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Die wahren Konsequenzen von Fake News

feedly (adapted) (image by Startup Stock Photos [CC0] via pexels)

Fake News, oder fehlerhafte Inhalte, die als tatsächliche Nachrichten verbreitet werden, haben seit der US-Präsidentenwahl im vergangenen Herbst viel Aufmerksamkeit erlangt. Auch wenn es kein neues Phänomen darstellt, kann durch den weltumspannenden Charakter dieser webbasierten Informationen internationaler Einfluss genommen werden. Infolgedessen ist dieses Thema nicht nur in den vereinigten Staaten, sondern auch in Frankreich, Italien und Deutschland relevant.

Auch wenn die Zunahme von Fake News in den letzten Monaten unverkennbar war, sind die Auswirkungen differenziert zu betrachten. Viele argumentieren, dass Fake News, die oft höchst parteiisch sind, Donald Trump dabei geholfen haben, gewählt zu werden. Es existieren sicherlich Beweise, dass Fake News hoch im Umlauf waren und zuweilen sogar wirkliche Nachrichten übertroffen haben. Jedoch zeigt nun eine nähere Analyse, dass die am meisten verbreiteten fehlerhaften Nachrichtenbeiträge lediglich von einer kleinen Anzahl von Amerikanern gesehen wurde. Die Überzeugungskraft dieser Beiträge wurde nicht getestet.

Es ist wahrscheinlich, dass diese vor allem geteilt wurden, um seine Unterstützung für einen der Kandidaten auszudrücken und nicht als Beweis, dass Nachrichtenkonsumenten den Inhalt des Nachrichtenbeitrags tatsächlich glauben. Dies wirft die Frage auf, ob Fake News überhaupt irgendwelche Auswirkungen haben und ob wir als Gesellschaft uns darüber Sorgen machen müssen.

Die Trennung von Fakt und Fiktion

Die wahre Auswirkung des steigenden Interesses in Fake News ist die Realisierung, dass die Öffentlichkeit nicht gut ausgestattet ist, um qualitativ hochwertige Informationen von falschen Informationen zu trennen. Tatsächlich ist eine Mehrheit der Amerikaner zuversichtlich, dass sie Fake News erkennen können. Als Buzzfeed amerikanische High-School-Schüler dazu befragte, waren diese überzeugt, dass sie in der Lage seien, Fake News online zu erkennen und zu ignorieren. In der Realität mag dies allerdings schwieriger sein, als die Leute denken.

Ich begann, diese Annahme in einer aktuellen Studie, die ich mit 700 Bachelorstudenten an der University of British Columbia durchgeführt habe, zu testen. Das Muster war einfach: ich zeigte Studenten eine Anzahl von Screenshots verschiedener Banner auf Webseiten – von etablierten Nachrichtenquellen wie dem Globe and Mail, eher parteiischen Quellen wie Fox News und der Huffington Post, Online-Aggregatoren wie Yahoo! News und Portalen auf sozialen Medien wie Upworthy. Ich habe sie gebeten, die Nachrichtenquellen auf einer Skala von null bis 100 auf ihre Legitimität zu prüfen.

Ich habe auch Screenshots von echten Webseiten, die Fake News verbreiten, mit aufgenommen. Einige von ihnen wurden während der US-Wahl 2016 recht schnell sehr beliebt. Eine dieser Quellen war eine Webseite mit dem Namen ABCnews.com.co. Sie sah der Webseite des Nachrichtenportals ABC News sehr ähnlich. Einige Fake-Inhalte gingen hier ziemlich schnell durchs Netz – wie beispielsweise die, die von Eric Trump retweetet wurden. Die anderen waren News zum Boston Tribune und World True News.

Die Erkenntnisse sind besorgniserregend. Obwohl die Probengruppe nach deren eigenen Angaben hauptsächlich aus politisch informierten und engagierten Nachrichtenkonsumenten bestand, sprachen die Befragten den Quellen wie ABCnews.com.co oder dem Boston Tribute mehr Legitimität zu als Yahoo! News, einer tatsächlichen Nachrichtenorganisation. Auch wenn diese Ergebnisse nur vorläufig und ein Teil einer größeren Studie sind, ergibt sich auch im Einklang mit anderen Studien folgendes Bild: Viele Menschen, besonders junge Leute, tun sich schwer daran, gute Nachrichtenquellen von fragwürdigen zu unterscheiden und ebenso zu unterscheiden, ob ein Foto authentisch ist oder nicht.

Darüber hinaus scheint Ideologie die Bewertung der Legitimität einer Nachrichtenquelle in einem besorgniserregenden Ausmaß zu beeinträchtigen. Linksorientierte Studenten sehen keinen Unterschied zwischen extremistischen Quellen wie Breitbart und Fox News. Hier werden von rechtsorientierten parteiischen Kommentaren bis hin zu den klassischen Nachrichten alle möglichen Ereignisse auf eine bestimmte Art und Weise präsentiert, die keineswegs mit journalistischen Normen im Einklang sind.

Als Ergebnis wird etwas, das wahr aussieht und sich vertrauenswürdig anfühlt – wie beispielsweise dem Boston Tribune – mehr Legitimität zugebilligt als einer tatsächlichen Nachrichtenquelle, mit der die Studenten vertraut sind, die sie aber aus ideologischen Gründen ablehnen. Im Gegenzug dazu wird etwas, das falsch aussieht und sich falsch anfühlt, wie die World True News, weniger Legitimität zugebilligt als eine richtige Nachrichtenquelle.

Doch auch wenn wir uns hier in Kanada größtenteils glücklich schätzen können, dieser Verbreitung von Fake News nicht ausgesetzt zu sein, die die aktuellen Wahlen in anderen Ländern beeinflusst haben, bedeutet dies nicht, dass wir diesem Phänomen gegenüber immun sind. In vielen Fällen wurde das Fundament dazu bereits gelegt.

Kanadier ebenso polarisiert

Studien zufolge, die von meinem Kollegen Eric Merkley durchgeführt wurden, sind Kanadier entlang ideologischer Linien zunehmend polarisiert. Diese affektierte Polarisierung hat die Auslösung von motivierter Argumentation zur Folge – eine unbewusste, beeinflusste Art, Informationen zu verarbeiten welche dazu führt, dass sogar intelligente Menschen an Unwahrheiten glauben, weil sie ihre ideologischen und parteiischen Veranlagungen unterstützen.

Darüber hinaus ist die Fragmentierung und Digitalisierung der Nachricht kein amerikanisches Phänomen, sondern weltweit vertreten. Der aktuellsten Studie zufolge beziehen 80 Prozent der Kanadier ihre Nachrichten online und nahezu 50 Prozent beziehen ihre Nachrichten auf sozialen Netzwerken, einer Plattform, welche für die Verbreitung von Fehlinformationen in den vereinigten Staaten größten verantwortlich gemacht wird. Zusammengenommen sind die Bedingungen gegeben, dass Fake News auch in Kanada Fuß fassen.

Leider gibt es keine einfache Lösung für das Problem. Die Optimierung von Algorithmen – hier versuchen Facebook und Google gerade, damit klarzukommen – kann helfen, die wahre Lösung muss allerdings von den Nachrichtenkonsumenten kommen. Sie müssen skeptischer und ebenso besser ausgerüstet sein, um die Qualität der Information, die sie antreffen, zu bewerten.

Ein wichtiger Teil dieser Strategie sollte eine gewisse Medienkompetenz beinhalten. Wir müssen die Nachrichtenkonsumenten mit Werkzeugen ausrüsten, mit denen sie die Legitimität der Nachrichtenquelle messen können. Sie müssen sich aber genauso ihrer kognitiven Voreingenommeneinheit bewusst werden. Das Problem wird ohne geeignete Maßnahmen nur größer werden, weil immer mehr Menschen ihre Nachrichten online beziehen und die politischen Strömungen sich immer mehr spalten und ins Extreme gehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Feedly“ by Startup Stock Photos (CC0 Public Domain)


The Conversation

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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

Follow me
  • GOOGLE t3n: Google Wifi: Der vollautomatische Sorglos-Router startet in Deutschland: Googles WLAN-System kommt jetzt auch zu uns und verspricht eine bessere WLAN-Anbindung im ganzen Haus. Wie nach dem klassischen Baukastenprinzip können die Wifi-Geräte beliebig erweitert werden. Für die absolute Kontrolle sorgt außerdem der Netzwerkassistent, der in Echtzeit per App relevante Daten sendet, um den Status des Netzwerkes überprüfen zu können. Und mit der Innovation für alle besorgten Eltern können sogar die WLAN-Nutzungszeiten festgelegt werden. Das separat eingerichtete Gäste-Netzwerk gewährleistet einen unabhängigen Zugriff auf Geräte wie das Chromecast.

  • JOURNALISMUS sz: Mit Technologie zu neuer publizistischer Qualität: Das der Journalismus tot sei, war wohl doch nur eine vorschnelle Schlussfolgerung. Die Zeit des Journalismus scheint wiederzukommen, denn laut dem Digital News Report des Reuters Instituts for the Study of Journalism an der Universität Oxford, verlässt sich nur noch jeder vierte Online-Nutzer auf den Wahrheitsgehalt der Nachrichten von sozialen Netzwerken und ist im Gegenzug dazu bereit für seriöse Informationen zu zahlen. Diese Seriosität könnte mithilfe des Einsatzes von künstlicher Intelligenz, für beispielsweise die Analyse von Leserverhalten, genutzt werden, da sie den Journalisten mehr Zeit für ausgiebige Recherchen verschaffen könnte. Ein Beispiel von vielen, wie Technologie den Journalismus nicht ersetzt, sondern vielmehr unterstützen kann.

  • SNAPCHAT heise: Snap Map: Neue Snapchat-Funktion bedroht Privatsphäre: Mit der neuen „Snap Map“ können Snapchat-User ihren Freunden mitteilen wo sie sich gerade befinden. Ähnlich wie bei Google Maps wird der eigene Standort dann per Karte angezeigt. Dass sich der Standort jedoch bei einer einmaligen Freigabe, bei jedem erneuten Öffnen aktualisiert, war vielen Nutzern dieser neuen Funktion noch nicht klar. Um diese ungewollte Lokalisierung abzuschaffen, wird man gebeten in den „Geistmodus“ (Ghost Mode) zu wechseln. Zudem werden die verorteten Standorte nach acht Stunden unwiderruflich gelöscht.

  • FACEBOOK golem: Facebook will teure und „saubere“ Serien: Facebook möchte nun auch eigene Serien zeigen und ist dafür bereit sehr viel Geld zu investieren. Bis zu 3 Millionen USA-Dollar pro Serienfolge sollen die 17- bis 30-Jährigen anlocken. Starten soll dieses neue Projekt Ende Juni diesen Jahres mit familientauglichen Inhalten, wie Facebook betonte. Demnach sollen weder politische Dramen, noch Nachrichtensendungen oder Serien mit Nacktheit vorkommen.

  • HACKER ntv: Attacke im Namen des IS- Hacker legen US-Regierungswebsiten lahm: Es ist nichts Neues, immer wieder aber ein Grund zur Unsicherheit. Ein Hackerangriff eines IS-Sympathisanten legte zahlreiche Webseiten der Behörden der US-Bundesstaaten still. Hackerangriffe auf Seiten westlicher Institutionen scheint zur Norm geworden zu sein, erst 2015 hackten Hacker im Namen des IS den französischen Nachrichtensender TV 5. Gouverneur Kasichs Internetseite governor.ohio.gov ist jetzt jedoch schon wieder im Netz aufrufbar.

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ratiopharm präsentiert: 99FIRE-FILMS-AWARD

[Gewinner_Goldregen_Gruppenfoto 2] (adapted)

„Dafür gibt’s doch ratiopharm! – Gute Preise, gute Besserung!“ lautet der Werbeslogan des bekannten Arzneimittelherstellers ratiopharm. Und ein Teil dieses Slogan ist gleichzeitig das Motto des diesjährigen 99FIRE-FILMS-AWARD – „Da gibt’s doch was …“.

Der 99FIRE-FILMS-AWARD ist ein Preis, der einmal im Jahr von einer fachkundigen Jury aus allen Bereichen des Films verliehen wird. Ausgezeichnet werden Kurzfilme. Diese müssen eine länge von exakt 99 Sekunden haben und die Teinehmer haben 99 Stunden Zeit, um eine Idee zu entwickeln, den Film zu drehen, zu schneiden und einzureichen.

And the Winner is

10.000 Menschen haben dieses Jahr mitgemacht, 2.500 Ideen wurden eingereicht. Die Jury, die dieses Jahr aus 14 Mitgliedern besteht, hat vier davon ausgesucht und mit dem Preis ausgezeichnet, der mit 9.999 Euro dotiert ist. Die Gewinner sind:

Die Gewinner wurden am 16. Februar im Berliner Admiralpalast gekürt.

Wertvolle Unterstützung

Seit über 40 Jahren steht in Deutschland die Firma ratiopharm für Arzneimittel in höchster Qualität zu einem bezahlbaren Preis. Der Generikamarkt ist hierzulande fest in der Hand des Ulmer Unternehmens. Generika sind Kopien patentgeschützter Medikamente – das macht sie kostengünstig und effektiv zugleich. Als bekanntester und beliebtester Hersteller von Heilmitteln trägt ratiopharm auch zu eurer Gesundheit bei.

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Was uns Schachspieler über Intelligenz und Sachkompetenz beibringen können

Dame (adapted) (Image by PIRO4D [CC0 Public Domain] via pixabay)

Sind Experten intelligenter als Nicht-Experten – oder arbeiten sie nur härter?  Und warum erreichen manche Leute ein hohes Kompetenz-Niveau, wohingegen andere nur auf dem Stand von Amateuren bleiben? Das sind einige der Fragen, die Wissenschaftler im Bereich der Kognitionswissenschaft schon seit über einem Jahrhundert zu beantworten versuchen. Jetzt haben unsere Forschungen über Schachspieler bei der Entwirrung dieses Problems Pionierarbeit geleistet.

Einige Wissenschaftler sind der Ansicht, der Weg zum Experten in Fachbereichen wie Musik und wissenschaftlicher Forschung sei lediglich eine Sache des „furchtbar großen … Arbeitsaufwands“, um den amerikanischen Gewinner einer olympischen Goldmedaille Jesse Owens zu zitieren. Die anmutende Idee, ein jeder von uns könne durch geflissentliche Übung, Engagement und Entsagung großartige Ergebnisse erzielen, ist tief in unserer Kultur verwurzelt. Malcolm Gladwell stellt in seiner berühmten Fachmonographie „Outliers“ die These auf, dass man mit 10.000 Stunden Übung auf geradezu jedem Gebiet Expertise erlangen kann. Schließlich brachte auch Rocky, die Persönlichkeit aus den berühmten Boxfilmen, Stunden über Stunden mit Training zu, um furchteinflößende Gegner niederzuringen – schlussendlich mit Erfolg.

Andere Wissenschaftler sind hingegen davon überzeugt, dass die Menge an Übung allein individuelle Unterschiede bezüglich der Fachkompetenz nicht aufwiegen kann. Sie sind der Auffassung, dass übergeordnete kognitive Fähigkeiten wie etwa grundlegende Intelligenz oder Erinnerungsvermögen eine fundamentale Rolle spielen, wenn man in seinem Fachgebiet ein Höchstmaß an Expertise erlangen möchte.

Um die Bedeutung von kognitiven Fähigkeiten für Fachkompetenz auszuwerten, haben wir kürzlich zwei Reviews der wissenschaftlichen Fachliteratur über die Bedeutung von kognitiven Fähigkeiten zur Erlangung von Perfektion im Schachspiel durchgeführt. Wir haben das Schachspiel deshalb dafür ausgewählt, weil es eines von wenigen Bereichen ist, das eine quantitative und zuverlässige Maßeinheit für die Leistungsfähigkeit hat (nämlich das Elo-Rating). Aus diesem Grund ist es ein individuelles Areal zur Untersuchung der Aneignung von Fachkompetenz und Expertise.

Tatsächlich hat die Untersuchung der Merkfähigkeit und Situationseinschätzung von Schachspielern zu unserem Verständnis von Expertise auf vielen Gebieten beigetragen, wie etwa Musik und Computerprogrammieren. Laut dem Nobelpreisträger Herbert Simon ist die Tragweite des Schachspiels für die Kognitionswissenschaft vergleichbar mit der Tragweite der Drosophila (Obstfliege) im Fachbereich der Genetik durchaus vergleichbar.

Eindeutige Ergebnisse

Wir haben den Versuch unternommen, zwei einfache Fragen im Bereich des Schachspiels zu beantworten. Erstens: Ist intensives Üben die einzige Voraussetzung dafür, um ein Schach-Profi zu werden? Oder muss man überdurchschnittlich intelligent sein, um dorthin zu gelangen? Zweitens: Sind Schachspieler intelligenter als Nicht-Schachspieler? Die Antworten sind über das Schachspiel hinaus von Bedeutung und befassen sich mit fundamentalen Fragestellungen der Psychologie und Pädagogik.

Das erste Review, in der Zeitschrift Intelligence publiziert, umfasst 19 Studien mit über 1.700 Teilnehmern. Für diesen Zeitschriftenartikel sind wir der Frage nach sämtlichen Resultaten in puncto Erledigung kognitiver Aufgaben durch einen Schachspieler nachgegangen.

Wir berechneten die Gesamtheit an Wechselbeziehungen zwischen Schachfähigkeiten und vier kognitiven Fähigkeiten: Transfervermögen (die Fähigkeit, neue Probleme zu lösen und sich an neue Situationen anzupassen), Ausführungsgeschwindigkeit (beispielsweise die Reaktionszeit), Kurzzeitgedächtnis und Auffassungsvermögen (Anpassung von Sachkenntnis und Fähigkeiten durch die Erfahrung, wie etwa Vokabelverständnis und Leseverstehen). Die Ergebnisse machten deutlich, dass Schachfähigkeiten in signifikantem Zusammenhang mit sämtlichen Maßstäben von kognitiven Fähigkeiten stehen. Kurzum: Je ‚intelligenter‘ der Spieler, desto höher ist sein Niveau im Schachspiel.

Im zweiten Review  (unter Beteiligung von fast 500 Teilnehmern), ebenfalls in der Zeitschrift Intelligence publiziert, haben wir sämtliche Studien miteinbezogen, in denen ein Vergleich der Fähigkeiten, kognitive Aufgaben zu lösen, von Schachspielern und Nicht-Schachspielern vorgenommen werden. Daraufhin haben wir den Gesamtunterschied zwischen Schachspielern und Nicht-Schachspielern berechnet. Schachspieler schnitten bezüglich der kognitiven Fähigkeiten, wie etwa Ausführungsgeschwindigkeit, Planung, Transfervermögen und Erinnerungsvermögen gegenüber Studienteilnehmer, die kein Schach spielten, überdurchschnittlich gut ab.

Anlage vs. Umfeld?

Unsere Ergebnisse sprechen für die Hypothese, dass kognitive Fähigkeiten eine bedeutende Voraussetzung für die Erlangung von Schachspielfertigkeiten sind. Natürlich müssen wir bezüglich der Ausrichtung des Kausalzusammenhangs Vorsicht walten lassen. Es wäre denkbar, dass sich intelligente Menschen mehr zu intelligenten Aktivitäten wie dem Schachspiel hingezogen fühlen, als dies bei der Durchschnittsbevölkerung der Fall ist, oder dass sie schlichtweg schneller lernen.

Aber es ist ebenso möglich, dass die Übung von kognitiv fordernden Aufgaben Leute intelligenter macht. Jedoch erscheint diese letzte Möglichkeit unwahrscheinlicher, zumal neuere Forschungen keinen Kausalzusammenhang zwischen dem Schachunterricht und kognitiven Fähigkeiten ergeben haben. Interessanterweise wurde dasselbe Fehlen eines Zusammenhangs auch in Bezug auf Musikunterricht konstatiert.

Während Übung eine notwendige Komponente für ein erfolgreiches Abschneiden im Schachspiel und auf anderen Gebieten bleibt, ist es schlichtweg nicht ausreichend, um an die Spitze zu kommen. Wenn Individuen mit überdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten bessere Chancen haben, Schachprofi zu werden, ist es naheliegend, dass selbiges auch für andere Gebiete wie etwa Musik, Berufe und Wissenschaft gilt. Übung hilft uns dabei, besser zu werden, aber unsere Verbesserungen sind strengstens an unsere kognitiven Fähigkeiten gebunden. Traurigerweise reicht der gute Wille nicht aus.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Dame“ by PIRO4D (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Warum Industrie 4.0-Lobbyisten mehr denken sollten – Nachtrag zum #ctk2016

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Haben Strategen im 21.Jahrhundert ausgedient? Weit gefehlt. Sie dürfen nur nicht den Regeln von mechanistischen Modellen folgen. Das war schon immer ein Fehler. Erfolgreiche Unternehmer haben das zu allen Zeiten unkonventionell gehandelt. Schnelligkeit, Stärken nutzen, Erfahrung, Urteilskraft, siebter Sinn und Intuition kann man nicht planen. Unternehmerisches Handeln ist nur schwer zu systematisieren. Wie gute Unternehmer handeln und entscheiden, ist häufig von Zufällen abhängig und widerspricht dem ideologischen Weltbild von Planungsfanatikern.

Am völligen Versagen der Wirtschaftsforschungsinstitute bei der Vorhersage der Finanzkrise kann man erkennen, wie wenig formelhafte Theorien für das Wirtschaftsleben taugen. Wer das praktiziert, landet in der Bürokratiefalle. Denn sehnen sich die Mechanisten in den Chefetagen der Konzerne und mittelständischen Firmen nach Kennziffern, Regeln, Methoden, Benchmarks und Best Practise-Ratschlägen, ums Paradies der Effizienz, Effektivität und Profitmaximierung. Sie hören Begriffe wie Industrie 4.0, Lean Management oder Kaizen und ordnen es direkt in ihre System-Schubladen ein für Erfolg und Glückseligkeit.

Technokratisches Wortgeklingel

Denken kommt dabei leider nicht an erster Stelle, moniert Guido Bosbach in einer Session des Change to Kaizen-Forums in Mannheim, die er gemeinsam mit mir präsentierte. Es regiert technokratisches Wortgeklingel, um wieder zur Tagesordnung übergehen zu können.

Industrie-Vordenker in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ergötzen sich an Formeln. Sie besichtigen eine Produktionshalle von Toyota, hören das geheimnisvolle Credo von Kaizen, wandeln das Ganze in einen „kontinuierlichen Verbesserungsprozess“ um und fixieren es mit 80 Regeln, die in einem Lastenheft dokumentiert werden. Leerformeln abspulen, statt über die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns zu grübeln.

Aber genau das steckt hinter der Jahrhunderte alten Kultur von KAIZEN, erläuterte der Industrie-Fachmann Mario Buchinger auf der Mannheimer Fachtagung im Technoseum. „Es geht um die Veränderung zum Guten – gemeinsam besser werden. Das klingt für deutsche Manager schon viel zu philosophisch.“

Egozentrische Manager hassen Kaizen und lieben Tastendrücker

In Deutschland spricht man lieber von der Qualitätsmethodik. Sich selbst zu hinterfragen, kleine Schritte zu gehen und das Wohl der Gesamtheit im Auge zu behalten, sei für egozentrische Manager Gift. Da wird das so genannte Humankapital dann doch lieber zur Kennziffer im Controlling degradiert. Der Mensch als Faktor der Verschwendung wird mit Prinzipien-Huberei entweder in der Speedfactory eliminiert oder zum optimierten Tastendrücker in „Shopfloors“ montiert.

Shopfloor klingt irgendwie eleganter als Werkstatt oder Fertigungshalle. Der kosteneffiziente Tastendrücker taucht in den Präsentationsfolien der schlanken Industrie 4.0-Propagandisten als „Dirigent der Wertschöpfungskette“ auf. Ist in der Realität zwar immer noch langweilig, kann aber als Tätigkeit mit Gamification-Tools zu olympischen Höchstleistungen gebracht werden. Einen kleinen Unterschied zu früher gibt es dennoch.

Maschine und Werkstück als Dirigenten der Wertschöpfungskette

Die Anweisungen bekommt der Tastendrücker nicht mehr von hausmeisterlichen Vorarbeitern, sondern von einem Werkstück oder einer Maschine. Dem „Dirigenten“ wird die Rolle zugewiesen, auf optische und akustische Signale zu reagieren und vorbestimmte Handlungsmuster auszuführen auf Basis von Prozessinformationen und Algorithmen.

„Mitarbeiter werden zu Objekten. Es ist der Mensch in der Fabrik, der sich an die Vorstellung gewöhnen muss, dass das Werkstück bestimmt, was wer wann und wo zu tun hat. Die Aufgaben des Vorgesetzten übernimmt dann das Material, das bearbeitet werden möchte. Ein seltsames Verständnis von Dirigententum“, kritisierte Professor Andreas Syska in seinem Vortrag beim Kaizen-Symposium. Gewinner sind in diesem industriellen Denkmuster die Ingenieure. Kaizen sehen sie eher als überflüssige „Räucherstäbchen-Runden“.

„Begeistert sind all jene, die Betriebsführung mit der Gestaltung von technischen Systemen verwechseln und lieber mit Technik als mit Menschen zu tun haben. Industrie 4.0 ermöglicht den Führungsschwachen die langersehnte Flucht vor ihren eigenen Mitarbeitern“, so Syska.

Fehlanzeige bei Kommunikationskompetenz

Mit dieser fabrikfixierten Nabelschau werden die Industrie 4.0-Flötisten allerdings scheitern. „Industrie 4.0 ist ein Kind der Stückfertigung kleiner Serien nach dem Verrichtungsprinzip. Dort liegen die geistigen Wurzeln“, erläutert Produktionsexperte Syska. Aber genau da fängt das Problem an. Das Thema wird auf die Fabrik beschränkt, ohne über notwendige Kompetenz für digitale Plattformen, neue Märkte, Vernetzungsintelligenz oder Wissensmangement in Schwärmen nachzudenken. Es wird den deutschen Unternehmen in offenen Strukturen schwerfallen, ihre Fertigungshoheit zu verteidigen. Mit den Ichlingen des Ingeniuerswesens gelingt das mit Sicherheit nicht. Das sind Ego-Dirigenten, die sich im Kreis drehen.

Wahre Führungspersönlichkeiten haben Follower und verstecken sich nicht hinter „schlanken“ Prozessen, Musterlösungen, linearen Methoden und Routinen. „Führung ist vor allem Kommunikation, Vernetzung und die Ermöglichung des Lernens voneinander“, schreibt Josephine Hofmann vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. An den technischen Hochschulen sollte Philosophie als Pflichtfach eingeführt werden. Das Notiz-Amt sieht hier Reformbedarf.


Image „Spielsteine-Netzwerk-vernetzt“ by geralt (CC0 Public Domain)


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Schaut Eure Lieblings Filme, wie Ihr sie noch nie zuvor gesehen habt mit OLED – dem nächsten revolutionären Schritt der TV Technologie.

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In den vergangenen Jahren stieg die Popularität des 4K TVs und man konnte immer mehr von ihnen in unseren Wohnzimmern finden. Nachdem diese Art von Technologie immer erschwinglicher wurde, verbreitete sie sich in Windeseile. Die Menschen wollten immer bessere Qualität, besseren Sound und ein besseres TV Erlebnis. Der Sprung nach vorne hat die alte Technologie immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Aber gerade durch sie haben wir unsere Lieblings Filme kennen und lieben gelernt. Aber wie würde wohl der klassische Batman oder die originale Star Wars Trilogie in 4K Auflösung aussehen?

Wenn man Batman und Star Wars visuell mit einem Wort beschreiben müsste, welches wäre dann wohl das richtige? Genau! Dunkel. Denn gerade im Film Batman, wie er in seinem schwarzen Cape durch die Nacht saust oder X-Wings, die hinauf zum Todes Stern fliegen, ist in beiden Filmen gerade die Farbe schwarz ausschlaggebend. Experten beurteilen die TV-Fähigkeit, schwarz perfektioniert darzustellen, als eines der wichtigsten Elemente des Fernsehens.

Ebenso spielt sie für den Kontrast eine große Rolle auf dem TV Markt. Es wurde eine Technologie entwickelt, die nicht bloß schwarz rendert, sondern schwarze Farben perfektioniert.

Die Evolution der Bildschirm Technologie: OLED

Es gibt vier verschiedene Typen von Bildschirm Technologien in der Geschichte der Fernseher: Die Kathodenstrahlröhre (CRT), anschließend Plasma, LCD und OLED. Jede dieser Technologien steht für eine weitere Verbesserung der Bildqualität. Nach der guten alten Kathodenstrahlröhre entstand eine große Lücke bis zur Erreichung des Plasmas. Und eine ebenso große Lücke besteht auch zwischen LCD und OLED, denn OLED benötigt keine Hintergrundbeleuchtung.

Jeder einzelne Pixel kann Licht auf sich selbst emittieren. Genau dadurch entstehen diese perfekten Schwarztöne und das unverwechselbare Kontrastverhältnis. Mit Hintergrundbeleuchtung, wie die des LCD, wäre das nicht möglich. Aus diesem Grund ist die Umstellung auf OLED Fernseher so revolutionär für die Display Technologie, sowie damals die Einführung von Smartphones für die Handyindustrie.

Black Contrast

Den Unterschied der Bildqualität zwischen LCD und OLED ist gravierend und zeigt sich im obigen Bild. Links ist das, was man auf einem LCD Bildschirm sehen würde. Die Schwarzlicht-Panels verfärben das Bild und produziert Licht auf die Pixel, wo eigentlich gar keines sein sollte. OLED hingegen rendert jeden einzelnen Pixel nur so hell oder dunkel, wie es auch sein sollte. Es schafft ein sauberes, klares, glattes Bild und lässt die Images und Farben mehr als nur real wirken.

Vielleicht dachten Sie sich ja immer, dass eine schlechte Bildqualität nicht ausschlaggebend für den Filmgenuss sei, aber wenn Sie das erste Mal auf einem OLED TV einen Film gesehen haben, werden Sie es nicht mehr vermissen wollen. Der Schwarzwert liefert uns nicht nur die schwarze Farbe, die in den dunklen Filmen so überaus wichtig ist, er wird auch seiner Farbbrillanz gerecht.

Was wir von der neuem OLED Display Technologie erwarten

Denken Sie einmal an einen Nachthimmel. Wie dunkel sind die schwärzesten Stellen des Himmels? Wenn Sie ein Stadtbewohner sind, dann können Sie vielleicht gar nicht so genau wissen, wie dunkel der Himmel in Wirklichkeit ist, denn die künstlichen Lichtquellen blenden vieles einfach aus.

Erst in der freien Natur, fernab von jeglicher Zivilisation wie beispielsweise in der Wüste, können wir die majestätischen Farben des Nachthimmels genauer erkennen. Ohne die Lichtverschmutzungen, werden die Objekte im Himmel erst so richtig sichtbar.

Die unteren Bilder zeigen die einzelnen Effekte von Lichtverschmutzung. Auf der linken Seite sehen Sie, wie schwer die Lichter einer Großstadt es machen, einzelne Objekte genau zu erkennen. Auf der rechten Seite kann man jedoch erkennen, dass der LG OLED TV frei von sämtlichen Lichtverschmutzungen ist und der Nachthimmel in all seiner Pracht erstrahlt.

Das Bild von den hellen Punkten auf dem schwarzen Hintergrund, ist auf dem OLED TV viel klarer und deutlicher zu sehen, während auf dem LCD TV die Punkte eher verschwommen und weniger sichtbar sind.

LG Light Pollution

LCD TV vs. LG OLED TV

LG ELECTRONICS – der weltweit führende OLED-TV-Anbieter – hat kürzlich ein Video unter dem Titel “Colorful Sensation in Black” veröffentlicht. Der Clip zeigt eine Horde von laufenden und springenden Männern in schwarzer Kleidung. Sie helfen dabei, die Bedeutung der schwarzen Farbe zu verstehen und die Genauigkeit der heutigen Fortschritte des perfekten schwarzen Bildes hervorzuheben. Wie man sieht, ist die Darstellung der schwarzen Farbe auf einem Bildschirm, für die Home-Entertainment-Experten einer der wichtigsten Elemente.


Teaser & Image by LG


 

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Podcasting im Jahr 2015 fühlt sich an wie Bloggen 2004

Podcasting (adapted) (Image by Nicolas Solop [CC BY 2.0] via flickr)

Was bei Podcasting passiert, konnte auch schon vor 10 Jahren bei Blogs beobachtet werden – Professionalisierung und neue Akteure betreten den Markt.

Der aktuelle Stand in der Podcast-Welt 2015 fühlt sich sehr nach Bloggen im Jahr 2004 an. Die Vielfalt und Qualität der Werke, die dort zu finden sind, ist wirklich bemerkenswert. Die Aufmerksamkeit von außen wächst und es entwickeln sich neue Formate. Wir erleben gerade dieselbe Art des Freischwimmens von kreativem Potential, die wir schon bei den Blogs erlebt haben – und es wird ein größeres Angebot an toller Arbeit produziert, als das es Zeit gibt sich dieses überhaupt alles anhören zu können.

Die Frage ist jetzt, ob sich Podcasts auch ähnlich entwickeln, wie es die Blogs in den vergangenen Jahren getan haben. Aus der Art, wie sich die wundervoll vielfältige Welt der Blogger in das verwandelt hat, was wir heute kennen, kann man diverse Schlüsse ziehen – sowohl positive als auch negative.

Was könnte das beinhalten?

  • Ein Teil der alten Blog-Welt professionalisierte sich und führte somit zu Ablegern wie der Huffington Post, BuzzFeed, und Vice.

  • Ein anderer Teil wurde von den Plattformen übernommen, wie beispielsweise Facebook und Twitter, die technische Erleichterungen versprachen.

  • Zeitungen und Zeitschriften, die sich von Bloggern bedroht gefühlt hatten, fanden sich irgendwo dazwischen wieder: sie waren nicht gewitzt genug, um mit den neuen digitalen Vorteilen mithalten zu können, und nicht groß und mächtig genug, um es mit den Plattformen aufnehmen zu können.

Die Akteure sind beim Audioformat etwas anders aufgestellt, aber viele Punkte wären dieselben. Werden wir eines Tages vielleicht auf 2015 als die goldene Ära des Podcasting zurückblicken, bevor der Markt sich daran bedient hat?

Schauen wir uns mal drei aktuelle Trends an:

Professionalisierung

Sollten Sie je gezwungen werden, sich alle Podcasts bei iTunes anzuhören, würden sie enorm viel Amateurkram finden. Neben all dem fällt eine gute Qualität ganz besonders auf. Die meistheruntergeladenen Sendungen sind eine Mischung aus den Shows der öffentlichen Radiowochenendshows, intelligenter Comedy und Geschichten, und natürlich qualitativ hochwertiger Diskussionen.

Eine wichtige Entwicklung ist also die Qualität. Alex Blumberg ist Rundfunkreporter und verließ im Jahr 2014 das Radio, um Gimlet Media zu gründen. Er beschreibt im Folgenden, was er als “HBO des Podcasting” aufbauen will:

Wir nehmen uns mehr Zeit, wir geben mehr Geld aus, und wir versuchen, über 95 Prozent der Podcasts da draußen zu verfeinern. Ich glaube, Podcasts haben immer noch den Ruf, dass sie etwas sind, was zwei Typen im Keller zusammenschrauben. Es hat ein bisschen was von Waynes World, in diesen Kellern. Ich sehe sie aber eher als echte Shows: schlank, gut produziert, und man hat Leute dran, die gut in dem sind, was sie tun.

Gimlet hat mittlerweile ein vielgelobtes Podcast-Repertoire, das nun regelmäßig auf Listen mit den meisten Downloads landet und Werbung auf kluge Weise einbindet. Andere Firmen, wie Panoply (von den Slate-Entwicklern) und Midroll (das nun zu Scripps gehört), machen etwas ganz Ähnliches: sie bauen ein Netzwerk auf, das professionell ist und mit dem man seine Produktion und die Abonnements effizienter aufarbeiten kann. Gimlet will vielleicht das neue HBO sein, für mich sind sie aber eher das neue Vox Media. Hier kommen intelligente Inhalte, Produktionstalent und eine bewegliche Geschäftsstrategie zusammen.

Plattformen

Geht es um Plattformen, ist die Podcast-Szene bisher bemerkenswert offen für neue Möglichkeiten gewesen. Alles, was man braucht, ist Zugang zu einem Server, und man kann seine Veröffentlichungen der ganzen Welt zur Verfügung stellen.

Ich denke, wir werden bald erleben, wie diese Offenheit demnächst unter Druck gerät. Fast alle Audio-Podcasts sind im MP3-Format – dasselbe Format, das früher iPods mit Nelly und NSYNC gefüllt hat. Wenn man sie einmal heruntergeladen hat, sind die Dateien seitens der Veröffentlicher nicht mehr einsehbar. Niemand kann sagen, ob die Datei einmal, hunderte Male, oder vielleicht noch nie abgespielt worden ist.

Es ist unmöglich, die individuellen Gewohnheiten des Hörers nachzuverfolgen: man kann weder sehen, welche anderen Podcasts sie sich anhören, nicht welche Werbung sie wegklicken oder aus welcher Folge sie frühzeitig aussteigen.

Eine mögliche Reaktion wäre: ‚Toll! Ich will nicht, dass irgendein Podcast-Typ mein Verhalten nachverfolgt!‘ Aber das Netz hat uns gezeigt, dass viele Menschen, vor allem Werber, diese Daten haben wollen. Und wir können sicher sein, dass es Bestrebungen gibt, sie nutzbar zu machen.

Dafür bräuchte man eventuell ein neues Podcast-Format, etwas jenseits der MP3. Das schwedische Startup Acast verspricht ein verbessertes Podcast-Erlebnis, indem es Bilder und Videos an bestimmten Stellen in den Audio-Podcast integriert, wenn man ganz bestimmte Shows mit ihrer App anhört. Natürlich kann dieser Aufwand auch dazu genutzt werden, um ein etwas weiter entwickelteres Werbeverfahren nach vorn zu bringen: Acast gibt an Firmen weiter, dass sie “dynamisches Abzielen” der Werbung innerhalb einer bestimmten Folge anbieten können.

Die optimistische Sicht auf Acast (und andere Firmen, die dieses Feld betreten) lautet, dass die stumpfe MP3 die Möglichkeiten des Podcast einschränkt, und dass wir uns weiterbewegen sollten, damit sich hier etwas entwickeln kann. Der Pessimist würde sagen, dass, egal welche Technik als nächstes aufkommt, keine je mehr so offen sein wird wie die RSS-Plus-gestützte MP3-Technologie am Anfang des Podcasting-Trends. Und das könnte bedeuten, dass die privaten Plattformen das Feld übernehmen.

Marco Armendt, Erfinder der beliebten Overcast-App für iTunes, verteidigt sich damit, dass die Firmen “dieses offene Medium einschränken und in einen Zustand der urheberrechtlich geschützten Technik versetzen wollen. Sie wollen Imperien mit Mittelsmännern aufbauen, um alles zu kontrollieren und von jedem ein wenig Umsatz abzapfen. So macht man das ganz große Geld. Und meistens funktioniert das auch.

Schauen wir uns nochmal an, was bei den Blogs los ist. Hatte jemand Mitte der Neunziger einen Blog, hat er den Code vielleicht noch per Hand geschrieben. In den frühen 2000ern hat man wahrscheinlich einen Hoster wie Blogspot genutzt. Hier wurde die technische Komplexität heruntergebrochen, indem man das Backend einer Firma wie Google übergab.

Spulen wir vor bis heute, sehen wir, dass das meiste, was wir vor zehn Jahren noch unter Bloggen verstanden haben, mittlerweile auf den sozialen Plattformen wie Facebook und Twitter passiert.

Podcasts sind offen, aber auch kompliziert und technisch eingeschränkt. Es wird einen Mittelsman geben, der das alles verbessert, und daraus ein Geschäft für sich machen wird.

Alteingesessene

Wo bleibt bei der ganzen Sache eigentlich das Radio? Dieser Teil ist für diejenigen von uns besonders wichtig, die sich um den Journalismus kümmern. Das öffentliche Radio und die zusammengehörigen Sender haben den digitalen Umschwung besser überlebt als die meisten Firmen, aber deren Publikum hat sich eingependelt.

Es gibt beunruhigende Anzeichen dafür, dass die Stationen die jungen Hörer verlieren. Podcasts sind Teil dieses Verlusts, weil beispielsweise viele Pendler ihre Telefone und internetfähigen Autos dazu nutzen, sich in Shows wie “WTF with Marc Maron” anzuhören, statt ihre örtliche Morgenshow (Morning zoo) zu unterstützen, oder lieber Shows wie Reply All hören, statt dem vergleichsweise trockenen All Things Considered.

Natürlich sind viele der am besten bewerteten Podcasts mit einer Lokalradio-Ausrüstung produziert worden, aber die meisten davon werden noch immer von den terrestrischen Sendern und deren Ansprüchen angetrieben. Die Sendungen sind eine Stunde lang, weil das der einzige freie Sendeplatz am Samstagnachmittag ist. Sie werden von einer teuren Infrastruktur produziert, die dem Senderprinzip angehörig ist. Sie sind nur beschränkt einsetzbar, denn eine neue Sendung in einem Sender hinzuzufügen, bedeutet normalerweise, eine existierende Show herauszunehmen. (An die Print-Leute: Kommt euch das bekannt vor?)

Es gibt natürlich auch Erfolgsgeschichten im öffentlichen Radio: Zunächst wäre da Serial, aber auch Sendungen wie Invisibilia oder Hidden Brain. Einige der größten Sendestationen in den USA setzt mittlerweile auf Podcast-Produktionen. (Im Oktober hat der WNYC angekündigt, ein 15 Millionen teures Projekt namens WYNC Studios aufzubauen, um damit Podcasts zu erstellen.

Es ist allerding nicht sehr schwer, den Einfluss des Podcast auf die Sendungen vorauszusehen, der in den Sendern stattfinden wird. In den USA gibt es mehr als 900 Radiosender, und die meisten sind nicht wie WNYC, sondern überleben, weil sie am ehesten das öffentliche Radio und dessen Inhalte repräsentieren. Meist müssen sich die öffentlichen Radiostationen kaum oder keiner Konkurrenz stellen. Sollte Morning Edition nur eines von vielen hochwertigen Auswahlmöglichkeiten aktueller Audio-Programme während der Autofahrt darstellen, was passiert dann mit dem Rest ihrer Arbeit, beispielsweise ihrem Geschäftsmodell?

Bei den Zeitungen haben sich ein paar Riesen wie die New York Times der Herausforderung stellen können, indem sie ein paar erstklassige Teams zusammenstellten und mit den Neulingen direkt konkurrieren konnten. Aber in den Vereinigten Staaten gibt es fast 1.400 Tageszeitungen, und die meisten davon haben nicht die Möglichkeiten, die Fähigkeiten oder eine ausgeklügelte Strategie, die Aufmerksamkeit ihres Publikums online zu binden. Trotz all dieser Erfolgsmeldungen können Podcasts keine Lösung zur Krise der Lokalzeitungen liefern. Ich denke, dass wir weiterhin dabei zusehen werden, wie die Schere zwischen den WNYCs und den kleineren Radiozielgruppen auseinandergeht.

Die Zukunft, die ich hier erkennen kann, ist nicht nur schlecht. Es wird mehr tolle Shows geben als man überhaupt gucken kann, und es wird viel mehr hochwertige Sachen online zu lesen geben als je zuvor. Wir haben diese Trends aber auch schon vor 10 Jahren sehen können – Professionalisierung auf der einen Seite, den Aufbau von Plattformen auf der anderen. Und es wird wieder passieren. Somit wird ein weiterer Teil des Journalismus auseinandergerissen – es bleibt ein zweischneidiges Schwert.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “Podcasting” by Nicolas Solop (CC BY 2.0)


 

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Von Netflix den Spiegel vorgehalten

052:365 - 06/21/2012 Netflix (adapted) (Image by Shardayyy [CC BY 20] via Flickr)

In einem Gastbeitrag auf Netzpiloten.de kommentiert der Drehbuchautor Mark Wachholz den Deutschland-Start von Netflix. ssstart den Produzenten deutscher Fiction-Konzepte eine klare Absage. Es fehle an Serienstoffen, die auch international Interesse wecken. Eine harte Ohrfeige. Aber auch die Chance zur Selbstreflektion?

Der Traum vom deutschen House of Cards

Insbesondere deutsche TV-Autoren und -Produzenten hatten dem Deutschland-Start des amerikanischen VoD-Giganten Netflix wie einer Erlösung entgegengefiebert. Endlich würde ein finanzstarker Player auf den hiesigen Fernsehmarkt treten, der statt Provinzialität, Mittelmäßigkeit und kleinbürgerlicher Piefigkeit endlich nach spannenden, kontroversen und komplex erzählten Serien-Stoffen sucht. „Wir werden sicher auch in Deutschland produzieren“, so Netflix-Gründer Reed Hastings noch zwei Wochen zuvor gegenüber dem Spiegel. Doch der Traum von einem deutschen House of Cards ist vorerst geplatzt.

Schon am Starttag hatten Netflix-Kommunikationsboss für Europa Joris Evers im Interview mit Quotenmeter und Chief Content Officer Ted Sarandos im Interview mit DWDL übereinstimmend gesagt, dass es derzeit keine Pläne des Streamingdiensts gäbe, in deutsche Serien und damit in deutsche Serienmacher zu investieren. Zunächst wolle man, wie bei Netflix üblich, die Vorlieben der deutschen Nutzer auswerten, um daraufhin genauer zugeschnitten nationalen Content zu produzieren. So war die eigenproduzierte Politdrama-Serie House of Cards anhand des Nutzerverhaltens von Netflix US geradezu maßgeschneidert worden, nachdem die internen Auswertungen ergeben hatten, dass die Nutzer Schauspieler Kevin Spacey und Regisseur David Fincher besonders mögen würden.

Doch am Folgetag wurde Netflix-Firmengründer und CEO Reed Hastings im Interview mit Blickpunkt:Film deutlicher: „Wir haben in Deutschland Ausschau gehalten nach geeigneten Stoffen – aber nichts gefunden.“ Einer der Hauptgründe gegen eine lokal produzierte Serie sei laut Hastings das Fehlen von Themen „von weltweitem Interesse“ in den bei ihnen eingereichten Serienkonzepten. Unvermittelt wurde so der deutschen TV-Fiction der Spiegel vorgehalten. Plötzlich darf sich hiesige Stoffauswahl und Erzählkunst nicht mehr nur mit sich selbst vergleichen. Netflix spricht augenscheinlich direkt aus, was sowohl Zuschauer als auch Branchenkenner seit Jahren empfinden: Fiktionales deutsches Fernsehen erscheint im internationalen Vergleich rückständig und bedeutungslos.

Der Kampf gegen den deutschen Fernseh-Behemoth

Dabei ist davon auszugehen, dass viele, vor allem große deutsche Produktionsfirmen mit ihren Autoren endlich jene Ideen und Stoffe aus den Schubladen holten, die für das öffentlich-rechtliche und private Fernsehen in Deutschland zu aufwändig, zu komplex oder zu progressiv wären. Obwohl sie für die Präsentation ihrer Konzepte – in Ermangelung eines Netflix-Ansprechpartners in Deutschland – wohl direkt in der Firmenzentrale Los Gatos in Kalifornien vorsprechen mussten, sollten das die besten und zugkräftigsten Ideen gewesen sein, die hierzulande aufgeboten werden können. Ein Beteiligter erzählt beispielhaft von einem gut strukturierten, grafisch reichhaltig illustrierten und mit belastbaren Businesszahlen aufbereiteten Pitch, der Story und Potential der Serie griffig darstellte.

„Man begibt sich nicht auf diese Via Dolorosa, weil man Soaps und Scripted Reality schreiben will“, sagt beispielsweise Drehbuchautor Stephan Greitemeier (Switch Reloaded, Chefautor beim Game Evil & Genius). In der Tat: Niemand wird sich mit einer weiteren Abwandlung von Ärzte-Soaps, unaufgeregtem Dorfidyll oder neuen „Schmunzelkrimi“-Derivaten bei Netflix vorgestellt haben. Wen man auch fragt: Die deutsche TV-Branche kennt und liebt die revolutionären amerikanischen Serien von Breaking Bad über Game of Thrones bis zu The Walking Dead (und ungefähr hundert andere, über die jeder angeregt redet). Auf Netflix als Big Player wurde nicht zuletzt auch deshalb so gehofft, „weil eine Revolution des deutschen, in sich selbst verwachsenen und erstarrten Fernseh-Behemoths von innen unmöglich erscheint“, so Greitemeier.

Für eine Qualität, die man von amerikanischen und anderen internationalen Serien gewohnt ist, hat es aber allem Anschein nach erst einmal nicht gereicht. Und zwar teamübergreifend nicht, wenn Netflix zu diesem allgemeinen Urteil über deutsche Erzählqualität gelangt. Nun wissen wir nicht, welche Ideen und Storys die deutschen Bittsteller im Einzelnen für so gut und einzigartig befanden, dass sie internationalen Ansprüchen genügen und damit konkurrenzfähig auf dem internationalen Markt sind. Wir wissen nur, dass Netflix bislang bei seinen hoch gelobten und vielfach prämierten Eigenproduktionen wie der Crime-Comedy Lilyhammer, dem spannenden Politdrama House of Cards oder dem Gefängnis-Comedydrama Orange Is the New Black hohes Qualitätsbewusstsein zeigte und alles richtig gemacht hat.

Welche Strategie fährt Netflix in Deutschland?

Es ist gar nicht so klar, ob Netflix überhaupt dafür brennt, lokale Eigenproduktionen in Deutschland anzukurbeln. Huan Vu, Regisseur der kommenden Lovecraft-Verfilmung Die Traumlande und eines der Gründungsmitglieder des Neuen Deutschen Genrefilms, hat das Gefühl, dass das Unternehmen hier nicht viel mehr als einen „halbgaren Testballon“ gestartet hatte, „um Goodwill zu demonstrieren“.

Dafür spricht zum Beispiel der stete Verweis der Netflix-Sprecher, dass man mit der Sci-Fi-Mysteryserie Sense8 ja bereits eine internationale Produktion in der Entwicklung habe, die explizit auf die Expansionsbestrebungen des Unternehmens zurechtgeschnitten ist: Verantwortlich sind die Wachowski-Geschwister (The Matrix, Cloud Atlas), die eine Story in acht verschiedenen Ländern – darunter auch Deutschland – erzählen. Die deutsche Hauptfigur wird von Max Riemelt (Wir sind die Nacht, Urban Explorer) gespielt, es soll auch in Berlin gedreht werden. Tom Tykwer wird Regie in einer der Episoden übernehmen (wenn auch nicht die in Deutschland, sondern die in Nairobi).

Huan Vu sieht die Entwicklung in Deutschland nüchterner: „Netflix wird in seinen Marktanalysen feststellen, dass die Deutschen sehr gerne amerikanisches Zeug schauen und sowohl englischen Originalton als auch deutsche Synchronisation akzeptieren. Und aus Deutschland kam im Gegensatz zu Großbritannien, Frankreich oder Skandinavien über lange Zeit nichts Dickes mehr. Das Einzige, was deutsche Sender erfolgreich machen – deutsch verwurzelte Krimis und deutsch verwurzelte Komödien – ist für Netflix nicht so interessant, da sie das nicht in anderen Territorien auswerten können. Das wäre also so, als wenn Mercedes oder Volkswagen vor dem Markteintritt in Nordkorea ein Joint Venture mit dem dortigen Staatsbetrieb für Zugmaschinen eingehen würden. Während es in Frankreich massiv Stunk durch Politik, Establishment etc. gibt und deshalb mit dem Politdrama Marseille sofort eine französische Serie produziert wird, begrüßt man Netflix hierzulande eher wie den rettenden GI anno 1945, der hoffentlich die deutsche Fernsehdiktatur umkrempelt.“

Dabei spielt es dann auch weniger eine Rolle, dass gerade der deutsche Fernseh- und VoD-Markt als sehr fragmentiert und von mehreren starken Playern besetzt gilt: Maxdome, Watchever, Amazon Prime im Streaming-Segment, dazu das starke Angebot der privaten Sender und der Öffentlich-Rechtlichen mit jährlichen Rundfunkgebühren von über 8 Milliarden Euro. Netflix könnte gerade in Deutschland auf mehr Bindung durch lokale Eigenproduktionen setzen, um sich einen wichtigen Marktvorteil zu sichern. Doch der Streamingdienst will vorerst nicht.

Dass es Netflix-Chef Reed Hastings jedoch nicht einfach bei den – eigentlich völlig ausreichenden – Begründung belässt, die Vorlieben deutscher Nutzer erstmal zu analysieren, mit Sense8 eine internationale Produktion mit deutschen Anteilen zu produzieren und sowieso erstmal ein bis zwei Jahre abwarten zu wollen, wirft vor dem Hintergrund der obigen Überlegungen durchaus Fragen auf. Sollen etwa durch die öffentliche Ablehnung deutscher Erzählkunst hierzulande Ambitionen geweckt werden? Oder ist es gar, wie mancher heimlich hofft, vor allem ein Nein zur Denkweise der alten Garde von TV-Filmemachern, die das bisherige System auf Laufen gehalten haben? Autor Stephan Greitemeier sieht in der deutlichen Ansage Netflix’ vor allem ein Signal an „die zweite Generation, die messerwetzend in den Startlöchern steht“ – also all jene Autoren, Produzenten und Schauspieler, die mit dem bisherigen System nichts (mehr) anfangen können. Der Glaube an Netflix als Game Changer bleibt also.

Auf Mittelmaß konditionierte Autoren

Deutsche Autoren und Filmemacher diskutieren nicht erst nach der aktuellen Netflix-Klatsche, ob in Deutschland überhaupt genug Handwerk und Übung vorhanden ist, auf internationalem Serienniveau mitzuspielen. „Ich fürchte, dass viele deutsche Produzenten und Autoren, die durch die Mühlen der deutschen TV-Produktion gegangen sind, gar nicht mehr in der Lage sind zu verstehen, was für Netflix internationales Appeal aus macht“, meint Axel Ricke, Regisseur des Sci-Fi-Kurzfilms D-I-M, Deus In Machina (2007) und Produzent bei Lumatik Film. Auch Autor Stephan Greitemeier glaubt: „Die degetoisierten Produzenten sind das Nadelöhr. Sie arbeiten mit degetoisierten Lohnschreibern zusammen, denen zwanzig Jahre Fernsehmarkt jede Innovationskraft ausgepresst haben. Es ist schon bestürzend: Da haben wir nette, clevere Leute, oft mit gutem Geschmack – aber das System hat viele festgefahren und mutlos gemacht.“

Es geht in diesen Überlegungen um den grundsätzlichen Verdacht, dass das deutsche TV-System über Jahrzehnte Autoren und Produzenten maßgeblich konditioniert hat und hier auch bei besten Absichten schlichtweg nicht die erzählerische Qualität erreicht werden kann, die es international heutzutage braucht. „Da wir national schon seit Jahrzehnten keine Nachfrage in dieser Richtung haben, gibt es hier auch kaum Erfahrung im Umgang mit Geschichten dieser Art“, lässt sich ein deutscher Drehbuchautor in der aktuellen Debatte zitieren. „Ideen gibt es bestimmt viele, nur mangelt es entweder an der Umsetzung, oder man hat kein Vertrauen in die deutschen Autoren und glaubt nicht, dass sie so etwas stemmen können.“

Vielleicht, so die Befürchtung, erscheint es Netflix schlichtweg zu aufwändig, bei uns erst noch in den Qualitätsaufbau investieren zu müssen. Denn der heimische Markt für Konzepte und Drehbücher verlangt vor allem nach unterkomplexer Unterhaltung. Selbst abseits von den täglichen Soap-Welten schreiben Serien-Autoren in Deutschland vor allem schematische Krimi-Episoden in Kreuzworträtsel-Dramaturgie, seichte Nonnen- und Krankenhaus-Banalitäten oder verschämt-lustige Alltagskomödien, die niemandem wehtun. Immer wieder fällt der Begriff der „Schere im Kopf“, die durch die Konditionierung ob solcher Anforderungen inzwischen so stark sei, dass man sie immer wieder aktiv in seinem Kopf entfernen muss, um auf internationalem Niveau zu denken. Wenn es überhaupt gelingt: „Ich erwische mich selbst immer wieder dabei, wie im Kopf die Schere zuschnappt. Es kostet tatsächlich Kraft, sich von dieser Denke zu lösen. Sehr erschreckend.“, so Regisseur und Produzent Axel Ricke.

Wie beispielsweise Game of Thrones aussehen würde, wenn es durch die Mangel deutscher Fernsehqualität genommen würde, zeigt dieser Tage anschaulich – und trotz aller Parodie erschrecken authentisch – der folgende Clip von Walulis sieht fern. Ähnliche Assoziationen rief bereits die Ankündigung des ZDFs hervor, ein deutsches Breaking Bad zu produzieren – mit Bastian Pastewka als Geldfälscher im Taunus.

Auf der Suche nach internationaler Qualität

Aber stimmt die Einschätzung, deutsche TV-Fiction hätte kein internationales Appeal? Der letzte Bulle (2010-2014), laut Bekundung der Branche eine der besten deutschen TV-Serien derzeit, wurde vom französischen Sender TF1 erfolgreich in bislang zwei Staffeln adaptiert. In den USA wurden vom Letzten Bullen und von Danni Lowinski (beide SAT.1) jeweils Piloten bei TNT respektive The CW getestet. Von Danni Lowinski (2010-2014) gibt es Remakes in Belgien, der Ukraine und den Niederlanden. Der Tatortreiniger (seit 2011) vom NDR wurde bislang in die USA und nach Frankreich verkauft. Und dann sind da doch immer noch der in über 100 Länder verkaufte Derrick (1974-1997) und die Action-Serie Alarm für Cobra 11 (seit 1996), die wohl international erfolgreichste Serie aus deutscher Produktion mit Verkäufen in 150 Ländern.

Hier sind Relationen wichtig. Der internationale TV-Markt ist wegen des kontinuierlich steigenden Bedarfs an erfolgreicher Fiktion in größter Aufruhr. Jeder ist auf der Suche nach dem nächsten Hit. Und so werden sich möglichst viele Rechte an Stoffen aus aller Herren Länder gesichert, ohne dass diese Stoffe – erzählerisch – in der gleichen qualitativen Liga spielen wie 24, Lost oder Orphan Black. Hier müssen wir ehrlich sein: In Deutschland tun sie es nicht. Wenn hierzulande eine Serie – unabhängig von ihren Quoten – als sehr gut und außergewöhnlich gehandelt wird, dann passiert das im Vergleich zum restlichen Angebot im deutschen Fernsehen. Wenn Netflix aber wie in Großbritannien über 125 Millionen Euro für die Serie The Crown über die 60-jährige Regentschaft der Queen auf den Tisch legt, dann mit der klaren Absicht, einen unter Kritikern und beim Publikum weltweiten Tophit in ihr Portfolio aufzunehmen.

Die Sorge übrigens, dass deutsche Produktionen mit einer Orientierung am internationalen Massengeschmack auf diesen hin normiert werden würden und gerade dadurch lokalen Flair, Atmosphäre und Authentizität verlieren würden, scheint dagegen eher unberechtigt. Ganz im Gegenteil: Lilyhammer-Schöpfer Steve Van Zandt erzählte im Rolling Stone über die Entstehungsgeschichte seiner Serie: „I said to people, „The way to make this more international is to make it more Norwegian – as Norwegian as we can make it. I want to know every nuance, detail and eccentricity that people might find interesting or different.“ I also said, „I want to make Norway a character in this show, because it’s a complete mystery to most people.“ No one knows a thing about it, so I wanted to reveal it in the best way I could.“

Auch Reed Hastings sagt in seinem Statement in Blickpunkt:Film nicht, dass sich internationale Serien nicht „deutsch“ anfühlen dürfen. Serien wie Lilyhammer, The Crown oder Marseille versprühen gleichermaßen lokale Identität und internationales Appeal. Sie wurden von Netflix in Auftrag gegeben, um die jeweiligen Märkte in Europa – hier also Skandinavien, Großbritannien und Frankreich – zu bedienen und weltweit interessant zu sein. Die Frage, die sich Autoren und Produzenten hierzulande also stellen müssen: Was fühlt sich „deutsch“ an und hat „internationales Appeal“? Was bietet lokale Qualitäten, ohne dass es sich anfühlt wie das Meiste, was hier provinziell, erstarrt und in jeder Hinsicht unenthusiastisch für das deutsche TV produziert wird?

Kann Deutschland nur mit seiner Vergangenheit punkten?

„Die Befürchtung ist, dass weltweit interessante Ideen aus Deutschland alle nur wieder in der Vergangenheit liegen – also wieder Nazi-Stoffe, wieder DDR-Stoffe. All das, wovon wir eigentlich selbst die Schnauze voll haben“, stöhnt ein weiterer Autor. Die Sorge hat eine starke Grundlage: Seit Langem scheinen beispielsweise deutsche Filme nur noch dann Oscar-Chancen zu haben, wenn sie mit einer der beiden deutschen Diktaturen zu tun haben: siehe Caroline Links Nirgendwo in Afrika (2001, Oscar), Oliver Hirschbiegels Der Untergang (2004, Oscar-Nominierung) oder Florian Henckel von Donnersmarck Das Leben der anderen (2007, Oscar).

Deutschland schickt auch selbst gern Filme mit ähnlicher Thematik immer wieder ins Rennen, wie 2013 gleich im Doppelpack mit Georg Maas’ Nazi-Stasi-Drama Zwei Leben (2012) und Cate Shortlands Endkriegsdrama Lore (2012), auch wenn das für Australien startete. Auch andere hierzulande und teilweise auch international gelobte TV-Produktionen wie Weißensee (seit 2010) und Unsere Mütter, unsere Väter (2013) spielen in genau diesen Welten. Der Verdacht liegt also nahe, dass wir um unsere Vergangenheit kaum herumkommen, wenn wir »weltweit interessante Themen« bedienen wollen.

Doch der Glaube, im Ausland kommen aufgrund dieser Erfolge ausschließlich Drittes Reich und DDR-Überwachung an, ist vielleicht die größte Schere im Kopf hiesiger Filmschaffender. Keine Frage: Deutschen Produktionen wird eine größere Glaubwürdigkeit in der Auseinandersetzung dieser Topics entgegengebracht. Deutsche Filme insbesondere über den Nationalsozialismus sind sicherlich international auch ein gewichtiges, erfolgsversprechendes Brand. Die starke weltweite Rezeption solcher Storys aus Deutschland hat aber noch einen anderen, vielleicht viel entscheidenderen Grund:

Aus dramaturgischer Sicht liefern beide Topics von sich aus bereits sehr starke, inhärent eingebaute erzählerische Konflikte. Sie bieten damit also ganz automatisch schon dramatisches Potential. Einmal ungnädig formuliert: Man kann hier als Autor erstmal kaum etwas falsch machen. Vergleicht man die Spannung dieser Filme und Serien mit der Spannung beim Rest des deutschen Fernsehens, dann liegt schnell der Schluss nahe: Mit Naziterror und Stasiüberwachung wird es packend. Ohne eher nicht. Das würde bedeuten: Die Kunst dramatischen Erzählens wird hierzulande tatsächlich nicht wirklich beherrscht und über thematische Krücken wie DDR- und Nazi-Diktatur eher nur kaschiert. Deren Erfolg macht blind für den eigentlichen Zustand hiesiger Erzählqualität.

Die internationale Konkurrenzfähigkeit deutscher Stoffe wird sich vor allem dann offenbaren, wenn auch mit anderen Ideen und Konzepten packende Geschichten erzählt werden können. Der Auftrag wäre, etwas zu schaffen, das hier und heute spielt (oder in anderen Welten abseits der Etablierten) und den Nerv der Welt und Zeit trifft. Auch Autor und Regisseur Peter Koller, der aktuell mit Spier Films an der Sci-Fi-Politserie Rio Ten arbeitet, versteht die Angst vor der Beschränkung auf rückwärtsgewandte Themen nicht: „Wir leben in einer Topzeit, was Stoffe angeht. Man muss ja nur die Zeitung aufmachen, da gibt es genug international relevante Stoffe: Hamburger 9/11-Zelle, Überwachungsskandale, oder sogar die Verknüpfung mit der Vergangenheit einer Nation, die keinen Krieg mehr will, aber in internationale Konflikte und Waffendeals reingezogen wird, Truppen in Afghanistan, jede Menge Spionage. Da ist von Homeland bis House of Cards so ein breiter Bereich möglich – ich kann mir gar nicht vorstellen, dass so etwas nicht an Netflix herangetragen wurde.“

Diese breitgefächerten und hochspannenden aktuellen Themen wecken auch bei anderen Autoren Hoffnung: „Gerade in politischen Stoffen liegt eine große Chance, denn aktuelle Politik wird im deutschen Film nicht thematisiert, weil die Branche am Tropf der Politik hängt“, heißt es in Zustimmung auf Kollers Kopfschütteln. Die Hoffnung liegt hier weniger in der Internationalität, sondern mehr darin, dass Netflix dort reingrätscht, wo großer Mangel im deutschen Fernsehen herrscht. Der Fokus auf packende und beim Zuschauer hochgradig beliebte Geschichte solle dem deutschen medialen Status Quo „den Krieg erklären“ – und damit den Zuschauer hierzulande emanzipieren von Krimi-Dauerschleife und heiler Jägerzaunhüter-Welt.

Im Kern geht es also letztendlich einfach immer um sehr gut erzählte Geschichten mit einer einzigartigen Prämisse. Nichts anderes bedeutet nämlich „internationales Appeal“. Die Beispiele dafür, dass internationale Marktfähigkeit und zeitgemäße Themen kein Zauberding sind, sind vielfach: das norwegisch-amerikanische Lilyhammer, die schwedische Roboterdrama-Serie Äkta människor (Real Humans – Echte Menschen), die dänischen Krimiserien Forbrydelsen (The Killing, hier bekannt als Kommissarin Lund – Das Verbrechen) und The Bridge (hier bekannt als Die Brücke – Transit in den Tod), die beide in den USA neu gedreht wurden, die französische Wiederkehrer-Drama-Serie Les Revenants (US-Remake in Arbeit), die israelische Thrillerdrama-Serie Hatufim (Prisoners of War – Vorlage für das US-Remake Homeland) oder die israelische Dramaserie BeTipul (die Vorlage für In Treatment). Sie alle zeigen, dass deutsche Serien-Produktionen längst von kleinen Fernsehnationen überholt wurden. Ach, und House of Cards ist natürlich ein Remake der gleichnamigen britischen Polithriller-Miniserie von 1990.

Der wichtigste Moment deutscher TV-Geschichte?

Für die hiesigen Sender ist Netflix’ Zurückhaltung ein Grund zum vorläufigen Aufatmen. Noch müssen sie sich nicht dem modernen Vergleich im eigenem Territorium stellen. Und noch fehlt dem Publikum der Beweis, dass auch mit deutschen Autoren, deutschen Produzenten und deutschen Schauspielern packendes, serielles TV-Erzählkino auf dauerhaft hohem Niveau und losgelöst von sicheren Übungsschauplätzen wie Krimi (Tatort), DDR (Weißensee) oder Drittem Reich (Unsere Mütter, unsere Väter) möglich ist.

Dass Netflix jetzt zögert, kann aber gleichzeitig die Chance sein, die Zeit zu nutzen und sich auf ein internationales Niveau zu hieven, bevor uns erst die Amerikaner zeigen müssen, wie es geht. Die vernichtende Reaktion des Streamingdiensts auf deutsche Serien-Qualität ist der vielleicht notwendige Spiegel, der deutschen TV-Machern vor Augen führt, wo sie im internationalen Vergleich aktuell stehen. Und soweit zu hören ist: Netflix empfängt auch weiter deutsche Produzenten. Manche der eingereichten Stoffe sind – entgegen der öffentlichen Interpretation – auch noch nicht abgesagt worden. Und es geht Netflix langfristig gesehen womöglich nicht nur ums deutsche Fernsehen, sondern vielleicht auch um Koproduktionen mit dem hiesigen Kino.

So schnell wird der Streaming-Gigant sein Image als Heilsbringer also nicht los. Doch es besteht die Gefahr, dass sich deutschen Produzenten und Autoren von einem Tropf nur an den nächsten hängen lassen. Dabei könnte jetzt, wo Netflix noch zögert, der vielleicht wichtigste Moment in der neueren deutschen TV-Geschichte sein. Die Zeichen der Zeit lassen eigentlich nur einen Schluss zu: Nationale Produktionen müssten sich in Qualität, Anspruch, Modernität und Zuschauerbegeisterung gegenseitig überbieten wollen. Noch ist Zeit, neue Eigenständigkeit und neues Selbstvertrauen in das eigene Können aufzubauen. Dann muss man künftig auch nicht mehr als Bittsteller an Investoren und Sender herantreten, sondern könnte derjenige sein, von dem Investoren und Sender unbedingt etwas haben wollen und sich gegenseitig in ihren Angeboten überbieten.

In einer Zeit permanenten Zuschauerschwunds, in der Sender und Content-Anbieter nach starken Marken und Inhalten mit großer Zuschauerbindung suchen, würde das Pushen der erzählerischen Qualität deutscher Fiktion auf neue Level nicht nur ein neu belebtes deutsches Fernsehen generieren. Es wäre auch die Chance, in der dann qualitativ hoffentlich großen Masse genau in größerer Kontinuität jene nochmals herausstechenden Einzelfälle zu finden, die internationales Niveau erreichen und um die uns die Welt beneiden kann.

Denn die größte Frage ist am Ende: Was hat Deutschland der Welt Spannendes zu erzählen?

Dieser Beitrag wurde zuerst auf Genrefilm.net veröffentlicht und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.


Image (adapted) „052:365 – 06/21/2012 – Netflix“ by Shardayyy (CC BY 2.0)

 


 

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Kann ein Blog ein Qualitätsmedium sein?

Qualitätsmedium BlogAm Donnerstag besuchte ich eine Podiumsdiskussion zum Thema „Die Zukunft der Presse im digitalen Zeitalter“, im Rahmen einer Vorführung der Dokumentation „Page One – Inside The New York Times“, auf dem Filmfest Hamburg. Ich erhoffte mir einen Einblick hinter die Kulisse der klassischen Printmedien und besonders durch das Gespräch der Gäste ein paar Denkanstöße, wie Qualitätsmedien und die Anforderungen des Internets zusammen funktionieren könnten. Anstatt aber über mögliche Wege und Strategien zu sprechen, wurde ein Großteil der knappen Zeit leider dafür verwendet, die Dokumentation zu kommentieren und zu erklären, warum klassische Qualitätsmedien und digitale Medien unterschiedlicher nicht sein können… Weiterlesen »

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