Red Dead Redemption 2 im Test: Der wilde Westen lebt

Mein Name ist Arthur Morgan. Unsere Bande hat in der Stadt Blackwater einen herben Schlag einstecken müssen. Auf der Flucht vor den Pinkertons haben wir uns in die Berge gerettet. Dutch, unser Anführer, gibt sein Bestes, um alle durchzubringen, doch das Wetter macht uns zu schaffen. Es ist Mai und doch lassen Schneestürme die Grizzlies West im Schnee versinken. Zum Glück haben wir einen Unterschlupf gefunden, in dem unsere Gruppe die kommenden Tage überstehen kann.

Red Dead Redemption 2 wirft uns zu Beginn gleich in den unwegsamen Norden. Keine Kakteen, keine Windhexen, die die Wege entlangrollen. Stattdessen stapfen wir in den Anfangsstunden durch tiefen Schnee und sorgen dafür, dass die Gruppe irgendwie durchkommt. Schon zu Beginn wird deutlich: Dieses Spiel ist nichts für Liebhaber rasanter Action. Ihr werdet eine Menge Zeit auf den Pferden und mit Gesprächen verbringen. Red Dead Redemption 2 kann sich diese Entschleunigung allerdings auch leisten, da es einfach genial umgesetzt ist.

Am Anfang kämpft sich Arthur Morgan durch den tiefen Schnee der Berge.

Die Bande ist unsere Familie

Red Dead Redemption 2 hat eher etwas von einer Serie als von einem Film. Dreh- und Angelpunkt dieser „Serie“ ist das Lager unserer Diebesbande. War man im Vorgänger noch meist alleine unterwegs, ist man hier Teil einer Gemeinschaft.

Allgemein ist die Bande rund um Dutch Van der Linde ein genialer Schachzug von Rockstar Games, da sie einen tollen Bezugspunkt zur Entwicklung der Story bietet. Die Aufträge schicken uns immer wieder mit einzelnen Mitgliedern der Bande auf Reise. Nach und nach lernen wir so unsere Weggefährten kennen und lieben. Die Gruppe wird dabei angenehm lebendig inszeniert. Schauen wir zwischendurch im Lager vorbei, kommt immer wieder jemand auf uns zu. Wir erfahren, wem wir helfen können und wo sich ein lohnenswertes Ziel befinden könnte. Während der Gespräche können wir uns sogar gemütlich durchs Lager bewegen.

Wollen wir dann einen Auftrag starten, müssen wir die jeweilige Person ins Visier nehmen und die Kommunikation beginnen. Auch wenn wir eine Quest starten, fängt sie angenehm aus dem Leben heraus an. Die Charaktere stehen nur selten sinnlos in der Landschaft herum in der Hoffnung, dass Arthur sich mal blicken lässt. Stattdessen sind sie meist inmitten einer Tätigkeit.

Der Detailgrad der Charakterstudien ist dabei einzigartig. Jeder hat seine eigene Art zu reden, eine andere Gestik, andere Ziele und Träume. Das ist keine Gruppierung gleichartig gesinnter Charaktere und nicht alle werdet ihr mögen. Trotzdem sitzen alle im selben Boot und tragen ihren Teil zur Gemeinschaft bei, ob von Herzen oder eher widerstrebend.

Bei einem Fest im Lager habe ich etliche Minuten zugebracht, einfach nur zu beobachten, was passiert. Kleine Gruppen finden sich im Lager, singen Lieder und tanzen zur Musik. Zwei entfliehen später sogar ins Zelt, um intimer zu werden. Diese Geschichten geschehen passiv, ohne dass wir selbst aktiv Dialoge führen. Wo in anderen Spielen alles nur über unseren Charakter geschieht, zeigt die Van der Linde-Bande ein Eigenleben, das gelegentlich einfach zum Zuschauen einlädt.

Im Camp wird gefeiert. Am Feuer kommen alle zusammen bei Musik und Alkohol.

Mein bester Freund, das Pferd

Der wichtigste Begleiter ist allerdings nicht Vaterfigur Dutch, sondern das Pferd an unserer Seite. Nicht nur, dass es uns durch die Welt trägt – das Pferd ist auch unser mobiles Lager. Wir können nur eine begrenzte Anzahl Waffen mit uns herumtragen. Der Rest wird bei unserem Pferd gelagert, ebenso wie diverse Ausrüstung. Erlegte Tiere oder deren Felle werden sogar sichtbar über das Pferd gelegt. Kochen lassen sich die Tiere am Lagerfeuer, das ebenfalls über das Pferde-Menü aufgebaut wird.

Die Beziehung zum Pferd hat zudem Einfluss auf seine Werte wie Gesundheit, Geschwindigkeit oder Ausdauer. Das Pferd ist somit nicht einfach austauschbar, da wir zu einem neuen Pferd erst wieder eine Bindung aufbauen müssen.

Das Pferd lässt sich auch optisch den eigenen Wünschen anpassen. Wir können beispielsweise Schweif und Mähne unseres Begleiters frisieren oder auch den Sattel sehr frei gestalten. Allgemein lässt sich in Red Dead Redemption 2 vieles anpassen. Dazu gehört die Kleidung genauso wie die Frisur des Protagonisten und sein immer größer werdendes Waffenarsenal.

Red Dead Redemption 2 ist fast schon zu detailverliebt

Manchmal stellt sich die Detailverliebtheit sogar selbst ein Bein. Es ist schon beeindruckend, wenn im Lager ein Lied gesungen wird und die unterstützenden Handbewegungen des Sängers genau so aussehen, wie man es sich auch in echt vorstellen würde. Beim Plündern eines Hauses wird es hingegen anstrengend, wenn jeder Schrank erst geöffnet und die Gegenstände einzeln in recht langsamer Bewegung herausgenommen werden.

Auch beim Kochen müssen wir für jedes Stück Fleisch eine längere Animation erdulden und Pokerspiele bieten kaum Möglichkeiten, das Mischen oder Kartenausteilen zu verkürzen. Doch selbst am Spieltisch hat man nie das Gefühl, gegen Klone zu spielen. Es entsteht auch Smalltalk und die Spieler scheinen unterschiedliche Spielweisen zu haben.

Das größte Manko von Red Dead Redemption 2 ist die Steuerung. Vor allem das Auswahlrad des Pferdes gerät zur Tortur, wenn man mit L1 das Menü aufrufen muss, mit R1 in die Gebrauchsgegenstände geht, L1 weiter gedrückt halten halten muss und erst loslassen darf, wenn man mit dem Stick den Gegenstand ausgewählt hat. Die Steuerung wirkt für den Umfang und die Entwicklungszeit dieses Spiele-Kolosses einfach unangenehm unausgegoren. Unspielbar ist die Bedienung trotzdem nicht und geht mit der Zeit auch ins Muskelgedächtnis über.

Rhodes ist eines der zahlreichen Siedlungen in Red Dead Redemption 2

Perfekte Vertonung, aber nicht auf Deutsch

Viel Liebe zum Detail wurde auch in die Vertonung des Spiels gesteckt. Mehr als 1.000 Synchronsprecher hauchen selbst den belanglosen NSCs mit ihren Stimmen Leben ein.. Schon aus dem Ton der Stimme lässt sich oft schon auf Stimmung oder Verhältnis zwischen Charakteren schließen. Dialekte und Slangs geben den Charakteren auch hörbare Ecken und Kanten.

Nur leider ist dieser Genuss nur im Originalton zu hören. Wer des Englischen nicht all zu mächtig ist, muss auf die Untertitel zurückgreifen. Schade, dass ein Spiel mit diesem Produktionsaufwand nicht noch ein bisschen Geld für die wichtigsten Lokalisierungen in die Hand nimmt.

Die Welt, der eigentlich Star

Die Narrative des Spiels ist schon eine Klasse für sich. Die Story überzeugt mit interessanten Charakteren, perfekten Charakterstudien, abwechslungsreichen Aufträgen und unerwarteten Wendungen. Selten sah ich ein Spiel, das trotz offener Welt den erzählerischen Anspruch von Filmen, Serien oder gar Büchern derart ebenbürtig ist. In dieser Hinsicht schlägt es sogar The Witcher 3: Wild Hunt, auch wenn der Hexer viel mehr Einfluss durch Dialogoptionen bot.

Der eigentlich Star von Red Dead Redemption 2 ist trotz der starken Geschichte die Spielwelt. Rockstar Games hat einfach ein Händchen für lebendige Welten und hat sich in ihrem Western-Epos erneut übertroffen. Egal ob Steppen, Wälder, Sümpfe, Gebirge oder die große Stadt – die riesige Welt sieht einfach grandios aus. In Red Dead Redemption 2 hat Rockstar Games nochmals eine Schippe draufgepackt. Die Welt ist nicht nur mit einer sehr abwechslungsreichen Pflanzenwelt bestückt, sondern auch von mehr als 200 Tierarten bewohnt. Bei der Jagd müsst ihr zudem nicht nur leise sein, sondern am besten auch die Windrichtung beachten, damit sie euch nicht wittern. Je nach Tierart sind außerdem unterschiedliche Waffen zu nutzen, will man das Fell möglichst wenig beschädigen.

Das Licht taucht unser Lager in eine ganz eigene Stimmung.

Fazit: ein Meisterwerk, aber nicht für alle

Wie gerne würde ich doch eine uneingeschränkte Empfehlung für Red Dead Redemption 2 aussprechen. Die Welt schafft eine noch nie dagewesene Illusion der Realität und das Storytelling ist auf einem Niveau, das seinesgleichen sucht. Doch gerade dieser Detailgrad schmeckt nicht jedem. Hier wird einem kein Fast Food serviert, sondern ein 8 Gänge-Menü oberster Sternekategorie, dessen Geschmacksnuancen man  genießen muss. Wer unkomplizierte Action sucht oder ohne deutsche Sprachausgabe nicht spielen mag, der wird mit Red Dead Redemption 2 nicht glücklich. Wer sich jedoch darauf einlässt, erlebt aber einen Meilenstein der Spielegeschichte, bei dem die etwas hakelige Bedienung den Gesamteindruck nicht schmälern kann. Red Dead Redemption 2 ist die neue Referenz an der sich Open World-Spiele fortan messen müssen.

 

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Images by Stefan Reismann


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