Bildempfangsstörung (Bild Paulae [CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons)

Videokolumne vom 22. Dezember 2013

In der Videokolumne geht heute um neue Helden, ganz normale Leute in der Straßenbahn, herausragende Animationsfilmkunst und eine neue Art Musikvideo //von Hannes Richter

Lock (Bild: Screenshot Youtube)

Es ist so eine Sache mit den Mediatheken und Videoplattformen: Für viele Digital Natives sind sie schon Fernsehersatz – vieles ist überall abrufbar, manches aber nur auf Zeit: Gerade die öffentlich-rechtlichen Programme in den Mediatheken der Sender sind oft nach einer Woche wieder offline. Verlängertes Fernsehen statt digitales Archiv. Bevor sie verschwinden, fischt Hannes Richter die besten Perlen des TV-Vielfalt aus den Online-Archiven und präsentiert sie in seiner wöchentlichen Kolumne.


DAS GANZE LEBEN IN DER STRASSENBAHN: Linie 107

AUS DER MEDIATHEK – WDR +++ Sendung vom 14. Dezember bzw. laufende Reihe:
„Was man alles erleben kann in der Straßenbahn…“ Die ältere Dame, die das sagt, ist vielleicht nicht die Regel. Normalerweise erlebt man nicht viel auf dem Weg von A nach B. Anders als sie, die sich selbst als vorlaut bezeichnet, weil ihre Eltern beim Kaiser immer die Klappe halten mussten, fragt ja niemand nach. Aber normal ist auch, dass der Fahrer der Straßenbahn seine eigene Geschichte hat. Seine Frau ist gestorben und eine Kollegin hat ihn getröstet. Er sagt das einfach so und das Glück über die neu erlebte Liebe leuchtet aus den Augen des zerfurchten Gesichts, bevor er sich verlegen eine Zigarette dreht. Normal sind auch die Mengen an Menschen, die vor einem Schalke-Spiel die Gänge verstopfen. Normal ist der arbeitslose Herr mit den lustigen Krawatten, Elvis genannt, der regelmäßig die Bewohner eines Pflegeheims besucht und die Pöbeler, die einen Schwarzen auf dem Bahnsteig beleidigen. Das alles gibt es in der Essener Straßenbahnlinie 107 und so oder anders in jeder anderen in Deutschland. Die Redakteure der im besten Sinne lokalen Redaktion der Sendereihe Hier und Heute im WDR fragen nach und lassen sich die Geschichten der Fahrgäste erzählen.

Hier und Heute ist ein etabliertes Format im Westdeutschen Rundfunk. Nichts ist ausgedacht oder inszeniert, immer geht es um Menschen und Geschichten aus dem Sendegebiet, ob bei der Herstellung von Schokolade, einer wissenschaftlichen Suche nach einem jahrzehntelang verschollenem Fisch im Rhein oder in einem Protestcamp von Umweltschützern. Das kurze Format, 15 Minuten an Wochentagen und eine halbe Stunde jeden Samstag, macht diese Sendung irgendwie mediathekentauglich, die Ausgaben lassen sich auch mal kurz zwischendurch anschauen. Menschen in der Straßenbahn erzählen dann aus ihrem Leben und bringen ein Stück Normalität auf den Bildschirm, bevor man sich wieder seiner eigenen Geschichte widmen kann.


JAHRESRÜCKBLICK DES WIDERSTANDS: Tracks über Whistleblower

AUS DER MEDIATHEK – arte +++ Sendung vom 21. Dezember: Auch wenn das Time Magazine feige den Papst zur Person des Jahres erklärt hat: Der Mensch, der das Jahr 2013 wohl am meisten geprägt hat, war Edward Snowden und mit ihm die Figur des Whistleblowers. Heute weiß jeder, was das ist und die meisten wissen zu schätzen, was sie Whistleblowern zu verdanken haben. Artes Popkultur-Magazin Tracks widmet ihnen jetzt eine Sonderausgabe. Dort wird auch Daniel Elsberg vorgestellt, der 1971 die Pentagon-Papers veröffentlich hat. Aus diesem kriminellen Akt, ohne den der Vietnam-Krieg vielleicht noch länger gedauert hätte, gewinnt er eine Bekanntheit und ein moralisches Gewicht, dass er nun für die Entkriminalisierung von Whistleblowern einsetzt.

Im Mittelpunkt der Sendung steht aber das Interview mit zwei Aktivistinnen von Pussy Riot. Zwei andere, noch in Russland inhaftierten Mitglieder der Protest-Punk-Truppe kommen bald frei und so konnte diese Sonderausgabe zu keinem besseren Zeitpunkt kommen. Inhaltlich ist das ein bisschen holprig. Pussy Riot sind keine Whistleblower. Die Redaktion schmeißt viel zusammen, um eine Klammer für die beiden medienstarken Phänomene gegen die Mächtigen, ob in Russland oder den USA, zu basteln. Auch dramatisches Bildmaterial aus „Inside Wikileaks“ zu nutzen, um die Arbeit der Whistleblower-Plattform zu beschreiben, hat einen schlechten Beigeschmack, hat Julian Assange den Film doch heftig kritisiert. Und: Bradley Manning nennt sich jetzt Chelsea Manning. Den Wunsch der inhaftierten Transsexuellen nach Verwendung ihres neuen Namens zu ignorieren, ist entweder gewollt oder schlampig.
Der informative Rundumschlag beschäftigt sich aber auch mit der wenig bekannten Situation im EU-Mitglied Bulgarien, wo Mafia-Clans erheblichen Einfluss auf die Regierung haben und der Rolle des Internets im modernen Polit-Aktivismus. Trotz aller Kritik: Tracks verwendet eine knappe Stunde Sendezeit dafür zu zeigen, dass es Menschen sich für ihre Überzeugungen in höchste Gefahr begeben.


INTERAKTIVE VIDEOKUNST: Just A Reflektor von Arcade Fire

Mit ihrem letzten Album Reflektor haben Arcade Fire zum vierten Mal in Folge ein Meisterwerk geschaffen. Gott sei Dank sind sich darüber auch die Kritiker weitestgehend einig, so dass ich nicht rüberkomme wie der hoffnungslose Fan, der ich tatsächlich bin. Was die Band von anderen Hipster-Combos unterscheidet ist, dass hinter dem Hype und der manchmal angestrengt wirkenden Attitüde (die Bitte, sich bei ihren Clubkonzerten zu kostümieren fanden viele so uncool, dass Sänger Win Butler sich öffentlich rechtfertigen musste) auch große Kunst gemacht wird.

Das trifft natürlich in allererster Linie auf die Musik zu. Wenn man aber genau hinschaut, dann gibt es beim Phänomen Arcade Fire noch eine Menge anderes zu entdecken wie diesen interaktiven Kurzfilm von Vincent Morisset. Zum Titelsong Reflektor folgt man einer jungen Frau „auf die andere Seite“, wo verzerrte Traumbilder und Spiegelungen die Grenzen zwischen ihrem Inneren und dem was um sie herum geschieht sprengen. Das ungewöhnliche: Der Zuschauer greift selbst in das Geschehen ein, mal scheint er die Hauptfigur steuern zu können, mal reflektieren kleine Spiegel das Licht in die Richtung, die er vorgibt. Möglich wird das durch die Bewegungen eines Smartphones vor der Webcam, über eine Webseite werden beide Geräte gekoppelt. Es ist nicht das erste Mal, dass die Band mit Google kooperiert (das Video lässt sich dann auch nur über dessen Browser Chrome abspielen) und mit den faszinierenden Möglichkeiten interaktiver Musikvideos experimentiert. Beim letzten Album The Suburbs gab es einen Film, der mit Hilfe von Google Maps einen Flug durch die Straßen, in denen man aufgewachsen ist, ermöglichte. Das Thema des Albums, die Erinnerung an Stätten der Kindheit und das zwiespältige Verhältnis moderner Großstädter zur provinziellen Heimat, wird in The Wilderness Downtown zu einem persönlichen Erlebnis.
Auch bei Just a Reflektor kann man sich dem Thema des aktuellen Konzeptalbums von Arcade Fire durch Mitmachen annähern. Dafür sollte man vielleicht in einem dunklen Raum sitzen, die Lautstärke voll aufdrehen und sich beim Rumfuchteln mit dem Telefon so wenig komisch vorkommen wie im Kostüm auf einem Konzert. Lässt man sich darauf ein, „verschwindet die Technik“, wie es der Regisseur im interessanten Behind-the-Scenes-Video ausdrückt, und man erlebt etwas ganz neues, anderes und sehr cooles.


AUSGEZEICHNETER TRICKFILM: Der alte Mann und das Meer

Der alte Mann und das Meer ist eines der bekanntesten Werke der Weltliteratur. Ernest Hemingway wurde für „seine Meisterschaft in der Kunst des Erzählens“ 1953 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. In zwei Spielfilmen wurde die Geschichte vom Kampf eines vom Schicksal gebeutelten Fischers mit einem großen Fisch auf hoher See verfilmt, einmal mit Spencer Tracey und einmal mit Antony Quinn in der Hauptrolle. Doch die schönste Adaption ist dieser kurze Animationsfilm von Aleksandr Petrov. Die unglaublich aufwendige Technik, bei der Glasplatten mit Ölfarben bemalt und abfotografiert werde (29.000 solcher Bilder malte Petrov für den 20 Minuten langen Film), erschafft eine wunderbare Kunstwelt, in der das Meer und die Wolken, die Hütte des Mannes und das kleine Fischerboot wie einzelne Charaktere wirken. Die dunkle Stimme des Sprechers spricht einen Text, der klug gekürzt die wichtigsten Stellen des Werkes wiedergibt und so mit den starken Bildern mithalten kann. Der Film wurde im Jahr 2000 mit dem Oscar für den besten animierten Kurzfilm ausgezeichnet.


WILL FERRELL UND THOMAS HERMANNS: Schwuler Quatsch zum Start von Anchorman 2

Will Ferrell promotet seinen neuen Film Anchorman 2 und trifft Thomas Hermanns, dessen neue Quatsch Comedy Show am 11. Januar bei Pro Sieben zu sehen ist. Dabei bleibt er in der urkomischen Rolle des 70er-News-Anchors, die bereits aus dem ersten Teil der Persiflage bekannt ist. Dort wird der chauvinistische Moderator der alten Schule mit einer schlagfertigen neuen Co-Moderatorin konfrontiert. Bei der Promo-Tour für das Sequel ist es nun Thomas Hermanns, dessen Avancen ihn überfordern. Hermanns spart nicht mit schlüpfrigen Anspielungen und am Ende kommt es sogar zu einer homoerotischen Musikeinlage. Heraus kommt ein köstliches Stück Improcomedy, ein schönes Spiel mit dem Thema des Films und dabei gleichzeitig fast schon eine Satire auf die üblichen Fließbandinterviews im Hotel vor einem Filmplakat.


Teaser by Paulae (CC BY 3.0)

Image aus Arcade Fire’s Just A Reflektor: Behind the Scenes (Screenshot)



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Hannes Richter

Hannes Richter

wandert auch außerhalb des Netzes zwischen den Welten. Der Berliner arbeitete in der Redaktion eines schwulen Nachrichtenmagazins im Kabelfernsehen und hat Videos für tape.tv und die iPad-Ausgabe des SZ-Magazins produziert. Als studierter Kulturarbeiter war er jahrelang im Berliner Cabaret-Theater Bar jeder Vernunft beschäftigt und hat ein gutes Gespür für die aktuelle Kulturszene. Im Netz verbindet er seine Leidenschaften, dafür ist es ja da. Privat twittert er als berlinmeerkat. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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