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Ein Russischer Diplomat muss gehen, 700 US-Unternehmen bleiben

Kolumnen_Rainer2

In Dublin wird wieder an allen Ecken und Enden gebaut. Es gibt einerseits zu wenig Wohnungen und andererseits entsprechen viele Bürogebäude nicht mehr den Ansprüchen zahlungskräftiger Mieter. Gerade im Bereich der sogenannten „Silicon Docks“ am Hafen. Hierbei handelt es sich oft um US-Unternehmen, die ihren Mitbewerbern folgen und ihre Europazentralen nach Dublin verlegen. Unter all den dringend benötigten Wohnhäusern, die hochgemauert werden, sowie den imposanten Baukränen, die Arbeitsraum für Techies in die Höhe ziehen, war ein Bauzaun an der russischen Botschaft lange zu vernachlässigen.

Kaum jemand fragte sich, warum eine Botschaft in einem kleinen Land wie Irland 20 neue Diplomaten braucht. Dann kam der Giftanschlag von Salisbury und die koordinierte Reaktion des Westens in Form der Ausweisung zahlreicher Diplomaten. Irland hat nur einen Diplomaten zurück nach Moskau geschickt. Das Geschrei darüber, wie sich denn das neutrale Irland zum Erfüllungsgehilfen der Briten in einem neuen, kalten Krieg machen könnte, war aber unheimlich groß. Man konnte fast glauben, dass es James Bond wirklich gibt und dass sein treuer Helfer Q einen irischen Pass hat.

Der neue kalte Krieg

Also mal ganz langsam. Hier sind ein paar Zahlen: ein Russischer Diplomat musste – bis jetzt – gehen. Zwanzig Prozent der in Irland lebenden Arbeiter und Angestellten sind bei einem der 700 US-Unternehmen beschäftigt, die sich hier angesiedelt haben. Viele davon sind Tech-Firmen, die zweifelsohne ein Top-Ziel russischer Hacker darstellen. Die Präsenz dieser Unternehmen macht die strategischen ökonomischen und infrastrukturellen Interessen der USA auch zu Interessen Irlands. Ob es den lautstarken „Neutralisten“ nun gefällt oder nicht. Und dass Russland in seiner Botschaft im kleinen Irland Platz für 20 weitere Diplomaten schaffen will, klingt auf einmal nicht mehr ganz so merkwürdig, oder?

Mir muss aber nun niemand mit dem Argument kommen, dass nun, da der eine Diplomat ausgewiesen wurde und der Neubau für 20 weitere Diplomaten in diesem neuen kalten Krieg im wahrsten Sinne des Wortes auf Eis liegt, auf einmal wieder alles in Ordnung sei. Denn keiner weiss genau, was die verbliebenen Diplomaten so machen.

Pearl Harbour im irischen Mayo

Werden in der Botschaft Hackerangriffe auf US-Infrastruktur in Irland mit Hackern im heimatlichen Moskau koordiniert? Vielleicht. Haben es Hacker aber so oder so auf die oben beschriebenen US-Unternehmen abgesehen? Mit Sicherheit. Denn eins ist klar – die irischen Sicherheitsbehörden sind mit denen der USA nicht zu vergleichen. Das macht Irland zum leichten Angriffsziel.

Man kann durchaus einen Vergleich zu Hawaii ziehen, wo 1940 die Zentrale der US-Pazifik-Flotte angesiedelt war. Die Japaner flogen aufgrund dieser strategischen Wichtigkeit damals einen Überraschungsangriff auf Pearl Harbour. Killala ist kein Ort auf Hawaii, sondern ein Dorf in der irischen Grafschaft Mayo. In Killala kommt das superschnelle Glasfaser-Kabel zu Tage, das unter Wasser die USA mit Europa verbindet. Dass dieses Kabel die Kapazität für ein Drittel aller weltweit geführten Telefonate hat, sollte reichen, um die Wichtigkeit dieser Art von Infrastruktur zu unterstreichen.

Irland ist zu naiv im Umgang mit russischen Cyber-Attacken

Wem das zu sehr nach James Bond und seinem russischen Widersacher General Arkady Ourumov – in „Goldeneye“ vom deutschen Schauspieler Gottfried John verkörpert – klingt, dem sei entgegnet, dass Fiktion in Irland bereits zur Wirklichkeit geworden ist. Im vergangenen Jahr schickten russische Hacker Phishing-eMails unter anderem auch an Ingenieure beim irischen Elektrizitäts-Unternehmen ESB. Einer der betroffenen Kunden von ESB, die danach Opfer des Petya-Virus wurden, ist das US-Pharma-Unternehmen MSD, das hier 1.600 Mitarbeiter beschäftigt.

Dass der ehemalige Vize-Direktor des militärischen Sicherheitsdienstes Irlands jüngst in einem Interview Irland als „naiv“ im Umgang mit russischen Cyber-Attacken und als „höchst verwundbar“ bezeichnet hat, sollte politischen Entscheidern zu Denken geben. Alles redet von einem russischen Diplomaten, dessen Ausweisung allein schon die irische Neutralität in Frage stelle. Wir sollten aber eher von den 700 US-Unternehmen reden, die 20 Prozent der Erwerbstätigen in Irland beschäftigen. Die haben alle Trump im Ohr, der sie mit seiner Steuerreform zurück in die Heimat locken will. Wenn nur ein paar davon auch noch einen russischen Wurm in den Servern haben, dann könnte sich der Wind bald drehen. Da mag das Guinness auch noch so lecker, die Wiesen noch so grün und die Wellen noch so toll sein; Pub-Tourismus, Öko-Tourismus und Surf-Tourismus, Tourismus überhaupt, wird die Beschäftigung, die die 700 US-Unternehmen geschaffen haben, niemals ersetzen können.

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Keine Ruhe nach dem Sturm: Lockdown in Dublin und Probleme mit dem Wasser

Kolumnen_Rainer2

Dublin hat den Lockdown überstanden. Das Dilemma namens „Emma“ liegt hinter uns und wir haben uns wieder gesammelt. Die Tage vor dem Sturm Emma waren davon geprägt, dass eine Task Force zwar gegründet, gleichzeitig aber schon im Vorhinein praktisch wieder zum Scheitern verurteilt war, weil sie von der Regierung installiert wurde. Als von diversen Ministern Erklärungen kamen, dass das irische Volk Ruhe bewahren möge, da doch alles koordiniert sei, sorgte dies auch eher für Unruhe.

Passend dazu setzte der öffentliche Dienst angesichts der ersten Schneeflocken den Nahverkehr in der Hauptstadt mal eben 24 Stunden vor dem erwarteten Chaos komplett aus. Das führte zu noch größerer Unruhe, zum schon erwähnten „Lockdown“ – und zu peinlichen Rechtfertigungen gegenüber Kollegen oder Kunden in anderen europäischen Ländern.

Auswirkungen des Lockdowns

In der Hauptstadt des Landes, das so gerne als „best small country to do business in“ gesehen werden will, sitzen viele sogenannte „Shared Services Centres“ (SSC). Diese bieten für eine Firma zentralisiert Dienstleistungen für alle EU-Märkte an, beispielsweise im Finanzbereich. In den meisten SSC mussten nach drei Tagen Lockdown die Hörer in die Hand genommen und entschuldigende eMails getippt werden. Die Kunden aus Skandinavien und Polen zeigten angesichts der Fernsehbilder vom Schneesturm durchaus Verständnis. Aber warum konnte man am Tag zuvor nicht arbeiten? Tja, wegen des Lockdowns fuhren weder Busse noch Bahnen. Außerdem musste man die Kinder hüten, denn alle Kindergärten, Schulen und Universitäten waren geschlossen.

„Aber ihr seid doch die Hauptstadt des „besten kleinen Landes, in dem man Geschäfte machen kann“, wundern sich die Kunden. Und das Land, in das viele Arbeitsplätze abgewandert sind, weil mit den SSC alles besser läuft, oder? Ja, das sind wir. Und trotzdem. Die Wahrheit ist … nicht so einfach zu formulieren und schon gar nicht so einfach zu ertragen. Da haben wir hier in Irland im Übrigen auch was mit den Brexiteers gemeinsam.

Boris Johnsons Brexit: Die Wahrheit tut weh

Den Brexiteers innerhalb der Conservative Party von Premierministerin Theresa May und um Boris Johnson, dessen Haarschopf immer so aussieht, als sei er während des Sturms Emma zum Staatsbesuch in Irland gewesen, wurde gerade von einem der Vorgänger Theresa Mays die Wahrheit wie ein kalter, nasser Fisch, der noch unter EU-Quoten in der irischen See gefangen wurde, um die Ohren gehauen: „Jede Form von Brexit wird für den britischen Normalbürger ein totales ökonomisches Desaster bedeuten.“ Patsch! Die Wahrheit tut weh.

Sie kann aber auch gut tun, vorausgesetzt, dass man lernfähig ist, was zumindest bei Boris Johnson zu bezweifeln ist. Der Mann hat es neulich fertiggebracht, das Problem möglicher erneuter Grenzkontrollen zwischen Nordirland und der Republik Irland nach dem Brexit damit kleinzureden, dass es doch „auch an der Grenze zwischen Camden und Westminster dank der richtigen Technologie keine Probleme damit gibt, Staugebühren von Fahrern zu erheben, die ins Stadtzentrum müssen.“ Damit kennt er sich als ehemaliger Londoner Bürgermeister bestens aus. Der Begriff „haarsträubend“ hat bei Brexiteer-Boris offenbar unendliche Dimensionen.

Problem der Wassergebühren

Zurück nach Irland in der Zeit nach dem Sturm. Die sprichwörtliche Ruhe war nach Emma nicht sofort eingekehrt. Diesmal ging es um die Wassergebühren, die hier von den Unternehmen gezahlt werden. Vor zwei Jahren wurden die Wassergebühren für Privathaushalte nach heftigen, teilweise sogar gewalttätigen Protesten abgeschafft. Die Meinungen von Experten, dass Wasserzähler nicht nur helfen würden, tausende von Lecks in Jahrhunderte alten Rohren zu identifizieren, sondern gleichsam auch für Gebühren-Gerechtigkeit sorgen würden, gingen im Strudel der Demonstrationen gegen die Gebühren unter.

Nun wurden aber angesichts von immer mehr Lecks in den Rohren (hervorgerufen durch Väterchen Frost und Schwesterchen Emma) Rationierungen ausgerufen. Und schon schwoll das Gegurgel in der Hauptstadt wieder an. Es verstummte erst wieder, nachdem hunderte von Notfall-Teams der Wasserwerke die meisten Lecks gestopft hatten. Ja, es handelt sich um die gleichen Teams, die oft beschimpft oder gar bespuckt wurden, als sie Wasserzähler installieren wollten. Und ja, es sind auch die gleichen Wasserzähler, die dazu beigetragen hätten, dass Wassergebühren gerecht erhoben werden können. So hätten zumindest teilweise milliardenteure Kilometer an neuen Wasserrohren bezahlt werden können. Diese werden nämlich dringend gebraucht. Das ist die kalte, nasse, unangenehme Wahrheit.

Folgen des Wasser-Problems

Die Rohre müssen nun durch das Steueraufkommen bezahlt werden. In diesen Topf kommt unter anderem auch die Einkommenssteuer des Wirts des Celt. Das ist ein Pub im Dubliner Stadtzentrum gleich gegenüber des Büros vom Gegner namens Irish Water. Es ist auch eines der vielen Geschäfte, das erst unter dem Lockdown und dann unter der Wasser-Rationierung zu leiden hatte. Es ist aber auch eines der Geschäfte, das schon immer für das Wasser bezahlen musste.

Auch das ist eine unangenehme Wahrheit, die aber jetzt, da wieder die Ruhe nach dem Sturm eingekehrt ist, erstmal nicht mehr diskutiert wird. Also „Wasser Marsch!“, die Pintgläser müssen geputzt werden, denn am Samstag ist St. Patrick’s Day, da wird sowieso alles durch die grüne Brille gesehen.

Außerdem wird so manches auch grün gefärbt, wie zum Beispiel die Liffey, der Fluss, der durch Dublin fließt. Oft folgt nach dem Wochenende der Hangover. Und in manch einer Firma folgt dem Hangover der Lockdown. Ich habe das Gefühl, dass man an so mancher Stelle so kurz nach Emma wohl zweimal darüber nachdenken wird.

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Brexit und das Recht auf Arbeit für Asylbewerber in Irland

Kolumnen_Rainer2

Die Hauptnachrichten des irischen Fernsehsenders RTE werden seit Beginn des Jahres nicht etwa deshalb Minute für Minute analysiert, weil auf einmal knallharter Journalismus zu bewundern wäre. Nein, der Fokus gilt dem neuen Duo vor der Kamera. “Anchorman” war gestern. RTE hat “Anchorwomen”. Zuletzt war es ein Mann und eine Frau, die gemeinsam die Sendung präsentierten. Bis sich die Frau darüber beschwerte, dass ihr Kollege mehr verdiente.

Die Diskussion bei RTE ward losgetreten. Der Mann wechselte zu RTE Radio, die Frau wurde zu den Spätnachrichten weggelobt. Nun geht alles davon aus, dass die beiden Frontfrauen natürlich beide gleich viel verdienen. Auch, dass das Gehalt natürlich auf Augenhöhe mit dem liegt, was ein Mann verdienen würde. Statt Geld wird nun gezählt, welche der beiden Damen öfter links am Pult sitzt und welche öfter rechts. Das ist ja wichtig. Denn die neue, revolutionäre Art der Anmoderation, dass beide am Anfang vor der Kamera stehen, war schon nach einer Woche nicht mehr so wichtig.

Ist es nicht egal, wer wo sitzt?

Meiner Meinung nach ist es generell vollkommen unwichtig, wer wo sitzt, wenn Beiträge anmoderiert werden. Ich kriege nur die Krise, wenn zwei Beiträge willkürlich im Programm auftauchen, ohne Zusammenhänge aufzuzeigen. Jüngstes Beispiel: Zwei Veranstaltungen, bei denen es um Jobs ging. Um Jobs im Zeitalter von Brexit. Um Jobs in Irland. In Irland, dem Land der Auswanderer. Dem Land, das fast schon einen Kult um seine eigenen Migranten betreibt. Und wenn der erste dieser Migranten fast 20 Jahre nach Auslaufen seines Visums von Trump’s Immigrations-Schergen des Landes verwiesen und heimgeschickt wird, dann ist das Geschrei so groß wie die Pressemeute, die sich zum Empfangs-Kommittee für den verlorenen, deportierten Sohn hinzugesellt. Aber zurück zu den Jobs und den beiden Veranstaltungen.

Unsicherheit darüber, wie Brexit tatsächlich aussehen wird, herrscht nicht nur bei denen, die die Sache angestoßen haben. Also bei der britischen Regierung. Unsicher fühlen sich auch viele Arbeitnehmer. Egal ob britische Staatsbürger oder EU-Bürger. Das gilt für fast alle Sektoren, außer vielleicht für Immigrations-Beamte. Aber im Londoner Tech-Sektor ist die Unsicherheit auf jeden Fall zu spüren. Somit machte es für die Macher von “Tech Life Ireland” absolut Sinn, eine Jobbörse in London zu veranstalten. Diese war, wenn man sich den betreffenden Bericht bei RTE anschaute, hervorragend besucht.

Berechtigte Sorgen

Fast 20 Firmen reisten mit Jobangeboten an und mit neuen Kollegen – oder besser gesagt erst einmal mit deren Zusagen – wieder ab. In ein paar Wochen oder höchstens Monaten müssen sich die Neurekruten keine Sorgen mehr um Brexit machen. Nein, Sorgen muss man sich eher um bezahlbaren Wohnraum machen. Denn sowohl Hypotheken als auch Mieten sind hier schon wieder so hoch – wenn nicht gar höher – wie im Boom. Und der Crash, der dem Boom folgte, ist schon wieder vergessen.

Da viele sich die immer weiter steigenden Mieten nicht leisten können, steigt die Zahl derer, die nach Rauswurf durch Vermieter in Notunterkünften enden, immer weiter an. Und mit der Zahl derer, die auf neue, normale Unterkünfte warten, die gar nicht so schnell gebaut werden können, wie sie gebraucht werden, steigt leider auch die Zahl derer, die die Schuld bei Unschuldigen suchen. Wie anders ist es zu erklären, dass die Angst vor dem “Faktor Anreiz im Zeitalter von Brexit” als Begründung dafür herhalten muss, dass das Urteil des höchsten irischen Gerichts, welches Asylbewerbern das Recht auf Arbeit gewährt, ignoriert und eben jenes Recht stark eingeschränkt wird.

Einschränkungen und Demonstrationen

Es geht um Asylbewerber, die seit Jahren in Aufnahmelagern leben. Und die sich vor allem mittels Arbeit nicht nur selber ernähren. Sondern es geht auch um die, die sich auch integrieren wollen. Womit wir bei der zweiten Veranstaltung zum Thema Jobs wären, die bei RTE im gleichen Programm lief. Nachdem eine Taskforce der irischen Regierung nach dem Urteil des Supreme Courts zum Recht auf Arbeit für Asylbewerber so reagierte, dass starke Einschränkungen gemacht wurden, fanden in mehreren Städten Demonstrationen statt, die sich gegen die Beschränkungen richteten. So muss ein neuer Job zum Beispiel mindestens mit 30.000 Euro vergütet werden und viele Jobs sind ausgenommen.

Dass dazu zum Beispiel auch Jobs für gut ausgebildete Ingenieure gehören, war anhand der Plakate so mancher betroffener Asylbewerber offensichtlich – “Ich möchte als Bau-Ingenieur arbeiten.” – dass solche Einschränkungen in einem Land gelten, das in London nach Fachkräften sucht, macht so gar keinen Sinn. Was Sinn machen würde, wäre wenn der Taskforce zumindest ein Arbeitgeber-Vertreter angehört hätte.

Noch ist es aber nicht zu spät

Es besteht noch die Möglichkeit, dass die Regierung Vertreter des Arbeitsministeriums mit Vertretern von Arbeitgebern im Einzugsgebiet von Asylbewerber-Heimen an einen Tisch bringt und Listen mit Anforderungen an Bewerber erstellt. Außerdem besteht noch die Möglichkeit, die Mitarbeiter des Arbeitsministerium danach diese Listen mit Asylbewerbern abgleichen zu lassen. Und Nein – ich sage nicht, dass jeder davon ein Coder oder ein Ingenieur ist. Aber jeder Einzelne, der so vermittelt werden kann, hilft hoffentlich ein bisschen, den Schreiern, die Asylbewerber als Schuldige sehen, das Maul zu stopfen. Und RTE hat auch noch die Möglichkeit, nicht nur einen Beitrag über solch gelungene Beispiele von Integration ins Programm zu nehmen. Sondern auch Kontext herzustellen, vollkommen egal, wer in welcher Position den Beitrag anmoderiert.

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Paradise Papers: Auch Apple wird verdächtigt

Apple (adapted) (Image by Medhat Dawoud [CC0 Public Domain] via Unsplash

Die Paradise Papers belasten neben vielen Prominenten (und solchen, die es gerne wären,) auch den IT-Giganten Apple. Berichten zufolge hat das Unternehmen aus dem kalifornischen Cupertino durch Tricks versucht, so wenig Steuern wie möglich zu zahlen. Illegal ist das (wahrscheinlich) nicht, besonders beliebt dürfte sich Apple damit allerdings auch nicht machen, zumal der Konzern immer wieder gerne betont, dass er ganz patriotisch einen Großteil seiner Steuern in den USA zahlt. Apple bestreitet die Vorwürfe allerdings.

Wollte Apple Steuern aus dem Weg gehen?

Wie schon die „Panama Papers“ befassen sich die sogenannten Paradise Papers mit sogenannten Steueroasen. Dabei handelt es sich um Staaten mit besonders niedrigen Steuersätzen oder günstigen Steuerschlupflöchern, in die reiche Personen oder Konzerne gerne ihre Gelder verschieben, um so wenig Abgaben wie möglich leisten zu müssen.

Die Paradise Papers stammen größtenteils von der Anwaltskanzlei Appleby und wurden von einem unbekannten Informanten der Süddeutschen Zeitung zugespielt. Diese hat die Dokumente mit Hilfe eines Zusammenschlusses investigativer Journalistinnen und Journalisten ausgewertet und dabei zahlreiche Prominente und bekannte Unternehmen aufgespürt, die ihr Geld gerne für sich behalten, statt Abgaben an den Staat zu leisten.

Zum Kreis dieser Unternehmen gehört auch der kalifornische IT-Gigant Apple, wie Recherchen der Süddeutschen Zeitung ergeben. Das Unternehmen, das in den letzten Jahren vor allem mit dem iPhone Rekord-Umsätze erzielte, soll in E-Mails mit diversen Anwaltsfirmen die Gründung neuer Geschäftssitze in Steueroasen diskutiert haben. Im Gespräch seien  die Britischen Jungferninseln, die Kaimaninseln, die Isle of Man sowie die im Ärmelkanal gelegenen Inseln Guernsey und Jersey gewesen, berichtet die SZ. Apple wollte sich demnach von den lokalen Autoritäten sogar vorab eine Bescheinigung ausstellen lassen, dass keine Steuern anfallen.

2015, ein Jahr nach dem entsprechenden E-Mail-Verkehr, kamen Apple und die Beraterfirmen offenbar ins Geschäft. Zwei Apple-Standorte werden seitdem auf Jersey geführt. Wie genau diese genutzt werden, ist allerdings unklar.

Fragwürdige Vorgeschichte

Schon zuvor war Apple wegen seiner Steuerpolitik in die Kritik geraten. Im Jahr 2013 gerieten der Konzern und sein CEO Tim Cook unter Beschuss, weil Apple einen Großteil seiner Geschäfte nach Irland verlegt hatte. Auch die irische Steuergesetzgebung war damals für Unternehmen wie Apple günstig – und Apple nutzte die bestehenden Möglichkeiten allem Anschein nach äußerst geschickt aus. Entsprechende Schlupflöcher wurden von der irischen Regierung allerdings 2015 geschlossen – wohl mit ein Grund für Apples Umzugspläne.

Apple bestreitet die Vorwürfe aus den Paradise Papers

In einer von der New York Times zitierten Stellungnahme bestreitet Apple die Vorwürfe. Der Konzern habe keine Geschäfte aus Irland verlegt, heißt es. Die Veränderungen, die 2015 an der Unternehmensstruktur vorgenommen wurden, seien sogar eigens darauf bedacht gewesen, Steuerzahlungen an die USA beizubehalten.

Die Glaubwürdigkeit dieser Aussage mag von Interessierten durchaus unterschiedlich beurteilt werden. Wenn das Dementi nicht die gewünschte Überzeugungskraft entfaltet, muss Aplle mit viel schlechter Presse rechnen. Gerade angesichts der Vorgeschichte dürften es weder die US-Politik noch die Öffentlichkeit gerne sehen, dass Apple weiterhin im Verdacht steht, Steuerzahlungen aus dem Weg gehen zu wollen. Womöglich werden auch Apples Anlegerinnen und Anleger „not amused“ reagieren – eine Konsequenz, die der Unternehmensführung gar nicht gefallen dürfte, hat sich doch in der Vergangenheit schon des Öfteren gezeigt, dass Apple wenig so fürchtet wie geschäftsschädigende Kontroversen.

Die Bedeutung des Whistleblowing

Die Wahrheit in dieser komplizierten und kontroversen Angelegenheit wird noch zu ergründen sein. Fest steht: Es ist gut, dass die entsprechenden Informationen jetzt in der Hand von Journalistinnen und Journalisten sind. So kann unethisches wie intransparentes Geschäftsgebaren nicht nur von seiten Apples, sondern auch durch viele andere Akteure offen gelegt wird. Eines zeigen die Paradise Papers, unabhängig von den Folgen für Apple und andere Beschuldigte, jetzt schon: Whistleblower gehören nach wie vor zu den wichtigsten Beschützerinnen und Beschützern unserer Demokratie.

Danken wir der Person, die die Paradise Papers geleakt hat, indem wir so viele Informationen wie möglich aus dem Material ziehen – und dafür sorgen, dass nicht, wie schon bei den Panama Papers, niemand außer den Whistleblowern aufgrund der Aufdeckung dubioser Machenschaften angeklagt wird.


Image (adapted) „Apple“ by Medhat Dawoud [CC0 Public Domain]


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Check-up Ireland: Ein Nachtrag & ein Vortrag

Coworking (adapted) (Image by rawpixel.com [CC0 Public Domain] via Unsplash)

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November letzten Jahres hatte ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Das Jahr ist nun rum. Und wie sagt man hier so schön? „It’s been a blast!“

Nachtrag in Sachen „Athenry & Apple“ und einen Kollegen

Zuerst zum Nachtrag. In meiner letzten Kolumne hatte ich von den Problemen berichtet, die Apple mit der Baugenehmigung für ein 850 Millionen Euro teures Datenzentrum in Athenry hat. Es gab drei Widersprüche gegen das Projekt – zwei von Einwohnern aus Athenry, die sich Sorgen um die Umwelt machen, sowie einen eines Projektentwicklers für Datenzentren aus Dublin, der sich offensichtlich Sorgen um seine Brieftasche macht. Zum Glück hat sich der Mann nicht getraut, seinen abgeschmetterten Widerspruch erneut beim High Court vorzubringen. Die beiden Einwohner aus Athenry nahmen allerdings ihr Recht in Anspruch, beim zweithöchsten Gericht Widerspruch gegen das Abschmettern ihrer Bedenken einzulegen.

Mehrere Dutzend Bürger aus Athenry versammelten sich am vergangenen Mittwoch im High Court – während Hunderte mehr daheim am Handy auf Nachrichten aus Dublin warteten – und lauschten wie ihre zwei Nachbarn gebannt den Ausführungen des Richters. Justice Paul McDermott lies zur Freude der Befürworter des Projekts den erneuten Widerspruch mit der Begründung nicht zu, dass die Antragssteller keinen Punkt in der Rechtssprechung genannt hätten, der neue Aspekte öffentlichen Interesses hervorbringen könnte.

Theoretisch können die beiden Einwohner nun zwar Einspruch beim höchsten Gericht des Landes, dem Supreme Court, einlegen – dort gilt aber noch mehr, dass ein Einspruch nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn es im öffentlichen Interesse ist. Der Jubel war natürlich laut in Athenry, aber was immer noch Sorgen bereiten sollte, ist der Fakt, dass Apple sich immer noch nicht geäußert hat. Der irische Ministerpräsident Leo Varadkar, der jetzt auf seiner USA-Reise auch bei Apple vorbeischauen wird, um mit Tim Cook zu reden, wird da nachhaken müssen.

Als unser Editor at Large vor gut einem Jahr das Vorhaben einer regulären Kolumne an mich herantrug, geschah das im Hinblick auf die Coworking Europe Konferenz  – auf die ich quasi ein Jahr lang hinschreiben sollte. Nun ist es soweit. Tobias ist in Dublin. Hoffentlich nicht, um mir persönlich eine Kündigung zu überreichen, aber mit Sicherheit, um den Vortrag zu halten, den ich in der Überschrift erwähnt habe.

Ich bin zwar nicht sehr mit der Coworking-Materie vertraut, aber ein Coworking Space, an dem ich, nein, niemand in Dublin vorbeikommt, ist zweifelsohne Dogpatch Labs im Herzen nicht nur der Hauptstadt, sondern vor allem auch der Silicon Docks. Der Name stammt von der Nachbarschaft in San Francisco, in der ein Investment Fond beheimatet ist, der vor Jahren einen eigenen Coworking Space in Dublin betrieben hat, dann aber feststellte, dass so ein eigenständiger Geschäftszweig nicht mal eben auf halber Flamme neben dem Hauptgeschäft betrieben werden kann. Man wollte den Coworking Space schon aufgeben, doch zum Glück ist Dublin nicht nur Hauptstadt, sondern in vielen Belangen auch ein Dorf. Man kennt sich halt. Patrick Walsh, mit Mervyn Greene Gründer von Dogpatch Labs, hörte von den Plänen und man übernahm den Coworking Space.

Die Heimat von Dogpatch Labs, das historische chq wurde 1820 gebaut und war einst ein Lagerhaus für Tabak, Wein und Whiskey. Das letzgenannte leckere Zeug wurde im Keller, den sogenannten Vaults, bei entsprechender Temperatur gelagert. Heute werden die Vaults von Dogpatch Labs genutzt und beherbergen Büros, Meeting-Räume, sowie einen Event Space für 100 Leute. Die Vaults waren Phase 2 des imposanten Coworking Spaces. Phase 1 war das Erdgeschoss und zuletzt wurde Phase 3, das geräumige Mezzanine, eröffnet.

Hier finden sich Hot Desks, ein Communal Garden, aber auch die neuen Büros von Pivotal, einer typischen Dogpatch Labs-Erfolgsgeschichte: Als das Unternehmen nach einem geeigneten Standort in Dublin für das Starter-Team von vier Developern suchte, wurde man bei Dogpatch Labs im Erdgeschoss fündig. Schnelles Wachstum brachte Bedarf nach mehr Raum mit sich, womit man aber bei den Machern von Dogpatch Labs offene Türen einrannte. Pivotal wollte nicht weg, Dogpatch wollte Pivotal behalten und der Ausbau ward beschlossen.

Das Credo von Dogpatch Labs lautet, dass man ein Coworking Space sein will, der nur solche Tech-Unternehmen unterstützt, die von Developern vorwärtsgetrieben werden. 77 Startups und über 300 Mitglieder belegen, dass dieser „strenge“ Weg, mit dem man sich von anderen Coworking Spaces abgrenzt, der richtige ist. Die Arbeit von Dogpatch Labs ruht hierbei auf drei Pfeilern: Coworking Space, Events (wie zum Beispiel Tech-MeetUps oder Hackathons) und Community.

Menno Axt, der mich rumgeführt hat, ist Membership Manager und erklärt die Wichtigkeit dieser Community wie folgt: „Sobald Du Leute zusammenbringst, springen die Ideen nur so heraus.“ Alles an Dogpatch Labs (ich gebe zu – vor allem die Vaults für mich persönlich) ist so beeindruckend, dass die Frage an Menno gehen musste, ob es nicht Neid gibt bei der Konkurrenz. Die Antwort lautete Nein. Im Gegenteil – man habe ein gutes Verhältniss und empfehle auch hier und da einen anderen Coworking Space, nämlich in solchen Fällen, wenn ein anfragendes Unternehmen schlicht und einfach nicht zur eigenen, sehr eng gefassten Philosophie passt.

Was weitere Coworking Spaces anbetrifft, so liefert diese Website einen guten Überblick. In diesem Sinne – lieber Tobias, viel Spaß in Dublin bei der Coworking Europe. Und Euch, liebe Leser, vielen Dank! It’s been a blast!


Image (adapted) „Coworking“ by rawpixel.com [CC0 Public Domain]


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Check-Up Ireland: Die Felder von Athenry

Dublin (adapted)(Image by Vladimir Kudinov) via Unsplash [CC0 Public Domain]

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November letzten Jahres hatte ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Das Jahr ist nun fast rum. Zurücklesend muss ich sagen, dass Namen wie „Apple“ immer wieder aufgetaucht sind. Das Unternehmen stand schon in der allerersten Kolumne mit im Mittelpunkt und wurde im Bezug auf Steuer(nicht)zahlungen in der letzten Kolumne angesprochen. Auch diesmal fällt der Apfel nicht allzu weit von meiner Tastatur.

Anhaltende Investitionen sorgen für einen ordentlichen Haushalt

Als der irische Finanzminister Paschal Donohoe vor kurzem den Haushalt für 2018 vorstellte, stand vor allem das Thema Wohnungsnot im Vordergrund. Angesichts hoher Obdachlosenzahlen vor allem in Dublin und Cork, während zugleich immer mehr Familien mit Kindern in Notunterkünften wie Hotels oder B&Bs unterkommen müssen, sind Milliardeninvestitionen und finanzielle Anreize für Bauunternehmen nötig. Und steigende Mieten, hervorgerufen durch die geringe Zahl von Wohnungen, die auf dem Markt sind, sorgen dafür, dass auch Tech-Unternehmen Warnungen aussprechen. Immer öfter finden Fachkräfte keine passende oder bezahlbare Wohnung für sich und ihre Familie.

Ein weiterer für Tech-Unternehmen interessanter Punkt im Haushalt war das Thema „Intellectual Property“ (IP). Die Regierung hatte vor Monaten einen Report in Auftrag gegeben, der Ideen zur Erweiterung der Steuerbasis hervorbringen sollte. Eine zentrale Empfehlung des Reports – die steuerlichen Abschreibemöglichkeiten für Multinationals bei IP einzuschränken – wurde im Haushalt, nicht zuletzt angesichts internationalen Drucks vor allem innerhalb der EU, von Paschal Donohoe umgesetzt. Wo Unternehmen Investitionen in Irland, die mit der Verlagerung von IP (Copyright, Trademarks) zu tun hatten, bisher 100 Prozent abschreiben konnten, sind es ab jetzt nur noch 80 Prozent – zumindest vorerst, da über einen längeren Zeitraum auch die restlichen 20 Prozent abgeschrieben werden können. Dieser Kompromiss wurde offensichtlich bei den umfassenden Konsultationen geboren, die in den Wochen zuvor mit den wichtigsten Unternehmen stattfanden, die von der Neuregelung betroffen sein werden.

Voll des Lobes für den Haushalt war die Datenschutz-Beauftragte Helen Dixon, deren Büro weitere 4 Millionen Euro zur Verfügung gestellt bekam. Das Geld ist nötig, um weitere 40 Mitarbeiter einzustellen, die sich mit der Umsetzung neuer EU-Regularien befassen werden, die 2018 in Kraft treten. Das „Irish Research Council“ und die „Science Foundation Ireland“ stimmten angesichts eines zusätzlichen Betrages von 7 Millionen Euro, der für die Förderung von Forschern zur Verfügung gestellt wurde, in den Lobgesang auf den Haushalt für 2018 ein.

Wo wir gerade von Gesang reden – die wohl beliebteste Hymne irischer Sportfans, die bei der Fußball-EM auch einem breiten Publikum bekannt wurde lautet „Fields of Athenry“. Drei Jahre ist es her, seit Apple Pläne bekannt gab, sowohl in Dänemark als auch paralell in Athenry Datenzentren zu bauen. Die Investition in Athenry würde bei 850 Millionen Euro liegen. Das Data Centre in Dänemark ist mittlerweile fast fertig; ein zweites ist dort in Planung; Dänemark und Irland werden sich im November zweimal in den Playoffs zur WM 2018 gegenüber stehen, so dass Fans in Kopenhagen und Dublin in den Genuss der tollen Hymne kommen werden; aber der Bau in Athenry hat immer noch nicht begonnen.

Die Genehmigung ist schon lange erteilt, aber wegen des Widerspruchs von drei(!) Bürgern steht man immer noch in Dublin vor Gericht, statt brache Felder in Athenry zu bebauen. Dass Apple in der Zwischenzeit die Genehmigung für ein zweites Data Centre in Dänemark erhalten hat, die man schleunigst umsetzen kann und wird, lässt viele Bewohner von Athenry, die bis auf zwei Apple unterstützen, immer unruhiger werden. Das Unternehmen hat bis jetzt auch immer noch keine Pressemitteilung zur Verzögerung durch das Widerspruchsverfahren veröffentlicht.

Zwei Bewohner von Athenry haben aufgrund von Bedenken hinsichtlich des Umweltschutzes Widerspruch eingelegt. Und wer ist Kläger Nummer Drei? Interessanter Weise wohnt der Mann nicht nur in Dublin, sondern ist pikanter Weise Projektentwickler für welche Art von Projekten? Datenzentren! Ich liebe Irland, aber bei solch einer irischen Lösung eines irischen Problems gleitet mir die grüne Brille von der Nase herunter auf einen Haufen produziert von glücklichen (oder unglücklichen, wenn sie auf einem Feld in Athenry stehen) irischen Kühen.

Widerspruchsverfahren sind so unmodern und unlogisch, dass nicht nur Anhänger des Apple-Datenzentrums-Projekts eine Reform verlangen. In dieser Woche soll vor dem Dubliner High Court zumindest der Widerspruch der beiden Einwohner aus Athenry gehört werden. Ob der dreiste Projektentwickler aus Dublin sich dazugesellt, steht zwar noch nicht fest, das Recht dazu hat er trotz seiner Befangenheit.

Um ähnliche Fälle in Zukunft zu vermeiden – und um Investoren mehr an notwendiger Planungssicherheit zu geben – hat sich die irische Wirtschaftsförderung IDA, die sich um Investoren aus dem Ausland kümmert, kurzerhand dazu entschlossen, den Planungsprozess zu beschleunigen. Man hat landesweit 24 potentielle Standorte für Datenzentren identifiziert und wird von sich aus generelle Baugenehmigungen beantragen, um die Standorte dann Investoren im Paket anbieten zu können.

Übrigens – im dänischen Viborg beabsichtigt eine lokale Energiefirma, die überschüssige Wärme, die das dortige Datenzentrum generieren wird, zum Heizen der Stadt zu verwenden. Wie meinte da neulich in den Nachrichten jemand aus Athenry? „Stellt Euch mal vor, was man mit all der heißen Luft machen könnte, die aus dem irischen Planungssystem rauskommt? Man könnte auf den Feldern von Athenry Palmen wachsen lassen!


Image (adapted) „Dublin“ by Vladimir Kudinov [CC0 Public Domain]


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Check-up Ireland: Steuern im Fokus – und vor Gericht?

Blue (adapted) (Image by andreistroe [CC BY-SA 2.0] via flickr

Irland und seine Multinationals werden kritisch beäugt

Vorab ein Eingeständnis – ich habe in so manch einer Ausgabe meiner Kolumne tendenziell eher positiv über Multinationals geschrieben als negativ. Das kann durchaus damit zusammenhängen, dass mir gleich mehrere dieser Unternehmen Jobs gegeben haben. Ich war somit stets bemüht, dem Argument, dass einige der Multinationals sich sehr effektiv ums Zahlen von Steuern drücken, das Argument entgegenzuhalten, dass zehntausende Mitarbeitern, die von diesen Firmen beschäftigt werden, schließlich selbst Steuern zahlen und zudem für Umsatz – und somit auch Umsatzsteuer – bei lokalen Unternehmen sorgen. War ich zu bemüht? Vielleicht. Hab ich mich zum Sprecher der Multinationals gemacht? Mit Sicherheit nicht.

Beim jüngsten EU-Gipfel in Tallinn ging es vordringlich um die Digitalisierung innerhalb der EU. Wenn man jedoch über Digitalisierung spricht, kommt man um Namen wie Google und Facebook nicht herum; und schon ist man beim Thema Steuern angelangt. Von daher durfte sich niemand wundern, dass eine schnelle Harmonisierung der Körperschaftssteuer innerhalb der EU dringlich geboten ist. Gleich mehrere Staatsoberhäupter klangen hier wie ein Echo der Rede, die Emmanuel Macron unmittelbar vor dem Gipfel gehalten hatte. Seine Vorstellung einer neuen, reformierten EU beinhaltete auch eben jene Forderung nach Harmonisierung im Bereich Körperschaftssteuer.

In diesen unruhigen Brexit-Zeiten mag Irland zwar generell besonders harmoniesüchtig sein, was aber das Thema Körperschaftssteuer anbelangt, so klingt der Begriff Harmonie für irische Ohren verdammt schief. In der absoluten Opposition der irischen Regierung gegen Körperschaftssteuer-Harmonisierung manifestiert sich die Furcht vor deutlich geringeren Steuereinnahmen, aber auch vor geringeren Investitionen von Multinationals. Taoiseach bzw. Ministerpräsident Leo Varadkar verteidigte seinen Kollegen gegenüber sowohl niedrige Besteuerung als auch „Regulierung Light“ für den digitalen Sektor.

Das war aber wohl ein wenig zu locker und leicht für Kommissions-Chef Jean-Claude Juncker, der in seiner Abschluss-Pressekonferenz, zwar ohne Irland direkt zu nennen, aber doch sehr deutlich, seiner Überzeugung Ausdruck verlieh, dass Steuern dort erhoben werden müssten, wo Gewinne erzeugt werden und nicht etwa dort, wo Unternehmen ihre europäischen Zentralen haben.

In einem Fall von „whoops – talk about bad timing“ wurden am Rande des Gipfels auch die neuesten Zahlen bekannt, die der staatliche Auditor zu den Steuereinnahmen Irlands veröffentlicht hat. Demnach zahlen 13 der Top 100 Firmen in Irland effektiv einen Körperschaftssteuer-Satz von nur einem Prozent – was mit dem offiziellen Körperschaftssteuer-Satz von 12,5 Prozent natürlich herzlich wenig zu tun hat. Wenn selbst die 12,4 Prozent, die effektiv im Durchschnitt von allen in Irland ansässigen Unternehmen gezahlt werden, anderen Staaten ein Dorn im Auge sind, muss klar sein, dass die ein Prozent der „Glorreichen 13“ wie ein Dornenkranz wirken müssen, den Irland seinen EU-Partnern ins Gesicht klatscht.

Zwar wurden die Namen der 13 Unternehmen im schlecht getimeten Zahlenwerk nicht genannt, aber eigentlich musste jedem klar sein, dass Apple dazugehört. Schon vergessen? Es ist gerade mal ein Jahr her, dass die EU-Kommission Irland dazu verdonnert hat, 13 Milliarden Euro an fälligen Steuern von Apple einzutreiben. Zwar hatten Apple und die irische Regierung sofort Widerspruch eingelegt, aber gleichzeitig der Kommission gegenüber versichert, zu Jahresbeginn das Geld bis zur endgültigen Entscheidung auf einem Escrow-Konto zu verwahren. Hat Irland DAS vergessen?

Nach Auffassung der EU-Wettbewerbs-Kommissarin Margrethe Vestager schon. Die hat nun die Geduld verloren und zerrt Irland vor den EU-Gerichtshof, wo heftige und nicht gerade billige Strafen drohen. Mit der Verteidung, dass das mit dem Escrow-Konto nur so lange dauere, weil der Vorgang laut EU-Regularien ausgeschrieben werden müsse – irisch für „Ihr seid selber schuld“ – macht sich der irische Finanzminister Paschal Donohoe sicher auch keine Freunde in der EU. Herr Donohoe gab sich beim Fernsehsender RTE ohnehin recht locker: „Wir regeln das zeitnah und vor das EU-Gericht wird das niemals kommen.“ Na dann.

Auf jeden Fall vor das EU-Gericht kommen wird aber der bedeutende Fall „Max Schrems gegen Facebook“. Facebook hat sein europäisches Hauptquartier in Dublin – und nein, wie viel oder wenig Steuern die hier zahlen interessiert hier am Ende meiner Kolumne grad mal nicht – was dazu geführt hat, dass Max Schrems seine Beschwerde über den Transfer seiner persönlichen Daten durch Facebook in die USA erneut beim High Court in Dublin vorgebracht hat. Schon seine erste Klage war von dem irischen Gericht an den Europäischen Gerichtshof verwiesen worden, der dann in Folge das transnationale Safe-Harbour-Abkommen beendete.

Schrems änderte seine Beschwerde daraufhin ab, die wieder auf dem Schreibtisch der für Facebook zuständigen irischen Datensicherheits-Beauftragten Helen Dixon landete. Da Dixon in der Beschwerde einige bedeutende Punkte erkannte, die EU-weiten Belang hätten, bat sie den Dubliner High Court, die Beschwerde zur Entscheidung an den Europäischen Gerichtshof zu verweisen. Der High Court gab der Bitte nach, so dass zumindest eine der Top 13 Firmen in Irland vor den Richtern in Luxemburg vorstellig werden muss.


Image (adapted) „Blue“ by andreistroe (CC BY-SA 2.0)


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Check-Up Ireland: Irland forscht

Microskop (adapted) (Image by PublicDomainPictures[CC0] via pixabay)

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die „Tech-Insel“ ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Mein Blick nach vorn was die Förderung von Forschung anbetrifft geht hier in gleich vier Richtungen.

114 Millionen Euro, 650 Forscher und 80 Projekte in gleich 4 neuen Forschungszentren – beeindruckende Zahlen, die gerade die Science Foundation Ireland bei der Vorstellung eben jener vier neuen Forschungszentren genannt hat. Das Geld kommt sowohl vom Staat als auch von der Industrie. Die € 114 Millionen sollen helfen, so Ministerpräsident Leo Varadkar, sich die Welt der Zukunft vorzustellen.

Der ambitionierte Plan, den der junge Politiker vorstellte, dem man eher abnimmt, dass ihn neue Ideen faszinieren, sieht vor, dass irische und internationale Forscher in Kollaboration mit Privatfirmen helfen, hochkarätige Jobs und stetes Wachstum zu generieren.

Die Forschungszentren werden Universitäten angegliedert sein und die 650 Forscher werden in den nächsten 6 Jahren an über 80 Projekten arbeiten. Was die Fördergelder anbetrifft, die über die 6 Jahre Laufzeit des ambitionierten Plans zur Verfügung stehen, so kommen diese sowohl von der Industrie (€ 40 Millionen) als auch vom Wirtschaftsministerium (€ 74 Millionen). Die SFI-Zentren repräsentieren laut Leo Varadkar ein bemerkenswertes Dreieck aus Regierung, Industrie und Höherer Bildung: „Die Zentren beweisen, was alles möglich ist, wenn es eine gemeinsame Vision über die Art von Ambition gibt, die wir realisieren können.“

    Die vier neuen Forschungszentren sind:

  • CONFIRM – UL (University of Limerick) – hat das Ziel, die irische Industrie zu transformieren. Irland soll zu einer der führenden Nationen im Bereich „Smart Manufacturing“ (inklusive Robotics) werden. Schon jetzt generiert der Sektor 110 Milliarden Euro an Exporten, aber AI & stets verbesserte IT-Lösungen sollen helfen, dass die Industrie noch „smarter“ wird und für stetes Wachstum gesorgt ist.

  • BEACON – UCD (University College Dublin) – das Bioeconomy Research Centre reagiert auf schwindende fossile Energiequellen mit der Entwicklung von alternativen Technologien, die auf biologisch-wiederverwertbaren Resourcen basieren. Hier kommen Irland die Massen von (glücklichen) Kühen zugute, deren reine, weisse „Ausscheidungen“ zu Butter verarbeitet nach Deutschland oder zu Milchpulver verarbeitet nach China exportiert werden. Was die „anderen“ Ausscheidungen und Abgase anbetrifft, die Irland zurecht Sorgen bereiten, was die Klimaziele des Landes anbetrifft, so kann jetzt damit begonnen werden, in der Herausforderung auch Chancen zu sehen.

  • I-FORM – ebenfalls UCD – wird im Industriesektor vor allem im Bereich 3D-Druck aktiv sein und Firmen mit maßgeschneiderten Komponenten unterstützen.

  • FutureNeuro – RCSI (Royal College of Surgeons Dublin) – wird sich schwerpunktmässig mit der sozio-ökonomischen Belastung durch neurologische Erkrankungen beschäftigen, mit denen in Irland 700,000 Menschen zu leben haben. Ganz abgesehen von der Last an Schmerzen, die die Erkrankungen mit sich bringen, werden die Kosten (Gesundheits- & Wirtschafts-Kosten) jährlich auf 3 Milliarden Euro beziffert.

Die vier Forschungszentren werden zudem mit zahlreichen Partnern in den Bereichen Höhere Bildung (vor allem die ITs = Institutes of Technology = Fachhochschulen) und Krankenhäuser (Beaumont Hospital, Mater Hospital, Temple Street Childrens Hospital) kollaborieren. Sie sind somit eine willkommene Erweiterung zu den bereits bestehenden, Dutzenden von Forschungszentren, die landesweit 4.200 Forscher unterstützen. Eine Investition, die laut Frances Fitzgerald, der Ministerin für Wirtschaft, Jobs und Innovation, ein höchst wichtiger Teil der langfristigen Planung der Regierung bis 2020 darstellt. „Die vier neuen Zentren werden ihren wichtigen Platz neben ihren Schwester-Institutionen einnehmen und unserem Land in Zukunft zahlreiche Jobs, enorme wirtschaftliche Vorteile und auch kaum messbare, aber dennoch wichtige soziale Vorteile bringen“, so die Ministerin.

Die 114 Millionen Euro seien gut angelegt, ergänzte am Schluss noch ihr Stellvertreter Staatsminister John Halligan. Der internationale Wettbewerb um innovative Unternehmen und um die besten Wissenschaftler werde immer härter – man müsse sich nur die jüngsten Entwicklungen in den USA anschauen, wo Trump mit der Karotte niedrigerer Steuern wedelt, und über die irische See und vor allem hoch nach Nordirland blicken, wo das Vereinigte Königreich mit dem Knüppel rumfuchtelt – BANG! BREXIT!


Image (adapted) „Microscop“ by PublicDomainPictures (CC0 Public Domain)


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Check-Up Ireland: Im Nordwesten was Neues

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Diesmal geht es nach Sligo.

Auf dem Höhepunkt der Neuen Deutschen Welle gab es mal ein Lied „Wissenswertes über Erlangen“ von Foyer des Arts. Die Hitsingle fand sich auf dem Album mit dem tollen Namen „Von Bullerbü nach Babylon“. Fakt! So manch ein Leser fragt sich jetzt natürlich: „Ist der nun vollkommen durchgeknallt? Zu viel Guinness, oder was?“ Kein Grund zur Panik – der Song ist mir nur in den Sinn gekommen, als ich angefangen habe, mich mit dem Thema (oder der Stadt) für die neueste Ausgabe meiner Kolumne zu beschäftigen. Was gibt es also Wissenswertes über Sligo? Ich könnte mit meinem Wissen „protzen“, dass der Torwart des abstiegsbedrohten Fußballclubs Sligo Rovers den irischen Vornamen Michéal und den deutschen Nachnamen Schlingermann (Opa aus Duisburg) trägt, was aber nur wieder zu Fragen über Guinness führen würde. Stattdessen möchte ich davon berichten, dass nach Jahrzehnten, in denen Sligo von schmutzigen Fabriken und von der Pharmaindustrie geprägt wurde, es nun etwas Neues im Nordwesten gibt – digitale Startups.

Selten hat ein Coworking-Space so einen treffenden Namen gehabt wie diesen: „Building Block“. Und auch das Motto passt: „Move in. Move up.“ Firmen, die an einem Tisch im Erdgeschoss begonnen haben, setzen ihr Wachstum in den oberen Stockwerken fort. Zur Zeit beherbergt das Erdgeschoss 32 (demnächst 38) Fulltime-Desks und 7 Hotdesks. Im ersten Stock stehen 60 Desks und im zweiten Stock finden bis zu 80 Leute Platz. Noch wird der zweite Stock zwar nicht genutzt, was aber nur noch eine Frage der Zeit ist, denn Sligo hat Momentum. Viele junge, gut ausgebildete Fachkräfte, stemmen sich gegen den zuvor Jahrzehnte anhaltenden Trend der Auswanderung und versuchen ihr Glück in der Heimat.

Ein Beispiel ist Noel Dykes und sein Startup „Frankli“, das Software für das Personalwesen entwickelt. Nach Jahren, die er als Software Consultant in Neuseeland verbracht hatte, entschied sich Noel für die Heimat als Standort für sein eigenes Unternehmen. Und das aus mehreren Gründen: Niedrige Kosten (etwa im Vergleich zu Dublin, Cork oder Galway), kurze Wege, aber auch schöne Wege – die Stadt Sligo ist hübsch wenn es darum geht, sich mal kurz die Füße zu vertreten und eine kurze Autofahrt führt in malerische Landschaften in der umliegenden Grafschaft mit gleichem Namen.

Dass Noel nicht allein mit seinem Denken und Enthusiasmus ist, zeigen auch die monatlichen Startup Meetups in Sligo. Die Organisatoren der Meetups hatten festgestellt, dass es zwar eine gute Anzahl von Startups in Sligo gibt, es aber an Struktur und Networking mangelte. Mittlerweile tauscht man sich aus und lernt von Fehlern oder Errungenschaften – entweder von Nachbarn oder von Gästen, die nach Sligo kommen, um von ihren Erfahrungen zu berichten und Tipps zu geben. Im Durchschnitt versammeln sich jetzt 30 Gründer bei den Meetups.

Auch das „North West Regional Assembly“ – kurz NWRA, das staatliche und EU-Fördergelder koordiniert – ist voll des Lobes über Institutionen wie den „Building Block“ oder Veranstaltungen wie die „Startup Meetups“. Die Region Sligo hat gerade den begehrten „Entrepreneurial Region Award“ der EU für 2018 gewonnen und man ist beim NWRA fest entschlossen, dies als weiteren Schub zu nutzen, um Innovation in der Region voranzutreiben. Die Infrastruktur der Region kann sich sehen lassen: Neben den privatwirtschaftlichen Elementen, die ich oben genannt habe, gibt es auch noch die Fachhochschule „IT Sligo“ und der von der staatlichen Wirtschaftsförderung IDA betriebenen Business Park in Finisklin und Ballina – wo das transatlantische Glasfaser-Kabel aus den USA irisches Licht erblickt – ist auch nicht weit.

Die besten Voraussetzungen sind also gegeben, um Tech-Startups, die nach dem Motto „Think globally, act locally“ handeln, eine Basis für eine Zukunft mit stetem Wachstum zu ermöglichen. Und wer weiß? Vielleicht wächst eines dieser digitalen Startups zum globalen Tech-Giganten, wird die Sligo Rovers finanziell unterstützen und am Ende dem „Moving up“ im „Building Block“ auch sportliche Höhenflüge in Sligo folgen lassen. Und beim Champions League Spiel gegen die Bayern lassen wir dann „Foyer des Arts“ singen.


Image (adapted) „CliffofMoher“ by weareaway (CC0 Public Domain)


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Check-Up Ireland: Ein Blick aufs „Kingdom of Kerry“

King Puck bronze statue near Laune River in Killorglin,Kerry,Ireland

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die „Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Heute schaue ich einmal genauer auf die Grafschaft Kerry.

Sportlich ist die Stimmung in der Grafschaft Kerry gerade ziemlich im Keller, da das Gaelic Football Team aus dem „Kingdom“ am Wochenende das Halbfinal-Wiederholungsspiel gegen Mayo verloren hat. Zum Glück gibt es in Kerry aber weiterhin Konstanten wie die tolle Landschaft oder die gleichnamige, gute Butter. Die Seen in Killarney und Kerrygold sind Tourismus- bzw. Export-Schlager. Was die Exporte anbetrifft, so macht aber auch Fintech immer mehr von sich reden. Das „Kingdom“ ist zur Hochburg erwachsen.

Auf dem nicht nur bei Deutschen beliebten Rundweg „Ring of Kerry“ ist Killorglin eine wichtige Station, die tolle Pubs und Restaurants und gemütliche B&Bs zu bieten hat. Busse parken dicht an dicht und entlassen einen konstanten Strom von zahlungskräftigen Touristen in die Gassen von Killorglin. Um 13 Uhr müssen diese dann mit einer weiteren, nicht minder wichtigen Gruppe um Platz auf den Gehsteigen und in den Cafés kämpfen. Statt Wanderschuhen und Cargohosen werden High Heels und Anzüge getragen und nur wenigen der amerikanischen Touristen wird klar sein, dass diese Gruppe immer öfter Hand anlegt an genau jene finanziellen Transaktionen, die noch am Flughafen in den USA oder bei der Ankunft in Irland getätigt wurden – dem Geldumtausch.

Die Fintech-Hochburg Kerry

Hier in Killorgin befindet sich die Zentrale von „Fexco“ die jährlich mehr als $ 10 Millarden an finanziellen Transaktionen bewälltigt. Die Mitarbeiter strömen aus zwei Gebäuden in Killorglin und einem weiteren Gebäude im 40 Kilometer entfernten Cahersiveen. Insgesamt beschäftigt Fexco 1,000 Leute in Kerry.

„Made in Kerry“ im Jahr 1981 ist Fexco mittlerweile ein wahrer Global Player geworden, mit Büros in Europa, Asien, dem Mittleren Osten, Nord- & Lateinamerika, sowie Australien. Unter den Mitarbeitern in Kerry findet sich eine immer größer werdende Anzahl im Bereich Tech, die mit Kollegen weltweit an den neuesten Lösungen kollaborieren. Das Innovation-Team in Killorglin ist das schlagende Herz von Fexco, welches es dem Managment ermöglicht, seinen Kunden wie „First Data“, „Bank of China“ oder „Barclaycard“ mit Stolz & Sicherheit den Slogan entgegen zu rufen „Wir können den Zahlungsverkehr für Euch vereinfachen.“

Fexco ist in Kerry nicht allein. Andere Fintech-Unternehmen haben ebenfalls schon lange erkannt, dass es reichlich Geschäft bei den „alten“ Banken zu holen gibt. Eine Studie von PwC hat zum Beispiel vor kurzem ergeben, dass geschätzt 25 Prozent des traditionellen Geschäfts der Banken von Fintech bedroht ist. Zu den Unternehmen, die aus Kerry heraus an diese 25 Prozent heran wollen, gehört die Firma „Monex“ die in Killarney, der zweiten bekannten Stadt am „Ring of Kerry“, ihren Sitz hat und durchschnittlich über 206 Millionen Karten-Transaktionen im Jahr in 48 Ländern abwickelt.

Seit der Gründung im Jahr 1996, als noch alles auf Papier, per Fax und am Telefon lief, hat Monex seine Kunden auf dem Weg begleitet, der sie sicher online geführt hat. Zwar gibt es in Killarney immer noch einen Raum, in dem Schecks gedruckt werden, aber das Scheckteam schrumpft mit dem Volumen von Schecks, die dort aus dem Drucker kommen. Auch Monex mit seinem Fintech-Hub in Kerry ist mittlerweile eine globale Firma geworden, die 24 Stunden an 365 Tagen für ihre Kunden da ist.

Für das Fintech-Ökosystem in Kerry von großer Wichtigkeit ist das IT Tralee (Institute of Technologie = Technische Hochschule). Die Absolventen von ITT haben quasi die Wahl, was den zukünftigen Arbeitgeber im Bereich Fintech anbetrifft, was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass die Technische Hochschule einen Fokus auf „Career Readiness“ hat. Studenten sind immer wieder bei Tech-Unternehmen zu Gast und somit gewappnet für die Anforderungen „draussen in der wahren Welt“.

Das Tom Crean Business Centre des IT Tralee ist ein Startup-Hub mit 20 Firmen. Eine davon, Finukan Labs ist ein Fintech-Startup mit einer besonderen Geschichte. Gründer Anthony Griffin wurde nach einer langen Karriere am Londoner Finanzmarkt von einer skandinavischen Bank umworben. Statt dort anzuheuern, entschied er sich aber dafür, in seine Heimat Kerry zurückzukehren und sein eigenes Unternehmen zu gründen. Sein erster Kunde: die oben erwähnte Bank aus Skandinavien. Eins von vielen Beispielen dafür, wie gut es möglich ist, im „Kingdom of Kerry“ seine eigene Fintech-Dynastie aufzubauen.


Image (adapted) „King Puck“ by youngoggo/stock.adobe.com


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Check-Up Ireland: Ein Platz an der Sonne

Sollarzellen (adapted) (image by Andreas-Troll 8CC0] via pixabay)

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Diesmal schaue ich auf die Sonne.

Wie Irland im Multimilliarden-Markt für Sonnenenergie mitmischen will

Wenn ich diese Kolumne gestern geschrieben hätte, dann hätte ich mich glaube ich selbst nicht so ganz ernst genommen, wenn ich über Irland und Sonnen-Energie schreibe. So mächtig hatte es gestern geschüttet. Aber – nach einer halben Stunde war der Spuk auch schon wieder vorbei. Nix mehr vom Klischee, dass es hier dauernd regnet. Und jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, blicke ich raus auf einen strahlend blauen Himmel. Die Sonne scheint.

Aber Sonnen-Energie? Natürlich sieht man hier und da Sonnen-Kollektoren auf den Dächern. Aber eine ganze Industrie? Wenn es nach nationalen und internationalen Entwicklern geht, dann wird man in nicht allzu ferner Zukunft das Wort Farm nicht nur mit glücklichen irischen Kühen und Windturbinen, sondern auch mit Sonne assoziieren. Fast unbemerkt haben Unternehmen Projekt-Portfolios angesammelt, die wenn sie denn bebaut würden, Milliarden an Investitionen in den Sektor bringen würden.

Wie ist so viel Vertrauen in den irischen Markt möglich? Asiatische Hersteller und der modulare Bau von Anlagen – denkt an Ikea, aber für Kraftwerke – haben den Sektor Sonnenenergie enorm verändert. Die Kosten für solche Anlagen sinken rapide, während sie gleichzeitig bedeutend effizienter arbeiten. Die einst weit hergeholte Idee, dass Irland industriell Sonnenenergie produzieren könnte, ist auf einmal sehr real. Sollten alle Projekte, die zur Zeit auf den Tischen der Planer liegen, die Baugenehmigung erhalten und gebaut werden, so würde eine Fläche viermal so groß wie der berühmte Dubliner Phoenix Park bedeckt werden. Um die Dimensionen, von denen hier geredet wird, noch mit einer weiteren Zahl zu veranschaulichen – für eine Anlage in der Grafschaft Meath sind allein 150 Hektar eingeplant. Solche Zahlen beeindrucken viele, verschrecken aber auch manche. Das Problem ist ein typisch irisches – “Nimbysm” – ich komme am Schluss noch mal darauf zurück.

Die Sonne geht mit Naughten auf

Die Technik ist also vorhanden. Das Vertrauen der Investoren in die Technik – und in den Standort Irland – ist gleichsam vorhanden. Worauf warten wir noch? Nicht auf Godot, wie im berühmten Theaterstück des Iren Samuel Beckett. Der Sonnenenergie-Sektor wartet auf Naughten. Denis Naughten. Minister für Energie. Ein Vorhaben der Regierung, bei dem der Staat Preise für erneuerbare Energien unterstützt, wurde bereits mehrmals verschoben und liegt auf dem Tisch von Denis Naughten. Das letzte Teil des irischen Sonnenergie-Puzzles.

Andere Teile des Puzzles sind die potentiellen Betreiber der Anlagen, manche aus Irland, manche aus dem Ausland, groß und klein, eigenfinanziert oder mit Banken an der Seite. Zur Zeit liegen Planern Anträge für knapp 200 Anlagen mit 2,500 Hektar Fläche in 20 Grafschaften vor. Zusammen könnten die Anlagen rund 1,200 Megawatt an Energie generieren – mehr als das luftverpestende Kohlekraftwerk Moneypoint in der Grafschaft Clare. Die meisten Anträge für Solaranlagen (jeweils 34) liegen Planern in Cork und Wexford vor. 80 Genehmigungen wurden bereits erteilt.

Firmen wie Butlers Chocolates und die AIB-Bank (für den Hauptsitz in Ballsbridge in Dublin) haben die Technologie bereits installiert. Der entscheidende Schub könnte aber kommen, wenn eine Mehrzahl der US-Multinationals, die in Irland Datenzentren (Netzpiloten berichteten: http://www.netzpiloten.de/facebook-datenzentrum-irland/) betreiben, sich entschließen sollte, Solaranlagen zu nutzen.

Ein gutes Beispiel für den Willen der US-Multinationals in Irland nicht nur in Datenzentren, sondern auch in erneuerbare Energien zu investieren, ist zweifelsohne Apple, die für Athenry ein Investment von 850 Millionen Euro planen und dabei Wind- und Solar-Energie nutzen wollen. Toll? Oder? Moderne Technologie, saubere Energie und Arbeitsplätze dort, wo sie eigentlich rar sind – auf dem Lande. Doch leider geriet der Genehmigungs-Prozess, der eigentlich längst abgeschlossen sein sollte, jüngst ins Stocken, weil ein paar Anwohner Widerspruch eingelegt haben. Die Entscheidung der Planer wird nunmehr frühestens im Oktober erwartet. Falls sich Apple bis dahin nicht für die Investition in einem anderen Land (Finnland wurde bereits erwähnt) entschlossen hat.

“Fortschritt? Na klar. Aber nicht bei mir um die Ecke!” Das oben beschriebene Phänomen, das das Apple-Datenzentrum in Athenry aufhält, das Betreibern von Windfarmen zu schaffen macht und von dem zu befürchten ist, dass es auch einige der geplanten Solaranlagen gefährden könnte, heisst hier “Nimbysm” – “Not in my backyard.” Dunkle Wolken der besonderen Art also über dem Platz an der Sonne.


Image (adapted) „Solarzellen“ by Andreas-Troll (CC0 Public Domain)


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Check-Up Ireland: P2P-Kredite – “Fast wie damals bei AOL”

App (adapted) (Image by Torsten Dettlaff) (CC0 Public Domain) via pexels

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Heute beschäftige ich mich mit P2P-Krediten. Dabei geht mein Blick auch 20 Jahre zurück zu AOL, denn ein wichtiger Aspekt des Arbeitslebens dort war das liebe Geld – oder besser gesagt die Knappheit des selben.

Ende der 90er habe ich mir bei AOL in Dublin wirklich alles andere als eine golden Nase verdient. Zum Glück haben die Bosse aber damals nicht nur die Realität niedriger Gehälter anerkannt und nicht drumrum geredet, sondern gleich eine typisch irische Lösung für ein irisches Problem gefunden – die Gehälter wurden einfach an zwei verschiedenen Tagen ausgezahlt. Die eine Hälfte der Belegschaft wurde am Monatsersten bezahlt, die andere Hälfte am Fünfzehnten, was dazu führte, dass man sich seinen “Buddy” suchte, um sich gegenseitig über die Runden zu helfen. OK – manch ein Kollege wechselte dann eben zu einer Firma, die besser bezahlen konnte, aber was die Kameradschaft unter den verbliebenen “Armen” anbetraf, so war diese doch sehr groß.

So selbstverständlich, wie damals die Transaktionen am Abend des Zahltags immer in bar und (fast) immer im Pub stattfanden, so selbstverständlich würden wir heutzutage quasi “Peer to Peer” das Geld von Smartphone zu Smartphone verschicken – und auch gleich mit dem Gerät im Pub bezahlen. P2P-Kredite werden hier von zahlreichen Unternehmen angeboten. Zuletzt machte der Neuankömmling Flender auf sich aufmerksam.

Flender hilft Freunden, sich gegenseitig Geld zu leihen

In dieser Kolumne habe ich die lebhafte Startup-Szene Dublins schon öfter angesprochen. Doch so manch ein Startup, das am Anfang nur so vor Energie strotzte, musste unzureichende Finanzierung mit dem plötzlichen Tod bezahlen. Nicht jeder Gründer kann auf Familie und Freunde zurückgreifen, staatliche Fördergelder sind begrenzt und bei den Banken sitzt das Geld nach dem großen Crash auch nicht mehr so locker. Andere Lösungen mussten her und P2P-Kredite wurden geboren.

Hierbei können sich Einzelpersonen oder Firmen Geld leihen oder selbst als Kreditgeber auftreten, ohne dabei auf traditionelle Finanzdienstleister als Mittelsmann zurückgreifen zu müssen. Der Vorteil für die Kreditgeber liegt bei den Zinsen, die oftmals höher liegen als Zinsen, die man auf traditionellen Wegen bei klassischen Finanz-Institutionen bekommt. Der Vorteil für die Kreditnehmer liegt auf der Hand. In einem wirtschaftlichen Klima, in dem aufgrund von Fehlern der Banken in der Vergangenheit die gleichen Institutionen indirekt junge Unternehmen bestrafen, indem Kredite selten gewährt werden, eröffnen sich neue Möglichkeiten der Finanzierung durch Personen und Unternehmen, die oftmals im gleichen Boot sitzen. Wem das Problem der Knappheit von Krediten und die Gründe dafür bewusst sind, der ist eher bereit, Gleichgesinnte zu unterstützen.

Das Dubliner Startup Flender ist zwar erst seit Ende des vergangenen Jahres aktiv, hat aber bereits zahlreiche Läden, Restaurants und kleine Organisationen unterstützt. Jemand, der einen Kredit für ein Projekt sucht, kreiert bei Flender einen personalisierten Link zur betreffenden Kampagne. Dieser kann dann in sozialen Netzwerken geteilt werden oder direkt per eMail an ausgesuchte Empfänger verschickt werden.

Nicht selten, so die Macher von Flender, würden sich Firmen von ihren Kunden Geld leihen. Irgendwie liegt das ja auch auf der Hand – wenn ich Vertrauen in ein Produkt oder eine Dienstleistung habe und diese regelmäßig erwerbe, dann liegt es nahe, dass ich auch dem Verkäufer und seiner Vision für das Unternehmen vertraue.

Flender verdient sein Geld mit einer Marge bei den Zinsen und mit einer Erfolgsprämie, die fällig wird, wenn eine Kampagne abgeschlossen wurde. Zur Zeit können sich Unternehmen bis zu 100.000 Euro leihen, während das Limit für Einzelpersonen bei 20.000 Euro liegt. Selbstredend liegt der Fokus des Dubliner Startups zur Zeit auf dem irischen Markt. Man hat aber auch längst ein Auge auf die britischen Nachbarn geworfen und eine entsprechende Lizenz wurde von der Financial Conduct Agency (FCA) bereits erteilt. Wie in zahlreichen anderen Geschäftsbereichen sind sich Iren und Briten im Konsumverhalten auch im Bereich P2P-Kredite so ähnlich, dass dieser nächste Schritt Sinn macht. Man vertraut halt demjenigen, den man kennt. Daran wird auch der Brexit nichts ändern.


Image (adapted) Space Gray iPhone 6 by Torsten Dettlaff (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: Das irische Startup-ABC (Teil 2) von M bis S

Bücher (adapted) (Image by jenikmichal [CC0 Public Domain] via pixabay

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die „Tech-Insel“ ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Nachdem ich schon im April ein paar Startups in verschiedenen Regionen Irlands vorgestellt habe, folgt heute der zweite Teil.


In Cork im Südwesten Irlands sind viele große Pharma-, Biotechnologie- und Medizintechnik-Unternehmen beheimatet. Kein Wunder also, dass sich auch Startups solchen Clustern angliedern. Ein Beispiel aus dem Bereich Medizintechnik ist die Firma „Mirai Medical„, ein junges Unternehmen, das sich der effektiven Behandlung von Krebs verschrieben hat. Firmengründer Dr. Declan Soden kann auf 15 Jahre Erfahrung in der Krebsforschung zurückblicken und ist zur Zeit auch General Manager des „Cork Cancer Research Centre„. Bei „Mirai Medical“ hat er eine Energietechnologie namens Electroporation entwickelt, die es möglich macht, minimal-invasiv gegen Krebs im Darmbereich vorzugehen. Klinische Studien der Technologie werden zur Zeit in der Uni-Klinik in Kopenhagen vorgenommen.

Cyber Security ist in aller Munde. Dass Hacker auch vor dem Bereich Gesundheitswesen nicht Halt machen, war beim globalen „WannaCry“-Angriff nur zu offensichtlich als die britische NHS besonders stark betroffen war und es auch einige Probleme beim irischen Gegenstück HSE gab. Das in Dundalk an der Ostküste ansässige Unternehmen „Nova Leah“ hat sich schon seit einer Weile dem Bereich Cyber Security in der Medizintechnik verschrieben. Das Nova Leah-Produkt „SelectEvidence“ ist ein System für Cyber Security-Risikoanalyse bei Geräten, die in Krankenhäusern eingesetzt werden. In einem Bereich mit stets größer werdender Vernetzung bei sich gleichzeitig rapide wandelnder Cyber Security sorgen die „SelectEvidence“-Lösungen dafür, dass Schutzmechanismen stets auf dem neuestem Stand sind, sodass Ärzte und Pfleger sich auf die Gesundheit ihrer Patienten konzentrieren können.

Von M wie „Mirai Medical“ bis S wie „Skytango“

Ein „Plynk“-Geräusch auf dem Smartphone bedeutet nicht immer eine gute Nachricht – bei „Plynk“ aber schon, denn hier hat die Nachricht mit Geld zu tun. Der Money Messenger des Startups ist eine App, die es Usern möglich macht, innerhalb eines Chats (1-2-1 oder in einer Gruppe) Geld zu verschicken oder zu erhalten. Wartezeiten und Gebühren sollen hierbei eliminiert werden, sodass die User Kontrolle über ihre Zahlungen haben. Bei diesem „Instagram meets Money“-Konzept verbindet sich „Plynk“ mit den Facebook-Kontakten des jeweiligen Nutzers, der dann die Möglichkeit hat, mit einer Zahlung Bilder zu senden oder zu empfangen. So kann eine Geschichte zum Geld erzählt werden und einer finanziellen Transaktion der notwendige Kontext gegeben werden.

Ein weitaus schrilleres Geräusch verbunden mit einem Smartphone-Alarm an Familie und Freunde kommt von „Run Angel“ in Cork. Jogger, die sich auf einmal in Gefahr befinden, lösen per Knopfdruck einen 120-Dezibel-Alarm aus und senden gleichzeitig über ihr Smartphone eine Nachricht mit ihrem Aufenthaltsort an Familie und Freunde. Die Idee zum Wearable-Tech „Run Angel“ kam Firmengründer David Caren beim Joggen. Caren wurde von jemandem über den Haufen gerannt, der eine Joggerin verfolgte.

Die Gründer von „Skytango“ haben gemeinsam 30 Jahre Filmerfahrung vorzuweisen. Von Susan Talbot und Steve Flynn, nach ihrer Rückkehr aus den USA im Jahr 2012 gegründet, bietet „Skytango“ Drohnen-Piloten eine Plattform, um ihre Arbeit zu kuratieren und zu verkaufen. Zuzüglich wird es durch die Partnerschaft mit „Audio Network“ noch möglich, die Filme mit lizensierter Musik zu verknüpfen. Das Thema Lizenzen wird bei „Skytango“ generell sehr ernst genommen – Flugdaten und Informationen zu bestehenden Lizenzen von Landbesitzern, die Piloten den Überflug erlauben, geben den Käufern die Garantie, einen legalen Film zu erwerben. Selbstredend muss jeder Pilot auch eine Lizenz besitzen. Am Himmel über Irland wird nicht aus der Reihe getanzt.


Image (adapted) „Bücher“ by jenikmichal (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: Der Google-Effekt

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Heute werfe ich einen Blick auf die steigenden Mieten in Dublin. Was hat das mit Tech zu tun? Google hat die Antwort …

Gutbezahlte Techies sorgen für steigende Mieten in Dublin

Der ‚Google-Effekt‘ wird auch als digitale Amnesie bezeichnet. Hier in Irland hat man wiederum oft den Eindruck, dass große Teile der Bevölkerung unter Amnesie leiden, was den Immobilien-Crash anbelangt, der das Land an den Rande des Abgrunds und in einen Bailout geführt hat. Kein Wunder also, dass der ‚Google-Effekt‘ in Dublin auch viel mit rasant steigenden Mieten zu tun hat.

Google Effect
Screenshot by Rainer Kiebat

Wenn man hier dieser Tage Nachrichten zum Thema Mietpreise liest, hat man sofort einen Schlager im Kopf: “Ich glaub, es geht schon wieder los. Das darf doch wohl nicht wahr sein!” Leiden denn hier alle unter kollektiver Amnesie? Warum steigen Immobilienpreise und Mieten im Tandem so rasant? Die Antwort ist oft ganz simpel – es werden schlicht und einfach nicht genügend Häuser und Appartments gebaut. Angebot und Nachfrage. Punkt. Im Zentrum von Dublin kommt aber ein besonderer ‚Google-Effekt‘ zum Tragen.

Der ‚Google-Effekt‘ ist hier eine Medaille mit zwei Seiten. Google & Co. beschäftigen in den “Silicon Docks” Tausende, so dass hier von der Rezession nichts mehr zu spüren ist. Die Kehrseite der Medaille? Rasant steigende Mietpreise.

Und eben jene Mieten, die zunehmend ausser Kontrolle geraten, stellen so manchen Mitarbeiter in Unternehmen wie Facebook, Twitter oder Google vor eine Wahl – will ich nahe bei der Arbeit wohnen und einen großen Teil meines Gehalts quasi direkt an meinen Vermieter überweisen lassen, oder nehme ich einen längeren Weg zur Arbeit in Kauf?

Der neueste Mietpreis-Report der “Bibel” macht nur zu deutlich, was das Dubliner Dilemma ist. National betrachtet sind Mietpreise eh schon so hoch wie nie. In der Hauptstadt sind die Mieten 15,5 Prozent höher als auf dem Höchststand in 2008 und 66 Prozent höher als auf dem niedrigsten Stand inmitten der Rezession. Die Miete für ein normales Zwei-Betten-Appartment liegt im Dubliner Stadtzentrum bei 1.900 Euro – was einen an einen weiteren Schlager denken lässt: “Tränen lügen nicht”. Und schnell folgt dem ‚Google-Effekt‘ der ‚Domino-Effekt‘ – steigende Mieten sorgen für erhöhten Druck auf Arbeitgeber, was Gehälter anbetrifft; steigende Gehälter sorgen für mehr Druck auf die Preise von Konsumgütern – und schon steigen die Kosten für alle.

Zwar steht Dublin nicht allein, was dieses Mietpreis-Phänomen anbetrifft, unter dem auch Mieter in anderen Metropolen wie London oder Berlin zu leiden haben. Auch dort gibt es Cluster von Finanz- oder Tech-Firmen, die gute Gehälter zahlen und somit unfreiwillig auch für steigende Mieten innerhalb des Clusters sorgen. Investionen gerade von Tech-Unternehmen sind seit dem Crash rapide gestiegen und haben für einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung gesorgt. Gleichzeitig wird aber auch der Druck auf Mieten in diesem Cluster, das eh schon die größten Anwaltskanzleien, Unternehmensberatungen und Finanzunternehmen des Landes beherbergt, immer stärker.

Als Google 2004 sein erstes Büro in Dublin eröffnete, arbeiteten dort 70 Mitarbeiter – und ein halbes Dutzend unter einem Tarnnamen beim Dienstleister arvato outgesourced . Heute sind es rund 6.000 im Google-Docks-Komplex – plus ein paar Hundert bei arvato und ähnlichen Firmen. Facebook folgte 2008 und hat heute rund 2.000 Beschäftigte. 80 Tech-Firmen haben sich mittlerweile im Silicon Docks-Cluster angesiedelt und beschäftigen Tausende von meist gut bezahlten Leuten.

Der Großteil der Angestellten sind jedoch nicht Iren, sondern kommen aus Spanien, Italien, Polen oder Deutschland – jenen Märkten, die von den Multinationals aus ihren Dubliner Europa-Zentralen heraus bedient werden. Sie alle müssen irgendwie untergebracht werden. Sie alle haben relativ viel Geld auszugeben. Sie alle sorgen für den ‚Google-Effekt‘ – auch wenn sie für die Konkurrenz arbeiten.

Zweifelsohne haben Google & Co. einen bedeutenden Anteil am irischen Aufschwung, was in der Breite anerkannt wird und (noch) trotz Wohnungsnot sowie steigenden Immobilien- und Mietpreisen nicht zu Neid führt. Zwei Aussagen sollten aber als Warnung dienen. Die US-Irische Industrie- & Handelskammer sprach neulich von einem “Nachdenken” über Investitionen, wenn mehr und mehr Mitglieder ihre Angestellten nicht mehr unterbringen können. Viel bedenklicher war für mich aber die Forderung eines “Solidarity”-Politikers im irischen Parlament, US-Firmen zu enteignen, um Wohnungsbau zu finanzieren. Hm – mal “Populismus” bei Google eingeben …


Image (adapted) „Google Ireland“ by Stephen Bergin (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: Das irische Startup-ABC (Teil 1: Von A wie “AventaMed” bis L wie “Lowflo”)

Dogpatch Labs Dublin (adapted) (Image by Heisenberg Media [CC BY 2.0] via flickr)

Das Medizintechnik-Unternehmen AventaMed beweist, dass interessante Startups nicht unbedingt in Dublin beheimatet sein müssen. Die Firma hat ihren Sitz in Cork. Das Team um CEO Olive O’Driscoll und CTO John Vaughan hat es sich zum Ziel gemacht, den Bereich der Ohr-Chirugie zu transformieren. Bisher verlangten chirugische Eingriffe, um Infektionen oder Hörverlust zu behandeln, das Einführen einer Röhre unter Vollnarkose. Weltweit müssen sich jährlich zwei Millionen Kinder dieser Prozedur unterziehen – ein fünf Milliarden Euro-Markt. “AventaMed” hat ein Handgerät entwickelt, dass das Einführen der entsprechenden Röhre innerhalb weniger Minuten möglich macht – und das ohne Vollnarkose.

Ebenfalls in Cork zuhause ist “Blink”, ein Startup im Bereich Versicherungs-Tech, das trotz der Tatsache, dass es erst ein paar Monate alt ist, bereits ein Partnerschafts-Abkommen mit der Rückversicherungsgesellschaft Munich Re. abgeschlossen hat. Gemeinsam entwickeln die beiden Unternehmen nun eine neue Technologie für die britische Versicherungs-Industrie. Im Zuge dieser Kooperation wird “Blink” auch ein Büro in London eröffnen. Im Bereich Flugversicherung wird “Blink” schon in naher Zukunft ein Produkt auf den Markt bringen, das Kunden in Real Time signalisiert, wenn ein Flug verspätet oder gar abgesagt ist. Das System bucht auch gleich um – ohne dass Kosten für den Kunden anfallen und ohne dass ein Versicherungs-Anspruch geltend gemacht wird. Das Produkt wird in Zusammenarbeit mit Reisebüros, Geschäftsreise-Agenturen, Flugbuchungs-Plattformen und Fluglinien auf den Markt gebracht.

In Dublin, aber auch an den Flughäfen der Welt, ist “Coindrum” zuhause. Das Startup hat eine Maschine entwickelt, mit der Münzen, die nach einer Reise übriggeblieben sind, in Duty Free Gutscheine umgewandelt werden. Neben Dublin und Belfast findet man “Coindrum” auch an den Flughäfen in Venedig, Mailand Malpensa, Faro, Larnaca und Schönefeld. Das Team um Gründer Lukas Decker ist noch sehr klein und hat vom ersten Tag in 2014 an seinen Sitz im Coworking Space “Dogpatch Labs”, ist aber gut aufgestellt für die weitere Expansion. Im letzten Jahr wurden zwei Millionen Euro von Privatinvestoren eingesammelt und das Team um Lukas Decker hofft, demnächst auch den ersten US-Flughafen als Kunden gewinnen zu können.

In Irland kommt Tech nicht an Kühen vorbei. Der Agrarsektor exportiert, egal ob lebend, geschlachtet oder zu Milchpulver verarbeitet, Milliardenwerte in alle Welt. In Mullingar in der Grafschaft Westmeath hat “Efficient Farm Solutions” ein Produkt entwickelt, das Bauern die Kontrolle des Prozesses des Kalbens erleichtert. Das System beobachtet die Temperatur und die Fruchtbarkeit der Kühe und schickt dem Bauern ein Signal, wenn die Geburt eines Kalbs näher kommt. Das Produkt richtet sich vor allem an Teilzeit-Farmer, von denen es aufgrund der auf dem Land weiterhin angespannten wirtschaftlichen Situation immer mehr gibt. Viele Farmer sind gezwungen, Zweit- oder gar Drittjobs anzunehmen und können nicht immer nah bei ihren Kühen sein.

Was für “Immersive VR Education” in Waterford vor zwei Jahren mit einem Crowdfunding von 36.500 Euro begann, setzte sich vor kurzem mit einer Investitionsrunde fort, die eine Million Euro einbrachte. Das Unternehmen entwickelt VR-Lern-Produkte für Schulen und Universitäten, aber auch für Unternehmen und im Bereich Gesundheitswesen. Hier entwickelt man gemeinsam mit den Partnern “Royal College of Surgeons” in Dublin und der “Oxford University” VR-basierende Trainingsmethoden für Ärzte.

Wassergebühren sind hier seit Jahren ein Dauerthema. Die viel zu alten Leitungen lecken überall und laut des neuesten Kompromisses, der gefunden wurde, um Neuwahlen rund um das Thema Wasser zu vermeiden, sollen nur diejenigen bezahlen, die ihre Lecks nicht fixen lassen. Kein Wunder also, dass “Lowflo” mehrere Standorte über das ganze Land verteilt hat. Die Technologie des Unternehmens findet Lecks im Auftrag von Privatleuten, Stadtverwaltungen und Unternehmen.

Zu den namhaften Klienten, die auf “Lowflo”-Technologie setzen, zählt interessanterweise auch “Irish Distillers”, die den weltbekannten, köstlichen Jameson-Whiskey brennen. Whiskey heisst auf irisch “Uisce Beatha”, also “Wasser des Lebens”. Lecks bei Jameson? Das käme hier einer Todsünde gleich!


Image (adapted) „Dogpatch Labs Dublin“ by Heisenberg Media (CC BY 2.0)


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Check-up Ireland: Niamh Bushnell – die Zarin dankt ab

GRAND CANAL DOCK AREA OF DUBLIN [JUNE 2016]-117259 (adapted) (Image by William Murphy [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Als ich die Dubliner Startup-Beauftragte Niamh Bushnell Ende 2015 zum ersten Mal besuchte, war „The Commish“ von einer irischen Zeitung gerade als Zarin bezeichnet worden. Da die Zarin gerade abgedankt hat, ist nun ein guter Zeitpunkt für ein „Netzpiloten revisited“.

Wenn es um Tech-Themen geht, ist Dublin nicht nur Hauptstadt, sondern gleichzeitig auch ein Dorf. Man hat oft das Gefühl, dass jeder jeden kennt und das ist meistens und eigentlich auch gut so. Kein Wunder also, dass seit Monaten viel geredet, spekuliert und in der Gerüchteküche gearbeitet wurde, was die Zukunft der Dubliner Startup Commission anbetrifft.

Was im Oktober 2014 als Pilotprojekt (oder laut Niamh Bushnell als „Experiment“) begann, wurde von Anfang an sowohl von der Ryan Academy der Dublin City University als auch von der Dubliner Stadtverwaltung tatkräftig und finanziell unterstützt. Hinzu kamen unzählige Unterstützer aus der Tech Community selbst.

Ein Jahr nach meinem Interview mit Niamh Bushnell in ihrem Büro an den „Silicon Docks“ fand an gleicher Stelle ein Boardmeeting statt, nach dessen Abschluss Veränderungen angekündigt wurden. Nicht etwa, weil die Kommission schlechte Arbeit geleistet hatte, sondern gerade weil Niamh Bushnell und ihre Mitarbeiter so viel bewegt hatten, machte es Sinn, Dinge zu verändern. Alle Beteiligten waren sich einig, dass „The Commish & Co.“ etwas erreicht hatten, was für Irland neu und wichtig war – den Charakter und die internationale Reputation Dublins einer Tech- und Innovationsmetropole zu verbessern. Zweifelsohne ein Erfolg vieler Mütter und Väter.

Mit dem Rückblick auf die Erfolge ging sofort der Ausblick auf die Zukunft einher. Zugleich mit ihrem Rücktritt Ende März begann Niamh Bushnell mit der Analyse der verschiedenen Tätigkeitsbereiche der Kommission, verbunden mit einem Plan zur weiteren Entwicklung der einzelnen Felder. Soviel war schon zu Beginn des Jahres klar – auch ohne Niamh Bushnell würden die Startups in Dublin nicht vernachlässigt und wertvolle Arbeit würde unter neuen Dächern fortgeführt werden. Die Publikationen Dublin Globe, The Brekkie und der Tech Concierge-Service gehören nun zum „Digital Hub“, während das Mentoring for Scale-Programm  Teil der DCU Ryan Academy wurde.

Niamh Bushnell (Image by Niamh Bushnell)
Niamh Bushnell (Image by Niamh Bushnell)

Fiach Mac Conghail, der als Geschäftsführer des „Digital Hub“ nunmehr auch die Arbeit von Niamh Bushnell fortführen wird, sprach vom „wichtigen Erbe“, das man angetreten habe. Man sei aber zuversichtlich, dass man der Verpflichtung gerecht werden würde. Niamh Bushnell selbst hat keinen Zweifel daran, dass die Erben um Fiach Mac Conghail weiterhin Erfolg haben werden: „Fiach hat die Visionen und die Energie dazu.“ Visionen und Energie – genau das, was zu spüren war, als ich Niamh Ende 2015 zum ersten Mal für „Netzpiloten“ interviewt habe. Damals sprach sie auch davon, wie sie im April 2014 eine Gruppen-E-Mail über einen „faszinierenden Job“ erhalten und sich sofort beworben hatte. Wie sagt man so schön? „And the rest is history.“

Im Rückblick nennt Niamh Bushnell die Frage, warum es Dublin sein sollte und nicht Startup-Beauftragte für Irland, als eine der am häufigsten gestellten. Heute wie auch damals ist sie davon überzeugt, dass ganz Irland davon profitiert, wenn Dublin in internationalen Rankings weit oben zu finden ist. Sie selbst wird in ihrer neuen Rolle bei TechIreland von ihrer Arbeit im alten Job profitieren können. TechIreland hat eine nationale Agenda – Innovation soll eine irische Marke werden – wie z.B. Kerrygold oder Guinness.

Bei einer der letzten Veranstaltungen, an der Niamh Bushnell als „Commish“ teilnahm, sprach Paschal Donohoe, der Minister für Öffentliche Ausgaben, unter anderem auch über den innovativen Geist Irlands. Sein Zitat aus einem Roman von Donal Ryan ist für sie so etwas wie ein Bogen zwischen alter und neuer Aufgabe: „Gerede ist doch irgendwie nichts anderes als Lügen. Nur, wenn man es wirklich macht, wird es zur Wahrheit.“ Sie habe als Startup-Beauftragte viel darüber geredet, wie toll Dublin doch sei. „Was jedoch als nächstes passiert – da geht es darum, Dinge zu tun. Es geht darum, etwas zu bewegen – für Dublin und zum Wohle des ganzen Landes.“ Große Worte, denen aber, da sie von Niamh Bushnell gesprochen wurden, mit Sicherheit auch Taten folgen werden.


Image (adapted) „GRAND CANAL DOCK AREA OF DUBLIN [JUNE 2016]“ by William Murphy (CC BY-SA 2.0)


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Check-up Ireland: Wie Irland von der Scheidung der Briten aus der EU profitieren kann

Eu (adapted) (Image by Elionas2 [CC0 Public Domain] via pixabay)

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden 12 Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

In der Woche, in der die Briten nun endlich Artikel 50 des EU-Vertrags ziehen, und somit Brüssel die Scheidungspapiere zustellen, kommt diese Kolumne nicht umhin, erneut über Brexit zu reden (mit Sicherheit nicht zum letzten Mal) und ein paar Fragen zu stellen: Bedeutet Brexit auch Techxit? Wird Irland, wenn die Scheidung zwischen Briten und der EU vollzogen ist, am Ende nicht nur Opfer sondern auch Profiteur sein?

Offiziell ist es die Brexit-Politik der irischen Regierung, dass die Briten enge Freunde und Alliierte sind, was bedeutet, dass Irland als Brücke zwischen der EU auf der einen Seite und dem wichtigen Partner auf der anderen Seite dienen kann. Inoffiziell gibt es jedoch beträchtliche Spannungen. Einige Kommentatoren fürchten, dass der Brexit einen erheblichen negativen Effekt auf die irische Wirtschaft haben wird und später sogar einen „Irexit“ nach sich ziehen könnte. Die Gegenseite sieht das Gegenteil – die Krise als Chance. Jobs und Investitionen, die eng mit der EU zusammenhängen, brauchen eine neue Heimat innerhalb der EU.

Insbesondere der Tech-Sektor ist für Irland von strategischem Interesse. Das gleiche gilt für den Finanz-Bereich und somit sind irische Fintech-Unternehmen an der Kreuzung zwischen diesen beiden Bereichen ideal positioniert. Nicht von ungefähr haben die beiden staatlichen Wirtschaftsförderungsgesellschaften Enterprise Ireland (zuständig für Exporte) und IDA (zuständig für das Anlocken von Unternehmen aus dem Ausland) einen zusätzlichen Personal-Etat von nahezu drei Millionen zugeteilt bekommen, um zwischen sich 60 neue Leute zu rekrutieren.

Nicht nur Nachteile

Fergus Kelly von Capstone, einem Spezialisten in Unified Communications im Finanzbereich, sieht den Brexit positiv. Capstone, die auch ein Büro in London haben, hören immer öfter von britischen Kunden, dass es Gedankenspiele gibt, die Belegschaft in Deutschland oder Frankreich zu erhöhen, eine Tochterfirma in Irland zu gründen oder sogar das ganze Unternehmen hierhin zu verlagern. Was die Art von Technologie anbetrifft, mit der Capstone arbeitet, spricht Kelly vom „Lift & Shift“-Phänomen – extremer Mobilität, die es Kunden ermögliche, schnell zu reagieren und umzuziehen. Zwar habe der Schock des Referendums nicht unmittelbar Bewegungen von Jobs und Investitionen nach sich gezogen, aber je näher die Scheidung rücke, desto nervöser würde man im Finanz-Distrikt London City. „Artikel 50 bedeutet für uns konkrete, neue IT-Projekte“, lautet die klare Ansage von Fergus Kelly.

Auch Tony Connolly von AccountsIQ, das Lösungen im Bereich Cloud Accounting anbietet, sieht im Brexit eher die Chance als die Krise. Der Markt werde nicht einfach verschwinden. Natürlich würden auch andere Standorte wie zum Beispiel Luxemburg versuchen, möglichst große Stücke vom Kuchen abzubekommen, aber Irland sei ideal positioniert. Die starken Verbindungen Irlands mit den Briten was Wirtschaft, Kultur und Sprache anbelangt, kombiniert mit dem starken Bekenntnis Irlands zur EU bedeute, dass man hier vom Brexit profitieren werde: „Tech ist hier ideal positioniert, um sowohl in EU-Märkte als auch in post-EU britische Märkte hinein zu verkaufen.“

Schon jetzt, da Artikel 50 gerade erst in Kraft tritt, fürchten viele irische Unternehmen in Nicht-Tech-Sektoren die neue, alte Grenze. Folgende Sätze von Tony Connolly stehen jedoch beispielhaft dafür, wie Unternehmen der Tech-Industrie das mit der Grenze sehen: „Vom Tech-Blickpunkt aus betrachtet spielt die Grenze keine Rolle. Dienstleistungen, die zurzeit von britischen Standorten aus erbracht werden, können ganz einfach auch von Dublin, Cork oder Limerick aus erbracht werden.“

Zwar weiß noch niemand (inklusive der Briten) ganz genau, ob die Scheidung, die gerade mit Artikel 50 beginnt, sauber verlaufen oder schmutzig enden wird und wie viele traurige Scheidungskinder danach zurückbleiben werden. Tech ist aber den Kinderschuhen schon lange entwachsen, geht mit der Trennung flexibel um und wird die Scheidung wohl erwachsen und gewachsen überleben.


Image (adapted) „Eu“ by Elionas2 (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: Von Schlangenvertreibern und Rattenfängern – Gedanken zum St. Patrick’s Day

St Patrick's Day Shamrock on bald head (adapted) (Image by k4dordy [CC BY 2.0] via flickr)

Schon wieder Donald Trump! Mea culpa, aber selbst dann, wenn es hier eigentlich um den irischen Nationalfeiertag “St. Patrick’s Day” gehen soll, der am Freitag weltweit gefeiert wird, kommt man um den Rassisten und Rattenfänger von Washington nicht herum. Das gilt für mich und andere Kolumnisten, für Arbeiter und Angestellte von US-Multinationals in Irland und für zehntausende von illegalen, irischen Einwanderern in den USA. Die “undocumented Irish” blicken besorgt nach Washington und hoffen, dass der irische Ministerpräsident Enda Kenny am Rande der Feierlichkeiten zum Tag des Heiligen, der einst die Schlangen aus Irland vertrieb, Donald Trump davon abhalten kann, massenhaft Iren aus den USA zu vertreiben.

Gleichzeitig hofft “Ireland Inc”, dass die nationalistische Wirtschaftspolitik der neuen Administration nicht zu viele US-Unternehmen aus Irland zurück in die Heimat vertreibt. Als vor einigen Wochen HP seinen 500 Beschäftigten seiner Drucker-Sparte in Leixlip in der Grafschaft Kildare mitteilte, dass ihre Arbeitsplätze Opfer der globalen Sparmaßnahmen werden würden, sprachen manche Beobachter bereits von “Trumps ersten Opfern”, konnten aber schnell beruhigt werden. Dass die Druckersparte die problematischere bei HP ist, war schon lange klar und außerdem sind die rund 2.000 Arbeitsplätze nebenan bei Hewlett Packard Enterprise nicht gefährdet. Im Gegenteil – für einige der 500 Kollegen bestehen sogar gute Chancen, beim Schwesterunternehmen unterzukommen. Kein Grund zur “Panik auf der Titanic” wegen des Trump-Effekts? Die Titanic startete ihre letzte Reise in Cobh in der Grafschaft Cork. Cork ist heute Standort von zahlreichen Pharmafirmen. Dazu zählt auch Eli Lilly, die an sich 200 Millionen Euro in eine Erweiterung am Standort Cork investieren und hunderte von Arbeitsplätzen schaffen wollten. Das Investment liegt nun erstmal auf Eis. Der Grund ist zweifelsohne der Druck, den Trump auf Vertreter der Pharmaindustrie ausübt, Neu-Investitionen doch bitte patriotisch in den USA zu tätigen.

Bereits unmittelbar nach dem Wahlsieg von Donald Trump war der irische Finanzminister Michael Noonan nach Silicon Valley gereist, um mit Managern von Tech-Firmen sowohl über die Steuerreformen, die Trump angekündigt hatte, als auch die Steuersicherheit, die Irland weiter garantieren könne, zu sprechen. Die Tatsache, dass der Minister sich so schnell in den Flieger setzte, um persönlich Sicherheit zu vermitteln, zeigt wie wichtig die Investoren aus dem Silicon Valley für den Erhalt des Status Quo an den Dubliner Silicon Docks sind. Und mit der Hauptaufgabe, Sicherheit zu vermitteln, reisen in dieser Woche gleich mehrere irische Minister anlässlich der Feierlichkeiten zum “St. Patrick’s Day” in die USA.

Für den Ministerpräsidenten Enda Kenny, der schon seit dem Wochenende in den USA weilt, ist das Ganze auch so etwas wie eine Abschiedstour. Seine Ablösung als Chef der Haupt-Regierungspartei Fine Gael steht unmittelbar bevor und die Meuterer in Dublin haben ihm die Reise zu Trump “aus Respekt vor seinen Verdiensten” gerade noch gewährt. Viele glauben, dass Trump ihm zuhören wird, wenn es um die Zukunft sowohl der US-Investitionen in Irland als auch um die “undocumented Irish” in den USA geht. Dass Enda Kenny bereits in dem Brief, mit dem er Donald Trump zur Wahl gratulierte, Druck im Namen der vielen irischen Einwanderer ausgeübt habe, wie er der heimischen Presse gegenüber behauptete, wurde von dieser aber schon als FAKE NEWS entlarvt. Kein Wort fand sich darüber in dem Schreiben, das via “Freedom of Information”-Anfrage veröffentlicht wurde.

Aber wer erwartet schon ausgerechnet am Tag des Schlangenvertreibers Ehrlichkeit von Politikern? Von Trump schon mal gar nicht, aber wohl auch kaum von Kenny. Wie jeder irische Ministerpräsident vor ihm wird auch Enda Kenny aus illegalen Einwanderern “undocumented Irish” machen. Gleichzeitig bleiben tausende von Asylbewerbern, die oft seit über 10 Jahren in Auffanglagern leben und auf den Bescheid der irischen Ausländer-Behörde warten, für Kenny und seine Minister weiterhin illegale Einwanderer. “Undocumented” sind nur Iren. Auch das ist Rassismus. Zu Beginn dieser Kolumne sprach ich ja von Schlangenvertreibern und Rattenfängern. Der irische Agrarminister Michael Creed wird bei seinem “St. Patrick’s Day”-Besuch unter anderem nach Berlin, Stuttgart und Köln reisen. Hameln steht nicht auf der Liste.


Image (adapted) „St Patrick’s Day Shamrock on bald head“ by k4dordy (CC BY 2.0)


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Check-up Ireland: vom WebSummit zum Dublin Tech Summit

Irland (adapted) (Image by Unsplash [CC0 Public Domain] via pixabay)

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden zwölf Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Nachdem der WebSummit seine Koffer gepackt und von Dublin nach Lissabon verschickt hat (wo der Start so erfolgreich war, dass die Koffer vorerst dort bleiben), fragten viele nach dem „neuen WebSummit“. Noch bevor jedoch einer der in diesem Zusammenhang meistgenannten Events, der Dublin Tech Summit, überhaupt die Chance hatte, sich darzustellen und zu beweisen, ist mir persönlich erst mal eine inflationäre Nutzung des Wortes „Summit“ aufgefallen. Einige, wie zum Beispiel der ‚Brexit Summit‘ (wegen der Bedrohung, die für Irland vom Brexit ausgeht) oder der ‚Talent Summit‘ (wegen der talentierten Arbeitskräfte, um die sich gerade die Tech-Firmen nur so prügeln), machen absolut Sinn. Wenn jedoch mit Altpapier erzeugenden, riesigen Anzeigen in Sonntags-Zeitungen zum ‚Waste Summit‘ gerufen wird, blättere ich rasch weiter.

Das ist ja wohl der Gipfel!

„Bye, bye, WebSummit – und was nun?“ fragten sich viele in der irischen Tech-Szene. Und während viele die Besetzung von Nischen wie Sports & Tech als richtige Antwort ansahen, beschlossen die Macher des Dublin Tech Summit, den entgegengesetzten Weg zu gehen und die Lücke eines globalen Tech-Gipfels zu füllen, die der WebSummit in Dublin hinterlassen hat.

Über zwei Tage hinweg strömten in der vergangenen Woche tausende von Delegierten ins Dublin Convention Centre, das am Hafen passenderweise direkt gegenüber des Tech-Viertels ‚Silicon Docks‘ gelegen ist, um sich entweder in der Expo Hall von Ausstellern über deren Technologien informieren zu lassen oder im Auditorium Vorträgen und Diskussionen zu lauschen. Das Fassungsvermögen des DCC beträgt „nur“ 10.000 Besucher. Nur? Der ‚WebSummit‘ hatte 50.000 Besucher, aber 10,000 ist nicht „nur“. 10.000 ist „genau richtig“. Da schließe ich mich DTS-CEO Noelle Reilly an, die schon im Vorfeld davon sprach, dass ihre eigenen Reisen zu verschiedenen Tech-Konferenzen weltweit sehr lehrreich gewesen seien. Ohne Namen zu nennen, spricht sie davon, dass sie sich hier und da verloren vorgekommen sei in den Massen. Ich glaube ja, dass eine der Reisen sehr kurz war und sie zum letzten Dubliner WebSummit geführt hat. Denn „verloren in den Massen“ war auch mein Eindruck.

Viele an sich interessante Diskussionen gingen dort zum Beispiel im Lärm unter, der von außerhalb der nicht schalldicht abgetrennten Sonderbereiche wie ‚IoT‘ oder ‚Medien‘ dem Publikum auf die Ohren und somit auch auf die Nerven ging. Beim DTS war das zum Glück ganz anders.

Auch was die Möglichkeiten anbetrifft, an Infoständen Gespräche mit Ausstellern zu führen, ist es natürlich bei 10.000 Besuchern einfacher als bei 30.000 oder gar 50.000. Und ja, liebe Verfechter der Legende, dass die Mega-Deals des WebSummit, bei denen Millionen an Investment gesichert wurden, eh am Abend im Pub gemacht werden – ihr habt Recht. Aber wenn ich einen potentiellen Investor nicht so laut anbrüllen muss, um ihn mir exklusiv für ein paar Biere zu sichern, dann ist das schon hilfreich, zumal das mit der Exklusivität eh relativ ist, wenn man brüllt, oder?

Ein „Höhepunkt“ (Achtung! Kalaueralarm!) am zweiten Tag war der Vortrag von Cindy Gallop, CEO von MakeLoveNotPorn, die ihrer Überzeugung Ausdruck verlieh, dass Sex-Tech die nächste Trilliarden-Industrie sein könnte und dass (das immer noch stark katholische!?) Irland der perfekte Standort für die Industrie sei: „Es kann sehr viel Geld verdient werden in diesem Bereich … wenn Frauen nur Ernst genommen werden.“

Die letzte Session des DTS war das Live Pitch Final des StartUp100 Programme. Zuvor hatten 100 Start-Ups aus aller Welt das zweitägige Programm aus Mentoring, Pitching und Networking durchlaufen. Zwei der Finalisten kamen aus Irland (Fillit & Flexiwage). Die Australier von Virtual Legal komplettierten das Finale. Als Sieger wurde am Ende Flexiwage aus Waterford gekrönt. Die FinTech-Solutions des Startups ermöglichen es Firmen, ihren Mitarbeitern flexible Gehaltsmodelle anzubieten, die sich den Bedürfnissen einzelner Mitarbeiter anpassen.

Das Fazit der Organisatoren war nach zwei Tagen durchaus positiv. DTS-CEO Noelle O’Reilly spricht von gutem Feedback nicht nur von Sprechern und Investoren, sondern gerade auch von Gästen. Man ist guter Dinge, dass DTS eine sich jährlich wiederholende Tech-Konferenz werden wird. Bei der Formulierung des ersten Ziels für die kommenden Jahre kommt Noelle O’Reilly auch wieder auf die zu Anfang erwähnte Zahl von 10.000 Besuchern zurück: „Wir wollen besser werden statt größer.“ Dem stimme ich vollkommen zu. Besucher-Rekorde zu jagen wäre der Gipfel – der Dummheit.


Image (adapted) „Irland“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


 

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Check-up Ireland: Webwise ist Irlands Beitrag zum Safer Internet Day

student (adapted) (Image by StartupStockPhotos [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden 12 Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Webwise sorgt in Irland für ein sicheres Netz (nicht nur am Safer Internet Day)

Der Safer Internet Day ist für Webwise natürlich so etwas wie der beste Tag zur Außendarstellung. Zahlreiche Schulen organisieren Veranstaltungen unter dem Motto „Seid der Wandel! Vereinigt euch für ein besseres Internet!“

Webwise, hinter dem das irische Bildungsministerium und das Safer Internet Programme der EU stehen, ist aber auch über diesen besonderen Tag hinaus äußerst aktiv. Als Teil von „PDST Technology in Education“ steht das ganze Jahr über die Förderung der Integration von ICT in das Lehren & Lernen an Grundschulen und weiterführenden Schulen auf dem Programm.

Webwise – der Kern

Der Kern der Tätigkeit von Webwise liegt bei der Förderung der autonomen, effektiven und vor allem sicheren Nutzung des Internets durch junge Menschen mittels nachhaltiger Informations-Kampagnen, die sich gleichsam an Eltern, Lehrer und die jungen Menschen selbst richten. Eltern bekommen Rat, wie sie das Online-Leben ihrer Kinder begleiten können. Lehrer bekommen Werkzeuge an die Hand, die es ihnen leichter machen, Internet-Sicherheit in den Unterricht einzubauen. Und die Heranwachsenden bekommen Hilfestellung zum Umgang mit Cyber-Bullying.

Webwise – die Partnerschaften

Webwise ist Mitglied sowohl des „Insafe“-Netzwerks als auch des „SaferInternetIE“-Projekts – einem Konsortium, in dem sich Industrie, Bildungs-Sektor, Kinderwohlfahrts-Organisationen und Regierungsstellen zusammengefunden haben, um Aktivitäten im Bereich „Sicheres Internet“ zu koordinieren, sowie um Kindern und Jugendlichen Hotlines & Helplines zur Verfügung zu stellen.

Die nachhaltige Arbeit der Organisation trägt zweifelsohne Früchte. Laut einer Studie, die aus Anlass des Safer Internet Day 2015 veröffentlicht wurde, rangieren irische Schulen über dem EU-Durchschnitt was Internet-Sicherheit betrifft. Sowohl irische Eltern als auch Lehrer stehen bei der Vermittlung von Internet-Sicherheit besser dar als die durchschnittlichen Erziehenden & Erzieher. 87 Prozent irischer Eltern greifen ein (im Vergleich zu 77 Prozent im EU-Durchschnitt), während bei den Lehrern die Zahlen sogar noch ein bisschen besser aussehen: 89 Prozent in Irland im Vergleich zum 79 Prozent EU-Durchschnitt.

Niemand kann und will sich jedoch auf diesen Zahlen ausruhen. Die Zahlen zum Safer Internet Day 2016 (hier auf der ausführlichen Infografik nachzulesen) sind weiterer Ansporn für dieses Jahr.

Noch eine Bemerkung zum Schluss: In den 20 Jahren, die ich schon in Irland lebe, haben sich Regierungen wahrlich selten durch gemeinsames Denken und Handeln einzelner Ministerien hervorgetan. Oft zählt der „Parish“ – also die Gemeinde oder besser und ehrlicher gesagt der Wahlkreis – einzelner Minister mehr als das Gemeinwohl der ganzen Nation, oder wenigstens einer besonders schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppe.

Umso mehr muss aber lobend hervorgehoben werden, dass der für den Bereich Internet zuständige Minister für Kommunikation schon Wochen vor dem Safer Internet Day 2017 seinem Kollegen im Bildungsministerium tätig unter die Arme griff und einen Wachhund für Online Trolls benannte. Der „Digital Safety Commissioner“ wird unter anderem das Recht haben, Social Media Firmen wie Facebook oder Twitter anzuweisen, Cyber Bullying Postings zu löschen.

Die tägliche Praxis des Umgangs mit Unternehmen wie Facebook und Twitter, die hier Tausende beschäftigen, wird jedoch zeigen müssen, ob ich die Herren Minister eventuell zu früh gelobt habe. Es gibt schliesslich auch noch die Frau Wirtschaftsministerin, die die genannten Firmen glücklich halten muss. Und irgendwie geht es mir da wie bei den Trumps – wenn ich einerseits eine Rede von Melania im Kopf habe, die sich den Kampf gegen Cyber Bullying ganz oben auf die Liste ihrer Aktivitäten als First Lady schreiben will und andererseits so manchen Tweet des Online Trolls No. 1 Donald vor Augen habe.

Ich bin schon gespannt auf den 17. März, den Nationalfeiertag St. Patrick’s Day, wenn der US-Präsident traditionell den irischen Ministerpräsidenten (= Taoiseach) empfängt. Der Titel dieser Kolumne könnte dann „Taoiseach trifft Troll“ lauten.


Image (adapted) „student“ by StartupStockPhotos (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: „BT Young Scientists“ – Vom Schulprojekt zum globalen Erfolg

Street (adapted) (Image by RyanMcGuire [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden zwölf Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

BT Young Scientist 2017 Shane Curran (adapted) (Image by BT Young Scientists Exhibition)
BT Young Scientist 2017 Shane Curran (adapted) (Image by BT Young Scientists Exhibition)

Als der 16-jährige Schüler Shane Curran vom Dubliner Terenure College vor wenigen Tagen zum Gewinner der 53. BT Young Scientists & Technology Exhibition (kurz BTYSTE) ernannt wurde, mag so manch einer „Na und?!“ gerufen haben, als die Preisverleihung live im Fernsehen übertragen wurde. Ähnliche Reaktionen folgten mit Sicherheit auch auf den Sieg eines gewissen Patrick Collison im Jahre 2005. Heute leitet Patrick gemeinsam mit seinem Bruder John in Silicon Valley das von ihnen gegründete Online Payment-Unternehmen Stripe mit über 1.000 Kunden weltweit und einem geschätzten Wert von fünf Milliarden US-Dollar: „Na, und was macht ihr so?!“

Mit seinem Projekt „qCrypt“, welches sich mit dauerhaft sicherer Datenspeicherung beschäftigt, konnte Shane Curran im vierten Anlauf den großen Preis erringen, der neben jeder Menge Neidern und Prestige auch einen Scheck über 5.000 Euro mit sich bringt. Der Weg zur Bühne mag zwar kurz gewesen sein, aber der Weg zum fertigen Produkt war umso länger. Zuerst kamen sechs Monate an Forschung, denen weitere fünf Monate folgten, um die Software seines „qCrypt“-Systems fertig zu entwickeln. Shane ist nach diesem Prozess fest davon überzeugt, dass die Software so sicher ist, dass sie nicht geknackt werden kann.

BT Young Scientist 2005 Patrick Collison (adapted) (Image by BT Young Scientists Exhibition)
BT Young Scientist 2005 Patrick Collison (adapted) (Image by BT Young Scientists Exhibition)

Wie kommt man überhaupt auf die Idee für dieses Projekt? Shane hatte einen Artikel darüber gelesen, wie das Boston College gerichtlich dazu gezwungen wurde, politisch brisante Interviews mit ehemaligen IRA-Terroristen freizugeben. Hätte das College dem Druck nicht nachgeben wollen, so wären die Daten – wenn sein „qCrypt“-System genutzt worden wäre – nach seiner Überzeugung selbst vor Geheimdiensten sicher gewesen.

Wie das? Das System beruht auf dem Prinzip, dass die Originaldaten aufgebrochen werden und die einzelnen Teile auf verschiedene Jurisdiktionen umverteilt werden. Somit würde es selbst unter massivem Druck eines Gerichts unmöglich, Datensätze wieder zum Original zusammenzubauen. Zweifelsohne wird dieser Ansatz in so manchem Tech-Unternehmen, das in Irland eines oder gar mehrere Datenzentren betreibt, als auch beim irischen Data Commissioner, wo so viele europäische Fäden zusammenlaufen, für Aufsehen sorgen. Diese Verantwortlichen haben mit Sicherheit ganz andere Fragen als „Na und?!“

Förderung benachteiligter Kommunen

In diesem Jahr wurde bei der „BTYSTE“ auch eine neue Initiative vorgestellt, bei der mit finanzieller Hilfe von BT das Active Communities Network (ACN) gemeinsam mit der Rio Ferdinand Foundation (RFF) des ehemaligen Manchester-United-Stars in benachteiligten Kommunen in Irland und Nordirland Projekte für Kinder und Jugendliche unterstützt. Gefördert werden sollen unternehmerische und technische Fähigkeiten sowie Führungsqualitäten. Das ACN ist bekannt für Projekte, bei denen junge Leute mittels Sport und Kultur Wissen in Erziehung, Mentoring und Training erwerben. Die RFF vermittelt berufliche Fähigkeiten, erhöht die berufliche Vermittelbarkeit und betreibt Beschäftigungsprogramme für Kinder und Jugendliche. Das Ziel der von BT unterstützten gemeinsamen Arbeit in Irland und Nordirland ist, Karrieren junger Menschen zu fördern, die bisher enorme Benachteiligung erfahren mussten was Zugang, Chancengleichheit oder Vorbilder anbetrifft.

Natürlich musste Rio Ferdinand bei seinem Auftritt in Dublin auch Fragen zu seinen Vorbildern auf dem Fußballfeld beantworten. Die eigentlich wichtigen Vorbilder – da waren sich der Star und das junge Publikum einig – sind aber Shane Curran und ehemalige Gewinner wie Patrick Collison, der bewiesen hat, dass für junge Menschen, die an Technologie interessiert sind, nichts unmöglich ist.


Image (adapted) „street“ by RyanMcGuire (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: Stuck in the Middle – Wir stecken fest

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden zwölf Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. 

Irlands Tech-Entscheider schauen sorgenvoll auf Trump & Brexit

In dieser Kolumne warf ich erst vor kurzem einen durchaus positiven Blick auf das vergangene Jahr. Zu Beginn des neuen Jahres gehen viele Blicke sowohl nach Westen über den Atlantik als auch nach Osten über die Irische See nach London. Noch bis vor wenigen Monaten ließ Irlands Sandwich-Position zwischen den USA und dem so wichtigen Handelspartner Großbritannien Politiker und Industrielle im Einklang endlose Jubelarien auf den Standort-Vorteil der Iren anstimmen. Die Wahl von Donald Trump und die Entscheidung der Nachbarn für das Brexit sorgten jedoch für tiefe, übelklingende Kratzer auf dieser altbewährten Platte. Nun kramt manch einer „Stuck in the Middle with you“ der Gruppe ‚Stealers Wheel‘ hervor: „Clowns to the left of me, jokers to the right, here I am stuck in the middle with you!“

Sowohl Milliarden-Investitionen von US-Firmen als auch der rege Handel mit den Briten hatten schon immer auch viel mit Steuern und Zöllen zu tun. Was wird sich links und rechts ändern und was bedeutet es für Irland? 

Trump to the left

Noch weiß niemand genau (wahrscheinlich auch er selbst nicht), welche seiner Wahlversprechen Donald Trump wirklich umsetzen wird. Ein Zentralstück seiner Wirtschaftspolitik sollen aber erhebliche Steuersenkungen werden. Unter anderem war im Wahlkampf immer wieder die Rede davon, den Körperschaftssteuersatz von 35 Prozent auf 15 Prozent zu senken – eine Zahl, die in Irland, wo der Leitsatz 12,5 Prozent beträgt, Sorgenfalten auf die Stirnen der Ansiedlungspolitiker treibt. Zu stark ist noch die Abhängigkeit der irischen Wirtschaft von Multinationals, vor allem aus den USA, die insgesamt rund 200.000 Menschen beschäftigen. Facebook, Microsoft, Google und Apple gehen dabei vorneweg. 

Jede auch noch so kleine Änderung bei der Körperschaftssteuer wird direkte Folgen in Irland nach sich ziehen. Zwar hat es in den letzten 30 Jahren auf US-Seite keine signifikanten Änderungen gegeben und jede Administration, auch wenn sie von einem Lautsprecher wie Trump geleitet wird, tut sich schwer daran, spürbar UND schnell an der Körperschaftssteuer zu drehen. Da diese rund zehn Prozent des US-Steueraufkommens ausmacht, werden Donald Trump und seine Berater vorsichtig zu Werke gehen müssen, damit der Schuss, der US-Unternehmen und ihre Steuern nach Hause locken und die Wirtschaft erstarken lassen soll, nicht nach hinten losgeht. Zu bedenken ist auch, dass schon heute ein Teil der Profite von US-Unternehmen mit irischen Tochterfirmen sowohl in Irland als auch in der Heimat besteuert werden.

Auf Twitter drohte Trump jüngst diversen Autoherstellern mit Einfuhrzöllen falls Fabriken nicht ins Homeland zurückverlagert werden sollten. Zweifelsohne spielt die Tatsache, dass es sich bei dem Land, aus dem die Produktion zurückgebracht werden soll, um dessen Lieblingsfeind Mexiko handelt, eine besondere Rolle. Toyota und Chrysler gaben auch schnell nach und kündigten Milliarden-Investionen in den USA nach. Könnten den Drohungen an Auto-Bosse via Twitter bald Drohungen an Tech-Bosse bei Facebook oder Google (nicht bei Twitter, die weder in Irland noch in den USA Profite machen) folgen? Noch ist nichts derart in Sicht. Doch zum einen ist Donald Trump unberechenbar und zum anderen benötigen Investoren – egal ob in der Auto-Industrie oder in Tech – Sicherheit. Und da die alles andere als gegeben ist, warten viele Investoren erst einmal ab.

Brexit to the right

Noch spricht die britische Regierung mehr- und vor allem unstimmig darüber, wie das mit dem Brexit genau funktionieren soll. Dies sorgt in der Wirtschaft ebenso für Unsicherheit wie die bangen Fragen, was genau Trump so vorhat. Und genau wie Trump reden auch britische Politiker davon, den Körperschaftssteuersatz zu senken. Nur greift die Unsicherheit in Bezug auf den (noch) gemeinsamen Handels- und Reiseraum mit dem Vereinigten Königreich und was wohl daraus werden möge, wenn der Brexit umgesetzt wird, schon jetzt spürbar um sich – noch bevor der Artikel 50 des EU-Vertrags überhaupt aktiviert wurde. Zwar macht man sich in Bereichen wie FinTech berechtigte Hoffnungen, dass Finanzunternehmen Investitionen von London nach Dublin verlegen werden, um weiterhin Zugang zum einheitlichen EU-Markt zu haben. Da hört es dann aber auch auf. So manch ein Unternehmen hält Investitionen, was den britischen Markt betrifft, erst einmal zurück. Andere denken gar darüber nach, den Firmensitz nach Großbritannien zu verlagern, was dann Sinn macht, wenn zwei Drittel der Kunden dort sind und es zu lange dauern würde, neue Märkte zu erschließen.

Über Jahre hinweg konnten irische Firmen sich darauf ausruhen, dass in Bezug auf den wichtigsten Handelspartner in Europa die Fähigkeiten der Mitarbeiter ideal waren. Man spricht die gleiche Sprache und der Nachwuchs ist technisch gut ausgebildet. Dem Ausruhen folgt jetzt aber mehr und mehr die Unruhe – und neue Fragen: Kennt sich bei uns eigentlich jemand mit Ausfuhrzöllen aus?


Image “ireland” by belindasoundso (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: ein Blick zurück auf Dublin Tech und Wunschliste für 2017

Kalender, zuende, zu Ende, Ende, abgerissen, Jahresrückblick

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden 12 Monate werde ich nun die “Tech-Insel” aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Ein letzter Blick zurück auf die Dublin Tech im Jahr 2016 und eine Wunschliste für 2017

2016 war zweifelsohne ein lautes Jahr. Es war auch ein Jahr der Abstimmungen mit Ergebnissen, die kaum jemand vorhergesagt, geschweige denn erhofft hatte. Brexit und Trump haben aber für die irische Wirtschaft besondere Konsequenzen, die ich mit Sicherheit im Jahr 2017 noch besonders beleuchten werde. Dennoch zeigte sich Martin Shanahan, der Chef der Wirtschaftsförderung IDA, deren Auftrag es ist, multinationalen Firmen die Ansiedlung in Irland schmackhaft zu machen, auch zuletzt sehr locker beim Rückblick auf 2016 und beim Ausblick auf 2017: „Es war ein gewohnt ruhiges und für uns durchaus normales Jahr.“

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Diese Karte der IDA zeigt, wie viele Tech-Firmen zum Jahresende in Dublin angesiedelt sind. Quelle: Google Maps

Doch selbst mit Trump im Weißen Haus und mit schwarzen Brexit-Wolken am Horizont rechnet Irland 2017 mit einem Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent. Besonders die Hauptstadt Dublin mit ihrem Tech- und Startup-Sektor kann selbstbewusst zurück und nach vorne blicken. 2016 war ein durchweg gutes und in manchen Bereichen sogar hervorragendes Jahr für Dublin. Dazu ein paar Zahlen:

775 Startups mitsamt ihrer Firmenzentrale; 230 globale, multinationale Tech-Firmen, von denen 23 Prozent von Dublin aus produzieren; 50 Startup-Hubs; drei Universitäten mit rund 3.000 Absolventen im Bereich Computer-Science.

Auch im Bereich Funding sind die Zahlen beeindruckend. Bereits Ende September hatten Tech-Firmen in Irland 734 Millionen Euro von Investoren erhalten – im Vergleich zu 522 Millionen Euro im ganzen Jahr 2015.

Auch die Engel, die jeder Gründer so sehr braucht, waren 2016 fleißiger als 2015. Laut John Phelan vom Halo Business Angel Network werden die Engel – von denen 15 Prozent mehr unterwegs sind – am Ende des Jahres 13 Millionen Euro investiert haben (10,8 Millionen Euro im Jahr 2015). Das Ziel sei es, bis 2020 die Schwelle von 20 Millionen Euro pro Jahr zu erreichen.

Rekordzahlen an Investment werden in Dublin in einem Tech- und Startup-Ökosystem erreicht, das laut Johnny Walker von Health Founders immer mehr an Struktur gewinnt und in dem kleine Startups mit großen Fischen der Techwelt kollaborieren. Aus einem kleinen Google Doc der Dubliner Startup-Kommission erwuchs die TechIreland-Plattform, bedeutende Firmen wie ESB, Dublin Airport, New Ireland Assurance oder veranstalteten Hackathons für Startups, etabliertere Firmen wie Ding, Openet oder Cartrawler gaben mittels Investment und/ oder Mentoring zurück an die Community; Übernahmen wie die von Fleetmatics durch Verizon (2,1 Milliarden Euro) und Movidius durch Intel (322 Millionen Euro) sorgten für große Schlagzeilen in allen Zeitungen.

Ein Trend im Ökosystem ist der, dass internationale Gründer, die einst von bedeutenden multinationalen Firmen für den Standort Dublin rekrutiert worden waren, nunmehr ihr eigenes Glück versuchen. Firmen wie Cesanta, Profitero oder Iguazu sind gute Beispiele dafür.

Zwei der Sektoren, die 2016 von besonderer Bedeutung waren, sind TravelTech und FinTech. Dabei fanden auch Veranstaltungen wie PhoCusWright und IATA & CAPA, die für den Sektor TravelTech wichtig sind, in Dublin statt, während Ryanair Labs mittlerweile 150 Leute in unmittelbarer Nähe des Dubliner Flughafens beschäftigt. Dublin war schon immer als Zentrum für FinTech bekannt. Der Sektor ist aber zweifelsohne auch einer der wenigen, die im Brexit große Chancen sehen. Wenn man der IDA und den Immobilienmaklern Glauben schenkt, mehren sich die Anfragen großer Banken aus London nach Büroraum in Dublin.

Die Multinationals haben 2016 zum Glück nicht nur in Sachen Steuervermeidung Schlagzeilen gemacht:

  • Equifax gab die Eröffnung eines neuen R&D-Zentrums bekannt
  • Facebook hat 200 neue Stellen geschaffen
  • PayPal hat 100 neue Stellen geschaffen
  • HubSpot gab die Schaffung von 320 neuen Stellen bekannt
  • Slack gab die Schaffung von 80 neuen Stellen bekannt
  • Amazon gab die Schaffung von 500 neuen Stellen bekannt
  • LinkedIn gab die Schaffung von 200 neuen Stellen bekannt
  • Deloitte entschied sich für Dublin als Standort für ein neues Blockchain Lab
  • PTC gründete ein IoT R&D-Zentrum
  • Kaspersky Lab eröffnete ein R&D-Zentrum
  • Fitbit eröffnete ein neues Gebäud

Was die Politik anbetrifft, so war 2016 ein eher ruhiges Jahr für den Tech-Sektor. Die Minderheitsregierung, die eh kaum große Initiativen starten kann, weil sie das Okay der größten Oppositionspartei benötigt, hat zum Beispiel im letzten Haushalt kaum Maßnahmen untergebracht, die irischen Tech-Firmen den Sprung in internationale Märkte merklich erleichtern würden. Demzufolge steht die Politik auch ganz oben auf der …

… Wunschliste für 2017

  • Politik: Aktienoptionen müssen sich lohnen, Gleichstellung für Gründer bei der Einkommenssteuer, Änderungen im Steuersystem, die es attraktiver machen, Firmen wachsen zu lassen, statt sie früh zu verkaufen
  • Fokussierung auf wichtige Cluster: Standorte wie Cork, wo multinationale Pharma-Giganten wie Pfizer eng mit Universitäten und Startups zusammenarbeiten, zeigen, wie wichtig Cluster sind
  • Verbesserung bei internationalen Rankings für Dublin: von Universitäten bis hin zu digitaler Infrastruktur.
  • Stärkere Mobilität von talentierten Arbeitskräften: weg von Multinationals hin zu Startups

Ich werde in meiner Kolumne im November 2017 noch einmal auf die Wunschliste schauen, um Bilanz zu ziehen, aber auch generell das dann fast abgelaufene Jahr durch die Tech-Brille betrachten.


Image „Blockplan“ by BRRT (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: FoodCloud vertreibt dunkle Wolken der Essensarmut

Irland, Ireland, Natur, Sonne, Schnee, Frost, Winter, Sonnenstrahlen, Weihnachten

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden zwölf Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

FoodCloud vertreibt dunkle Wolken der Essens-Armut

Wohltätigkeit wird nicht nur in Irland gerade in der Vorweihnachtszeit großgeschrieben. Es wird rege gespendet für Bedürftige in Haiti oder Syrien, aber auch für Obdachlose in der eigenen Stadt. Der Crash mag vorbei sein und die Wirtschaft mag wachsen, doch nicht überall ist die Wende zu spüren. Das hat die Regierung bei der Wahl erfahren, als trotz sinkender Arbeitslosigkeit aus einer satten Mehrheit eine wankende Minderheitsregierung wurde. Zu viele Erwachsene, aber vor allem zu viele Kinder werden in Dublin nicht satt. Das Gerede vom neuen Boom ist die alte Leier derer, die eh schon genug Geld haben. Statt des wiedererwachten keltischen Tigers sehen die Armen in Vororten wie Tallaght nur streunende Katzen – die aber wenigstens die Ratten vertreiben.

Nicht von ungefähr wurde Tallaght gewählt, um eine neue Initiative vorzustellen, die der Essensarmut den Kampf angesagt hat. „FoodCloud“, eine Online-Plattform, die Geschäfte, die überschüssige Lebensmittel haben, mit Wohltätigkeitsorganisationen zusammenbringt, hat sich mit der „Bia Food Initiative“ vereint, einem Betreiber von Depots in ganz Irland, über die Essen umverteilt wird. Deren neuer Name lautet „FoodCloud Hubs“ und im Sinne von „gemeinsam sind wir stark“ hilft man jetzt den Schwachen in Irland, Essensarmut zu überwinden. FoodCloud bietet Lösungen für überschüssige Lebensmittel bei jedem Schritt der Lieferkette an.

Neben Bedürftigen aus Tallaght und den unvermeidlichen Politikern fanden sich beim FoodCloud-Launch auch viele Mitglieder der Startup-Community, die sich auch bei „normalen“ Startup-Events über Technologien informieren oder Lösungen diskutieren. Das Wie, Wer und Wo zu Finanzierung und Talent-Aquise wurde bei diesem Anlass aber vom Was-kann-ich-tun und Wo-kann-ich-mich-einbringen in Bezug auf Social Enterprise ersetzt. Über der FoodCloud schwebten hier die Gedanken des Dubliner Tech-Kosmos zu Bereichen wie Umwelt, Verschwendung und Ernährung. Nichts fühlte sich hier abgehoben an. Für die Bodenhaftung sorgten allein schon die Menschen aus Tallaght und deren Schicksale, sowie die Lieder des High Hopes Choir, der aus Obdachlosen besteht.

So manch einer der anwesenden Gründer hat sich aber in Tallaght nicht zum ersten Mal mit Unternehmensvorsätzen beschäftigt. Mehr und mehr geht „Social“ mit „Enterprise“ einher – Startups und ihre Netzwerke diskutieren innovative Lösungen zu alten Problemen und sorgen somit dafür, dass Tech vollkommen neue Schichten der Bevölkerung durchdringt. Populistisches Gerede à la Trump von der „Tech-Elite, die nichts für die Zurückgelassenen tut“, würde zumindest in Tallaght nicht gut ankommen. Der Mann hat eh mit seinem Luxus-Golf-Ressort an der Westküste Irlands, wo die Elite Greenfees um die 200 Euro zu zahlen hat, genug zu tun.

Auch im Bereich Social Enterprise beweisen irische Initiativen und Unternehmen wie FoodCloud, dass die Lösungen, die lokal funktionieren, oft auch global eingesetzt werden können. CoderDojo oder ChangeX sind weitere Beispiele, die eine Würdigung verdienen – und das nicht nur zur Weihnachtszeit.


Image Irland by flesheatingbug (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: Odyssee in der Weltraumforschung

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden 12 Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Ireland – a Space Odyssey?

Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2016 und NASA, ESA mit ihren großen Nationen, Russland und China haben das gesamte Weltall unter sich aufgeteilt. Das gesamte Weltall? Nicht das gesamte Weltall – eine kleine Nation auf einer Insel am Rande Europas macht Schritte, die nicht nur wichtig für Irland selbst sind, sondern gleichzeitig auch bedeutend für die Menschheit.

Als Johann-Dietrich Wörner, seines Zeichens Direktor der Europäischen Raumfahrt-Agentur ESA, im Sommer Irland besuchte, traf er nicht nur mit etablierten Wissenschaftlern zusammen. Die Tatsache, dass er auch von Ministerpräsident Enda Kenny empfangen wurde, unterstrich die Bedeutung, die die irische Regierung und ihre halbstaatlichen Förderungsorgane dem Bereich Raumfahrt-Technologie zumessen. ESA verkündete im Beisein von Enda Kenny die Gründung eines multidisziplinären Inkubators, in dem sich bis zum Jahr 2020 25 irische Startups entwickeln sollen. Federführend auf irischer Seite ist hierbei das Tyndall National Institute in Cork, aber auch die Universität in Maynooth und das Technologie-Institut in Athlone (Technologie-Institute in Irland = ähnlich wie Fachhochschulen in Deutschland) spielen eine wichtige Rolle.

Des Weiteren gab Johann-Dietrich Wörner auch eine Partnerschaft mit dem irischen Forschungverband bekannt, die es irischen Absolventen in den Bereichen Ingenieurswissenschaften, Physik oder Chemie ermöglichen wird, an Trainee-Programmen von ESA teilzunehmen.

Schon jetzt können sich irische Firmen, bedingt durch die Mitgliedschaft Irlands bei ESA, bei Ausschreibungen um Verträge bewerben, die pro Jahr einen Gesamtwert von 5 Milliarden Euro haben. Das Ministerium für Arbeit, Wirtschaft und Innovation erwartet zudem in den ersten vier Jahren nach der Unterzeichnung des Abkommens mit ESA eine Verdoppelung der Arbeitsplätze im Bereich Raumfahrt-Technologie auf ganze 1000 – eine Zahl, die nicht zu ambitioniert ist. Der Umsatz, den irische Firmen mehr oder weniger unbeachtet schon heute im Raumfahrt-Sektor erzielen, liegt bei geschätzten 300 Millionen Euro.

Bei einer Veranstaltung im Rahmen der Ireland Science Week, die gerade zu Ende ging, wurde allerdings selbstbewusst das Ende des unbeachteten Daseins des Sektors verkündet. David Gibbons, Manager des bereits oben erwähnten ESA Space Solution Centre am Tyndall National Institute in Cork, beschrieb in seiner Rede den Weg, den Irland gerade im Raumfahrt-Sektor beschreite.

Weg vom versteckten Juwel, der noch nicht erzählten Geschichte hin zu etwas Unübersehbaren, zu einer Erfolgsgeschichte, ähnlich wie der der Pharmaindustrie.

Mittels Clusterbildung bekannter multinationaler Firmen wie Pfizer an Universitäts-Standorten wie Dublin, Galway und Cork wurde die Pharmaindustrie zu einem der Vorreiter in der so erfolgreichen Ansiedlungspolitik der irischen Wirtschaftsförderung. Cork, Maynooth und Athlone wollen dem Beispiel folgen.

Wenn es um das Warum oder gar die Daseinsberechtigung von Raumfahrt-Technologie geht, ist oft von Synergien die Rede. Wie kann eine innovative Idee, die einen wichtigen Zweck in der Raumfahrt erfüllt, in ein Gerät transformiert werden, das auf Erden die Lösung eines Problems darstellt? Die Weiterentwicklung ist laut David Gibbons ein hervorragendes Beispiel. Was als Raumfahrt-Projekt des US-Verteidigungs-Ministeriums begonnen habe, sei heute aus unseren Smartphones nicht mehr wegzudenken.

Gibbons erklärt am Beispiel GPS auch jungen Unternehmen, wie wichtig es ist, sich um ESA-Aufträge zu bewerben. Die Höhe der Verträge an sich sei aber nur ein Teil des Puzzles. Ebenso wichtig seien die Expertise und die Glaubwürdigkeit, die die ESA-Mitarbeiter mit sich bringen, sowie das schier unendliche Potential sowohl bei der Entwicklung von innovativen Produkten als auch der Erschließung neuer Märkte. Der Weltraum. Unendliche Weiten.


Image „hut“ by Christian_Birkholz (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: Ein Jahr in Sachen Tech quer durch Irland

Irlande 3 (adapted) (Image by Werner Bayer [CC BY 20] via flickr)

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden 12 Monate werde ich nun die „Tech-Insel” aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Von Apple und Birnen (oder Knoblauch)

Vor vier Jahren wurde der Inhaber eines der größten Frucht- & Gemüse-Unternehmen Irlands zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt. Sein Verbrechen – er hatte 1,6 Millonen Euro hinterzogen, in dem er über tausend Tonnen von importiertem Knoblauch als Äpfel deklariert hatte. Schon wenige Tage danach war sein Name wohl auch denen entfallen, die sich für Steuer-Themen interessieren. Auch ich musste erst einmal Google heranziehen, um Paul Begley als den Mann zu identifizieren, der zuletzt von Politikern vor allem linker Gesinnung im irischen Parlament als Beispiel dafür genannt wurde, wie ungerecht es im Staate Irland doch vonstatten gehe.

Auf der einen Seite rotte ein „Pfeiler der lokalen Gemeinschaft” im Knast dahin, weil er Knoblauch im steuerlichen Gegenwert von 16 Millionen Euro zu Äpfeln gemacht habe. Auf der anderen Seite könne Apple Irland und die Welt um 13 Milliarden Euro an Steuern betrügen und niemand müsse befürchten, wegen Steuervergehen angeklagt, geschweige denn verurteilt zu werden. Ganz im Gegenteil – die irische Regierung habe sich mit dem Einspruch gegen den Beschluss der EU-Kommission, dass Apple den enormen Betrag samt Zinsen nachzahlen müsse, zum Komplizen des unsozialen, multinationalen Unternehmens gemacht.

Die Minderheitsregierung der Mitte-Rechts-Partei Fine Gael machte, vertreten durch den Finanzminister Michael Noonan, gegenüber der EU-Kommission, den EU-Partnern, die das irische Steuersystem schon lange kritisieren, sowie gegenüber Kritikern des Einspruchs in der Opposition zwei Punkte unmissverständlich klar. Zum einen habe Apple niemals gegen Steuerrecht verstoßen, sondern vielmehr Flexibilität im Steuerrecht genutzt, die auch jedem anderen Unternehmen offen gestanden habe. Zum anderen würde das Nachgeben gegenüber der EU-Kommission bedeuten, dass Irland das Signal an die wichtige Gemeinschaft der multinationalen Konzerne aussende, dass das sprichwörtliche „Céad Míle Fáilte” (100,000 Willkommen), welches die Iren ihren Gästen darbringen, um ein paar Nullen verkürzt würde.

Oppositionspolitiker, die den Fall von Paul Begley in die Diskussion einbrachten, hätten Äpfel mit Birnen verglichen. Dass Michael Noonan für seine fruchtige Erklärung keinerlei Widerspruch aus den Reihen der größten Oppositionspartei erntete, war keine Überraschung. Der Wahlbezirk sowohl des Parteichefs von Fianna Fáil als auch des finanzpolitischen Sprechers der Partei ist Cork, wo Apple 5000 Mitarbeiter beschäftigt.

Und mag Apple noch so wenig an Körperschaftssteuer zahlen, so sind die 5000 Mitarbeiter und ihre Familien aber doch (neben potentiellen Fianna Fáil-Wählern) Einkommensteuerzahler, Käufer in Supermärkten und Autofahrer, die Kfz- und Benzinsteuer entrichten. Das ist die Realität im Zusammenhang mit multinationalen Unternehmen nicht nur in Cork, wo neben Apple auch viele Unternehmen in den Bereichen Pharma und Biotechnologie angesiedelt sind, sondern auch in Galway und Limerick, wo es ähnliche Cluster gibt. Vor allem gilt es natürlich auch für die Hauptstadt Dublin, wo Microsoft, IBM, Google, Facebook und Twitter Zehntausende beschäftigen.

Das Ding mit Apple und Knoblauch mag für manche zwar zum Himmel stinken, aber der Weg von der Realität des Förderns vor allem von multinationalen Konzernen hin zu einer Gesellschaft, in der auch Kleinstunternehmen und der Mittelstand ähnlich gute Chancen haben, wird ein langer sein. Die Ansiedlung von irischen Startups neben den Multinationals in den Clustern sind dabei Meilensteine, die durchaus Anlass zur Hoffnung geben sollten.


Image (adapted) „Irlande 3“ by Werner Bayer (CC BY 2.0)


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Apples Steuernot wird den Erfolg nicht schmälern

Apple Store Scottsdale Road (adapted) (Image by Dru Bloomfield [CC BY 2.0] via Flickr)

Apple-Panikmacher haben einen neuen Pfeil in ihrem Köcher. Dazu, dass Apples Erfolg zu sehr vom iPhone abhängt und sein Wachstum nicht mehr die historischen Höhen erreicht, kommen jetzt noch Apples Konflikte mit der EU über die irischen Steuerangelegenheiten. Das bedeutet aber nicht, dass Apple zum Scheitern verurteilt ist. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 580 Milliarden US-Dollar ist es immer noch das wertvollste Unternehmen der Welt – und das aus gutem Grund. Die Aufregung um die neueste Produktveröffentlichung ist ein Beweis für Apples anhaltende Beliebtheit bei den Verbrauchern und Investoren gleichermaßen. Die Entscheidung der Europäischen Kommission bezüglich Apples Steuerregelung mit Irland hatte „staatliche Beihilfen“ und die Forderung, dass Apple 13 Milliarden Euro zuzüglich Zinsen zurück an die irische Regierung zahlen sollte, zum Gegenstand. Diese Entscheidung hat eine Debatte über den aktuellen Zustand des globalen Steuersystems, das Recht und Unrecht der Unternehmensbesteuerung und die gesellschaftliche Rolle von Unternehmen entfacht. Einige haben es in Frage gestellt, dass Apple und anderen Unternehmen Steuerschlupflöcher nutzen, um ihre Steuerzahlungen zu minimieren. Allerdings sollte man sich einige Dinge ins Gedächtnis rufen. Zunächst betrachte man den Fall aus einer Perspektive der sozialen Verantwortung heraus: Apple hat in Irland eine Produktionsstätte seit 1980 in Betrieb, beschäftigt dort derzeit etwa 6000 Menschen und unterstützt indirekt knapp 1,5 Millionen Arbeitsplätze in ganz Europa. Zweitens haben Apple (und Irland) betont, dass ihre Steueranordnung kein besonderes Abkommen ist, sondern auf jedes Unternehmen Anwendung finden kann, das sie nutzen möchte. Drittens haben globale Unternehmen die Pflicht, ihre eigene Rentabilität als wettbewerbsfähige Unternehmen zu unterstützen. Sie haben auch eine Pflicht gegenüber ihren Aktionären, die Einhaltung ihrer Steuerpflichten innerhalb der gesetzlich festgelegten Anforderungen zu optimieren. Jeder CEO, der entscheidet, mehr zu zahlen, als gesetzlich  verpflichtend ist, begibt sich mit dem Vorstand und dem Aktienmarkt in wilde Gewässer. Viertens wird Steuerrecht schon aus historischer Sicht innerhalb der Hoheitsgewalt der Staaten festgelegt und nicht von supranationalen Organisationen wie der EU. Die Nationalstaaten haben günstige Steuersysteme etabliert, um mit ausländischen Investitionen von globalen Konzernen zu konkurrieren. Die EU-Vorschrift hat, wenn sie den rechtlichen Herausforderungen standhält, erhebliche Auswirkungen auf das Souveränitätsprinzip.

Entscheiden, was fair ist

All dies bedeutet aber nicht, dass Unternehmen ihren fairen Steueranteilen entgehen sollten. Aber wie stellen wir fest, was ein fairer Anteil ist? Apple ist ein US-Unternehmen; es führt fast alle Forschungs- und Entwicklungsaufgaben für seine Produkte und Dienstleistungen in den USA aus, wo es auch am meisten Steuern zahlt. Wie einige andere US-Unternehmen hat sich Apple dafür entschieden, die Rückführung der Gewinne in die USA zu verzögern, wo das Unternehmen einem effektiven Steuersatz von 40 Prozent unterliegen würde. Apple unterhält rechtliche Strukturen, die von den meisten globalen Unternehmen eingesetzt werden, um ihren Steuersatz zu optimieren – und zwar innerhalb der von den verschiedenen Rechtsordnungen festgelegten Grenzen, wo die Unternehmen tätig sind, wie es von den Aktionären und dem Aktienmarkt zu erwarten ist. Was oft ignoriert wird, ist, dass Apple der größte Steuerzahler in Irland, den USA und dem Rest der Welt ist. Die Steuerfrage um Apple wird seinem Erfolg aus einer Vielzahl von Gründen keinen wesentlichen Schaden zufügen. Es wird für seine Beschwerde gegen die EU-Entscheidung den Rechtsweg über mehrere Jahre beschreiten müssen und es könnte passieren, dass der Betrag doch nicht gezahlt werden kann, zumindest nach den derzeitigen Umständen. Sowohl Apple als auch die irische Regierung werden sich gegen die EU-Entscheidung zur Wehr setzen – Irland hat bekundet, die entsprechende Zahlung nicht zu verlangen, da Apple bis dato das irische Steuerrecht gewahrt habe und daher nichts schuldig sei. Selbst wenn der Betrag zukünftig gezahlt werden kann, ist Apple fähig,  ihn zu entrichten, ohne seine Position in finanzieller Hinsicht oder im Hinblick auf den globalen Wettbewerb einzubüßen. Es gibt Schätzungen,  nach denen sich Apples Barreserven auf rund 200 Milliarden US-Dollar  belaufen. Die Steuersumme ist hoch, egal nach welchem Maßstab, aber für Apple dürfte es ein Leichtes sein, sie zu zahlen.

Mehr als nur das iPhone

Was die Kritiker des Unternehmens leicht vergessen, ist, dass Apple nicht nur auf Hardware aufbaut. Das iPhone steht im Zentrum eines Ecosystems, das auch Apps, Musik, Medien, Onlinespeicher, und andere Dienste als bloß Hardware mit einbezieht. Noch wurde dieses Ecosystem durch kein anderes Unternehmen übertroffen. Es macht eine Differenzierung im Wettbewerb möglich, und durch das System können Premium-Preise eingesetzt werden. Es ist zudem ein Ecosystem, das expandiert – und zwar nicht nur im Rahmen der eingesetzten Produkte und verfügbaren Dienstleistungen, sondern auch im geografischen Sinne. Der Mittelstand in aufkommenden Märkten wächst und Apple ist, was den Wettbewerb angeht, gut platziert, um von diesem Wachstum zu profitieren. Hinzu kommt die immense Leistungsfähigkeit von Apples Abläufen – die von Hauptkonkurrenten lange nicht erreicht werden – und es wird deutlich, warum Apple das wertvollste Unternehmen der Welt ist. Die Steuerdebatte ist wichtig und sie muss verfolgt werden. Es kann allerdings nicht die Lösung sein, hierzu ein Unternehmen allein aufgrund seiner Marktdominanz auszuwählen. Alle globalen Unternehmen versuchen, ihre Steuerabgaben zu verringern. Nationalstaaten wie Irland haben daher günstigere Steuersysteme etabliert, um mit ausländischen Investitionen von weltweiten Konzernen konkurrieren zu können. Auf diese wesentliche Art kann das Wirtschaftswachstum angeregt und die Gesellschaft unterstützt werden. Die Steuerfrage ist komplex und kann nicht durch bloßes Niedermachen von Unternehmen beigelegt werden. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Apple Store – Scottsdale Road“ by Dru Bloomfield (CC BY 2.0)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

Follow me

  • SOCIAL MEDIA xing: Facebook & Co. führen der Unterschicht ihre Armut vor Augen: Können Facebook und Co. uns den Spiegel vorhalten? Während die Reichen reicher, die Armen ärmer werden, entwickelt sich dadurch ein großer Spalt zwischen beiden Parteien. Gerade auch in den sozialen Plattformen und Medien wird dieser Unterschied spürbar. „Immer wieder erleben wir derzeit Gewalt- und Gefühlsausbrüche in unserer Gesellschaft. Brennende Flüchtlingsheime, erschossene Polizisten, offene Anfeindungen, Wut gegen Politiker, gegen Flüchtlinge, gegen Reiche, gegen Faule – die Liste könnte man ewig weiterführen und sie ist Resultat einer brandgefährlichen Entwicklung.“

  • ÜBERWACHUNG sueddeutsche: Warum überkleben so viele Menschen ihre Webcam?: Sehr oft konnte man den Satz hören: „Wenn du die Webcam deines Laptops abklebst, dann hast du etwas zu verbergen.“ Und das ist richtig. Denn was dort verborgen bleiben möchte, ist die Privatsphäre. Dieser Meinung sind nicht nur „normale“ Bürger, sondern auch der Chef des FBI, James Comey und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Also ist doch etwas Wahres dran, dass jemand in der Webcam sitzt?

  • POLITIK heise: Kim Dotcom darf sein Auslieferungsverfahren live übertragen: Der in den USA wegen Copyright-Betrugs angeklagte deutsche Internetunternehmer Kim Dotcom darf die Gerichtsanhörung um seine mögliche Auslieferung aus Neuseeland im Internet übertragen. Ein Richter in Auckland gab nach anfänglichem Zögern grünes Licht. „Live-Übertragung beginnt morgen“, twitterte Dotcom am Dienstag. Dotcom bezeichnete die Entscheidung als einen Meilenstein auf dem Weg zur „transparenten Justiz“, „wir betreten neuen Boden“. Er forderte seine Anhänger auf, das Gericht respektvoll zu behandeln.

  • MARKETING onlinemarketingrockstars: Scheint zu klappen: Wie zwei Teenager Nachrichten erfinden und zehntausende Dollar verdienen: Yaman Abuibaid und Dare Adebanjo aus Kanada erfinden Geschichten über Donald Trump, Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau, Drogen und Flüchtlinge – und machen damit Tausende von US-Dollar im Monat. Sie sind nicht alleine: Rund um Fake News hat sich offenbar im Netz ein eigener kleiner Wirtschaftszweig entwickelt. Als dessen Steigbügelhalter agieren Facebook und Google.

  • APPLE horizont: Brüssel erklärt Apples Steuerdeals in Irland für unzulässig: Die EU-Kommission will laut Medienberichten die Steuerkonditionen für Apple in Irland für unzulässige Beihilfen erklären und damit den Weg für potenziell milliardenschwere Nachforderungen ebnen. Die Entscheidung könne bereits am Dienstag bekanntgegeben werden, berichteten am Montag der irische Sender RTE, der Finanzdienst Bloomberg, die „Financial Times“ und das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf informierte Personen.

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Facebooks neues Datenzentrum: Die Zukunft liegt in Irland.

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Facebook eröffnet mit dem neuen Datenzentrum in Clonee ein innovatives Quartier. Der Standort könnte Maßstäbe setzen: innovativ und absolut energieeffizient. Facebook hat in seinem Dubliner Hauptquartier schon heute etwa 1000 Beschäftigte in den “Silicon Docks” am Hafen. 100 Kollegen werden dazu kommen, sobald das neue Datenzentrum in Clonee in der Grafschaft Meath fertiggestellt ist. Das Projekt wurde vom Chef gerade persönlich auf seinem sozialen Netzwerk vorgestellt. Kurz darauf wurden Journalisten zu einem noch unscheinbaren Feld “deep in the heart of nowhere” gekarrt, wo der erste Bagger im Blitzlichtgewitter damit begann, den Baugrund für das erste Datenzentrum von Facebook in Irland zu begradigen. Der eigentliche Baubeginn soll in zwei bis drei Monaten erfolgen. Rund 2000 Arbeiter werden beim Bau eingesetzt. Nach Fertigstellung, die für Ende 2017 oder Anfang 2018 geplant ist, werden 100 Facebook-Mitarbeiter dort arbeiten.

Welche Bedeutung hat das Datenzentrum sowohl für Facebook als auch für Irland?

Laut Mark Zuckerberg wird die Anlage – “eine der modernsten Datenzentren weltweit” – unterstreichen, dass Facebook langfristig auf den Standort Irland setzt. Und das nicht nur wegen der geringen Steuerlast.

  • Clonee ist nach Lulea in Schweden der zweite Standort für ein Facebook-Datenzentrum in Europa.

  • Mit erneuerbarer Energie betrieben wird das Datenzentrum eines der modernsten weltweit sein.

  • Klimatisch ist der Standort Irland “gut, aber nicht ideal”. Dennoch spricht Facebook Irland ein klares, langfristiges Vertrauensvotum aus.

Schon im Vorfeld der Baugenehmigung, die vor rund einem halben Jahr erteilt wurde, war das Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch insbesondere der Regierung an diesem Projekt sehr groß. Andere Internet-Giganten wie Google betreiben zwar schon Datenzentren in Irland, das Vorhaben von Facebook, die Daten seiner 1 Billion Nutzer in Irland zu speichern, ist aber doch so was wie die Kirsche auf der multinationalen Torte.

Sobald das Datenzentrum, dass sich Facebook 200 Millionen Euro kosten lässt, in knapp zwei Jahren fertiggestellt ist, werden 100 Mitarbeiter dort beheimatet sein und sich um Daten sowohl von Nutzern in Europa als auch weltweit kümmern. Ihr Arbeitsumfeld wird eines der modernsten weltweit sein.

Nicht etwa, weil es hier, wie bei Facebook üblich, Billardtische, flauschige Sitzgelegenheiten und gute Gehälter geben wird (die sind zum einen Standard und zum anderen bei den Lebenshaltungskosten in Irland nötig). Das Datenzentrum in Clonee, das zu 100 Prozent durch erneuerbare Energie betrieben werden wird, ist laut Mark Zuckerberg welweit eines der fortschrittlichsten & energieffizientesten Gebäude seiner Art. “Dort werden die neuesten Server-, Speicher- & Netzwerk-Designs zu finden sein, die über das Open Compute Project entwickelt wurden.”

Das irische Klima ist laut Zuckerberg zwar einer der Gründe für die Ansiedlung des zweiten europäischen Datenzentrums, absolut perfekt sei der Standort aber, was das Klima anbetrifft, nicht: “Ein interessanter Aspekt für die Bauingenieure ist, dass wir das Gebäude mit Luft von aussen kühlen werden. Weil die irische See nicht weit entfernt ist, werden wir einen indirekten Luftkühlungs-Prozess anwenden, bei dem wir das Salz aus der Luft herausfiltern werden.”

Die Entscheidung für das Datenzentrum wurde laut Niall McEntegart, Leiter der EMEA & APAC Data Centre Operations, getroffen, bevor das Safe-Harbour-Abkommen zum Datentransfer zwischen Europa und den USA für ungültig erklärt wurde. Was er nicht gesagt hat – es kann, je nachdem, wie ein neues Abkommen aussieht, das Safe Harbour ablöst, nicht schaden, mit einem zweiten europäischen Zentrum Flexibilität bei der Speicherung von Daten europäischer Kunden zu haben. Ein Sprecher des Unternehmens sagte, daß Clonee auch dann gestartet wäre, wenn an Safe Harbour festgehalten worden wäre.

Auf den attraktiven, weil niedrigen Körperschaftssteuer-Satz von 12,5 Prozent angesprochen, gab es wie nicht anders zu erwarten keinen Kommentar. Aber auch wenn es regelmäßig von Multinationals und Regierung abgestritten wird – Investitionen in Irland werden durch diesen Steuersatz auf jeden Fall einfacher gemacht. Um fair zu sein, darf man auf der anderen Seite auch nicht den Pool von gut ausgebildeten Fachkräften verleugnen, in dem Unternehmen wie Facebook fischen können.


Teaser & Image “Facebook Data Centre” by Facebook.


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Die Frau mit den vielen Namen: Zu Besuch bei Niamh Bushnell

Niamh Bushnell (Image by Niamh Bushnell)

Eine irische Zeitung hat sie jüngst als Zarin bezeichnet. Für viele ist sie aber schlicht und einfach “The Commish”. Ein Besuch im Büro der Dubliner Startup-Beauftragten Niamh Bushnell. “The Commissioner will see you now” – oder so ähnlich hätte meine Erwartung des Empfangs im Bürogebäude der Dubliner Commission for Startups sein können. Von einer Zarin war in einer Zeitung die Rede, von einer wichtigen Schnittstelle zwischen Tech und Regierung, deren “Eingaben zum bevorstehenden Haushalt den Finanzminister beeinflussen müssen” in einem anderen Blatt. So locker, “down to earth” und voller Energie wie mir Niamh Bushnell dann aber persönlich die Tür aufmachte, so gab sich die Dubliner Startup-Beauftragte dann auch im Interview. Wie “The Commish” ist die ganze Dubliner Startup-Szene “offen für alles”.

Wie wird man zur ersten Startup-Beauftragten der irischen Hauptstadt? Es gibt hier die Redewendung “Been there, done that, bought the T-shirt”. Niamh Bushnell hat ihr Leben im Bereich Tech verbracht. Von der Gründung einer Research-Firma mit ihrem Bruder, über VP Software bei der irischen Wirtschaftsförderung “Enterprise Ireland” in New York, bis hin zur Investorin hat sie Einblicke aus allen Blickwinkeln gewinnen können, die für ihren Job so wichtig sind.

“Mission Possible”

Ihre Mission – Dublin zur einer starken Stimme zu machen, das Image der irischen Hauptstadt zu pflegen und sie zu einer wichtigen Plattform zu machen, von der aus Startups sich lokal, national und international entwickeln können. Die “Mission Possible” begann für Niamh Bushnell am 1. Oktober 2014. Was war die größte Herausforderung in den ersten 100 Tagen? “Zu lernen wer die wichtigen Akteure sind” lautet die Antwort. Sie sei quasi permanent durch die Straßen der Silicon Docks am Dubliner Hafen gelaufen, um Menschen kennenzulernen und von Machern zu lernen.

Dass die Startup-Szene, die sie in Dublin vorfand, durchaus überschaubar war, sieht sie überhaupt nicht negativ. “Wenn man aus New York kommt, könnte man sich unter Umständen von der Größe Dublins täuschen lassen, aber den Fehler habe ich nicht gemacht”, sagt Bushnell und betont die Vorteile die es hat, dass hier alle wichtigen Spieler in der “Mission Possible” so nah beisammen sind. Die großen Multinationals sind für Startups sowohl zu Fuß leicht zu erreichen, als gleichzeitig auch offen für Kooperationen.

Und dort, wo in den großen Firmen noch Mauern bestehen, da sieht Niamh Bushnell eine ihrer Hauptaufgaben darin, so lange zu klopfen bis diese Mauern fallen: “Wenn die Multinationals erst einmal die Kreativität und die Innovation kennenlernen, die in vielen Startups schlummert, dann ist diese spezielle Aufgabe umso leichter zu absolvieren.

Das liebe Geld

Ebenfalls gut zu Fuß zu erreichen ist für die Startup-Beauftragte das Finanzministerium. Ich habe Niamh Bushnell kurz vor der Vorstellung des Haushalts 2016 getroffen und sie gefragt, welche Hoffnungen sie daran knüpft. Oder gibt es sogar Forderungen an den Minister? “Unserer Meinung nach muss das Steuer-System für Gründer grundlegend überholt werden”, stellt Niamh Bushnell die Erwartungen der 40 Mitglieder starken “Dublin Startup Leaders Group” an die Regierung klar. Private Fördermittel von Angel-Investoren müssten freigemacht werden, um Unternehmern Gründungen zu erleichtern.

Ich bin selbst Angel-Investor in den USA”, sagt Bushnell, die dort in mehrere Unternehmen investiert hat. In Irland würde sie es aber zu diesem Zeitpunkt nicht machen, da die nötigen steuerlichen Anreize nicht gegeben seien. Der Blick über die irische See nach London zeige, was möglich ist. Dort gibt das “Seed Enterprise Investment Scheme” (SEIS) Investoren Steueranreize, um in Startups zu investieren. Daher auch der eindringliche Wunsch an den Finanzminister: “Wir wollen SEIS im Haushalt sehen.

Weiter mit dem lieben Geld – “Letzte Woche, diese Woche, irgendeine Woche …”

Die Erwartungen, die die Dubliner Startup-Community an den Haushalt 2016 richtete, waren also hoch. Doch die Politik enttäuschte. Noch in der Woche bevor der Finanzminister an die Mikros trat, waren seine Kabinetts-Kollegen in der Startup Week durchs Land gereist und hatten jeden Gründer, dem sie die Hand schütteln konnten, für das Engagement gelobt, das junge Unternehmen an den Tag legen. Eine Woche später die Realität, die Niamh Bushnell so zusammengefasst hat:

Die gleiche Regierung, die letzte Woche Startups so gelobt hat, hat diese Woche ein großes NEIN gesagt. NEIN zur Förderung von Angel -Investment in Irland. NEIN zur Nutzung von Aktienoptionen, um talentierte Mitarbeiter anzulocken. NEIN zu einer Steuerpolitik, die es Dublin ermöglichen könnte, noch besser mit London zu konkurrieren.

Bei aller Enttäuschung gab sich die Startup-Beauftragte aber auch kämpferisch: “Wir werden dran bleiben und weiter versuchen, Entscheidungen zu beeinflussen. Solange bis es in irgendeiner Woche richtig hinhaut.

Was sind die Dubliner Startups ohne den WebSummit wert? Verdammt viel!

Beim Interview mit Niamh Bushnell kam natürlich auch das Thema Web Summit auf. Wie groß ist der Schock des Verlusts der Konferenz an Lissabon für die Dubliner Startup-Szene? Wird es weniger Fördergelder geben, weil der Web Summit Dublin verlässt? Werden unsere Unternehmen Kunden und Konkurrenzfähigkeit verlieren? Werden die Multinationals ihre R&D-Abteilungen wegverlagern?

Nein, Nein & Nein. Unser Startup-Ökosystem wird nicht davon betroffen sein.” Der Web Summit habe Dublin fünf tolle Jahre gegeben und die Stadt zum Zentrum des Tech-Universums gemacht. Aber Dublin brauche keine Konferenz, um die eigene Tech-Wirtschaft voranzubringen: “Wir arbeiten hart daran, auf dem aufzubauen, was wir haben, um den Standort Dublin weiter zu verbessern.

Und was den Web Summit anbetrifft, so macht Niamh Bushnell fleißig Werbung für folgende Idee: “Statt darüber nachzudenken, warum Dublin nicht mehr Gastgeber ist – warum denken wir nicht darüber nach, wie wir als Dubliner Startups in Lissabon Schlagzeilen machen können? Warum zeigen wir nicht stark und lautstark Präsenz, statt in Dublin leise unter tausenden von Teilnehmern unterzugehen?”

Travel-Tech, Health-Tech, Aviation, IoT & FinTech

In welchen Bereichen sind Dubliner Startups besonders stark vertreten? Travel-Tech und Aviation sind nicht von ungefähr Bereiche, in denen Startups sich tummeln. Firmen wie CarTrawler sind Vorbilder in Travel-Tech. Die Elite der Aviation-Leasing-Industrie ist in Dublin zu finden und bildet dort ein Cluster. Und da Dublin neben Cork auch Standort für ein Pharma- und Health-Cluster ist, liegt es nahe, dass Health-Tech ein weiterer Schwerpunkt ist. PCH wiederum hat vorgemacht, wie ein Startup in “IoT” die Welt erobern kann.

Im Bereich FinTech beherbergt Dublin das “International Financial Services Centre” (IFSC). Mit der “City of London” ist die Konkurrenz nur eine Flugstunde entfernt. Doch wie heißt es so schön? Konkurrenz belebt das Geschäft. Und manchmal führt dann eine Konkurrenzsituation auch dazu, dass man sich zusammentut und Kooperationen eingeht. Niamh Bushnell ist regelmässig in der “City” zu Gast und Ihre Startups machen es ihr nach.

Kooperation auch mit deutschen Startups

Im Interview nannte Niamh Bushnell London und Berlin in einem Atemzug. Es gibt große Achtung für den Standort Berlin, aber keine Furcht: “Wir wissen, wie gut wir hier sind.” Berlin leiste tolle Arbeit im Bereich Startup, die man beobachtet. Nicht zuletzt auch im Hinblick auf mögliche Kooperationen.

Das gilt neben Berlin auch für Hamburg. Am Rande des Web Summit gab es erste Gespräche, die gleich Mitte Januar von der Community Managerin bei der Commission for Startups analysiert werden sollen. Die Hoffnung ist, noch in 2016 eine gemeinsame Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Wie sagte Niamh Bushnell noch am Rande des Web Summit im Bezug auf Hamburg? “Let’s do this!


Teaser & Image “Niamh Bushnell” by Niamh Bushnell.


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