Die Schlitterpartie des Oligarchie-Medien-Modells

Am 28. Juli kaufte die Apple-Erbin Laurene Powell Jobs einen Mehrheitsanteil am „The Atlantic“. Das ist der neuste Medienkauf durch die Milliardären-Klasse, eine Gruppe zu der der Amazon-Gründer Jeff Bezos (Washington Post) genauso zählt wie der Eigentürmer der Boston Red Sox, John Henry (Boston Globe), der Milliardär Glen Taylor (Minneapolis Star-Tribune) und der Casino-Magnat Sheldon Adelson (Las Vegas Review-Journal).

Manche haben diesen wachsenden Trend mit dem Argument gefeiert, dass diese wohlhabenden Personen die letzte Hoffnung des Journalismus wären. Und tatsächlich gibt es bemerkenswerte Fälle, in denen reiche Philanthropen wie Pierre Omidyar und Gerry Lenfest beachtliche Spenden an den öffentlich-rechtlichen Journalismus geleistet haben.

Dennoch tauchen mögliche Gefahren auf, wenn Nachrichtenkanäle zunehmend auf Privatkapital und die Spendierhosen von Milliardären angewiesen sind.

Die positive Seite an der Privatisierung von Nachrichten

Private Eigentümerschaft von Nachrichtenorganisationen ist selbstverständlich nichts Neues. Mindestens seit dem späten 19. Jahrhundert besaßen oder kontrollierten reiche Einzelpersonen oder Familien den Großteil der wichtigsten US-amerikanischen Magazine und Zeitungen. Oft grenzen sich diese Besitzer durch ihren Einsatz für journalistische Spitzenleistungen ab: bei der New York Times ist das die Familie Ochs-Sulzberger, bei der Los Angeles Times sind es die Chandlers und bei der Washington Post die Grahams. In der Magazin-Welt werden durch Condé Nast – die durch Advance Communications im Privateigentum der Newhouse Familie steht – stetig Magazine wie der New Yorker oder Wired produziert, die besonders für ihre journalistische Genauigkeit wertgeschätzt werden.

Zwischen den 1970er Jahren und frühen 2000ern jedoch wurden aus Medienfirmen zunehmend Börsenunternehmen, die dann häufig zu großen Ketten expandierten. Gannett, Eigentümer von USA Today und über 100 anderen Tageszeitungen und Sinclair, Inhaber von 173 Fernsehsendern, sind zurzeit zwei der größten börsennotierten Medienunternehmen.

Im Gegensatz zu einem Privatunternehmen – das auf Einnahmen verzichten kann, wenn es dies denn will – hat ein Börsenunternehmen die Verpflichtung, den Unternehmenswert zu maximieren. Wirtschaftlichkeit zu bevorzugen, führt oft zu weniger guten Leistungen oder lässt das zivilgesellschaftliche Engagement abebben. Das geschieht selbst bei Medienhäusern wie der Washington Post, bei der die Gründer die Kontrolle der Stimmrechtsaktien seit dem Börsengang 1971 behalten haben.

Dies bemerkte auch die letzte Herausgeberin der Gründerfamilie der Washington Post, Katharine Weymouth, als sie den Staffelstab an Bezos abgab: „Wenn Journalismus die Mission ist und der Druck, Kosten zu reduzieren und Gewinne zu erzielen, so gegeben ist, dann ist vielleicht [ein Börsengang] nicht der beste Platz für die Post.“

Verglichen mit der Kontrolle durch die Wall Street hat der Privatbesitz einige potenzielle Vorteile. Wie Bezos gezeigt hat, kann ein Privateigentümer kurzzeitige Verluste wegstecken, um langfristige Erfolge zu erzielen. Während viele Nachrichtenorganisationen noch Austeritätspolitik betreiben, erhöht die „neue“ Washington Post ihre Belegschaft und Budgets. Viele glauben, dass sie auch ihre Qualität und ihren Einfluss dramatisch verbessert.

Wie mildtätig ist das Milliardärs-Modell?

Doch Privatbesitz ist weder Garant für kommerziellen noch professionellen Erfolg. Heutzutage ist die am schnellsten wachsende Art des privaten Medienbesitzes die Form der Kapitalanlegegesellschaft, verbunden mit Hedgefonds oder einer anderen Variante von privatem Eigenkapital.

Diese Unternehmen sind genauso zielgerichtet auf Gewinne wie Firmen an der Börse – und möglicherweise sogar mehr gewillt, ein Medienhaus zu schließen, wenn die wirtschaftliche Leistung unzureichend ist. Zu den größten Investment-Gruppen gehören New Media/Gatehouse (mit 125 Tageszeitungen, jetzt größer als Gannett), Digital First Media (62 Tageszeitungen) und Tronc/Tribune (Eigentümer der Chicago Tribune, Los Angeles Times und 17 anderen Tageszeitungen).

Außerdem scheint nahe zu liegen, dass das als „mildtätiges Milliardär-Modell“ bezeichnete Konzept schon einfach daran scheitert, dass nicht alle Milliardäre mildtätig sind. Ein Hinweis darauf ist hier Sheldon Adelson, Casino-Mogul und konservativer Aktivist, der das Las Vegas Review-Journal im Jahr 2015 gekauft hat. Er hielt den Kauf zunächst geheim und seine Vertreter hatten Berichten zufolge die Zeitungsangestellten gedrängt, Adelson und seine Verbündeten in einem positiven Licht darzustellen.

Berüchtigte Presse-Barone von einst, wie William Randolph Hearst und Robert R. McCormick, nutzten ihre Zeitungen oft dafür, um Themen von rechtsaußen zu besetzen. Dazu gehörte auch Bewunderung für Adolf Hitler oder das Einstehen für strikte Isolationspolitik.

Auf subtiler Ebene führt Privatbesitz auch zu Problemen wegen möglicher Parteilichkeit, Selbstkontrahierung und fehlender Transparenz. Donald Trump nutzte diese Angriffspunkte, um Tweets zu posten, die die „AmazonWashingtonPost“ angriffen und drohte mit einer staatlichen Kartelluntersuchung bei Amazon, um Bezos einzuschüchtern.

Auch wenn Trumps Motive verdächtig scheinen, so ist die Sorge doch berechtigt: Je mehr Amazon seine Marktanteile von Industrie zu Industrie steigert, erhöht sich für die Washington Post exponentiell das Potential für ernste Interessenskonflikte.

Der Kauf von The Atlantic von Laurene Powell Jobs durch Emerson Collective (eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung) ist in einigen Punkten vergleichbar mit dem Besitz der Tampa Bay Times durch das Poynter Institut. In beiden Fällen überwachen Nonprofit-Organisationen vollständig kommerzielle Medienfirmen.

Der Unterschied zwischen Poynter und Emerson liegt in ihrer Mission. Wo Poynter sich der Ausbildung und Forschung von unparteiischem Journalismus verschrieben hat, umfasst Emersons selbst-verordnetes Mandat die anwaltschaftliche Arbeit zu den Themen Bildung, Einwanderung und Umwelt. Jobs wurde zur Sperrspitze der Bestrebungen das amerikanische Bildungssystem dramatisch zu transformieren. Wird sie The Atlantic als ein weiteres Vehikel sehen, um ihre Ansichten zu verbreiten?

Natürlich ist The Atlantic keine objektive Zeitung. Es ist ein Magazin, das sowohl online als auch offline offline mit einem bestimmten Blickwinkel daherkommt, das jedoch auch Platz für andere Ansichten bereitstellt. So wie die Washington Post ist es auch in den vergangenen Jahren profitabel gewesen. Mit aufmerksamkeitserregendem Journalismus und gekonntem Einsatz der Sozialen Netzwerke hat The Atlantic online bedeutende Gewinne eingefahren, ohne seine Printausgabe aufzufressen, dessen Verbreitung ebenfalls wächst. Hinter den Kulissen generiert The Atlantic auch Einkünfte durch das Veranstalten von Unternehmer- und Regierungsforen sowie besonderen Events.

Dieses Modell könnte eine Formel für wirtschaftlichen Erfolg sein, aber ist es ein ungetrübter Segen für die Demokratie? Der digitale Aufstieg von The Atlantic wurde befeuert durch gesponserte Inhalte (nun 60 bis 75 Prozent der Gesamteinnahmen) – eine Werbeform, die überzeugen will, indem sie aussieht wie Nachrichten – währenddessen könnten die gewinnbringenden Hintertür-Salons des Magazins, wie ein Media-Kolumnist argumentiert, einen korrumpierenden Effekt haben, indem sie „einen Teil des politischen Diskurses aus der öffentlichen Sphäre in eine private“ schieben.

Was ist mit dem öffentlichen Interesse?

Tatsächlich sind The Atlantic und die Washington Post die leuchtenden Beispiele eines zunehmend oligarchischen Mediensystems in den Vereinigten Staaten. Die Werte und Vorteile der Oligarchen müssen allerdings nicht unbedingt mit den demokratischen Zielen übereinstimmen. Ihr Geschäftsmodell – und ihre Definition von journalistischem Erfolg – tendiert dazu, bestimmte Teile des Publikums oder auch Themen auszuschließen, die nicht monetarisiert werden können. High-End Inserenten bevorzugen Inhalte, die gutverdienende Demographien ansprechen. Das wiederum kann dazu führen, dass die Berichterstattung sich von den Belangen der Arbeiterklasse und der Armen wegbewegt.

Statt also unterversorgte Leser anzusprechen, könnten diese Nachrichtenhäuser in Milliardär-Besitz wirtschaftlich und nach Rassenzugehörigkeit spalten, indem sie Ansichten und Stimmen bevorzugen, die eher zu höheren sozioökonomischen Gruppen passen. Wir sollten nicht überrascht sein: Die größten Nutznießer eines höchst gespaltenen ökonomischen Systems werden eher nicht die Vorreiter im Kampf gegen Ungleichheit sein.

Unter Bezos‘ Leitung fiel die Washington Post besonders wegen ihrer stark kritischen Berichterstattung über Bernie Sanders‘ Kandidatur auf, die sich auf Ungleichheit konzentrierte. Powell Jobs geht ohne Frage ehrlich mit ihrem Reformisteneifer um, doch ihr zielstrebiger Druck in Richtung Bildungsinnovation führt bequemerweise dazu, dass die Aufmerksamkeit sich wegbewegt von dem massiven Ungleichgewicht in Bezug auf die zugänglichen Ressourcen in einkommensschwachen Gegenden im Vergleich mit einkommensstarken Schulbezirken. Obwohl die neuen Medien-Oligarchen möglicherweise Profite weniger wichtig nehmen als ihre Landsmänner auf der Wall Street, könnten sie entschlossener sein, die öffentliche Politikdebatte als Vordenker zu prägen und zu beschränken.

Statt in der Knechtschaft dieser Wohltäter zu stehen, ist es wichtig, alle Maßnahmen zu verdoppeln, die sich um die Demokratisierung des Besitzes und die Finanzierung unseres Mediensystems drehen. Eine Möglichkeit wäre, die Erhöhung der staatlichen Unterstützung für die öffentlichen Medien der USA zu fördern. Schließlich sind sie die am schlechtesten finanzierten öffentlich-rechtlichen Medien der Welt.

Untersuchungen zeigen, dass öffentliche Medien eher unabhängiger, ideologisch vielfältiger und kritisch gegenüber dominanten politischen Positionen sind als kommerzielle Nachrichtenorganisationen. Weiterhin korrelieren starke öffentliche Mediensysteme mit höherem politischem Wissen und demokratischem Engagement. Öffentliche Medien sind auch besser in der Lage, um verschiedene Arten von Marktversagen zu überstehen. Etwas, das wahrscheinlich in den kommenden Jahren nur noch häufiger auftreten wird.

Zahlreiche Quellen können dabei helfen, öffentliche Optionen zu finanzieren und strukturelle Diversität in unserem Mediensystem zu fördern. Sie reichen von Frequenzversteigerungen, die Einnahmen generieren, um lokalen Journalismus zu unterstützen, bis dahin, Facebook und Google zu verpflichten, in Fonds für investigativen Journalismus einzuzahlen. Steuervergünstigungen und Schutzpolitik können sicherstellen, dass sich dem öffentlichen Dienst verpflichtet wird, genauso wie von-unten-nach-oben-Steuerung durch Bürger und Journalisten statt abwesende Eigentümer. In der Tat ist ein möglicher Silberstreifen am Horizont der Probleme des kommerziellen Journalismus, dass es eine erneute Suche nach strukturellen Alternativen gibt, insbesondere öffentliche und Non-Profit-Modelle.

Offensichtlich sind dies langfristige Lösungen. In der Zwischenzeit könnte ein wirklich mannigfaltiger Medien-Umweltschutz dazu führen, dass öffentlich-eingestellte Oligarchen eine positive Rolle spielen könnten. Aber sobald sie zu den dominanten Spielern werden – wie es heutzutage zunehmend der Fall ist – könnten sie unsere Demokratie eher bedrohen als stärken.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Zeitung “by Free-Photos (CC0 Public Domain)


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Rodney Benson

Rodney Benson

ist Professor in der Abteilung für Medien,Kultur und Kommunikation. Zusätzlich ist er ein angehöriges Mitglied der Fakultät für den Fachbereich Soziologie an der Universität in New York.

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Victor Pickard

Victor Pickard

ist Professor an der Universität von Pennsylvania's Annenberg Schule für Kommunikation. Seine Forschungen beschäftigen sich u.a. mit der Geschichte und politischen Ökonomie von Medieninstitutionen, sowie dem Medienaktivismus.

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