Information (Bild: John Cooper [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Apps der nächsten Generation müssen Informationsvielfalt schützen

Apps sorgen dafür, dass unsere bereits eingeschränkte Nutzung der Informationsvielfalt weiter begrenzt wird. Das müssen wir verhindern! // von Katharina Große

Information (Bild: John Cooper [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Die Vielfalt, die uns das Internet bietet, nutzen wir kaum, denn wir bewegen uns in einer sehr begrenzten Blase, die durch unsere Freunde und durch Technik geformt wird. Je mehr wir über mobile Endgeräte im Netz sind, desto kleiner wird unsere Blase und das gefährdet die Demokratisierung von Informationen, die Hochzeit des nutzergenerierten Inhalts und die neugewonnene many-to-many Interaktion. Deswegen brauchen wir eine neue Generation von Apps, die uns hilft, aus dieser Blase auszubrechen und die Möglichkeiten zu nutzen, die uns das Internet bietet.


Warum ist das wichtig? Das Internet ist eine der großen Chancen unserer Gesellschaft – es kann Information, Unterhaltung und Interaktion demokratisieren. Diese Chance dürfen wir uns nicht nehmen lassen!

  • Wie bereits im Analogen bewegen wir uns als Gesellschaft auch im Digitalen zunehmend in relativ geschlossenen Informationsgemeinschaften.
  • Unsere Online-Realität ist determiniert durch Technik – ein mit Geräten und Apps zunehmende Entwicklung.
  • Dies führt zur Inhalt-Kontrolle durch große Medien-Anstalten und einen eingeschränkten Informationsbasis in unserer Gesellschaft.

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Das Internet – unendliche Weiten. Die Demokratisierung von Daten und Informationen. Regierungen werden transparent, die Deutungshoheit liegt in den Händen der Bürger. Endlich ein Mittel gegen voreingenommenen Journalismus und einseitige Berichterstattung. Unsere Unterhaltung wird nicht mehr von den Programmentscheidungen der Massenmedien diktiert, unser Tagesablauf nicht mehr um die Tagesschau herum geplant.

Tagesschau – gutes Stichwort. Denn es ist die Tagesschau, die täglich meinen Zweifel am Informationsparadies Internet nährt: „Dieser Beitrag darf aus rechtlichen Gründen im Internet nicht gezeigt werden„. Wirklich? Bin ich als Internet-Gucker Bürger zweiter Klasse? Ich verstehe ja, dass die ARD hat die Rechte nicht hat. Aber das ist doch keine Entschuldigung! Ganz ehrlich, bei Fußball-Berichterstattung ist mir das relativ egal, die bekomme ich aus anderer Quelle – aber wenn auf einmal ganze Weltspiegel-Beiträge nicht gezeigt werden können, werde ich böse. Sorgt doch bitte dafür, dass ihr die Rechte bekommt! Online is not optional! Aber das Problem hat natürlich mehr Facetten als „Leider ist dieses Video in Deutschland nicht verfügbar„.

Online in der sozialen Blase

Dass wir uns im Internet in relativ geschlossenen Informationsgemeinschaften bewegen, ist nichts Neues. Wer nicht gerade eine sehr diverse Facebook-Freundesliste hat, kommt selten raus aus der Bubble. Wir teilen alle die gleichen Artikel von Spiegel und Zeit Online (oder The Guardian von mir aus). Wir sind auf einem Kreuzfahrtschiff im Informationsmeer. Stumble Upon und Wisedock versuchen, uns ab und an mal vom Kurs abzubringen, damit wir wenigstens kurz von einer fremden Strömung mitgerissen werden ohne zu wissen, wo wir landen. Selbstverordnete, fremdgesteuerte Horizonterweiterung – und sie könnte vielleicht klappen, wären Faulheit und homogene Gruppen das einzige Problem.

Jedem sein Internet

Es gibt nicht das Internet, das weiß jeder, der mal mit dem Internet Explorer online war. Als ich neulich meinen Ad-Blocker abgestellt habe, war es, als wäre ich in einem Parallel-Universum gelandet. Unsere Online-Realität ist determiniert durch Technik. Mein neues Android-Pad hatte keinen Flash-Player vorgesehen und die Welt sah auf einmal anders aus.

Aber die Realitätsformung geht noch viel weiter. Was ich in meinem Facebook-Newsfeed sehe, wird von einem Algorithmus bestimmt. Google-Suchergebnisse sind personalisiert. Die unendliche Weite, sie ist irgendwo dort draußen, aber wir plantschen nur am Strand.

Und unser Badebereich wird noch viel schmaler, je mehr wir uns Richtung mobiles Internet bewegen. Netzwertig hat unlängst die „Post-PC-Ära“ ausgerufen und Wired proklamierte „The Web is dead„. Mehr und mehr bewegen wir uns mit Apps durchs Internet und nicht mit Browsern. Jede App ist eine kleine, eingeschränkte Welt für sich. Ich sehe nur, was die Macher für sinnvoll halte, was genug Platz hat oder was durch die Features der App abgebildet werden kann. Das heißt, mein Informationsfluss wird von den Eil-Meldungen der Tagesschau-App bestimmt, und die sind nach meinen letzten Erfahrungen wirklich absurd gewählt. (Goldmedaille im Bobfahren: Eilmeldung; Sanktionen für Russland: keine Eilmeldung.) Wir geben nicht nur die Kontrolle über unsere Datenströme zurück, wir packen die Kontrolle über Inhalte gleich mit ins Retouren-Paket.

Zurück zu 1.0?

Übrigens, kommentieren kann ich Tagesschau-Meldungen über die App auch nicht. (Die arme Tagesschau muss hier natürlich nur als Beispiel herhalten.) Bedeutet der Vormarsch der Apps auch gleichzeitig den Rückgang der gerade erst entdeckten öffentlichen Online-Interaktion und des nutzergenerierten Inhalts?

Die eingeschränkte Nutzung von Websites führt auch dazu, dass diese langsam verschwinden. Man könnte unken, wir bewegen uns geradewegs zurück in die Zeiten der Inhalt-Kontrolle durch große Medien-Anstalten und der eingeschränkte Informationsbasis.

Und nun? Ich persönlich surfe mobil stur über einen Browser, aber ganz ehrlich, so richtig toll ist das meist nicht und für mobile optimierte Websites lassen gerne auch mal ein paar Funktionalitäten weg. Also lese ich die Tagesschau-Push-Meldung und checke dann zu Hause, was Aljazeera hinzuzufügen hat. Das ist zugegebener Maßen keine dauerhafte Lösung. Es muss doch möglich sein, uns aus der Content-Diktatur der Apps zu befreien!

Dieses mobile Problem betrifft zudem auch unsere digital weiterentwickelte Demokratie. Wie viel E-Partizipation ist auf einem Telefon-Bildschirm möglich? Was passiert mit unseren Ideen für die Visualisierung von Open Data, wenn sie auf 4,3 Zoll passen müssen? Und wie gut funktioniert gemeinsames Editieren von Policy-Dokumenten über eine Swype-Tastatur mit Autokorrekt?
Immerhin werden unsere tragbaren Endgeräte inzwischen wieder größer – vielleicht ein gutes Zeichen. Aber natürlich hilft das nicht, wenn dort die gleichen abgeschotteten und informationsbeschränkten Apps laufen. Was wir brauchen ist eine neue Art von Apps – interaktiv und offen, plattformunabhängig. Wir brauchen Apps, die uns rausholen aus unseren abgeschotteten schwimmenden Städten und die uns das Informationsmeehr Internet erschließen. Wir brauchen Apps – The Next Generation.


Teaser & Image by John Cooper (CC BY-SA 2.0)


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Katharina Große

Katharina Große

(Tinka) arbeitet und forscht am Lehrstuhl für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik an der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen. Nach ihrem Bachelorstudium an der International Business School in Groningen in den Niederlanden absolvierte sie an der ZU einen Master in Politik- und Verwaltungswissenschaften. Tinkas Forschung konzentriert sich auf die Rolle des Bürgers in der digitalen Demokratie. Außerhalb von Deutschland hat Tinka schon in Frankreich, den Niederlanden, Kanada und Spanien gelebt und spricht die jeweiligen Sprachen. Momentan arbeitet sie daran, der Liste noch Arabisch hinzuzufügen. Tinka reitet, rudert, fährt Snowboard und ist überzeugter Werder-Fan.

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