Kann ein Blog ein Qualitätsmedium sein?

Qualitätsmedium BlogAm Donnerstag besuchte ich eine Podiumsdiskussion zum Thema „Die Zukunft der Presse im digitalen Zeitalter“, im Rahmen einer Vorführung der Dokumentation „Page One – Inside The New York Times“, auf dem Filmfest Hamburg. Ich erhoffte mir einen Einblick hinter die Kulisse der klassischen Printmedien und besonders durch das Gespräch der Gäste ein paar Denkanstöße, wie Qualitätsmedien und die Anforderungen des Internets zusammen funktionieren könnten. Anstatt aber über mögliche Wege und Strategien zu sprechen, wurde ein Großteil der knappen Zeit leider dafür verwendet, die Dokumentation zu kommentieren und zu erklären, warum klassische Qualitätsmedien und digitale Medien unterschiedlicher nicht sein können…

Was mir dabei bereits nach kurzer Zeit aufgefallen ist, war die einstimmige Meinung der beiden teilnehmenden Journalisten Frau Simone Schellhammer und Herr Prof. Dr. Volker Lilienthal, die beide die Rolle des Blogs als qualitatives Meinungsmedium tendenziell eher verneint haben. Ein Haltung, die ich in Anbetracht viel gelesener und einflussreicher Blogs wie Netzpolitik.org oder Lawblog.de im ersten Moment und auch nach etwas längerem Nachdenken nicht teile.

Bei meiner Suche nach einer konkreten oder einheitlichen Definition, was ein Qualitätsmedium eigentlich genau sei und was es kennzeichnet, bin ich nicht eindeutig fündig geworden. Eine klare Aussage zu dem Begriff gibt es nicht. „When asked to define it, journalists and others have difficulties articulating its elements“ stellte Robert G. Picard einmal in seinem Artikel „Commercialism and Newspaper Quality“ fest. Und genau darin liegt wahrscheinlich auch das Problem. Das Gütesiegel wird im Grunde selber verliehen von denjenigen, die denken es verdient zu haben. Dabei ist auffällig, dass gerade etablierte Printmedien und die dahinter stehenden Journalisten diese Bezeichnung gerne vereinnahmen und sich als das Maß aller Dinge begreifen. Kriterien wie investigativ, originell sowie sorgfältig und vollständig recherchiert, sind die Indikatoren, die oftmals einstimmig von der Allgemeinheit genannt werden. Doch können diese Kriterien nicht von Bloggern erfüllt werden? Sind Blogartikel schlecht recherchierte und einfach dahin gerotzte Beiträge, die man nicht ernst nehmen kann, weil sie jeglichem Qualitätsanspruch nicht gerecht werden? Natürlich kann man nicht jeden Blog als qualitativ hochwertig bezeichnen, genauso wenig wie man jede Berichterstattung einer Tageszeitung als qualitativ hochwertig bezeichnen kann. Oftmals wird nur verlautbart, was sich im Tagesgeschäft der Nachrichten so tut. Was hier und dort auf der Welt passiert. Kalttexte, die mit der „heißen Nadel“ geschrieben worden, sind in den Printmedien wie der FAZ oder der Süddeutschen Zeitung genauso allgegenwärtig, wie auf so manch einem Blog. Und genauso verhält es sich auch mit hochwertigen Texten.

Wer an einen Blog denkt, der geht meistens erstmal davon aus, dass er von einer Person geschrieben wird. Diese Person nutzt dieses Medium dann – in den Gedanken der Leute – lediglich um seine eigenen Meinungen preiszugeben oder um es als digitale Visitenkarte zu betreiben, damit andere auf denjenigen aufmerksam werden. Der zweite Gedanke geht dann oftmals in die Richtung Corporate Blogs. Also Firmen-Blogs, die darauf ausgerichtet sind, mithilfe des Mediums eine größere Reputation ihrer Marke auszulösen. Ein Blog, auch wenn er sich mit gesellschaftlichen Themen oder Nachrichten beschäftigt, passt für die meisten nicht wirklich ins Bild des Qualitätsanspruches einer Tages- oder Wochenzeitung. Diese bieten nämlich eine breite Masse an größtenteils gut recherchierter Themen verschiedener Ressorts an und auch das ist ein (nirgends fundiertes) Kriterium, das Prof. Dr. Lilienthal einem Qualitätsmedium zu schreibt. „Ein Qualitätsmedium hat dem Leser eine breite Fülle verschiedener Themen anzubieten“ und „Blogs berichten zu einseitig“, entgegnete er mir auf die Frage hin, ob er sich vorstellen könne, dass Blogs vielleicht zukünftig zu Qualitätsmedien werden können. Für mich persönlich macht dieses zusätzliche Kriterium, dass der Journalistik-Professor der Universität Hamburg hervorbrachte lediglich aus, ob es sich um ein Massenmedium handelt, jedoch macht es kein Qualitätsmedium aus. Zumindest nicht dann wenn die Qualität des Inhaltes, also des darin enthaltenen Artikels, im Fokus des Betrachters liegt.

Dass Blogs auch und gerade wegen Ihrer Neigung zu einem bestimmten Ressort durchaus einen hohen Qualitätsanspruch aufweisen können und damit sogar Skandale identifizieren, die von dem klassischen Medien ungesehen bleiben, bewies nicht zu letzt auch der Fall Horst Köhler. Der Skandal um die Formulierung der „freien Handelswege“, mit der Köhler militärische Mittel rechtfertigte, kostete dem Bundespräsidenten a. D. im Endeffekt sogar sein Amt. Die Debatte wurde hier maßgeblich durch den Blogger Stefan Gauke von Unpolitik.de losgetreten, der das Köhler-Interview auf Deutschlandfunk aufgriff und die Äußerungen unter dem Titel „Unser Volk braucht Markt!“ in Frage stellte. Kurz darauf wurde das Thema von etlichen anderen Blogs u.a. einem Blog vom Freitag und auch dem Querblog aufgefasst und thematisiert. Bis dahin gab es noch keine Regung der klassischen Medien dazu. Die Beobachter in den Redaktionen waren wohl voll beschäftigt mit dem Rücktritt Roland Kochs oder vielleicht war die Äußerung nicht wichtig genug. Laut Prof. Dr. Lilienthal waren die Redaktionen sogar „im Wochenende!“.

Ein anderes aktuelleres Beispiel dafür, das Blogs mit Ihren Recherchen auch investigativ sein können, beweist die „Causa Kauder“. Der CDU-Politiker Siegfried Kauder, der mithilfe des sogenannten „Three-Strikes-Modell“ Urheberrechtsverletzern im Web den Zugang zum Netz sperren will, ging nach seiner Bekanntgabe des Vorhabens ebenfalls einem findigen Blogger auf den Leim. Tobias Raff empörte sich an diesem Vorhaben so stark, dass er dem Vorsitzenden des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages aufgrund eigener Verstöße des Urheberrechtes anzeigte. Der Blogger fand zuvor heraus, dass Kauder nicht-lizenzierte Bilder auf seiner eigenen Homepage veröffentlichte. Dieses Thema wäre wohl kaum zur Debatte gekommen ohne die ernstzunehmenden Vorwürfe Raffs und womöglich sogar vollkommen untergegangen. Dabei hat dieses Unterfangen weit mehr ausgelöst, als die pure Zurschaustellung der Unfähigkeit Siegfried Kauders. Es zeigt auch wie schnell man in Urheberrechtsfallen treten kann – selbst als Jurist – und wo tatsächlich Handlungsbedarf besteht.

Der klassische Journalist und der zumeist unterschätzte Blogger geraten bei der Qualitätsfrage oft aneinander. „Internetschreiberling“ schimpft der eine, „Graue Eminenz“ schimpft der andere. Beide jedoch, bezeichnen sie sich selber gerne als „dritte Instanz“ und verdienen diese Bezeichnung auch. Schaut man sich um, dann wirkt dieses Zusammenspiel der beiden „Instanzen“ wie das Vater-Sohn-Verhältnis zweier konkurrierender Platzhirsche. Der Ältere fühlt sich bedroht durch den Anspruch auf Anerkennung des Jüngeren und der Jüngere fühlt sich denunziert durch das Niederreden seiner Leistungen durch den Älteren. Es ist ein Getue, wie man es eigentlich nur von rebellierenden Jungen und konservativen Alten erwarten würde. Dabei ist dieser Typus Mensch sich ähnlicher, als beide Parteien glauben, denn es fließt das gleiche Blut in deren Venen. Eine engere Zusammenarbeit jedenfalls könnte nicht schaden.

Was nun tatsächlich ein Qualitätsmedium ist oder nicht, vermag auch ich nicht zu sagen. Ich sehe Qualität in beiden Gestalten. Sowohl im Blog als nach wie vor in den klassischen Medien. Wichtig ist für mich, womit sich das Medium beschäftigt, welchen Anspruch es an sich selber hat und wer da über was schreibt. Gerade bei dem Thema Internet und neue Medien, sehe ich jedenfalls höhere Kompetenzen bei den nennenswerten Bloggern wie Markus Beckedahl, als bei den klassischen Journalisten. Gleichwohl gibt es aber auch Themen, die ich eher der ZEIT oder dem Spiegel zuschreiben würde.

Zum Ende hin würde mich nun einmal interessieren, was für euch Qualitätsmedien sind. Und ob Ihr Blogs zukünftig eine größere Bedeutung im Bezug auf die politische und gesellschaftliche Öffentlichkeit zuschreiben würdet. Kann ein Blog außerdem zum Qualitätsmedium werden? Ich bin sehr gespannt auf eure Meinung!

Andreas Weck

schreibt seit 2011 für die Netzpiloten und war von 2012 bis 2013 Projektleiter des Online-Magazins. Zur Zeit ist er Redakteur beim t3n-Magazin und war zuletzt als Silicon-Valley-Korrespondent in den USA tätig.


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1 comment

  1. Ich finde die Definition gar nicht so schwierig. Es gibt nicht umsonst journalistische Grundlagen wie gründliche Recherche, Sorgfalt, Vollständigkeit, verständliche und spannende Schreibweise, meinetwegen auch In­ves­ti­ga­ti­on. Wenn diese Kriterien erfüllt sind, kann man von Qualitätsjournalismus sprechen. Und da ist es doch egal, ob das online in Blogs oder klassischerweise in Zeitungen passiert. Also ja: Auch ein Blog kann ein Qualitätsmedium sein oder werden.

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