und aufarbeiten und so bleibt bei vielen daher ein Gefühl des Ausgelaugtseins, des Ausgebranntseins und der Angst, wichtige Ereignisse zu verpassen. Technologien wie das Internet oder Smartphones haben dazu geführt, dass wir theoretisch 24 Stunden am Tag erreichbar sein können. Das gilt nicht nur für Familie und Freunde, sondern auch für den Chef und die Arbeitskollegen. Die klassische Trennung von Arbeit und Freizeit löst sich immer mehr auf, wenn jeder zu jede Zeit verfügbar ist. Doch wie wirkt sich das praktisch auf unseren Alltag aus? Wie beeinflusst das unsere Psyche und wie verändert dies letztlich unsere Gesellschaft, wenn wir auch noch nach Feierabend arbeiten? Macht die ständige Erreichbarkeit im Job uns krank? Einige Studien scheinen das zu bestätigen. Eine Erhebung der Techniker Krankenkasse ergab, dass bei jedem fünften Erwerbstätigen psychische Störungen diagnostiziert wurde. Ob dies ausschließlich auf eine erhöhte Erreichbarkeit zurückzuführen ist, ist allerdings fraglich. Dennoch steht fest: Unser Arbeitsalltag verändert sich. Die Tatsache, dass wir zumindest theoretisch jederzeit von überall per Smartphone E-Mails beantworten können oder wir uns die Firmendokumente per Cloud-Technologie zu Hause anschauen können, hat natürlich auch dazu geführt, dass sich diese Kultur der ständigen Erreichbarkeit auch bei immer mehr Unternehmen zur Norm wird. So hat eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Hightech-Verbands Bitkom ergeben, dass 74 Prozent derjenigen, die über Weihnachten und Neujahr Urlaub haben, trotzdem per E-Mail oder Telefon beruflich zu erreichen sind. In 62 Prozent der befragten Firmen gibt es darüber hinaus keine Vorgaben, wann die Mitarbeiter elektronisch erreichbar sein sollen und wann nicht. Diese Flexibilität der Arbeitszeiten gilt für einige Branchen sicher mehr als für andere. Internationale Unternehmen, Börsenmakler oder Journalisten, die mit einem permanenten Informationsfluss aus aller Welt arbeiten, sind davon sicherlich stärker betroffen als der lokale Bäckerladen. Für andere Berufsgruppen wie Ärzte, Apotheker oder Krankenhauspersonal ist ständige Erreichbarkeit zu Zeiten, in denen andere schlafen, wiederum seit jeher Teil des Jobs.

Trotz klarer Gesetze gibt es Grauzonen bei ständiger Erreichbarkeit

Tatsächlich ist in Deutschland die Arbeitszeit per Gesetz klar geregelt. „Arbeitnehmer dürfen höchstens zehn Arbeitsstunden täglich und maximal 48 Stunden in der Woche arbeiten,“ sagt Frank Achilles, Fachanwalt für Arbeitsrecht der Firma Eversheds in München. Arbeitnehmer haben sogar das Recht, die Arbeit zu verweigern, wenn von ihnen verlangt wird, über das gesetzlich erlaubte Maß hinaus zu arbeiten. Selbständige, Führungskräfte und Freiberufler schützt diese Regelung allerdings nicht. Auch gibt es bisher keine klaren Regelungen zur ständigen Erreichbarkeit, was rechtlich wiederum schwierig werden kann, sagt Achilles:

Völlig unklar ist derzeit beispielsweise, inwieweit jemand, der am Abend bevor er zu Bett geht, noch einmal schnell E-Mails auf seinem BlackBerry checkt, hier tatsächlich noch einer Arbeit im Sinne des Arbeitszeitgesetzes nachgeht oder aber das Ganze als Bagatellfall abzutun ist und arbeitszeitrechtlich damit nicht zu berücksichtigen.

Auch wenn einige Firmen wie zum Beispiel die Deutsche Telekom festlegen, wann jemand erreichbar sein darf, ist das sicherlich noch die Ausnahme. Frank Achilles vermutet außerdem, dass solche Regelungen eher als Marketing-Kampagne zu sehen sind und nicht unbedingt den betroffenen Angestellten helfen. Dennoch glaubt Achilles, dass Deutschland in Sachen Arbeitszeit wesentlich besser aufgestellt ist als andere Länder. Unter den OECD-Ländern gehört Deutschland zu den Ländern, in denen am wenigsten gearbeitet wird. In den USA arbeiten Angestellte etwa 25 Prozent mehr pro Jahr und in Japan sind es sogar 50 Prozent.

Die Verschmelzung von Freizeit und Arbeit ist nichts Neues

Dennoch bedeutet das nicht, dass die Kultur der ständigen Erreichbarkeit uns nicht psychisch belastet. Bislang gibt es zwar noch keine wissenschaftlichen Studien, die eindeutig belegen, dass die neue Technologie und die damit steigende Erreichbarkeit uns tatsächlich krank macht. Andererseits wurde schon oft und vielfach belegt, dass eine höhere Arbeitsbelastung und weniger Erholungsphasen das Burnoutrisiko steigern. Es liegt also nahe zu vermuten, dass permanente Arbeitsbereitschaft uns langfristig nicht gut tut. Dabei ist die Verschmelzung von Freizeit und Arbeit nichts Neues, sagt Christian Dormann:

Viele Tausend Jahre gab es in der menschlichen Entwicklungsgeschichte eine Einheit von Arbeit und Nicht-Arbeit. Erst mit dem Aufkommen der landwirtschaftlichen Produktion, der Manufaktur und der Fabrikation wurden die Trennlinien immer deutlicher. Jetzt beginnen sie sich wieder aufzulösen.

Dormann ist Psychologe und Professor für Wirtschaftspädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Er ist optimistisch, dass sich die Menschen wieder an diese verschmolzene Lebens- und Arbeitsform anpassen werden. Wir müssen es nur wieder lernen. Sonst besteht tatsächlich die Gefahr, dass wir zu wenige Erholungsphasen in unserem Leben haben und damit tatsächlich ausgelaugt, müde und sogar depressiv werden können.

Dem Zwang zur ständigen Erreichbarkeit entfliehen

Doch kann man sich selbst davor schützen, wenn neue technische Entwicklungen darauf abzuzielen scheinen, die Arbeitszeiten zu erweitern und uns noch produktiver zu machen? Google testet gerade das erste selbstfahrende Auto und Wissenschaftler entwickeln spezielle Schlafschalen, damit wir nicht mehr so viel schlafen müssen. Heiko Breitsohl, Experte für Arbeitspsychologie und Juniorprofessor an der Universität Wuppertal, glaubt aber nicht, dass diese neuen Entwicklungen unbedingt eine negative Auswirkung auf das Verhältnis zwischen Erholung und Arbeit haben müssen:

Ich bezweifle, dass Schlafforschung ermöglicht, dass wir weniger Schlaf brauchen und was selbstfahrende Autos betrifft, ist die Frage womit man sie vergleicht. Sicherlich wird es in diesen Fahrzeugen leichter sein, schon auf dem Weg zur Arbeit produktiv zu sein. Andererseits wird so Arbeiten auf dem Weg mit selbstfahrenden Autos auch sicherer werden. In jedem Fall wird sich die Zeit im Auto besser nutzen lassen, egal ob für Arbeit oder Erholung.

Das Problem der ständigen Erreichbarkeit liegt also weder in der Technologie und auch nicht darin, dass wir stets erreichbar sein können. Es entsteht dann, wenn wir dauernd erreichbar sein müssen. Um sich vor dem Zwang der Erreichbarkeit selbst zu schützen, sollte man daher klare Grenzen setzen und Regeln aufstellen, rät Christian Dormann:

Das können Regeln sein wie: kein Handy am Esstisch, kein Notebook im Wohnzimmer, kein Reden über die Arbeit, wenn Kinder in der Nähe sind. Keine dieser Regeln ist per se gut. Genauso kann man sagen, kein Handy im Schlafzimmer, keine Aktentasche an der Garderobe, und kein Reden über Arbeit, wenn Freunde in der Nähe sind. Die Regel an sich ist es nicht, was den Unterschied macht. Die Hauptsache ist, man hat Regeln.

Diese Regeln sollte man nicht nur zu Hause aufstellen, sondern natürlich auch auf der Arbeit. Wer der Ansicht ist, dass ihn die Dauerbereitschaft für den Job zu sehr auslaugt, sollte dies mit seinem Arbeitgeber klären, sagt Heiko Breitsohl: „Es gibt durchaus Unternehmen, die verstehen, dass ständige Erreichbarkeit nicht nur nicht unbedingt nötig, sondern sogar schädlich sein kann.“ Doch auch wenn wir wissen, dass wir eigentlich Grenzen setzen sollten, ist dies oft einfacher gesagt als getan. Selbst nach seiner Fotoreihe über smartphonebesessene Menschen greift Eric Pickersgill immer noch jeden Abend vor dem Schlafengehen nach seinem Handy.


Image adapted „Busy moments!“ by Pedro Serapio (CC BY 2.0)


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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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