Zurückgeblättert: Clifford Stoll und sein Abgesang aufs Internet

In seiner Kolumne „Zurückgeblättert“ wirft unser Autor Hendrik Geisler einen Blick zurück. Für diesen Beitrag in die Newsweek-Ausgabe vom 27. Februar 1995, in der Clifford Stoll auf Seite 41 mit dem Internet abrechnet. Vor 20 Jahren rechnete der US-Amerikaner Clifford Stoll in der Newsweek mit dem Internet ab. Heute liest sich sein Abriss wie eine Satire. Das meiste hat Stoll falsch prognostiziert, mit mancher Voraussage hat er aber Recht behalten. Und auch nach 20 Jahren hat der Artikel an Unterhaltsamkeit seit seiner Veröffentlichung kein bisschen eingebußt hat. Im Gegenteil: Mit jedem Jahr, in dem neue Technologien vorgestellt werden, und mit jeder Innovation, die einen Schritt hin zu einer mehr und mehr digitalisierten Welt bedeutet, gewinnt Clifford Stolls „Why the Web Won’t Be Nirvana“ an Unterhaltungswert.

Stoll schrieb vor 20 Jahren einen Abgesang auf das Internet, in dem er das World Wide Web einen „großen Ozean ungefilterter Daten ohne Anspruch auf Vollständigkeit“ nennt. Man kann ihm dahingehend sicher zustimmen, den Siegeszug des Internets, hat diese Nebensächlichkeit aber nicht gestoppt. Zeit, mal einen Blick darauf zu werfen, was Clifford Stoll, der an der Aufdeckung des KGB-Hacks in den 1980er Jahren beteiligt war, vor über zwei Jahrzehnten am Internet bemängelte und eine Bestandsaufnahme zu machen von den Technologien, die er nicht vorhergesehen hat.

Nicholas Negroponte, director of the MIT Media Lab, predicts that we’ll soon buy books and newspapers straight over the Intenet. Uh, sure.

Selbstsicher stellt Stoll früh fest: „Keine Online-Datenbank wird die Tageszeitung ersetzen.“ Damit liegt der Amerikaner vollkommen richtig und könnte gleichzeitig nicht weiter von der Realität entfernt sein. Datenbanken sind kein Ersatz für Tageszeitungen und der Großteil der Menschen hat 2014 seine Informationen noch aus gedruckten Medienerzeugnissen bezogen. Doch es klingt schon fast hinterwäldlerisch, das auszusprechen, was Allgemeingrund ist: Die Zukunft des Journalismus liegt im Digitalen, im Internet.

Clifford Stoll konnte sich damals nicht vorstellen, dass man ein Buch auf einem Bildschirm lese. „Das kurzsichtige Glühen eines unhandlichen Computers ersetzt die freundlichen Seiten eines Buches“, schreibt er hämisch. Elektronisches Papier, auch E-Ink genannt, ist im Jahr 2015 absoluter Standard bei E-Book-Readern. Bei der Handlichkeit haben die Geräte Bücher auch schon lange überholt. Können sie deshalb ein Buch ersetzen? Nein. Noch immer gibt es Millionen von Leseromantikern, die nicht auf das gedruckte Wort verzichten möchten. Der Hinweis Stolls, einen Laptop könne man nicht an den Strand bringen, ist heute hingegen so schrecklich absurd, dass man sich aktiv ins Gedächtnis rufen muss, dass unsere Technologien nicht schon ewig zur Verfügung stehen.

Lacking editors, reviewers or critics, the Internet has become a wasteland of unfiltered data

Stoll stört sich zudem daran, dass man im Internet nicht wisse, was zu ignorieren sei und was beachtenswert. Auf der Suche nach dem Datum der Schlacht von Trafalgar bekommt er hunderte Dateien angezeigt und benötigt 15 Minuten, um einen Durchblick zu bekommen. Die Antwort kennt er danach noch immer nicht. Ein paar Jahre später war das kein Problem mehr. 1998 gründeten Larry Page und Sergey Brin Google, drei Jahre später rief Jimmy Wales Wikipedia ins Leben. Gibt man heute auf Google „Battle of Trafalgar“ ein, erhält man in 0,57 Sekunden etwa 881.000 Ergebnisse. Dass die Schlacht am 21. Oktober 1805 stattfand, kann man dann auf Wikipedia erkennen, ohne einen weiteren Klick zu machen.

Auch eine große Rolle des Internets in der Politik zweifelt Stoll an und nennt das Beispiel eines Lokalpolitikers, der im Wahlkampf alle Pressemitteilungen und Positionspapiere hochgeladen habe. Das Ergebnis: nur 30 Wähler hätten sich eingeloggt. Das sei kein gutes Omen, schließt Stoll seine Überlegungen. 13 Jahre nach der Veröffentlichung des besprochenen Artikels wurde Barack Obama erster schwarzer Präsident der USA. Forscher sind sich heute einig, dass dies ohne die Reichweite des Internets und speziell der Social-Media-Kanäle nicht gelungen wäre.

So how come my local mall does more business in an afternoon than the entire Internet handles in a month?

Flugzeugtickets online kaufen? Kaufverträge im Internet aushandeln? Geht es um Geschäfte im Internet, winkt Stoll ab. Sein örtliches Einkaufszentrum mache an einem Nachmittag mehr Umsatz als das gesamte Internet in einem Monat, stellt der damals 44-Jährige in seiner Internet-Kritik fest. Es gebe ja nicht mal einen sicheren Weg, die Waren zu bezahlen, moniert er. Und überhaupt fehle es an einer essentiellen Zutat des Kapitalismus: Verkäufern.

Mittlerweile ist ein Einkauf im Internet das normalste der Welt und es gibt mehr als einen sicheren Weg, Rechnungen online zu begleichen. Neben Angeboten wie kartenbasierten Zahlungsarten, Online-Überweisungen und zahlreichen kleinen Micro-Pay-Methoden hat sich vor allem ein Dienst durchgesetzt: PayPal. Im zweiten Quartal 2015 betrug das Transaktionsvolumen der ehemaligen eBay-Tochter etwa 65,94 Milliarden Euro. Den Handel im World Wide Web bezeichnet Stoll in seinem Artikel als Cyberbusiness. Heute sagt man E-Commerce, und dieser E-Commerce hat trotz des von Stoll angekreideten Mangels an Verkäufern 2014 weltweit rund 1,32 Billionen Euro umgesetzt. Für den nachmittäglichen Umsatz einer örtlichen Mall braucht das Internet vermutlich keine Minute mehr.

While the Internet beckons brightly, seductively flashing an icon of knowlege-as-power, this nonplace lures us to surrender our time on earth

So oft man bei der Newsweek-Lektüre von 1995 auch laut auflachen muss, kommt man schlecht umhin, Clifford Stoll in einigen seiner Aussagen durchaus Recht zu geben. Gute Lehrer werden immer wertvoller sein als jede noch so toll konzipierte Lern-Software? Ja. Der menschliche Aspekt in der Bildung wird immer eine wichtige Rolle spielen. Und, genau wie Stoll sagt, man wird sich immer an inspirierende Lehrer statt an ausgefeilte Lehrtechnologien erinnern.

Eine elektronische Nachricht ist ein schwacher Ersatz zu einem echten Treffen mit Freunden? Eindeutig. Menschen wirklich gegenüber zu sitzen, ist nicht annähernd vergleichbar mit dem Tippen einer Nachricht auf einer Tastatur. Als Ersatz sollte man digitalen Kontakt dann auch nicht begreifen, sondern als fantastische Ergänzung des Miteinanders. Kein interaktives Multimedia-Display wird jemals das Gefühl eines echten Konzerts vermitteln können? Auch hier behält der Kritiker Recht. Gerade jetzt, wo Virtual Reality eine immer größer werdende Rolle zugesprochen wird, könnte man meinen, echte Erlebnisse müssten zukünftig dahinter zurücktreten. Wer selber schon bei einem Konzert in der Masse mitgehüpft ist, die Arme in die Luft geschmissen und den Bass in der Brust gespürt hat, weiß, dass die Realität niemals mit technischen Mitteln erreicht werden kann. Und wenn Stoll fragt, ob wirklich jemand Cybersex echtem Sex gegenüber bevorzuge, kann man sich auch heute noch guten Gewissens dieser Frage anschließen. Echter körperlicher Kontakt ist und bleibt einzigartig.

Of my many mistakes, flubs, and howlers, few have been as public as my 1995 howler.

Was macht Clifford Stoll, der noch immer mit seinem 20 Jahre alten Artikel Menschen unterhält, heute? Seit mehreren Jahren forscht er zu Problemen der Mobiltelefonie und arbeitet dort mit Physikern und Mathematikern zusammen. Seine größte Passion scheint aber der Online-Vertrieb von Kleinschen Flaschen zu sein. Wie viel Stoll damit zu den 1,32 Billionen Euro E-Commerce-Umsatz weltweit beiträgt, ist nicht bekannt. Mehrere Interviewanfragen ließ er leider unbeantwortet. Gerne hätten wir aus erster Hand gehört, wie Stoll persönlich über seine Fehlprognosen denkt und wie das Internet in weiteren 20 Jahren aussehen wird.

Einen Hinweis darauf, wie er seinen 1995er-Artikel selber sieht, findet man unter einem Blog-Eintrag zu seinem Artikel aus dem Jahr 2010. In einem Kommentar versucht Stoll dort nicht, sich zu rechtfertigen, sondern gibt zu, dass er falsch lag. Und bezüglich zukünftiger Prognosen scheint er mittlerweile Vorsicht walten zu lassen: „Wann immer ich heute denke, dass ich weiß, was passieren wird, hinterfrage ich meine Gedanken: Du liegst vielleicht falsch, Cliff…“.


Teaser & Image „Clifford Stoll“ by YouTube (Screenshot)


Hendrik Geisler

hat Anglistik, Amerikanistik und Geographie studiert. Er volontiert beim Kölner Stadt-Anzeiger und schreibt für die Netzpiloten die Kolumne "Zurückgeblättert" und Texte über die Entwicklung der Medien.


Artikel per E-Mail verschicken
Schlagwörter: , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.