betahaus Berlin: Coworking auf Berlinerisch

Vor viereinhalb Jahren gründete Madeleine Gummer von Mohl mit fünf Kommilitonen das betahaus Berlin. Heute arbeiten dort 280 Gründer und Freelancer auf 2500 Quadratmetern. Mit den Netzpiloten sprach sie über den Ursprung der Idee, wie das betahaus Menschen und Ideen vernetzt, was mit den Kölner und Hamburger Häusern schief lief und wie es in Zukunft weitergeht.

Christina zur Nedden (CzN): Das betahaus ist ein bekanntes Co-Working Space in Berlin. Wie kam es vor viereinhalb Jahren zu der Idee?

Madeleine Gummer von Mohl (MGvM):: Wir waren sechs Studenten, und die Hälfte von uns hat damals in der studentischen Agentur für politische Kommunikation, Politikfabrik, gearbeitet. Dort haben wir viele Kampagnen für junge Erstwähler durchgeführt. Während der Arbeit störte uns, dass unser Büro immer viel zu groß war – zum Beispiel wenn wir zu dritt auf 150 Quadratmetern Konzepte schrieben – oder zu klein, als dann 30 Volontäre dazu kamen. Zusammen mit unserer Freelancer-Community suchten wir uns daraufhin ein neues Büro und fanden es im heutigen Gebäude des betahauses. Wir mieteten 250 Quadratmeter des alten Gewerbehofs an und hatten zu Anfang nicht mehr als einen Tisch, vier Stühle, einen alten Drucker aus dem Bundestag und ein Regal. Schreibtische und Stühle musste jeder selbst mitbringen. Ein halber Monat Miete kostete 50 Euro, ein ganzer 100. Das war dann unsere Berliner Interpretation des amerikanischen Konzepts Coworking.

Am Anfang wussten wir gar nicht, wie wir die Miete bezahlen sollen. Glücklicherweise gab es so viel Interesse, das wir nach drei Monaten gleich die nächste Fläche mieteten. Mittlerweile arbeiten 280 Coworker auf 2500 Quadratmetern im Berliner betahaus. Das Konzept ist also aufgegangen. Das sieht man auch daran, dass wir betahäuser in Hamburg, Köln (mittlerweile wieder geschlossen), Sofia und Barcelona gegründet haben.

CzN:Das betahaus ist mehr als nur ein Bürogebäude. Was tut ihr, um Menschen und Ideen miteinander zu vernetzen?

MGvM: Das betahaus teilt sich in vier größere Bereiche: Mitgliedschaften, Veranstaltungen, Gastronomie und Education. Unter Mitgliedschaft fallen unsere Member, bzw. alle Menschen die bei uns arbeiten. Veranstaltungen haben wir sowohl eigene – z.B. Startup Pitches und Community-Events,wie das wöchentliche Startup Frühstück, um die Szene kennenzulernen – als auch externe, denen wir unsere Räume zur Verfügung stellen. Fast jedes DAX-Unternehmen war bereits bei uns um zu schauen, wie die kreative Branche so arbeitet. Der dritte Bereich, die Gastronomie, ist unser öffentliches Café mit freiem WLAN-Zugang im Erdgeschoss. Der Bereich Education wird gerade erst aufgebaut. Wir bieten Weiterbildung speziell für unsere Zielgruppe an. Startups und Freelancer können zum Beispiel lernen, wie man seine eigene Website programmiert oder Kurse zum Management eines kleinen Teams belegen. Diese Art von Angebot ist an den Universitäten noch nicht angekommen.

CzN: Im vergangenen Jahr schloss das Kölner betahaus und das in Hamburg meldete Insolvenz an. Funktioniert das Konzept betahaus nur in Berlin, der Stadt der Freelancer und Kreativen?

MGvM: Coworking lohnt sich nur in großen Städten mit einer internationalen, kreativen Community, die flexibel arbeiten will. Für die erfolgreiche Umsetzung unseres Angebots muss eine Startup -Kultur vorhanden sein. In Köln hatten wir Probleme mit der Immobilie und dem Team und mussten das dortige betahaus aus diesen Gründen schliessen. Auf die anderen Häuser wirkte sich dies zum Glück nicht aus. Insgesamt haben wir das Gefühl viel gelernt zu haben: wir wissen jetzt wie man ein Haus aufmacht, aber auch wie man es wieder schliesst. Das Hamburger betahaus hat übrigens nie zugemacht. Die Immobilie war einfach von Anfang an zu klein. Unter 1000 Quadratmetern lohnt sich das Konzept nicht. Jetzt haben wir endlich ein neues Gebäude und ziehen voraussichtlich zum 1. April um.

CzN: Was plant ihr für die Zukunft?

MGvM: Wir fokussieren uns im Moment darauf, dass die existierenden vier Häuser gut laufen. In Sofia suchen wir uns demnächst eine zweite Immobilie, weil die erste schon aus allen Nähten platzt. Das Haus in Barcelona ist noch eine halbe Baustelle und nicht offiziell eröffnet. Trotzdem arbeiten dort schon 100 Co-Worker. Natürlich überlegen wir auch, wo man weitere Häuser eröffnen könnte. Ich hätte Lust auf etwas Exotisches, wie Südosteuropa. Das reizt mich mehr als London, Paris oder München.

Eines unserer aktuellen Projekte ist der Hardware-Accelerator. Wir waren ein wenig von den ganzen Software Erfindungen gelangweilt und wollen mit dem Programm vermehrt Startups, die physische Produkte entwerfen, unterstützen. Der Accelerator wurde letztes Jahr zusammen mit Hardware Berlin und hy! Berlin ins Leben gerufen und das wollen wir dieses Jahr wiederholen.

CzN: Was war für dich persönlich in den letzten 10 Jahren eine entscheidende Entwicklung oder Erfindung, vielleicht auch von einem Startup?

MGvM.: Ich sehe hier sehr viel kommen und gehen. Mein aktuelles Lieblings-Startup ist Luuv. Die Gründer haben eine Stativ Action Kamera entwickelt, mit der man zum Beispiel, während man auf dem Snowboard steht, einen Film drehen kann. Mir gefällt, dass man das Produkt anfassen und verkaufen kann. Ein anderes Projekt, welches mir immer noch sehr am Herzen liegt, ist Coffee Circle, eins unser ersten Startups im Haus. Das sind die drei Jungs von Roland Berger, die guten Kaffee aus Äthiopien kaufen, ihn in Hamburg rösten, über das Internet verkaufen und einen Teil der Erlöse in soziale Projekte reinvestieren. Sie haben mittlerweile 20 – 30 Angestellte und sind weitergezogen; wir sind aber noch im regen Kontakt mit ihnen. Im Prinzip interessiert mich jedes Startup, und ich versuche jedes Projekt zu unterstützen, indem ich die Gründer mit Investoren und Journalisten in Kontakt bringe.

Die spannendste Erfahrung der letzten Jahre war für mich der Besuch des Silicon Valley im Mai 2013. Wir haben uns Facebook, Google und andere Unternehmen angeschaut und die Teilnehmer der Delegationsreise sagten öfters: “Hätte man doch in der Garage von Bill Gates oder dem Studentenzimmer von Mark Zuckerberg mit drin sitzen können!”. Da ist mir aufgefallen, dass das betahaus meine extra große Garage ist und ich in 20 Jahren erzählen kann, bei welchen großen Ideen ich überall von Anfang an dabei war. Dieser Gedanke motiviert mich jeden Tag aufs Neue.


Image betahaus 7 by betahaus


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Christina zur Nedden

Christina zur Nedden

ist freie Journalistin und Volontärin an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin. Ihre veröffentlichten Texte gibt es auf ihrer Website christinazurnedden.com. Auf Twitter ist sie unter @czurnedden zu finden. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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