Die Umstellung auf Elektroautos – das Schwarze Loch der Wirtschaft?

Eine der wichtigsten politischen Ankündigungen der britischen Regierung im letzten Jahrzehnt – mit Ausnahme des Brexit – ist wahrscheinlich das Verkaufsverbot für neue Dieselfahrzeuge, Benziner und LKW ab dem Jahr 2040. Es scheint der Schlüsselmoment im Kampf gegen Verschmutzung und Klimawandel zu sein, aber der Wechsel von fossilen zu elektronisch betriebenenen Fahrzeugen wird einschneidend und extrem teuer. Die Auswirkungen müssen systematisch überdacht werden.

Dabei wird wohl als erstes klar, dass das britische Steuersystem einen enormen Schock erleiden wird. Die Regierung nahm etwa 28 Milliarden Pfund durch Kraftstoffsteuer im Jahr 2016/2017 ein. Es handelt sich dabei um den größten Teil der indirekten Besteuerung und beläuft sich dabei auf die gleiche Menge, wie Tabak-, Alkohol-, Spiel- und Kraftfahrzeugsteuer zusammen genommen.

Die Beseitigung von Dieselfahrzeugen, Benzinern und Lastwagen wird diesen Steuerfluss schwächen – dieser muss daraufhin ersetzt werden. Die Besteuerung von Benzin und Diesel beträgt im Moment 69 Prozent des Gesamtpreises. Zum Vergleich: die Einnahmen durch Besteuerung von Kraftstoff tragen die Renten für mehr als 4 Millionen Briten.

Elektronische Träume

Um die durch das Verbot verloren gehenden Gelder zu ersetzen, wäre eine Ladesteuer für Elektroautos eine Möglichkeit. Momentan beträgt die Mehrwertsteuer auf gemeinschaftliche Energienutzung fünf Prozent – die Zahl müsste dramatisch ansteigen, um den Verlust auszugleichen.

Bisher hat sich die Regierung dazu noch nicht geäußert. Anscheinend wurde der Sachverhalt bis jetzt als gegeben hingenommen oder vielleicht auch einfach ignoriert. Es scheint, als wäre es noch lange hin bis zum Jahr 2040, und der Übergang wird durch die Produktlebenszyklen abgemildert. Allerdings werden sich die Kaufgewohnheiten der Menschen schon lange vor der Frist dramatisch ändern.

Für jedes Land muss eine kreative Lösung für das steuerliche Defizit entwickelt werden, die dem gleichen Kurs folgt. Doch Grund zur Sorge ist nicht nur die ungewisse Steuerlage. Das allmähliche Ersetzen von mehr als 31 Millionen Dieselfahrzeugen und Benzinern mit Elektrofahrzeugen oder selbstfahrenden Fahrzeugen stellt einen Moment des Wandels dar, der für Großbritannien womöglich eine noch größere Bedrohung darstellt als der Brexit.

Im Jahr 2017 erreichte die Marktkapitalisierung des Elektroauto-Pioniers Tesla 51 Milliarden US-Dollar und übertraf damit die von General Motors und ist somit merklich höher als die von Ford. Die Auswirkung revolutionärer Technologien auf etablierte und konventionelle Automobilherstellen wird nun offensichtlich. Wir können nicht wissen, wie sich das in einem Land wie Großbritannien, in dem 169.000 Arbeiter in diesem Bereich beschäftigt sind und ein Umsatz von mehr als 70 Milliarden britische Pfund in diesem Bereich gemacht wird – was sich jedoch bisher kaum mit dieser neuen Industrie in Kontakt kam – auswirkt. Wo also bleibt die britische oder europäische Version eines Tesla?

Netzblockade

Das Verbotsziel im Jahr 2040 bringt ein weiteres großes Problem mit sich. Die 25.410.360 Häuser und Grundstücke in England und Wales müssen neu vernetzt werden. Das momentane System wird nicht ausreichen. Wenn jeweils zwei Autos zur täglichen Fortbewegung geladen werden müssen, so würde das das bisherige System aufgrund der zu hohen Belastung zerstören.

Das heißt, alle Häuser und alle Netze, die diese versorgen, müssen ausgebaut werden, um sicherzustellen, dass die benötigte Menge zum Laden der Elektrofahrzeuge sicher zur Verfügung gestellt werden kann. Ein weiterer erheblicher Kostenfaktor, der noch mehr Störungen mit sich bringt.

Es ist zwar möglich, ein Fahrzeug an einer gewöhnlichen britischen Steckdose aufzuladen, jedoch würde die Ladezeit etwa 12 bis 15 Stunden betragen. Außerdem besteht Brandgefahr, wenn die Steckdose alt ist oder für die enorme Energiemenge ungeeignet. Spezielle 32-Ampere-Ladestellen mit einer Ladezeit zwischen fünf und sieben Stunden könnten installiert werden. Jedoch stellt sich die Frage: Hat Großbritannien genügend Elektriker, um den Ausbau umzusetzen?

Die Veränderungen lassen außerdem davon ausgehen, dass es in erster Linie genügend Elektrizität gibt. Großbritannien leidet jedoch schon seit mehr als zwei Jahrzehnten an der ungenügenden Investition in Stromerzeugungskapazität. Zum jetzigen Zeitpunkt würde das Laden von Millionen Elektroautos in Ausfällen und Systemversagen im ganzen Netz resultieren.

Hunderte Milliarden Pfund an Investitionen in zusätzliche Stromerzeugungskapazitäten werden nötig sein. Im Juli hat National Grid einen Bericht veröffentlicht, der verschiedene Szenarien untersucht und zukünftige Verbrauchszahlen des Systems vorhergesagt hat. Eines dieser Szenarien stellte vor, dass im Jahr 2050 alle Fahrzeuge elektrisch seien, was einen Höchstverbrauch von ebendiesen Fahrzeugen auf einem Höhepunkt von 30 Gigawatt erreichen könnte. Das ist ungefähr die Hälfte des momentanen Gesamtbedarfs.

Die Regeln der Straße

Doch die wesentlichen Fragen fangen hier erst an. Straßen und Bürgersteige werden durch die Installation elektronischer Ladestationen einen enormen Umbruch erfahren. Was wird aus den 8.500 Tankstellen in Großbritannien? Auch wenn die meisten zu elektronischen Ladestationen umgebaut werden, müssen diese dennoch gewartet und dekontaminiert werden. Es wird einen signifikanten Einbruch der Beschäftigungszahlen und der Wirtschaft geben, wenn die Raffinerien schließen. Dies wird sich auf 18.000 Vollzeitstellen in Großbritannien auswirken. Auch andere kleine, subtile Änderungen werden sich ergeben. Die Umgangsformen werden neu definiert – wann kann man die Ladestation des Nächsten für umsonst nutzen, wann gegen Gebühr?

Das Verbot verlangt nach einer dramatischen Restrukturierung des Steuersystems zusammen mit der neuen Investition in die Infrastruktur. Unsere Schätzung in Höhe von einer Milliarde britischer Pfund ist auf der Basis der Kosten neuer Stromerzeugung in Kombination mit der Installation von Ladestationen kalkuliert. Es handelt sich um einen Ausgangspunkt für Diskussionen. Niemand ar bisher in der Lage, die vollständigen Kosten dieser einfachen Regierungserklärung zu kalkulieren.

Es könnte sein, dass sich die Verkehrsmittelnutzung in einer Weise verändert, dass viele der möglichen Investitionen nicht gebraucht werden – der Besitz eines Autos könnte vielleicht durch die Autoversion der bereits bestehenden Fahrradverleih-Systeme in Städten ersetzt werden. Dennoch hat Großbritannien nur 23 Jahre Zeit, um sich an die zukünftig wichtigste Form des Transports, der Energieerzeugung und der Steuerrevolution anzupassen – zumal auch persönliche Datenwolken und das Internet selbst im Fahrzeug Einzug halten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „City Trafic Lights“ by NegativeSpace (CC0 Public Domain)


The Conversation

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John Bryson

John Bryson

ist Professor an der Universität von Birmingham für internationale und strategische Wirtschaft mit einem Schwerpunkt auf Entrepreneurship und Enterprises. Er ist ebenfalls Kommentator in den Medien für Themen in zur nationalen Wirtschaftslage in Großbritannien.

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Tasos Kitsos

Tasos Kitsos

ist ein Politik- und Datenanalytiker am City REDI Forschungszentrum der Universität von Birmingham. Er arbeitet gerade an seiner Doktorarbeit mit dem Thema der Auswirkungen der Wirtschaftskrise von 2008, und wie verschiedene Regionen in Großbritannien mit der Wirtschaftslage umgegangen sind.

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