Startup-Interview: Marcel Dües von Tweek TV

tweek tvTweek TV ist das TV-Pendant zu Musikdiensten wie Spotify oder Last.FM und hat in den vergangenen Wochen einen rasanten Start in der Berliner Internet-Gründerszene hingelegt. Ich habe mich einmal mit dem Founder Marcel Dües über das Start-up, die Funktionen ihres Dienstes Tweek TV, deren zukünftige Pläne und ein wenig über deren Background unterhalten. Herausgekommen ist ein interessantes Interview, in dem an manchen Stellen auch einfach mal Klartext gesprochen wurde.


J: Ok, also heute bin ich hier bei Marcel, einem der Gründer von Tweek TV. Danke, dass du heute mit uns Netzpiloten sprichst.

M: Danke dir, dass du vorbei gekommen bist.

J: Erzähl unseren Lesern doch als erst einmal, worum es bei Tweek TV geht. Welche Funktionen und Features vereint Ihr auf eurer Plattform?

M: Du möchtest etwas über die Idee hinter dem Projekt wissen?

J: Genau!

tweek tv ipad appM: Also Tweek TV verbindet soziale Netzwerke mit dem TV. Was wir versuchen aufzubauen, ist eine neue Form Filme und TV-Shows zu entdecken. Wir glauben nämlich, dass es problematisch ist für viele Konsumenten gute Videoinhalte zu finden, die außerdem auch unterhaltend sind. Wir haben zum Beispiel jede Menge Freunde, die abends nach Hause kommen und sagen: „Hey, jedes Mal, wenn ich den Fernseher anmache, kommt da nur Mist. Ich zappe durch die Programme und ich bin echt enttäuscht, weil ich mich eigentlich nur zurücklehnen möchte und mich beim Fernsehen entspannen will. Aber da ist nichts“.

Auf der anderen Seite wissen wir aber auch, dass da eine Menge cooler Inhalte draußen sind, die bisher nur ziemlich schlecht zu finden sind. Nehmen wir doch einmal das Beispiel iPad. Darauf findest du auf dem Startbildschirm jede Menge App-Icons, hinter denen sich vermutlich genauso viele gute Inhalte verstecken. Dahinter steckt wiederum iTunes. In Deutschland könnte man sich darüber im Grunde sein Programm selber aussuchen. So ziemlich jeder Fernsehsender hat eine App. Aber wie kann man die Inhalte nun einfach finden? Du möchtest natürlich nicht in jede App gehen und dich fragen: „Oh, was für Shows könnten hier sein? Mh.. nee. Ich guck mal in die nächste App“.

Was wir also versuchen, ist ein Discovery-Layout anzubieten. Dein persönlicher TV-Guide, so zusagen. Du öffnest ihn, wenn du fernsehen möchtest. Auf dem iPad ist das dann quasi dasselbe. Du schaltest es ein. Du siehst was gerade erreichbar ist und was deine Freunde gerade sehen oder was sie mögen. Wir geben dir dann eine Empfehlung dieser ganzen Inhalte und kreieren somit diesen persönlichen TV-Guide. Dann bekommst du noch einen Zugang dazu und kannst dir die Inhalte per Click direkt anschauen. Du bekommst also neben den Empfehlungen auch einen direkten Anschluss zu den Inhalten und den Quellen.

J: Kannst du uns einmal erklären, wie genau das funktioniert?

M: Ja klar. Also in der ersten Version hast du dich über einen Social Network Account eingeloggt. Wir haben dann per Algorithmus versucht herauszufinden, welche Arten von Inhalten du magst und was deine Freunde möge, was sie zum Beispiel auch empfohlen haben – was für Filme und was für TV-Shows usw. Wir haben all diese Inhalte dann in einer einzigen Benutzeroberfläche zusammengeführt und dann einen direkten Anschluss zu den Quellen geliefert. Wir haben dir also einen Film gezeigt, den ein Freund sich vor kurzem angeschaut hat und diese Auswahl beruht auch darauf, wer du bist.

Natürlich sind die Vertriebsrechte immer lokal. Also wenn du in Deutschland bist, dann kannst du nur gewisse Sachen sehen. So könntest du hier beispielsweise keine Netflix-Inhalte sehen. Und es kommt natürlich auch darauf an, was für ein Gerät du nutzt. Mit dem iPad könntest du auch keine auf Flash basierenden Inhalte sehen. Du bekommst nur das zu sehen, was auch auf dem iPad abspielbar ist.

J: Also schaut Ihr euch die Facebook-Likes und diese ganzen Sachen an und leitet daraus ein Bild ab?

M: Ganz genau.

J: Manchmal schweift man ja auch so durch das Programm und findet etwas was man noch nie gesehen hat und vielleicht auch nicht sehen würde, jedoch bleibt man daran haften, sieht es zu Ende und mag es dann doch. Was ist mit diesen unerwarteten Elementen, die bewirken, dass man etwas Neues findet?

M: Ja, ich denke diese Zufälle werden sehr wichtig sein in der Zukunft der Entdeckung, weil genau das ist es ja auch was die Sache irgendwie speziell macht, richtig? Ansonsten würde man abends den Fernseher einschalten und in den Nachrichten, im Sport oder bei politischen Inhalten immer das gleiche sehen. Das funktioniert natürlich nicht. Also dieser Zufall ist auf jeden Fall eine wichtiger Part. Aber dennoch arbeitet uns der gewünschte Zufall eigentlich bereits zu, weil du einfach auch verschiedenen Menschen folgst.

Wir haben ein Modell entwickelt, indem du deine Freunde auf Facebook einfügen kannst. Du kannst dort deren Empfehlungen entweder ein- oder ausschalten. Und durch Ihre Engagement und was sie so mögen, kannst du dann genauso für Zufälle sorgen. Und doch ist es bei Tweek TV viel breiter und relevanter als beispielsweise im herkömmlichen Fernsehen, da dort nur das gezeigt wird was ein Kurator im Sender für die breite Maße kreiert hat.

J: Wie schwer ist es bisher in Deutschland für euch gewesen? Ich meine, ich denke dass es in Deutschland bzw. generell in Europa schwierig ist einen solchen Zugang zu Inhalten, wie du ihn beschrieben hast, zu bekommen. Du sagtest es ja schon. Netflix ist in Europa ja eher die Ausnahme und in Deutschland noch nicht gestartet. Wie geht Ihr damit um?

M: Ja, das ist in der Tat wahr. Der deutsche Markt ist da ziemlich hintendran. Die führenden Märkte sind die USA und Großbritannien, aber nehmen wir einmal den amerikanischen Markt mit seinen drei größten Playern Netflix, Hulu und iTunes. Nur fünf Prozent der Top 500 Filme sind auf allen drei Plattformen gleichzeitig erreichbar. Das sind die größten Unternehmen, mit einem riesigen Kundenstamm und einer Menge lizenzierter Inhalte und doch ist jeder dieser Plattformen im Grunde eine Content-Insel, die nur für sich operiert. Ich glaube es sollte keinen Unterschied machen ob ich ein Netflix- oder iTunes-Nutzer bin. Man sollte nicht limitiert sein, je nachdem bei welchem Unternehmen man angemeldet ist. Nicht das Unternehmen ist für dich relevant, sondern die lizenzierten Inhalte und deswegen glauben wir per se, dass unser Produkt erst einmal auf jedem Markt funktioniert. Auch auf Märkten die noch einen weiten Weg zu gehen haben – wie eben Deutschland.

Und doch ist es für uns in Deutschland natürlich ein wenig schwieriger, weil schon die technischen Voraussetzungen der hiesigen Anbieter nicht wirklich innovativ sind. Es ist – wie sagt man noch? – als wären Anbieter wie Netflix und iTunes ein oder zwei Schritte voraus.

J: Es treten ja auch immer häufiger Fragen der Privatsphäre in Bezug auf Apps und Social Networks auf. Was für eine Politik verfolgt Ihr da eigentlich?

M: Wir halten diese Frage für sehr wichtig. Wir haben z.B. auch neue Nutzungsbedingungen aufgestellt, als wir unseren öffentlichen Launch gewagt haben. Was ein sehr wichtiger Aspekt war in dem Zusammenhang. Wir versuchen uns so transparent wir möglich zu geben, weil die Nutzungsbedingungen eigentlich immer ziemlich lang sind, wie du weißt. Oft fühlt es sich für den Nutzer so an, als ob die Unternehmen nur so viel schreiben, damit man diese nicht liest. Wir haben das verinnerlicht und zum Beispiel auch direkt am Anfang eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte, ergänzend zu dem Paragraphen-Dschungel, geschrieben. Und wir versuchen auch unseren Kunden diese immer dann zu zeigen, wenn sie etwas teilen wollen.

Es ist also nicht unsere Art, Dinge im Hintergrund automatisch zu teilen, sobald du etwas auf einem Netzwerk teilst, so wie wir es in letzter Zeit oft in der Presse gelesen haben [Marcel bezieht sich hier auf Path] oder Informationen von deinen Freunden usw. aufzuzeichnen, die uns nichts angehen und die wir nicht benötigen für unseren Dienst. Wir zeigen dir immer was wir machen. Wir haben natürlich auch Daten von den Kunden, welche wir beispielsweise von Facebook übermittelt bekommen, sobald du dich dort einloggst, aber wir gehen damit sehr kundenorientiert und transparent um. Du siehst genau was wir von dir brauchen und welche Art von Daten das sind, die wir benötigen um deine persönlichen Erfahrungen auf unserem Dienst zu gewährleisten.

J: Und wie ie versucht Ihr Jungs, eure App zu monetarisieren?

M: Also die App selbst, ist kostenfrei für den Nutzer. Zumindest zum jetzigen Moment. Das Business Model zielt erst einmal auf Lead Generierung ab. Also immer dann wenn du über uns an einen unserer Partner gelangst und dort etwas entdeckst was du kaufst oder mietest – wie zum Beispiel eine Live-Show auf Netflix oder so etwas – bekommen wir von diesen Einnahmen etwas ab.

J: Wir kommen langsam an das Ende unserer Zeit. Kannst du uns noch ein wenig über euren Background erzählen. Wie du und deine Partner bei Tweek TV bis zu diesem Punkt gekommen seit.

M: Also wir sind insgesamt drei Gründer. Da ist Klaus, unser Mann für das Technische und Sven, der Designer sowie ich selbst und wir haben auch vor Tweek TV schon zusammen gearbeitet. Wir haben Anfang letzten Jahres angefangen uns mit der Idee zu beschäftigen und gründeten unser Unternehmen dann im September 2011. Wir haben allerdings dazwischen schon einen Prototyp entwickelt.

Ich sagte es ja anfangs schon. Auf die Idee selber sind wir tatsächlich nur aufgrund der Freunde gekommen, die sich über das TV-Programm aufregten, obwohl es doch so viele gute Sachen gibt. Filme und Kino sind mit die emotionalsten Media-Typen, weil dort Bilder und Sounds vorkommen und es einfach leicht ist. Jeder liebt diese Dinge, nur leider ist das heutige Fernsehen oft wenig relevant für uns und aufgrund dessen sagten wir uns: „Ok lasst es uns versuchen und etwas entwickeln mit unseren Kapazitäten, die wir als kleines Team aufbringen können“. Also schnell-wachsendes Start-up bauten wir dann auf einen Service der wirklich nur das fokussiert, was der Konsument braucht.

J: Ihr seid tatsächlich sehr schnell gewachsen.

M: Ich glaube wir sind im November in die Beta-Phase getreten und wollten dann auch recht schnell genügend Feedback einsammeln um weiter nach vorne zu kommen. Das war uns wirklich sehr wichtig. Wir wollten nicht zu lange hadern. Andererseits wollten wir aber auch keine allzu einfache Version rausbringen. Wir wollten über die neuen Wege des TV-Konsums und dem Credo des persönlichen TV-Guides, welches Video-on-demand und Live-TV integriert, natürlich auch eine coole Benutzeroberfläche mitliefern.

J: Wollt Ihr zukünftig auch über andere Platformen erreichbar sein? Momentan kann man die App nur für das iPad nutzen.

M: Wir haben uns erstmal für das iPad entschieden, weil es so gut zu unserem Szenario passt. Die Idee ist ja einfach, dass du, sobald du das TV-Gerät anmachst, direkt auch Tweek anschaltest. Alle bisherigen Statistiken machen deutlich, dass das iPad bisher die besten Voraussetzungen vereint um zu diesem Couch-Gerät so werden. Viele der anderen Geräte weisen aber dasselbe tägliche Konsumverhalten auf. Von 18 Uhr bis 23 Uhr steigt die Kurve stark an. Also dann wenn die meisten Menschen von der Arbeit nach Hause kommen. Davor und danach werden die Geräte nicht so viel benutzt wie zum Beispiel abends oder aber auch am Wochenende.

Also wir haben uns erst einmal für ein Geräte entschieden – das iPad – aber da sind natürlich auch viele andere Plattformen die genauso interessant sind und auch Geräte aus derselben Kategorie, also Tablets. Und das ist natürlich sehr cool, weil Klaus als ehemaliges jQuery Gründungsmitglied viel über HTML5- und anderen Web-Technologien Bescheid weiß und das auch auf anderen Plattformen und Geräten anzuwenden weiß.

J: Wie viele Menschen arbeiten bei euch eigentlich?

M: Acht (lacht). Wir versuchen ein kleines und dennoch hochwertiges Team aufzubauen. Das ist sehr wichtig für uns. Sowohl in der Technik, wie auch im Design und in der Kommunikation. Es ist ein gutes Team.

J: Und zu guter Letzt, sag uns doch einmal warum ihr euch entschieden habt, in Berlin euer Start-up zu gründen. Unabhängig davon, dass Ihr alle hier lebt (lacht). Glaubst du Berlin ist ein guter Ort für ein Start-up?

M: (lacht) Ja da gibt es natürlich eine Menge Gründe, aber es hilft wirklich, dass man hier Freunde hat, die ebenfalls Start-ups gegründet haben. Du kannst Ideen austauschen. Du kannst Erfahrungen, die du gesammelt hast mit verschiedenen Dingen, wie Medien, verschiedenen Launch-Plattformen und so weiter austauschen. Oder einfach technische Erfahrungen oder Erfahrungen mit Investoren. Das ganze Ökosystem hier. Es geht eine Menge ab, um diese Dinge herum. Wir kennen hier wirklich viele Leute, aus vergangenen Zeit, die Start-ups leiten. Christophe Maire zum Beispiel war mein früherer Chef… wann war das? Ungefähr 2005 als ich zu seinem Unternehmen Gate5 hinzukam. Sven war da übrigens auch. Wir sind alle irgendwie in diesem Ökosystem drinnen seit einer Weile. Es wäre doch sehr komisch wenn wir Berlin verlassen würden um unser eigenes Start-up an den Start zu bringen, oder? (lacht).

Jennifer Collins

kommt aus Irland und studierte Journalistik, Deutsch und Politikwissenschaft in Dublin, Berlin und Leipzig.Sie wohnt seit 3 Jahren in Berlin wo sie als freie Journalistin arbeitet. Sie schreibt derzeit für NPR Berlin u.a. und podcastet und twittet gern über die Städte, Politik, Technologie, Journalismus und digitale Medien.


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