Mind The Gap (Bild: Pawel Loj [CC BY 2.0], via Flickr)

Digital-Index 2014: Umgang mit dem digitalen Grabem

Wie umgehen mit dem digitalen Graben? Der Digital-Index 2014 gibt darauf eine bisher kaum beachtete Antwort. // von Tobias Schwarz

Mind The Gap (Bild: Pawel Loj [CC BY 2.0], via Flickr)

In der vergangenen Woche stellte die Initiative D21 ihren jährlichen Digital-Index vor, in dem die Entwicklung des Digitalisierungsgrads der deutschen Bevölkerung – ihr Zugang, ihre Kompetenz, ihre Offenheit sowie ihre Nutzungsvielfalt bezogen auf digitale Medien und das Internet – genauer untersucht werden. Diese Studie habe ich bereits grundlegend besprochen, die zwar mit einem Anstieg von nur 0,1 Index-Punkten eine Stagnation der Entwicklung vermuten lässt, aber vor dem Hintergrund einer immer älter werdenden Bevölkerung und der allgemeinen Verunsicherung durch den politisch ohne Konsequenzen gebliebenen Überwachungsskandal auch positiv gelesen werden kann.

Digitale Kompetenzen müssen aufgebaut werden

Nichtsdestotrotz ist das im Vergleich zu den letzten Jahren nur geringe Wachstum Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems, denn die Studie belegt auch, dass der digitale Graben wächst. Die Autoren mahnen in dem Bericht an, dass die strukturelle Benachteiligung überwunden werden muss, denn „angesichts der fortschreitenden Digitalisierung aller Lebensbereiche muss nachhaltig sichergestellt werden, dass alle Bürger und Bürgerinnen zur Teilhabe an der digitalen Gesellschaft befähigt sind“. Dies geht vor allem durch Angebote in der Schule, die aber vielseitiger als das Anschaffen von Tablets für jedes Kind und Programmierkurse in der Grundschule sein müssen. Die für Bildung zuständigen Länder sind hier gefragt, damit in der Zivilgesellschaft „digitale Kompetenzen aufgebaut werden können“.

Soweit geht die Politik noch mit, zum Teil aber ohne Konsequenzen im Handeln, doch ein Aspekt der Studie wird wissentlich übersehen: Die Kinder, denen vielleicht schon heute digitale Kompetenzen vermittelt werden, sind erst in ungefähr zwei Jahrzehnten berufstätig. Bis dahin wird die Digitalisierung aber weiter voranschreiten, der digitale Graben noch mehr wachsen und größere Teile der Gesellschaft werden abgehängt sein. Die Zahl der digital weniger erreichten Nutzergruppen sank zwar in 2014 um 3 Punkte auf 63 Prozent, doch nur 37 Prozent der Deutschen sind digital souverän. Schaut man sich genauer an, wer die digitale Gesellschaft ist, welche Nutzertypen sie definieren, fällt auf, dass neben der Bildung vor allem die Berufstätigkeit relevant ist, wenn es um digitale Kompetenzen geht.

Zwei Drittel der Bevölkerung können in „außenstehende Skeptiker“ (26 Prozent, 2013: 29 Prozent), „häusliche Gelegenheitsnutzer“ (30 Prozent, 2013: 28 Prozent) und „vorsichtige Pragmatiker“ (7 Prozent, 2013: 10 Prozent) unterteilt werden. Die Skeptiker sind im Durchschnitt 66 Jahre alt, 75 Prozent von ihnen sind nicht mehr berufstätig und nur 15 Prozent von ihnen nutzen das Internet. Sie erreicht man am besten mit Projekten, wie dem SeniorenComputerClub Berlin-Mitte, der durch dessen Koordinator Günther Voß im 13. Berliner Hinterhofgespräch von uns und Politik Digital  genauer vorstellt wird:

Digitalisierung durch die (digitalisierte) Arbeit

Der Rest der Bevölkerung, immerhin 70 Prozent, hat gemeinsam, dass er überwiegend berufstätig ist und eine bessere Bildung genossen hat. Schon die Gelegenheitsnutzer sind zur Hälfte berufstätig und weisen bereits einen mittleren Digitalisierungsgrad auf. Sie sind zwar nur oberflächlich mit den neuen Technologien vertraut, nutzen aber nahezu komplett (97 Prozent) das Internet, hauptsächlich für Internetrecherche und Online-Shopping. Ähnlich sieht es bei den Pragmatikern aus, nur dass sie im Durchschnitt noch einmal zehn Jahre jünger sind und das Internet bedächtig nutzen, weil sie vor allem die Sicherheitsrisiken wahrnehmen. Hier muss deshalb bereits die Kompetenzvermittlung ansetzen, denn diese beiden Gruppen sind immerhin noch so lange berufstätig, bis der mit den neuen Technologien aufgewachsene Nachwuchs nachgerückt ist.

Um diese „weniger internet- und technikaffinen Gruppen mit niedrigerem Index-Wert zu erreichen und zu schützen“, sind aber auch die Unternehmen gefragt, denn es ist eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Möglichkeiten der Kompetenzerlangung und Teilhabe anzubieten“, wie es die Autoren des Digital-Index formulieren. Neben den Ländern ist auch der Bund gefragt. Zum einen muss der Datenschutz modernisiert und ein funktionierender Verbraucherschutz gewährleistet werden. Bis jetzt reagiert der Datenschutz vor allem mit Verboten, wie die auf Verzicht setzenden Empfehlungen der Landesdatenschützer zeigen, anstatt den Verbraucherschutz zu stärken. Zum anderen sollten aber auch Anreize gesetzt werden, damit Unternehmen verstärkt die Vermittlung von digitalen Kompetenzen bei Arbeitnehmern durchführen.

Das hilft auch den digital Souveränen, die im Durchschnitt unter 40 Jahre alt, gut ausgebildet und überwiegend berufstätig sind sowie das Internet breit nutzend. Bei ihnen liegt die „Herausforderung darin, sie in ihrem pionierhaften Erkunden der digitalen Möglichkeiten zu ermutigen und in ihrer Entwicklung nicht einzuschränken“, wie es im Bericht zum Digital-Index steht. Auch das erfolgt vor allem im Berufsalltag. Doch bis jetzt zielen die meisten Strategien der Bundesregierung auf die Förderung der Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien bei kleineren und mittleren Unternehmen. Die größten Arbeitgeber Deutschlands fallen nicht unter den Förderschwerpunkt Mittelstand-Digital, weshalb ein großer Teil der Bevölkerung nicht beim Erlangen von digitalen Kompetenzen unterstützt wird.

Der digitale Graben wird ignoriert

Die Bundesregierung scheint die Gefahren des wachsenden digitalen Grabens zu ignorieren. Die noch nicht mit Taten untermauerten Worte der Digitalen Agenda greifen zu kurz in der Förderung der Digitalisierung der Gesellschaft, denn es wird populistisch und auch dann noch unzureichend, vor allem auf die Bildung der Jugend gesetzt, während ein großer Teil der Bevölkerung vergessen wird. Und das, obwohl gerade durch die Arbeit viele Kompetenzen vermittelt werden könnten.

Dieser Artikel ist zuerst auf Carta erschienen und steht unter CC BY 4.0.


Teaser & Image by Pawel Loj (CC BY 2.0)


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Tobias Schwarz

Tobias Schwarz

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit.

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