Wie Amazon das vernetzte Zuhause anschieben könnte

Die ganze Elektronikbranche redet vom Smart Home. Doch in den Haushalten steht weiterhin die alte Waschmaschine. Vielleicht kann Amazon helfen. Seit der diesjährigen Internationalen Funkausstellung (IFA) wissen wir, dass die Industrie sich entschlossen hat, das Smart Home, das vernetzte Zuhause, zum „nächsten großen Ding“ im Bereich der Consumer Electronics zu machen. Alle Haushaltsgeräte sollen schon bald miteinander kommunizieren können, ja sogar zum Lernen fähig sein, und uns Menschen das Leben im Haushalt leichter machen.

Das hört sich natürlich toll an, doch wie weit fortgeschritten sind die neuen Technologien eigentlich? Schon Ende der Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts hatte Microsoft in einem mit „Smart Home“ betitelten Video  seine Vision vom vernetzten Zuhause gezeigt. Und? Der Traum vom Luxuszuhause ist nahezu der Gleiche geblieben: Die Haustür, die ohne Schlüssel funktioniert und die Bewohner anhand der Iris identifiziert, der Kühlschrank, der beim Einzelhändler ganz selbstständig frische Milch bestellt, wenn der heimische Vorrat zuneige geht, und schließlich das Wohnzimmer, das sich auf Knopfdruck in einen abgedunkelten Entertainment-Palast verwandelt.

Und doch, selbst wenn viele dieser Smart-Home-Gadgets marktreif wären, hätte die große Masse der Haushalte schlicht nicht die finanziellen Mittel, mal eben alle in der Wohnung befindlichen Elektrogroßgeräte von Heute auf Morgen zu ersetzen. Bis wir alle unsere Waschmaschine und unseren Herd per App steuern, werden noch einige Jahre vergehen.

Diesen Prozess beschleunigen möchte nun offensichtlich Amazon, jenes Unternehmen, das sich wie Google in allen Branchen dieser Welt zuhause fühlt. Dieser Tage ist bekannt geworden, dass das sogenannte Lab126, ein 2004 gegründetes Tochterunternehmen von Amazon.com, jede Menge Geld und Personal in die Entwicklung intelligenter Haushaltstechnik investieren möchte.

Eine von ziemlich jedem Technikblog der Welt zitierte Meldung der Nachrichtenagentur Reuters spricht von fast 1000 geplanten Neueinstellungen bis zum Jahr 2019. Außerdem will der Konzern weitere 55 Millionen US-Dollar für Forschung und Entwicklung ausgeben. Im Lab126 erdachte man bereits Produkte wie die E-Book-Reader-Reihe Kindle, das Smartphone Fire Phone und die Set-Top-Box Fire TV, für die sich in den vergangenen Wochen auch hierzulande sehr viele Menschen interessierten.

Amazon selbst hat die ihm nachgesagten Smart-Home-Pläne wenig überraschend nicht kommentiert. Reuters bezieht sich in seinem Bericht auf ein „wenig bekanntes Dokument der öffentlichen Hand“ und nennt als Quelle außerdem „Personen, die mit der Materie vertraut sind“. Im Gegensatz zu für die breite Masse der Konsumenten unerschwinglichen Produkten könnten es möglicherweise kleine Haushaltshelfer sein, die der Konzern vielleicht sogar schon in den kommenden Jahren mit der ihm eigenen Marktmacht in den Wohnungen seiner Kunden platzieren will: Reuters spricht von kleinen, WLAN-fähigen Sensoren, die man etwa im Kühlschrank oder neben dem Waschpulver anbringen könnte. Geht ein Produkt zuneige, könnten sie sogleich Nachschub bestellen, zum Beispiel direkt im Einkaufsparadies von Amazon.

Ziemlich wahrscheinlich sind es zunächst die günstigen und extrem praktischen Smart-Home-Lösungen, die das größte Potenzial haben, sich in den kommenden Jahren auf breiter Basis durchzusetzen: Der smarte Rauchmelder oder das Thermostat für 50 Euro, überhaupt alles mit Sensoren. Ein nicht zu unterschätzender Markt dürfte auch der der Sicherheitselektronik werden: Per App aus der Ferne steuerbare Kameras, gekoppelt mit Sensoren, die ungewöhnliche Bewegungen in der Wohnung direkt an den Wohnungsbesitzer oder gleich eine Sicherheitsfirma schicken. Das Geschäft mit der Angst der Menschen vor Einbrüchen wird durch Smart-Home-Produkte eine Renaissance erleben. Schon jetzt zeichnet sich dieser Trend ab.

Dieser Artikel ist ein Ergebnis der Kooperation von Netzpiloten.de mit dem Branchendienst Techletter, der auch Newsletter zu den Themengebieten Smart Home, Wearables und Connected Car anbietet.


Image (adapted) „Shop“ by geralt (CC0 Public Domain)


Ekki Kern

ist Medienjournalist. Nach seinem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und London arbeitete er unter anderem beim Kölner Filmmagazin Schnitt, bei Radiostationen in Deutschland und Österreich sowie nach seinem journalistischen Volontariat an der Berliner Axel Springer Akademie als Medienredakteur im Feuilleton der Tageszeitung “Die Welt”. Über seine Erfahrungen mit Auto, Bahn und Bus schreibt er gemeinsam mit seinem Kollegen Tobias Gillen im „stern“-Blog „Neulich im Auto“. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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