Content: Geld oder Freiheit?

Der Eine (Yochai Bekler) sagt im Jahr 2006, das Internet sei ein Mittel für die gemeinsame Wissensproduktion. Der Andere (Nicholas Carr) wettet dagegen, das Netz mache uns blöd, in fünf Jahren hätten nur noch professionelle Inhalte Einfluss. Wer hat nun Recht behalten?

Nicholas Carr wurde spätestens im Sommer 2008 berühmt, als er seinen denkwürdigen Essay im amerikanischen Magazin Atlantic Monthly verfasste: “Macht Google uns blöd?“ Carr beschreibt darin die Veränderungen, die der kontinuierliche Informationsfluss aus dem Internet auf seine Art zu denken hat. Er beruft sich dabei auf den Medientheoretiker Marshall McLuhan, der schon in den Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts darauf hinwies, dass die Medienkanäle uns zwar mit Inhalten und Gedanken versorgen aber eben auch den Prozess unseres Denkens beeinflussen. Diese kritische Sicht auf Inhalte im Web hat allerdings auch eine positive und konstruktive Entsprechung. Denn noch nie in unserer Geschichte haben so viele verschiedene Menschen gemeinsam an einer Wissensbasis gearbeitet. Yochai Benkler ist Professor für Rechtswissenschaften und mittlerweile einer der Direktoren des renommierten Harvard Berkman Center for Internet & Society. Er hatte 2006 in seinem Buch “Wealth of Networks“ auf die Transformation hingewiesen, die vom weltweiten Datennetzwerk ausgeht. Denn das netzbasierte soziale Produzieren verändert aus seiner Sicht nachhaltig unsere Praxis von Freiheit und Markt. Im offenen Online-Lexikon Wikipedia und in gemeinsam erstellter kostenfreier Software wie dem Betriebssystem Linux oder dem in vielen Büros beheimateten OpenOffice sieht er das Vorbild für diese Art sozialer Produktion. Die Produkte sind Gemeingut. Jeder kann mitarbeiten und jeder kann es nutzen. Die dem traditionellen Urheberrecht entgegenstehende Lizenzform dieser Werke ist den Netznutzern unter dem Begriff Creative Commons bekannt.

Im Jahr 2006 hatten die beiden Autoren einen Disput darüber, ob sich in fünf Jahren im Internet eher die gemeinsam erstellten Inhalte bei den Lesern durchsetzen würden (Benkler) oder die von Verlegern bezahlten Inhalte den höchsten Einfluss gewinnen würden (Carr). Carr hatte in einem Blogbeitrag die Tragweite der Kernaussage in Benklers Buch angezweifelt. Denn letztlich würde das gezahlte Geld den besten Hinweis dafür liefern, welche Inhalte die besten im Web wären. So ganz einfach ist jedoch nicht. Schaut man bei Google nach einem beliebigen Wort, wird unter den ersten zehn Treffern garantiert ein Hinweis auf Wikipedia auftauchen – und natürlich Youtube. Insofern hätte Benkler die Wette gewonnen. In Bezug auf die folgende Generation wird dieser Aspekt bis heute noch immer unterschätzt. Denn deren Referenz in allen Lebenslagen ist Wikipedia, ihre Fernsehkanäle liefert alle Youtube. Aber betrachten wir den Aspekt des größten Einflusses auf die ganze Bevölkerung, sieht die Sache anders aus. Denn hier geht es um den öffentlichen Raum, den das Netz abbildet. Anders als der passive Konsum von Radio und Fernsehen, hat das Lesen eine besondere Bedeutung. In der Mittagspause, beim Warten auf Kollegen bei einem Meeting oder per Smartphone in der Straßenbahn: Wir alle suchen im Netz ein paar Krumen der Neuigkeiten. Und genau die gibt es bei Wikipedia und Youtube noch nicht.

Welche Lieferanten im Web für aktuelle Inhalte gelten als diejenigen mit dem meisten Einfluss in Deutschland? Viele Statistiken weisen Angebote wie Spiegel Online und Bild.de aus, wenn es um die größte Reichweite geht. Beide Webseiten sind auf den ersten Blick ein klarer Nachweis, dass Nicholas Carr recht hatte. Aber bei genauer Betrachtung wird das Bild differenzierter: Denn beide arbeiten mittlerweile mit Elementen aus dem Bereich Social Media. Bild.de probiert auf den lokalen Websites des Springer-Konzerns den Einsatz von Bürgerjournalisten. Die Idee gilt im Lokaljournalismus zwar als alter Hut, denn sie wird und wurde auch bei Tageszeitungen praktiziert, aber es ist ein Anfang.

Der Spiegel geht seit kurzem einen Schritt weiter. Denn beim Hamburger Nachrichtenmagazin finden sich jetzt einige Blogger wieder, die früher ohne Vergütung im Netz publizierten. Sie fassen in kleinen Kolumnen aktuelle Themen aus dem Internet elegant zusammen. Neue Perspektiven auf das Web oder dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft kommen nur selten vor. Aber gerade diese Art der Inhaltspflege (Content Curation) genießen viele Nutzer. Denn sie erspart das Zusammensuchen derselben Diskussionen in den vielen spezialisierten Blogs. Kritiker könnten dieses Vorgehen als Abschöpfen des Rahms ansehen aus der Welt der engagierten und kostenfreien sozialen Produktion. Im Rauschen der Informationen in Lichtgeschwindigkeit wäre eine kleine Hilfe gerade recht. Und so schauen viele Surfer in ihre Twitteraccounts, bei Facebook oder Google+, was Bekannte oder Freunde empfehlen. Dort tauchen sehr häufig die Artikel der sogenannten Qualitätsmedien und die Hintergrundartikel der bewährten und bekannten Blogger auf. Was aber hat wirklich Einfluss?

Die erfahrenen Nutzer im Web betrachten dieses Problematik aus einer Metaebene. Denn mit einem Dienst wie rivva.de kann man sich täglich über die Inhalte informieren, die von verschiedenen Texten als Quellen referenziert werden. Die Auswertung übernimmt eine Software, die die bekanntesten Websites im Netz durchforstet. So wird quasi in Echtzeit der Einfluss gemessen. Wenn man diesen Dienst einige Tage betrachtet, dann wird offensichtlich, dass in den seltensten Fällen die Herkunft eines Beitrags aus einem Medienhaus oder von einem engagierten Blogger den Ausschlag gibt. Es sind Agenturmeldungen über echte Neuigkeiten, also tagesaktuelle Meldungen. Sie haben den höchsten Einfluss auf andere Texte.

Benkler und auch Carr hatten im Jahr 2006 eine wesentliche Einflussgröße missachtet: Das Netz ist der schnellste Medienkanal. Eine Twittermeldung löst einen Artikel oder einen Blogbeitrag aus. Und schon ist dies der Anfang einer unendlichen Kette von Texten. Dass was laut Benkler im Jahr 2006 den eigentlichen Wert sozialer Produktion ausmacht, scheint in großen Teilen nicht eingelöst zu werden: Sowohl auf der Seite der Sozialen Medien im Web 2.0 wie auch bei vielen Verlagen sieht man eine enorme Wiederholungsrate derselben Inhalte. Fachwissen ist selten am Werk, wenn Agenturmeldungen neu formuliert werden. Hier wird klar, dass auch Carr angesichts der Informationsflut Unrecht hatte, denn wenn etwas Hunderte Male wiederholt wird, geht der Informationsgrad im Internet insgesamt gegen Null. Die Folge ist höchstens eine Ermüdung und keine Überlastung. Aber auch bei der sozialen Produktion ist nicht alles Gold, was glänzt.

Die basisdemokratischen Projekte wie die Bewegung offener Software (Open Source) und Wikipedia leiden an vielen Stellen an all den Problemen, die wir in den uralten Vorbildern der neuen sozialen Produktion auch schon kennen: Vereinsmeierei. Das alte Hauen und Stechen hinter der Fassade gemeinnütziger Arbeit. Die kleinen Vereinsmitglieder engagieren sich aus Überzeugung und die Vorstände ergehen sich in Profilneurosen. Und bei offener Software ist oft das Projekt am erfolgreichsten, das von möglichst wenigen Führungspersonen dominiert wird. Bestes Beispiel ist Linux.

Dass Bürgerjournalismus auch ganz anders als bei bild.de funktionieren kann, haben wir alle angesichts der arabischen Revolution erlebt. Auch die Frauen in streng konservativ geprägten Gesellschaften nutzen das Web, um von zuhause ihre Probleme und Wünsche in der Welt zu artikulieren. Neue Projekte in Afrika und Haiti nutzen das Internet, um Transparenz in Echtzeit zu realisieren. So kann im Internet jeder verfolgen, wo in Haiti aktuell noch frisches Wasser und Zelte gebraucht werden oder wo in afrikanischen Städten Frauen sexuell unterdrückt werden. Denn mit dem mobilen Netz können viele Menschen im Internet jederzeit zeigen, was ihnen gerade passiert.

Es liegt an uns, diese vielen Daten über unsere Welt in Erkenntnisse und Handlungen umzusetzen. Der Streit darüber, ob professionelle Informationsdienstleister oder Amateure mehr Einfluss haben, ist angesichts der vielen wichtigen Themen, über die nicht berichtet wird, eher zu vernachlässigen. Die Leser müssen sich die Frage gefallen lassen, warum sie so selten Themen ohne aktuellen Bezug oder tiefe Analysen anklicken. Wenn es ganz schlimm kommt, dann ist der lachende Dritte derjenige, der alle aktuellen Themen hübsch unterhaltsam zusammenfasst und uns damit einlullt. Dann haben wir alle die Wette verloren.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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