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Das Blackphone: Die Kommerzialisierung der digitalen Privatsphäre

Im Zuge der Aufdeckung der globalen Überwachung durch Geheimdienste entstand ein Bedürfnis das Sicherheit – die Folge: Privatsphäre entwickelt sich zu einem lukrativen Markt. // von Jakob Steinschaden

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Privatsphäre im mobilen Zeitalter hat seit dieser Woche ein Preisschild: 629 Dollar (ca. 460 Euro, zzgl. Steuern und Versand). So viel kostet das neue, abhörsichere Blackphone, das die US-Firma Silent Circle (Software) und der spanische Hersteller Geeksphone (Hardware) Mitte 2014, also ziemlich genau ein Jahr nach den ersten Snowden-Enthüllungen, über das gemeinsame Schweizer Unternehmen Blackphone auf den Markt bringen werden. „Lass dir vom Internet nicht mehr über die Schultern schauen„, bewerben die Macher ihr Crypto-Phone, das den Nutzer bestmöglich vor Spionage aller Art schützen soll. Der Start des Blackphone bedeutet aber auch eine Zäsur: Privatsphäre ist jetzt offiziell ein Markt, der von Firmen mit Produkten zum Angreifen bedient wird.


Warum ist das wichtig? Gegen die Überwachung unserer Kommunikation wehren wir uns mit dem Einsatz von Technologien zum Schutz anstatt das Problem als Gesellschaft auf einem politischen Weg zu lösen.

  • Gegen die globale Überwachung durch Geheimdienste versuchen sich Nutzer mithilfe von Technologien zur Wehr zu setzen.
  • Privatsphäre und Security im digitalen Mobil-Zeitalter sind spätestens mit dem Blackphone zur Premium-Ware geworden.
  • Verschlüsselungstechnik macht nur Sinn, wenn sie in der Gesellschaft breit genutzt wird.

Verschlüsselte Kommunikation ab Werk

Künftig haben Konsumenten die Wahl: Kaufe ich mir ein Smartphone mit oder ohne technisch abgesicherter Privatsphäre? Während vor allem bei günstigen Android-Handys Google über vorinstallierte Apps und Services sehr viele Daten über den Nutzer mitlesen kann, versucht das Betriebssystem PrivatOS des Blackphone, das auf Android aufbaut, genau das zu unterbinden. Der Nutzer kann installierten Apps aus Googles Play Store verbieten, auf GPS-Position, SMS oder Kontaktliste zuzugreifen – allerdings muss man dann damit rechnen, dass diese Apps nur eingeschränkt oder gar nicht mehr funktionieren. Stattdessen kann aber aber die vorinstallierten Anwendungen nutzen: Auf dem Blackphone gibt es einen integrierten VPN-Dienst, der verschlüsseltes Surfen und anonymes Suchen im Internet garantieren soll; verwirklicht wurde das gemeinsam mit der Firma Disconnect, bei der ehemalige Google- und NSA-Mitarbeiter werken (und über die ich schon einmal berichtet habe).

Außerdem bietet das Blackphone 5 GB Online-Speicher pro Monat beim Partner SpiderOak und mit „SilentText“ (SMS), „SilentPhone“ (Telefonie) und „SilentContacts“ (Kontaktliste) verschlüsselte Möglichkeiten zur mobilen Kommunikation. Auch eine Firewall und ein smarter WiFi-Manager von Kismet ist mit an Bord, der verhindern soll, dass man sich in unsichere WLAN-Netze einloggt. „NSA-sicher“ so wie es manche Medien berichten, ist das Blackphone aber nicht, wie auch Blackphone-Mitgründer Mike Janke zugibt.

Im Unterschied zu Googles Android, wo das Business-Modell darin bestehe, Data-Mining zu Marketingzwecken zu betreiben, lautet das Geschäftsmodell des Blackphone: “Delivering privacy as a premium, valued feature”. Und “Premium” ist das Blackphone, dessen Anschaffungspreis relativ moderat ausgefallen ist, mittelfristig schon. Denn um verschlüsselt kommunizieren zu können, braucht man eben die erwähnten, vorinstallierten Apps, und die kosten nach den ersten zwei Jahren Geld.

Die „Silent Circle application suite“ etwa beläuft sich etwa auf 120 Dollar/Jahr, der Disconnect-Dienst kostet ebenfalls 60 Dollar/Jahr, genauso wie die fünf GB Online-Speicher bei SpiderOak (60 Dollar/Jahr) – insgesamt also etwa grob gerechnet 9 Euro/Monat zusätzlich zum Mobilfunkvertrag. Dazu kommen noch indirekte Kosten: Denn wenn man via Silent-Circle-Apps mit anderen kommunizieren will, dann brauchen diese die kostenpflichtigen Apps natürlich auch. Beim Blackphone sind deswegen immerhin drei Ein-Jahres-Gutscheine für die Services dabei, die man an Freunde und Familie verteilen soll.

Privatsphäre als Ware

So lobenswert die Blackphone-Initiative von Phil Zimmermann, der die E-Mail-Verschlüsselung PGP erfand, auch ist – Privatsphäre und Security im digitalen Mobil-Zeitalter sind spätestens mit dem Blackphone zur Premium-Ware geworden. Im Analogen finden wir das überall: Verdunkelte Autoscheiben, Hightech-Alarmanlagen, dicke Panzertüren, hohe Gartenzäune, muskelbepackte Bodyguards, der Tresor hinterm Ölgemälde – alles gegen Aufpreis erhältlich am Security-Markt für die oberen Zehntausend. Und so droht der Smartphone-Markt in eine Zweiklassengesellschaft zu zerfallen: Billige Smartphones und Services, die man großteils mit den eigenen Daten bezahlt, und kostspielige Premium-Phones und Dienste, die die eigenen Daten schützen wollen (aber auch nicht 100 Prozent Sicherheit bieten können).

Nur eine kleine, Datenschutz-bewusste Minderheit wird sich ein Blackphone zulegen, und das macht nur wenig sicherer. Denn wenn der Empfänger kein Blackphone oder Silent Circle-Dienste hat, dann hilft die teuerste Verschlüsselung nichts. Schöner wäre es, wenn einfach jedes Smartphone und jede App ausreichend Verschlüsselung und Sicherheit bietet – vielleicht gibt es dazu mal ein Gesetz?


Dieser Artikel erschien zuerst auf Jakkse.com.


Teaser & Image by Blackphone


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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