Videokolumne: Über Frauen, Juri Gagarin, Berlin und Nordkorea

In der Videokolumne geht es heute um große Frauen, einen weitgereisten Mann, den bewegenden Bericht eines ehemaligen Häftlings aus Nordkorea und noch einen Berlin-Film. // von Hannes Richter

Camp 14 (Bild: Engstfeld Film)

Es war wieder Frauentag und hier sollen die Frauen vorgestellt werden, die ganz am Anfang standen: arte zeigt Dokus über Marie Curie und Lise Meitner und Margarethe von Trottas Biopic über Rosa Luxemburg gibt es vollständig auf Youtube. Ganz im jetzt, im Berlin von heute nämlich, irrt der junge Bruno aus dem fantastischen Kurzfilm Nashorn im Galopp durch ein fantasiebegabtes Leben. Der Kosmonaut Juri Gagarin wäre letzten Sonntag 90 Jahre alt geworden, eine Dokumentation erzählt die Geschichte hinter seinem historischen Flug. Doch als erstes berichtet der Nordkoreaner Shin Dong-hyuk von seiner Zeit in einem Internierungslager. Ein bewegendes Zeugnis.


ZEUGE AUS DEM LAGER IN NORDKOREA: CAMP 14 – Total Control Zone

AUS DER MEDIATHEK – arte +++ Sendung vom 5. März: Shins Geschichte ist unglaublich. Bevor der junge Mann im Alter von 26 Jahren in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul auftaucht, hat er sein ganzes Leben in einem Arbeitslager für politische Häftlinge in Nordkorea verbracht. Nach eigenen Angaben wurde er dort geboren, im berüchtigten Kachong 14, einem geheim gehaltenen Komplex zur Internierung politischer Gefangener. Von dem Lager ist wenig bekannt. Für jeden sichtbar ist die gewaltige Anlage bei Google Maps, doch was sich genau dort abspielt wissen wir nur von dem ehemaligen Gefangenen Kim Yong, der zwischen 1995 und 1996 dort einsaß, und eben dem Bericht des geflüchteten Shin Dong-hyuk.
Das weltweite Medieninteresse war gewaltig, nachdem seine Geschichte bekannt wurde. In den Jahren nach seiner Flucht beginnt Shin sich gegen das Regime in Nordkorea zu engagieren, seine Erlebnisse sind seine stärkste Waffe. Im Jahr 2012 erscheint ein Buch, mit dem er für eine Menschenrechtsorganisation um die Welt reist. Wenig später kommt ein deutscher Dokumentarfilm heraus, der überrascht. Anders als bei dem viel beachteten Interview mit der Reporterlegende Anderson Cooper, bei der das dramatische Schicksal für ein amerikanisches Fernsehpublikum aufbereitet wird, herrschen im Film von Marc Wiese die leisen Töne vor. Man kommt so der Gefühlswelt dieses klugen jungen Mannes näher. Er erzählt von seinen Erlebnissen mit einer sonderbaren Distanz. Es lässt sich nur erahnen, was es mit einem Menschen macht, wenn er in seinem ganzen Leben nur das drakonische Lagerleben kennengelernt hat und ihm seine Mutter so fremd ist, dass er nichts fühlt, als sie wegen seines Verrats hingerichtet wird. Die beklemmende Geschichte Shins spielt fernab von Diktatorenkitsch und gut dokumentierten Reisen heldenhafter Vice-Reporter. Sie spielt, dort, wo Shin geboren wurde, 39,5 Grad nördlicher Breite und 126,1 Grad östlicher Länge.


GROSSE FRAUEN: Clara Zetkin und Rosa Luxemburg

Am letzten Samstag war der 8. März, Internationaler Frauentag. Dieses Ereignis scheint in den letzten Jahren eine Renaissance zu erleben. Sorgte das Blümchen auf den Schreibtischen der Kolleginnen vor Kurzem noch für verwunderte Blicke und musste Mann (aus dem Osten) früher noch erklären, was es mit dieser Geste auf sich hat, wird der Tag heute von immer mehr Facebookfreunden, in immer mehr Zeitungen und ja sogar vom amerikanischen Konzern Google gewürdigt. Eine schöne Entwicklung, gibt der Anlass doch auch Gelegenheit auf die weiter andauernde Benachteiligung von Frauen in der Berufswelt und latente Sexismen im Alltag hinzuweisen. Dabei muss man politisch nicht allzuweit links stehen um zu erkennen, dass die Geschichte der Frauenbewegung früher Teil einer revolutionären (Arbeiter-) Bewegung und die Frage der Gleichberechtigung für die Vorkämpferinnen des Feminismus immer auch eine soziale Frage war. In Europa wurde der Frauentag erstmals im August 1910 auf einer Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen von Clara Zetkin ins Spiel gebracht. Sie war eine außergewöhnliche Politikerin. Bereits 1889 hielt Zetkin einen Vortrag, in der sie das Wahlrecht nur als Teil einer umfassenden Emanzipation der Frau fordert. Als Reichstagsabgeordnete und Alterspräsidentin eröffnete die schon greise Kommunistin 1932 den ersten Reichstag mit einer NSDAP-Mehrheit. Sie nutzte ihr Privileg der ersten Rede für ein flammendes Plädoyer gegen den aufziehenden Faschismus und übergibt am Ende zähneknirschend das Wort an den neu gewählten Parlamentspräsidenten Hermann Göring.

Mit dieser bewegenden Szene beginnt auch das spannende Radio-Feature Portrait einer unbequemen Sozialistin des Bayerischen Rundfunks, eine hörspielartige Biografie mit Expertenbeiträgen und Originalaufnahmen. Ähnlich wie bei Rosa Luxemburg, der anderen großen Säulenheiligen des Sozialismus, steht der verklärenden Verehrung in der DDR ein schamvolles Vergessen im Westen gegenüber. Mit dem brillant besetzten Biopic Rosa Luxemburg (hier komplett auf Youtube zu sehen) aus dem Jahr 1985 holte Margarethe von Trotta die Revolutionärin aus der Versenkung. In dem Film nimmt die Freundschaft dieser beiden großen Frauen eine wichtige Rolle ein. Gemeinsam kämpften sie bis zu Luxemburgs Ermordung für die Gleichberechtigung und es ist schön, wenn sich an Tagen wie dem 8. März auch mehr Menschen an diese beiden Frauen erinnern.


GROSSE FRAUEN: Marie Curie und Lise Meitner

AUS DER MEDIATHEK – arte +++ Sendungen vom 8. März:
Zwei andere Frauen haben in der Wissenschaft ihren Teil zum Kampf beigetragen, wie diese beiden biografischen Dokumentationen auf arte zeigen. Dabei geht es weniger um ihre wegweisenden Beiträge zur Entdeckung der Radioaktivität beziehungsweise der Vorbereitung der ersten Kernspaltung, als um die Geschichte ihrer Durchsetzung als anerkannte Wissenschaftlerinnen in einer von Männern dominierten Welt.
Die in Polen geborene Marie Curie begann 1891 als eine von nur 23 Studentinnen an der wissenschaftlichen Fakultät der berühmten Sorbonne in Paris zu studieren. Mit ihrem Mann Pierre Curie wirkte sie entscheidend an der Entdeckung mehrerer chemischer Elemente mit, beide erhielten 1903 den Nobelpreis für Physik. Curie war die erste Frau, der diese Ehre zuteil wurde. Lise Meitner musste zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Laufbahn durch einen Hintereingang in das Labor ihres Freundes Otto Hahn an der Berliner Universität eintreten, an eine Bezahlung konnte die junge Wissenschaftlerin erst recht nicht denken. Das Frauenstudium wurde erst 1909 eingeführt, doch es dauert bis 1913, inzwischen war Meitner Assistentin bei Max Planck, bis sie zum ersten Mal für ihre Arbeit bezahlt wurde. Gemeinsam mit Otto Hahn schuf Lise Meitner die Grundlagen für den später als Kernspaltung bekannten physikalischen Prozess, musste ihre Arbeit wegen der Immigration auf Grund ihrer jüdischen Herkunft unterbrechen. Hahn hielt die im schwedischen Exil lebende Meitner ständig über seine Fortschritte auf dem Laufenden und diskutierte seine Ergebnisse schriftlich. Der Nobelpreis im Jahr 1944 wurde aber nur ihm zugedacht. Nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki trug Lise Meitner schwer an ihrem Ruf als „Mutter der Bombe“. Die engagierte Pazifistin setzte sich bis zu ihrem Tod für die friedliche Nutzung der Kernenergie ein.


KOSMISCHER HELD: Die Gagarin-Story

„Er hatte so ein Lächeln, mit dem er alle eroberte“, schwärmt der sowjetische Raumfahrtkonstukteur Boris Tschertschok über Juri Gagarin, der am letzten Sonntag 90 Jahre alt geworden wäre. „Es kann sein, dass dieses Lächeln ihm einen kleinen Vorteil verschaffte.“ Der erste Mensch im All faszinierte die Menschen in den beginnenden 60er Jahren und das nicht nur im Ostblock. Die Sowjets waren sich schon bewusst, was dieser zweite Erfolg im kosmischen Wettlauf nach dem Sputnik für sie bedeutete und der Strahlemann Gagarin eroberte nach seinem historischen Flug Titelseiten und Mädchenherzen weltweit. Diese Dokumentation mit dem etwas reißerischen Titel Die Wahrheit über den Flug des ersten Kosmonauten der Welt erzählt die spannende Geschichte von der Auswahl des richtigen Kosmonauten über die eher wenig bekannten Komplikationen nach der ersten Erdumdrehung („Genossen, ich brenne!“) und die ruhmreiche PR-Kampagne nach der Landung bis zum tragischen Tod des Helden im Jahr 1968. Gagarin kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, etwa ein Jahr bevor die Amerikaner mit der Apollo-Mission den Mond erreichen und Neil Armstrong zum neuen Helden wurde.


VERSPIELT IN BERLIN: Nashorn im Galopp

AUS DER MEDIATHEK – arte +++ Sendung vom 15. März:
Bruno passt nach Berlin. Er erzählt von der Seele der Stadt und davon, wie aufgehoben er sich in ihr fühlt, auch wenn die anderen Bewohner den „Genius Loci“ nicht zu erkennen scheinen. Bruno wirkt dabei seltsam melancholisch und doch mit einer grundpositiven Verspieltheit ausgestattet, die durch die mit seinem Monolog wunderbar verkoppelten kleinen Gimmicks aus absurden Kameraperspektiven und lustigen Kulissenschiebereien veranschaulicht wird. In der quirligen Vicky findet er eine Mitstreiterin. Beide streifen durch die Stadt bis auch Vicky Berlin verlässt, wie so viele vor ihr und so viele nach ihr. Bruno bleibt zurück, doch die Zeit mit der mysteriösen Rothaarigen macht etwas mit ihm: ohne sie wäre diese Stadt nicht diese Stadt und „Nashorn im Galopp“ mit all seinen visuellen Effekten und kleinen bis ganz großen Einfällen würde in kurzen 15 Minuten nicht so viel über Berlin erzählen. Unbedingt anschauen.


Teaser & Image by Engstfeld Film



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Hannes Richter

Hannes Richter

wandert auch außerhalb des Netzes zwischen den Welten. Der Berliner arbeitete in der Redaktion eines schwulen Nachrichtenmagazins im Kabelfernsehen und hat Videos für tape.tv und die iPad-Ausgabe des SZ-Magazins produziert. Als studierter Kulturarbeiter war er jahrelang im Berliner Cabaret-Theater Bar jeder Vernunft beschäftigt und hat ein gutes Gespür für die aktuelle Kulturszene. Im Netz verbindet er seine Leidenschaften, dafür ist es ja da. Privat twittert er als berlinmeerkat. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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