Publizieren: „Warten, bis Dinosaurier aussterben“

„Die Verlage haben Angst“, sagt Lukas Rieder. Angst davor, ihre Rechtfertigung für den Produktionsprozess zu verlieren. Rieder bietet bei „atoms&bits“ eine Veranstaltung zum „Neuen Publizieren“ an – naheliegend, denn er hat das Startup paperc gegründet, das wissenschaftliche Literatur leichter veröffentlichen und online zugänglich machen will.

Viele Autoren würden heute einfach zu wenig verdienen – obwohl die Produktionskosten der Verlage ständig sinken würden. Bis zu 60 % Gewinnmargen streichen sie ein, sagt Rieder, und schlägt folgenden Ausweg vor: Autoren nehmen die Publikation ihrer Werke selbst in die Hand, kontrolliert mittels eines Peer Reviews.

Ob Wissenschaftler überhaupt mit ihren Publikationen Geld verdienen müssten, wirft ein Kollege von Wikipedia ein. Schließlich seien viele Wissenschaftler Universitätsmitarbeiter, würden also mit Steuergeldern bezahlt. Warum also sollten sie mit ihren Publikationen Zusatzverdienste einstreichen?

Es sei falsch, Verlagen zu unterstellen, Kosten vorzutäuschen, sagt Autorin Kathrin Passig. Produktions- und Organisationsprozesse seien tatsächlich hoch, wegen des „starrsinnigen Festhaltens an überholten Verfahren“. Genau aus diesem Grund werden auch viele Verlage sterben, meint Social–Media–Berater Igor Schwarzmann. „Wir sind alle sehr ungeduldig“, sagt er. Wie schnell die Entwicklung aber gehen könne, würde man am Beispiel der Lexika sehen, die innerhalb von wenigen Jahren mit Wikipedia eine echte Konkurrenz bekommen hat.

Longtail-Effekte seien Verlagen egal: die Verlage würden einzelne Spitzentitel stark bewerben, andere kaum, klagt Autorin Passig. Es sei schwierig, Sachen zu publizieren, die nicht gestreamlined seien. Auch mit dem Lektorat ist sie häufig nicht zufrieden: Meist würden die Lektoren der Verlage nicht mehr stark an dem Text arbeiten, sagt sie. Viele Teilnehmer der Veranstaltung können sich gut vorstellen, dass Freiberufler das Lektorat übernehmen und das Buch dann direkt über Amazon oder ähnliche Plattformen vermarktet wird.

Natürlich kommt die Debatte auch auf die Zukunft des gedruckten Buches zu sprechen. Schwarzmann glaubt, dass das Print-Buch künftig ein freakiger Gegenstand werden wird – ein Hobby wie Elektrische Eisenbahnen. Und zwar nicht nur im Unterhaltungs–, sondern auch im wissenschaftlichen Bereich. Das alles sei eigentlich nur noch eine Frage des Designs der Lesegeräte. Rieder widerspricht: Er glaubt, dass es gedruckte Bücher auch weiterhin geben wird: Wissenschaftlich wolle man eben auf vieles elektronisch zugreifen, im Urlaub aber dann doch lieber ein Buch dabei haben. Gerade im wissenschaftlichen Bereich setzt er aber große Hoffnungen in das digitalen Publizieren von Arbeiten und sieht dort auch große Vorteile. „Man muss nur warten, bis die Dinosaurier aussterben.“

Gerade Print–on–demand–Dienste wie epubli vereinfachen den Produktionsprozess noch weiter: Teils ab 2, teils ab 500 Stück könne man bei der Druckerei in Auftrag geben, sobald ein Exemplar im Netz bestellt werde – ein Gegenentwurf zur Großlagerhaltung großer Verlage.

„Der Veröffentlichungszeitpunkt spielt nicht mehr so die Rolle“, sagt Autorin Passig. Soll ein Text, der veröffentlicht wird, als fertig betrachtet werden oder nur als eine Version, die noch verändert, angepasst werden kann? Eine Frage, über die die „atoms&bits“–Runde streitet: Die einen lehnen es ab, Beta-Versionen eines Buches zu kaufen und später gesagt zu bekommen, welche Zeile darin falsch ist. Andere entgegnen: Darin liege doch gerade die Chance. Die Alternative sei: Die Zeile ist falsch und ich als Käufer des Buches erfahre es nicht. Positives Beispiel für ausführliches Feedback zum Manuskript sei hier der O’Reilly-Verlag.

Mehr zum Thema: Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer über das Gefangenendilemma der Printverlage.

Meike Laaff

(www.laaff.net) lebt und arbeitet als Journalistin in Berlin. Sie ist stellvertretende Ressortleiterin bei taz.de, schreibt für überregionale Zeitungen, Onlinemagazine und produziert Radiobeiträge. Sie betreut zudem das taz-Datenschutzblog CTRL.


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1 comment

  1. Hallo,

    danke erstmal für die Resonanz zu meiner Session. Ich freue mich, dass das Thema auch aufgenommen wurde.

    Zwei Anmerkungen meinerseits:

    PaperC ist nicht alleine meine Gründung, sondern, wie ich auch in der Session erwähnte, sind meine Teammitglieder ebenso zu nennen.
    Das sind Felix Hofmann und Martin Fröhlich. Beides blendende Kerle :)

    Ich finde auch, dass meine Aussage aus dem Kontext gezogen ganz und gar so klingen als würde ich mir Verlage wegwünschen.

    Das stimmt nicht, deshalb habe ich auf http://overbryd.github.com/2009/09/28/stellungnahme-zu-der-session-neues-publizieren.html nochmals zu dem Thema Stellung bezogen.

    Grüße Lukas Rieder

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