Cyberpunk ist die einzig plausible Zukunftsvision der Digitalisierung

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine in einer nahen Zukunft in der enorme informationstechnologische Fortschritte neben prekären gesellschaftlichen Bedingungen ko-existieren ist absehbar. Cyberpunk ist die plausibelste mir bekannte Zukunftsvision. Was lernen wir aus Zukunftsvisionen? Haben wir vor Minority Report schon gesellschaftlich über Pre-Crime diskutiert? Wer kannte Asimovs Gesetze vor einschlägigen Sci-Fi-Filmen und Romanen? Zukunftsforscher und Szenarien bilden seit jeher ein Rückgrat der gesellschaftpolitischen Einrahmung von Debatten. Das, was wir uns menschlich vorstellen können, definiert die Grenzen dessen was wir für möglich halten, und innerhalb dieser Grenzen findet unser Handeln, Planen und Zukunftsgestaltung statt. Was die Vernetzung und Digitalisierung langfristig für uns bedeutet, in einer Welt in der trotz rapidem Fortschritt viele der ältesten menschlichen Probleme ungelöst bleiben, ist genau das Zukunftsszenario das mir am plausibelsten erscheint, daher sollten wir es diskutieren: Cyberpunk.


Warum ist das wichtig? Zukunftsvisionen helfen uns, aktuelle Entwicklungen zu kontextualisieren. Sie prägen unser Handeln und stellen die denkbaren Szenarien unseres Vorstellungsvermögens dar. Cyberpunk gibt es seit Jahrzehnten und ist in vielen Aspekten die treffendste Beschreibung dessen, was uns in den nächsten Jahrzehnten erwartet. Der Zusammenstoß von Hochtechnologie und Prekariat wird die nächsten Jahrzehnte in unseren Metropolen definieren.

  • Die hoch gebildete, finanziell erfolgreiche und technologisch ausgestattete Elite wird den Rest der Gesellschaft weiter abhängen und sich von ihr abschotten, das wird aber geographisch und physisch nicht gelingen. Mit Technik eingedeckte Yuppies und obdachlose Arme werden in der U-Bahn Berlins also gleichzeitig existieren.

  • Immer mehr Wertschöpfung wird digital und automatisiert, die Arbeitslosigkeit könnte im globalen Westen weiter ansteigen. Wir stehen vor einem gigantischen Verteilungsproblem, das wir mit IT nur schwer gelöst bekommen, wenn unsere Bildungs- und Infrastrukturausgaben weiterhin so stiefmütterlich von der Politik behandelt werden.

  • Die kommenden Technologien werden noch massiver in unser Leben eingreifen. Nano- und Biotechnologien, das Internet der Dinge, neue Fortbewegungsmittel, all das wird unsere Gesellschaft verkomplizieren, technologisieren und zersplittern. Wie wir mit diesen Spannungen umgehen ist Kernherausforderung für unser System.

  • Neueste Technologien werden nur von einem kleinen Teil der Gesellschaft genutzt zur Verbesserung von quasi allem. Gleichzeitig schafft es die globale Gemeinschaft nicht, Jahrhunderte alte Problem wie Hunger, Krieg, Arbeitslosigkeit oder Analphabetismus zu bewältigen.

  • Cyberpunk beschreibt das Verschmelzen einer hochtechnologisierten mit einer niedrigtechnologisierten Welt, einer Welt in der Augmented Reality und Dieselmotoren gleichzeitig ihren Einsatz finden. In dieser Welt gibt es neben der arm-reich Schere noch eine Hightech-Lowtech Schere, die ähnliche soziale Spannung erzeugt.


Was ist eigentlich Cyberpunk?

Cyberpunk ist ein literarisches Subgenre der Science-Fiction, in dem Hochtechnologie mit dem Gossenleben zusammeprallt. Im Fokus stehen IT und Kybernetik gepaart mit Anarchie oder drastischem Verfall der gesellschaftlichen Ordnung. Die Geschichten des Cyberpunk haben oft künstliche Intelligenz und Megakonzerne in einer nahen irdischen Zukunft zum Thema. Es sind postindustrielle Dystopien, in denen Film Noir, Detektivgeschichten, veraltete kulturelle Codes (z.B. angelehnt an Samurai, Gaukler) und unvorhergesehene Verschmelzung von Straßenkultur und Hochtechnologie zusammenkommen. Somit ist Cyberpunk zu finden in etwa filmisch bei Ridley Scotts Blade Runner, literarisch bei William Gibsons Neuromancer und außerordentlicher Beliebtheit erfreute es ich im Rollenspiel-Universum von Shadowrun.

Warum also gerade Cyberpunk?

Ich bin der Ansicht, dass unter all den Zukunftsvisionen die man mehr oder weniger ernsthaft aus Wissenschaft oder Populärkultur kennt, das Cyberpunk-Universum am plausibelsten das beschreibt, worauf wir uns gesellschaftlich zubewegen. Schon heute benutzen manche Teile unserer Gesellschaft Technologien, Prozesse, Sprachen, Konsumgüter und Gebräuche, die weit weg von dem sind, was andere kennen oder nutzen, denen man aber physisch täglich begegnet. Auf den technologisch-wirtschaftlich-kulturellen Ebenen passiert in unserer Gesellschaft eine Spaltung, die sich aber vor allem in eng besiedelten Kulturräumen, wie z.B. europäischen oder asiatischen Städten, nicht räumlich niederschlägt. Somit existieren eine Gesellschaft der Hochtechnologie und eine Gesellschaft, die mehrheitlich nach den Logiken des 20. Jahrhunderts funktionieren, parallel. Die einen haben in einigen Jahren smarte Uhren, intelligente Kontaktlinsen, erwirtschaften ihr Einkommen quasi virtuell, sind wohlhabend und können sich neueste Konsumgüter, Kultur und gesundes Essen leisten. Die anderen haben ihre Jobs an die Digitalisierung verloren, leben von Lohn zu Lohn, nutzen noch Autos oder Telefone, und konsumieren einfache Unterhaltung und Fast Food. Beide allerdings fahren mit der gleichen Tram, leben in der gleichen Stadt, nehmen an den gleichen Wahlen teil oder kennen sich gegenseitig.

Jetzt kommt der etwas größere gedankliche Sprung. Die Welt von Blade Runner ist nicht direkt das Realszenario von dem ich spreche, sondern die Tatsache, dass wir bereits heute in Teilen unserer globalen Gesellschaft enorme Sprünge gemacht haben in der IT, der Medizin, Transport, Kultur, Bildung etc., aber gleichzeitig werden wir Hungersnot, Armut, Gewalt, Verbrechen, Bürgerkriege, Krankheiten und Umweltverschmutzung nicht los. Das liegt teilweise daran, dass unser Fortschritt primär Konsum- bzw Kapitalismusgetrieben ist, und teilweise daran, dass unsere politischen Systeme keine Problemlöser als Führungseliten hervorbringen, sondern in erster Linie Beschwichtiger. Wir steuern also auf eine nahe Zukunft zu, in der manche Teile der Gesellschaft immer mehr vom Fortschritt profitieren, aber große Teile der Gesellschaft weit abgeschlagen werden, oder in Gebieten leben, die wir politisch als verloren einstufen könnten, oder eben wirtschaftlich kaum mehr zu integrieren wissen. Gleichzeitig sind die Technologien aber “da”, bzw. Technologiegenerationen die ausgemustert werden, landen auch irgendwo. Somit lernen wir den Cyberpunk kennen: den Zusammenprall von 22. und 20 Jahrhundert – gleichzeitig.

Ist die Singularität noch aufzuhalten?

Technologisten und andere Silicon-Valley-Propheten reden gerne von der “Singularität”, es gibt sogar eine Universität die sich damit beschäftigt. Mit Singularität ist der Zeitpunkt gemeint, zu dem sich Maschinen selbst verbessern können. Ab diesem Zeitpunkt wäre die zukünftliche, technische Entwicklung dann auf Grund des sich rasant beschleunigenden Fortschritts gar nicht mehr absehbar. Im Zusammenhang damit gehen Theoretiker auch von einer massiven Steigerung der Lebenserwartung aus.

Wenn man sich nun die aktuellen Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz ansieht, die Fortschritte in der Genetik und Biotechnologie, Moores Law und Quantum Computing, dann kann man durchaus die Position vertreten, dass über kurz oder lang die Maschinen übernehmen, oder die Verschmelzung bevor steht. Lebenslogiken, die wir seit Jahrhunderten kennen, würden dann keine Gültigkeit mehr haben. Ob von diesen Entwicklungen jeder Gesellschaftsteil gleichsam profitiert, ist fraglich. Auch hier ist denkbar, das erstmal eine kleine Elite später altern wird, gleichzeitig vielfach Maschinen völlig übernehmen.

Wann kommen die Cyborgs und Androiden?

Ob wir bald Mitbewohner wie Commander Data haben, steht auf einem anderen Blatt. Fakt ist aber, dass in wenigen Jahren ausgereifte, menschlich anmutende Roboter breit verfügbar sein werden. Diese werden Alltagsaufgaben übernehmen, Begleitung oder Kollegen sein, eigenständige Aufgaben übernehmen, für uns in den Krieg ziehen oder uns überwachen. Szenarien wie wir sie aus Filmen kennen, in denen von Fehlfunktionen oder Übergriffen (in beide Richtungen) die Rede ist, werden normal werden. So wie wir heute für manche Aufgaben auf Autos zurückgreifen, auf Smartphones, oder Toaster, so wird in der nahen Zukunft ein Aufgabenspektrum in unserer Gesellschaft durch künstliche Lebensformen abgedeckt werden.

Es kommt dann dazu, dass sich manche einen Androiden leisten können der Besorgungen macht, und dort aber Personen über den Weg läuft, in deren Welt es sich um Hypotheken, kaputte Autos, Talkshows am Abend, und Alkoholkonsum dreht. Die Frage ist nicht, wann die Cyborgs kommen, sondern wie lange es dauert, bis deren Verbreitung in unserer Gesellschaft zu echten Spannungen führen könnte. Zu den Auswirkungen der Automatisierung gibt es ein paar gute Gedanken im Blog des Economist.

Unser Alltag sieht erstmal wenig anders aus

Denn wie so viele Innovationen, kommen diese nicht alle an einem Tag und lösen eine Revolution aus. Stück für Stück setzen sich Consumertechnologien durch, Stück für Stück kommen neue Technologien in Wirtschaft und Wissenschaft zum Einsatz, ganz langsam erreicht der Fortschritt auch den öffentlichen Sektor, und wir werden gar nicht merken, wie “smart” unsere Umgebung werden wird, und es wird dauern, bis uns klar wird, wo die neuen Gräben in unserer Gesellschaft verlaufen.

Unser Alltag ist heute schon sehr stark durch geographische und technologische Filterung dominiert, dies wird sich fortsetzen. Dass es Mitmenschen gibt, denen eine Welt aus Sensorik, Smart Devices, Automatisierung, Big Data und Co. völlig fremd sein könnte, wird uns schwer bewusst, da wir uns kaum mit diesen Menschen umgeben – und umgekehrt. Diese Technologien sind jedoch vorhanden, und sie prallen schrittweise auf eine alte Welt, in der wir jede Menge Probleme dennoch nicht gelöst bekommen haben. Umweltverschmutzung, globale Erwärmung, Kriminalität, Konflikte, Migration, Hungersnöte, Korruption, Verfall der Infrastruktur. Es wird nicht mehr so zusammenpassen. Ein faszinierendes Beispiel für diese Gegensätze sind nicht gerade nach Singapur anmutende Gegenden von Berlin, in denen man aber mit Bitcoins bezahlen kann, oder spärlich bevölkerte Wüstengegenden von Nevada, in denen aber selbstfahrende LKWs auf den Straßen sind.

Die Wirtschaft wird sich konsolidieren

Der Alarmismus ist heute schon an der Tagesordnung. Viel wird geredet von den Arbeitsplätzen die uns die Sharing Economy kosten wird, und die Arbeitslosigkeit die durch Industrie 4.0 und andere Digitalisierung und Automatisierung verstärkt werden könnte. Immer mehr Wertschöpfung findet im Cyberspace statt, wird auf Plattformen erwirtschaftet, durch Skaleneffekte die nichts mehr mit physischen Infrastrukturen gemein haben müssen. Manche Futuristen sprechen von einer Gesellschaft, in der ein sehr kleiner Teil der Menschen den Löwenanteil des BIP erwirtschaften, und einem sehr großen Teil der Menschen, die nicht mehr in die Wertschöpfung zurückfinden und durch sehr komplizierte Umverteilung weiterhin am Zusammenleben beteiligt werden müssen.

Schuld daran ist am Ende die überrumpelte Politik, die sich Jahrzehntelang nicht mit diesen Phänomenen beschäftigt hat, es nicht verstanden hat oder verweigert und verschoben hat (dafür ist Deutschland ein Paradebeispiel). Genauer gesagt liegt das Problem aber in einer Konsolidierung, die bedeutet dass immer weniger gute Jobs eine Wertschöpfung erbringen können, die ganz viele schlechte Jobs ablösen können. Wenn dieser Umschwung aber nicht durch mehr Bildung, Innovationen und neue Wirtschaftszweige aufgewogen werden kann, kommt es zum Bruch in unserer Gesellschaft. Es wird Cyberpunk herrschen.

Ausblick

Ich empfehle den Konsum von Cyberpunk-Literatur, -filmen oder -games, um einmal zu verstehen wie wenig weit hergeholt die Visionen dieses Genres sind. Leider bedarf es viel Transferwissen, um sich auszumalen, welche Technologien und Entwicklungen dazu beitragen könnten, dass irgendwann Hackerkinder durch versiffte Straßen ziehen, Androiden von Zigaretten rauchenden Detektiven gejagt werden, oder fliegende Autos im Wald von Eremiten abgeschossen werden. Das mag alles fiktiv und witzig klingen, aber die Alternative dazu wäre, dass unsere Gesellschaft relativ homogen den technischen Fortschritt nutzt, verinnerlicht und sich mit Hilfe dessen gemeinsam auf die nächste Stufe hebt, und das ist höchst unwarscheinlich, denn die Anzeichen für das Cyberpunk-Szenario sind deutlich, und es ist ein Szenario das bis auf kleine Überspitzungen äußerst plausibel ist. Glaube ich, dass es eine Dystopie darstellt? Nicht zwingend, aber ob die Cyberpunk-Zukunft eine düstere und anarchische Blade-Runner-Welt wird, oder eine glänzende und geordnete Jetsons-Zukunftswelt, das entscheiden wir heute mit den Weichen die wir stellen.

Dieser Artikel steht unter CC BY 4.0.


Image “Shibuya Night“ by Guwashi (CC BY 2.0)


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Sebastian Haselbeck

Sebastian Haselbeck

ist ehemaliger Geschäftsführer des Internet & Gesellschaft Collaboratory. Aktuell ist er Gastdozent an der Willy Brandt School of Public Policy, und berät verschiedene Organisationen in digitalpolitischen Fragen. Privat betreibt er eine Vielzahl von Onlineportalen über interessante Filmgenres.

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