Building the Business of Civic Tech at Civic Hall, April 2015 (adapted) by Daniel X. O'Neil (CC BY 2.0) via Flickr

Bürgerschaftliches Empowerment durch digitale Technologie?

Konferenz, Coworking Space und Blog. Eine Initiative in New York will die Zusammenarbeit von Aktivisten, Startups und Staat fördern. // von Dr. Erik Meyer

Building the Business of Civic Tech at Civic Hall, April 2015 (adapted) by Daniel X. O'Neil (CC BY 2.0) via Flickr

Sie sind schon seit Jahren in Sachen Internet und Politik unterwegs, die „Bewegungsunternehmer“ Andrew Rasiej und Micah Sifry. Nun haben sie ihre Aktivitäten einem Relaunch unterzogen und agieren unter dem Oberbegriff „Civic Tech“. Zu ihren Angeboten gehören neben der etablierten jährlichen Konferenz „Personal Democracy Forum“ seit kurzem die Einrichtung „Civic Hall“ in Manhattan und das Blog „Civicist“.

Als das erste Personal Democracy Forum (PDF) im Jahr 2004 noch als eintägiges Event stattfand, stand die Konferenz im Zeichen der Wahl des US-Präsidenten: Die Kampagne des demokratischen Kandidaten Howard Dean machte von den neuen Möglichkeiten der Online-Kommunikation Gebrauch und setzte Fragen wie das Verhältnis von Bloggern und Journalisten auf die Agenda. Seitdem findet die sich professionalisierende Veranstaltung in New York jedes Jahr vor einem wachsenden Publikum statt. Und seit 2009 gibt es diverse PDF-Ableger vor allem in Europa (zuletzt Mitte April 2015 in Polen). Begleitet wurde diese Entwicklung ab 2007 von der Website Techpresident.com, die über Trends politischer Kommunikation im Internet mit Schwerpunkt auf die Vereinigten Staaten berichtete. Die nächste Tagung in New York, thematisiert in Kürze das neue Motiv der Macher: „Imagine All the People: The Future of Civic Tech„.

Vom TechPresident zum Civicist

Doch seit dem 1. Mai gibt es bereits eine neue Publikations-Plattform für das internationale Netzwerk von Praktikern und Experten, den „Civicist. War TechPresident dem Namen nach am etablierten politischen Prozess orientiert, gilt das Interesse nun noch stärker der Zivilgesellschaft. Diese Entwicklung hat sich bereits in Sifrys letztem Buch abgezeichnet: „The Big Disconnect“ (2014) behandelt die Frage „Why The Internet Hasn’t Transformed Politics (Yet)“; so der Untertitel. Die für die US-amerikanischen Verhältnisse absolut einschlägige Abhandlung ist geprägt von der Enttäuschung darüber, dass datengetriebene Anwendungen und soziale Medien im Kampf um die US-Präsidentschaft immer geschickter eingesetzt werden, ohne dass das Potenzial digitaler Technologien für eine demokratischere Gestaltung der Gesellschaft auch nur ansatzweise ausgeschöpft wird.

Gestartet ist das Gruppenblog nun mit der Diskussion darüber, was im Gegensatz dazu unter Civic Tech zu verstehen ist. Sifry selbst schreibt im ersten Beitrag: „We think of civic tech as a big tent. It includes civic apps—tools or platforms designed primarily for a civic purpose—but it also encompasses big apps or platforms that have civic effects. That comprises everything from SeeClickFix or NationBuilder in the former case, to Yelp (when people use it to review government services) or Google (with its Civic Information API) in the latter. People working to upgrade government’s use of technology – govtech – are certainly part of the civic tech ecosystem when their efforts involve engaging with the public. The same goes for political technology – a candidate or issue campaign’s efforts to mobilize the public inevitably also involves drawing people into civic life.“ Civic Tech lässt sich hier wohl am ehesten mit „bürgerschaftlich“ übersetzen und zielt auf das Engagement und die politische Partizipation der Zivilgesellschaft um gesellschaftliche Herausforderungen mit Hilfe technologischer Anwendungen besser zu bewältigen. Und damit sind nicht nur staatliche Lösungen gemeint, sondern eben auch private Angebote, Initiativen und Unternehmen.

Inkubator für die Gemeinschaft

Das Blog ist schon von der Internetadresse her dort angesiedelt, wo laut Claim die neue Heimat von Civic Tech liege, nämlich bei der Civic Hall. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus Coworking Space und Community Center. Finanziert wird die im Flatiron District gelegene Einrichtung durch ein Mitgliedschafts-Modell sowie potente Sponsoren: Google, Microsoft (dessen NYC Lab liegt um die Ecke) und das Omidyar Network des eBay-Gründers (siehe den Netzpiloten-Beitrag zu seinem journalistischen Projektzusammenhang First Look Media). Zu den 300 zahlenden Mitgliedern gehören neben Unternehmen wie Change.org auch Nichtregierungsorganisationen wie „Code for America“ und schließlich sogar politisch-administrative Akteure, wie das Büro des New York Attorney General. Ähnliche Projekte, die spezifischere Zielgruppen ansprechen, gibt es in den USA bereits in einigen Städten, wie zum Beispiel den Inkubator 1776″ oder den „Open Gov Hub, die beide in Washington situiert sind.

Die Civic Hall ist in Deutschland vielleicht vergleichbar mit den auf Social Entrepreneurship spezialisierten Social Impact Labs, die es inzwischen in fünf Städten gibt. Die Macher der Civic Hall sind jedenfalls geprägt vom politischen System der USA, in der es keine politischen Parteien gibt, die als dauerhafte Mitgliedsorganisationen fungieren. „This is where civic tech comes in. Civic tech provides an opportunity to engage citizens in governance beyond simply voting every two to four years.“ So formuliert Hollie Russon Gilman vom Think Tank „Open Technology Institute“ in ihrem Beitrag für den Civicist die Hoffnung eines bürgerschaftlichen „Empowerments“ durch digitale Technologie.


Teaser & Image „Building the Business of Civic Tech at Civic Hall, April 2015“ (adapted) by Daniel X. O’Neil (CC BY 2.0)


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Erik Meyer

Erik Meyer

ist Politikwissenschaftler und arbeitet freiberuflich als Online-Redakteur sowie Dozent in der politischen und beruflichen Weiterbildung. Zu seinen Schwerpunkten zählt Erinnerungskultur 2.0, Netzpolitik und politische Online-Kommunikation.

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