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Boerse.bz: Piraten schießen sich selbst ab

Seit letzter Woche herrscht allseits Rätselraten, warum die Betreiber des größten illegalen Forums Boerse.bz derzeit eigenhändig für ihr vorzeitiges Ende sorgen. // von Lars Sobiraj

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Zwischen 8 und 10 Millionen Seitenzugriffe werden bei diesem illegalen Anbieter monatlich generiert, womit man mit der Internetpräsenz der Zeitschrift Stern auf gleicher Höhe liegt. Das sind Zahlen, über die sich die Betreiber seriöser Webseiten freuen würden. Doch die Börse beschäftigt auch Google. Zwischen 500 bis 1300 Suchergebnisse müssen wöchentlich im Auftrag der Rechteinhaber gelöscht werden, damit die Warez nicht mehr im Web auffindbar sind.


Warum ist das wichtig? Spätestens seit dem Aus von Kino.to ist Boerse.bz zum größten illegalen Anlaufpunkt für deutschsprachige Schwarzkopieren geworden. Nirgendwo sonst gibt es so viele Download-Links. 50 Personen halten dort die strikte Ordnung aufrecht.

  • Anwälte warnen vor einer Nutzung des Forums Boerse.bz, weil diese Abmahnungen nach sich ziehen könnte.
  • Mitunter dauert es nur wenige Stunden, bis neue Programme, Bestseller und Blockbuster zum Download bereitstehen
  • Angeblich musste auf Druck der „Lobby“ allen Deutschen der Zugang erschwert werden, nachvollziehbar ist das nicht.

Das Leben schreibt die spannendsten Geschichten

Das Ganze klingt wie das Drehbuch eines Hollywood-Thrillers. Nicht weniger als 15.000 Euro verlangt ein anonymer Hinweisgeber aus dem Umfeld der Betreiber von der deutschen Tochter der Motion Picture Association (MPA). Die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) hat schon einmal in der Vergangenheit Insider mit einer Finanzspritze zum Reden gebracht. Damals packte ein Ehepaar gegen Dirk B. aus, das sich vom Betreiber des Streaming-Portals Kino.to schlecht behandelt fühlte. Der neue Tippgeber verschleiert seine Identität und benutzt für seine E-Mails einen typischen Szeneanbieter. Einem privaten Ermittler der GVU schreibt er, rund 10.000 Euro sollen monatlich alleine von dieser Person generiert werden. Um seine Kontaktperson von der Wirtschaftlichkeit des illegalen Forums zu überzeugen, schickt er ihm alte Bilder eines BMW mit 245 PS, mit dem der Betreiber einst angegeben haben soll. Ob die Umsatzzahlen stimmen oder sich das Luxusauto tatsächlich im Besitz des Börse-Chefs befunden hat, ist unklar. Deutlich ist hingegen, dass der Hinweisgeber extrem ungeduldig wurde. Er kann nicht verstehen, wieso es bei der Trägergesellschaft der GVU so lange dauert, bis die MPA der Zahlung zustimmt. Auch hat er dummerweise bereits den Verdächtigen mit seinen Indizien konfrontiert, was augenblicklich zu seiner Sperre führte.

Wie funktionieren die Börsen?

Ermittelt wird gegen die mutmaßlichen Hintermänner, seitdem es die Nachfolger der früheren Börse bei gulli.com gibt. Schon mehrere Monate vor dem Verkauf des IT Portals und Forums musste im Jahr 2008 auf Druck des für diverse Major Labels tätigen Rechtsanwalts Clemens Rasch die Musikbörse geschlossen werden. Wenige Tage vor der Löschung der restlichen Links sickerte die Meldung zu diversen Moderatoren und später zu allen Nutzern durch. Wer sich einen Klon bauen wollte, programmierte einen Crawler, um alle Einträge der gulli:Börse abzugreifen und diese im eigenen Forum anzubieten. Der Wiener Käufer von gulli hatte keine Wahl. Entweder das komplette Projekt musste ins Ausland abseits der EU verschoben werden, oder aber man musste sich von allen illegalen Inhalten trennen. Kurz nach der Bekanntgabe der Schließung entstanden vier Nachahmer der Börse von gulli.com, von denen nur zwei dauerhaft online blieben: Boerse.bz und MyGully.com.

Das System funktioniert stets nach dem gleichen Prinzip. Wer sich im Forum als registrierter Nutzer eingeloggt hat, kann die Verweise zum Download der Dateien sehen. Diese führen oftmals zu sogenannten Link-Verschlüsselungs-Systemen inklusive Captcha, um eine automatische Meldung illegaler Download-Links zu verhindern. Wollen die Rechteinhaber die Links oder Archive löschen lassen, müssen sie den Weg manuell nachvollziehen. Das Kalkül dahinter: Umso länger die Vorbereitung der Beschwerde (Takedown Notice) in Anspruch nimmt, umso länger sind die Werke beim Sharehoster online. Entsprechend länger kann man damit Geld verdienen.

Von Seiten wie LinkCrypt, LinkSafe oder Relink werden die Downloader zu einem Sharehoster geführt. Sie bieten im Internet einen riesigen virtuellen Speicherplatz an, den man im geringen Umfang kostenfrei nutzen kann. Wer mehr herunterladen will, muss sich anmelden und einen monatlichen Beitrag entrichten. Von daher ist eine enge Geschäftsbeziehung zwischen illegalen Foren und Sharehostern zum Vorteil beider Parteien. Nicht selten werden die verschiedenen Web-Dienste in Personalunion oder im Auftrag angeboten, was die Anzahl der möglichen Hintermänner für den deutschprachigen Raum auf etwa 20 Personen reduziert. Die Szene ist überschaubar und über viele Punkte miteinander verknüpft, praktisch kennt hier jeder jeden.

Gewinnmaximierung einmal anders

Anfang des Jahres berichtete der Stern von Ermittlungen gegen einen Kölner, der früher den „Tummelplatz der Raubkopierer“ geleitet haben soll. Der 25-Jährige ist flüchtig und offenbar nicht mehr der Macher der Börse. Doch das ist nicht alles. Offenbar haben die Super Moderatoren mitbekommen, dass sich die Schlinge der Ermittlungen immer enger um sie zieht. Deswegen kündigte man an, alle User mit einer deutschen IP-Adresse vom Zugang der Download-Links auszuschließen. Ein paar Zeilen darunter wird der Werbepartner „hide.io“ angepriesen. Mit dem hauseigenen VPN-Anbieter könne man wie bisher problemlos auf alle Warez zugreifen. Zahlreiche Nutzer fühlten sich durch diesen Schritt hinters Licht geführt. Statt auf kostenlose Browser Plug-ins wie ZenMate oder das Anonymisierungsnetzwerk TOR hinzuweisen, sollen alle Teilnehmer zur hochpreisigen Nutzung des Werbepartners verleitet werden. Die Betreiber nehmen dabei billigend in Kauf, dass sie sich damit selbst ihr Geschäft zerstören. Die ersten Nachahmer enttäuschter Moderatoren und Uploader sind bereits online gegangen.

Drohen Abmahnungen?

Diverse Branchenbeobachter glauben, das Forum würde jetzt noch betrieben, solange es eben geht. Wenn die Einnahmen merklich zurückgehen weil zu viele User abgewandert sind, wird aus Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen der Stecker gezogen. Gewarnt werden derzeit auch die Downloader. So etwa von Rechtsanwalt Karsten Gulden von der Mainzer Kanzlei GGR Rechtsanwälte. Gulden mahnt, die Inanspruchnahme des Forums stelle einen Verstoß gegen das Urhebergesetz dar. Dafür könnten Plattenlabels, Softwarehersteller, Verlage oder Filmstudios Abmahnungen verschicken lassen. Zwei Dinge sprechen allerdings gegen den Versand von Abmahnungen. Einerseits müsste man der IP-Adresse habhaft werden, was nur gelingt, sofern man die Server unter seine Kontrolle bringen kann. Andererseits sind die Ermittler an den Betreibern und nur in den seltensten Fällen an den Nutzern derartiger Angebote interessiert. Gleiches galt, als im Juni 2011 der illegale Streamingdienst Kino.to abgeschaltet wurde. Bemerkenswert ist, dass auch dabei schiere Geldgier zum vorzeitigen Aus geführt hat.


Teaser & Image by Gerd Altmann (CC0)


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Lars Sobiraj

Lars Sobiraj

schrieb von 2000 bis zum Jahr 2002 für mehrere Computerzeitschriften rund 100 Artikel. Von April 2008 bis Oktober 2012 leitete er beim IT-Portal gulli.com die Redaktion als Chefredakteur. Thematische Schwerpunkte der über 1.000 Beiträge sind Datenschutz, Urheberrecht, Netzpolitik, Internet und Technik. Seit Frühjahr 2012 läuft die Video-Interviewreihe DigitalKultur.TV, die er mit dem Kölner Buchautor und Journalisten Moritz Sauer betreut. Seit mehreren Monaten arbeitet Lars Sobiraj auf freiberuflicher Basis bei heute.de, ZDF Hyperland, iRights.info, torial, Dr. Web und vielen weiteren Internet-Portalen und Blogs. Zudem gibt er Datenschutzunterricht für Eltern, Lehrer und Schüler.

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