Demonstranten nutzen FireChat, um Internetsperren zu entgehen

Nachdem die chinesische Regierung Instagram als Kommunikationskanal für die Demonstranten geblockt hat, organisieren diese sich dank FireChat per Mesh-Netzwerk. Früher hatte jede Revolution einen Helden aus Fleisch und Blut, heute dagegen eine Technologie, die sich in den Protesten gegen die Regierung einen Namen macht. Bei den Unruhen in London war der BlackBerry Messenger noch das Kommunikationsmittel der Wahl, Twitter hat eine essentielle Rolle beim Arabischen Frühling gespielt und in der Türkei konnten die Internetsperren mit VPNs umgangen werden. Auch die Proteste in Hong Kong haben einen technologischen Helden, die Messenger-App FireChat, die dank Mesh-Netzwerk auch ohne Internetverbindung genutzt werden kann.

Mesh-Netzwerke gegen Internetsperren

Als die Proteste in Hong Kong Ende September an Fahrt gewannen, hat die chinesische Regierung schnell gehandelt. Da die meisten Demonstranten Instagram nutzten, um sich zu organisieren, wurde der Foto-Sharing-Dienst kurzerhand geblockt. Die Konsequenz daraus war aber nicht etwa, dass die Proteste nachlassen, denn wie zu erwarten war, haben die Demonstranten kurzerhand einen neuen Dienst zur Kommunikation auserkoren: FireChat. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine normale Gruppenchat-App, wie es sie zuhauf gibt, aber ein Feature hebt FireChat von der Konkurrenz ab und macht es zum perfekten Kommunikations-Tool der Demonstranten.

FireChat bietet einen sogenannten „Nearby Mode“, mit dem sich die App auch ohne Internetverbindung nutzen lässt. Die App kreiert dann ein Mesh-Netzwerk, bei dem verschiedene Geräte sich per Bluetooth verbinden und so ein dezentrales Netzwerk bilden. Ursprünglich war FireChat als Möglichkeit gedacht, bei großen Sport- oder Musik-Events miteinander kommunizieren zu können, wenn die Mobilfunknetze aufgrund der Menschenmassen überlastet sind. Damit, dass die App gerade als Organisations-Tool in Hong Kong dermaßen gut geeignet ist, haben die Entwickler von FireChat nicht gerechnet. Allein am vergangenen Sonntag wurden in Hong Kong innerhalb von 24 Stunden 100.000 neue Nutzer registriert. Insgesamt werden mehr als 800.000 Chat-Sessions abgehalten, zumindest soweit dies nachvollziehbar ist. Gegenüber VentureBeat erklärte Christophe Daligault, Chief Marketing Officer bei Open Garden, dass nur die Chat-Sessions gezählt werden können, die über eine Internetverbindung ablaufen. Sobald die Nutzer ein Mesh-Netzwerk erstellen und nutzen, gibt es keine Möglichkeit, realistische Zahlen über die Nutzung zu erhalten.

FireChat gegen Überwachung?

FireChat klingt so also zunächst nach dem perfekten Tool für die Demonstranten, um sich der Kontrolle durch die Regierung zu entziehen. Egal wie viele Internetdienste China blockiert, ein Mesh-Netzwerk, das an den zentralisierten Internetverbindungen vorbei agiert, lässt sich nicht blockieren. Das bedeutet allerdings wiederum nicht, dass die Nutzer in dem Netzwerk komplett vor den chinesischen Behörden geschützt sind. Die Chat-Sessions in FireChat sind nämlich allesamt öffentlich und somit auch für die Staatsmacht einsehbar. Aus diesem Grund warnen die Organisatoren der Proteste auch davor, in den Chats echte Namen zu verwenden.

Den Entwicklern von Open Garden sind diese und andere Mängel durchaus bekannt und man arbeitet derzeit auch daran, die App um weitere Features zu erweitern. Neben verifizierten Nutzern, wie etwa bei Twitter, soll in den nächsten Wochen vor allem verschlüsselte Chats nachgereicht werden. Außerdem ist es derzeit bei FireChat auch noch nicht möglich, mit einem Nutzer direkt in Kontakt zu treten – Daligault kündigte aber an, dass auch Direktnachrichten auf der Liste der kommenden Features zu finden ist. Er gab aber auch zu bedenken, dass alles in FireChat schwieriger umzusetzen sei als in anderen Messenger-Apps, da die Features eben auch offline, also in Mesh-Netzwerken, funktionieren müssen. Wenn dies gelingt, könnte FireChat dafür sorgen, dass sich Proteste wie in Hong Kong künftig noch viel schneller ausweiten.


Image (adapted) „umbrella revolution_4738“ by chet wong (CC BY 2.0)


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Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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