Digtaler Minimalismus (Image: apid – picsastock.com)

Digitaler Minimalismus

Minimalismus als Lebenseinstellung versucht, durch Verzicht auf Besitz persönliches Glück zu finden. Welche Rolle spielt die Digitalisierung dabei? // von Björn Rohles

Digtaler Minimalismus (Image: apid – picsastock.com)
Image: apid – via picsastock.com

Mein ganzes Hab und Gut passt in einen Rucksack“ – mit diesen Worten war vor einigen Wochen ein interessantes Interview mit einem Minimalisten hier bei den Netzpiloten betitelt. Das Zitat stammt von Thomas Schranz, und er ist nicht alleine: Sebastian Küpers besitzt nach eigenen Angaben seit letztem Jahr weniger als 100 Gegenstände, und die Zahl deutschsprachiger Blogs zum Thema steigt. Hinter dem Verzicht auf Besitz steckt jedoch mehr: die Suche nach persönlichem Glück, durch und mit der Digitalisierung.


Warum ist das wichtig? Minimalismus ist als Idee und Lebensstil auf dem Vormarsch, gerade auch durch die Digitalisierung.

  • Minimalismus ist mehr als „Verzicht auf Besitz“: Es geht um persönliches Glück und kritisches Hinterfragen von Konsum.

  • Der digitale Minimalismus zeigt sich in verschiedenen Ausprägungen überall in der Gesellschaft, besonders beim Streaming, Sharing und Lifehacking.

  • Bewusste digitale Auszeiten könnten bald ebenso fester Teil des Lebensstils sein.


Minimalismus als die Suche nach dem eigenen Glück

„Minimalimus“ kommt aus der Kunst, wo der Begriff eine Richtung beschreibt, die Werke auf die grundlegenden, klaren Strukturen reduzieren möchte. Als Lebenseinstellung beschreibt das Wort eine Alternative zum Leben im Überfluss. Minimalismus heißt aber nicht nur, möglichst viele Gegenstände loszuwerden – damit würde man ein komplexes Phänomen auf das Offensichtliche verkürzen. Ziel ist die Maximierung von Lebensqualität – sein Leben bewusst zu gestalten und dabei auf alles zu verzichten, das unnötigen Ballast darstellt – in dieser Hinsicht bezeichnet Sebastian Michel die minimalistische Einstellung sogar als „Maximalismus„. Konsum wird kritisch gesehen, wobei die Spannbreite vom kritischen Hinterfragen von Konsum bis zu Aussteigern reicht.

Was macht den Reiz dieses bewussten Verzichts aus? Flexibilität, ein unbelastetes Lebensgefühl, Konzentration auf das Wesentliche im Leben – diese Ideen haben in den vergangenen Jahren durch die Digitalisierung der Gesellschaft viele Anhänger gewonnen. Wegbereiter sind besonders Kelly Sutton mit seiner (mittlerweile nicht mehr aktualisierte) Website CultOfLess und The Minimalists von Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus. Hinzu kommt: Die Digitalisierung vieler Lebensbereiche vereinfacht den Verzicht auf physischen Besitz – Martin Weigert hat dafür den Begriff des „digitalen Minimalismus“ geprägt.

Streamen und Teilen: Zugang statt Besitz

Im Konsum von Medien ist dieser Wandel offensichtlich: Ob Musik (Spotify, Simfy, Deezer…), Filme und Serien (Watchever, Netflix, Amazon Instant…), E-Books (Skoobe, Readfy) – für eine geringe monatliche Gebühr oder durch Werbefinanzierung erhalten Kunden Zugriff auf eine große Zahl von Medien. Das wird genutzt: Bei der renommierten ARD-ZDF-Onlinestudie 2013 lag die Nutzung von Audio-Streaming-Diensten bei den 14–29-Jährigen beispielsweise bereits bei 11 Prozent. Ähnliches lässt sich von verwandten On-Demand-Diensten sagen – Mediatheken nutzen (15 Prozent), Videostreaming (6 Prozent). Der Trend ist klar: Der Ad-Hoc-Zugang zu digitalen Inhalten kommt, besonders in der jüngeren Bevölkerung, für die der Zugang zum Netz zur persönlichen Grundversorgung gehört – wichtiger als ein Auto.

Zugang statt Besitz – das beschränkt sich nicht auf digitale Medien: Was man nur ab und zu benötigt, kann man komfortabel von anderen leihen. Plattformen wie Leihdirwas, WHY own it und Fairleihen setzen auf die Lust am Aus- und Verleihen, wie es sie schon immer gegeben hat: Sie bringen Interessenten und Verleiher zusammen, ohne dass sie sich zwangsläufig kennen müssen. Wer etwas dauerhaft nicht mehr benötigt, kann es über Gruppen wie „Free Your Stuff“ an jemanden verschenken, der dafür mehr Verwendung hat.

An der Basis dieser Entwicklung steht ein einfacher Wunsch: Der Verschwendung Einhalt gebieten. Wenn eine Bohrmaschine im Schnitt in ihrem gesamten Leben nur rund 13 Minuten verwendet wird – warum sollte dann jeder Haushalt eine Bohrmaschine besitzen? Unter dem Begriff der „Shareconomy“ wird der Trend und seine wirtschaftlichen Auswirkungen bereits in großem Stil thematisiert. Für die Autorin Greta Taubert ist nachhaltiges Teilen die große Utopie für das Jahr 2050, bei der Teilen normal geworden ist – aus der „Shareconomy“ wird die „Economy“.

Verschwendung eindämmen – das ist auch der Wunsch der Lifehacker. Hacker gehen kreativ und spielerisch an Probleme heran – Lifehacker wenden dieses Verfahren auf alltägliche Herausforderungen an. Ziel: Neue und kreative Lösungen finden. Einer der bekanntesten Life Hacks ist eine Bageldose aus einer alten CD-Spindel – kein Vergleich zum gewaltigen Sortiment industrieller Hersteller, die für jeden Fall eine eigene Dose anbieten.

Digitaler Zugang und digitale Entgiftung

Die Digitalisierung und besonders das Netz haben also dazu beigetragen, einen minimalistischen Lebensstil erreichbarer zu machen: Weniger physischen Besitz durch mehr digitalen Zugang. Doch frage ich mich: Liegt hier nicht auch die neue Herausforderung für den digitalen Minimalismus?

Eine persönliche Geschichte kann das illustrieren: Vor einiger Zeit habe ich mich entschlossen, den Video-Streaming-Anbieter zu wechseln. Kurz vor Ablauf meines Abos fiel meine Aufmerksamkeit auf eine Serie, die es unverschämterweise nicht beim neuen Streamer meines Vertrauens gab – das Ergebnis war ein Wochenende, an dem ich mir noch schnell alle Folgen der Serie angeschaut habe. Was mich daran besonders nachdenklich stimmt: Obwohl es meine eigene Entscheidung war, die Serie zu sehen, würde ich nicht behaupten, vollkommen frei gewesen zu sein – eher musste ich sogar einiges umplanen, um Zeit für die Episoden zu schaffen. Ein Glück, dass es zu diesem Zeitpunkt nur eine Staffel gab.

Das ist eine rein persönliche Geschichte, die so oder ähnlich aber sicher häufig vorkommt. Diese Beobachtungen könnte man endlos weiterführen: Natürlich bewirken Smartphones mehr Freiheit, weil man unterwegs dank Streaming immer die richtige Musik zum Zugriff hat – aber wer ein beruflich genutztes Smartphone besitzt, weiß auch, welche Belastung davon ausgehen kann. Ich kenne Menschen, die es als Befreiung empfinden, dass sie im Urlaub ihre E-Mails ausschalten und nur noch per Telefon erreichbar sind. Es im Urlaub ganz auszuschalten, daran ist nicht zu denken.

Digital Detox„, digitale Entgiftung nennt sich die Bewegung, die genau dort ansetzt: Durch gezielte digitale Auszeiten den Menschen dabei helfen, eine persönliche Balance in der digitalen Welt zu finden. Vielleicht ist das der Wegweiser in eine neue Auseinandersetzung im Umgang mit Zugang zu digitalen Medien und dem persönlichen Glück: Die Frage, wann man sich bewusst aus der digitalen Welt ausklinken muss, um glücklich(er) sein zu können – nicht immer, aber manchmal. Und auch das ist eine Form von Minimalismus.

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Björn Rohles

Björn Rohles

ist Medienwissenschaftler und beobachtet als Autor („Grundkurs Gutes Webdesign“) und Berater den digitalen Wandel. Seine Themenschwerpunkte sind User Experience, anwenderfreundliches Design und digitale Strategien. Er schreibt regelmäßig für Fachmedien wie das t3n Magazin, die Netzpiloten oder Screenguide.

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