Griechenland: Rote Rosen aus Athen

Am 25. März begeht Griechenland seinen Nationalfeiertag, den Jahrestag des Beginns der Griechischen Revolution 1821. Zum Feiern scheint in Athen derzeit aber kaum jemandem in Stimmung zu sein – zur Revolution schon eher.

Gewerkschaften, Parteien, Studentengruppen und Neue Soziale Bewegungen rufen für diesen Tag zu Kundgebungen, Streiks und Demonstrationen auf. Eskalationen der Gewalt sind vorhersehbar. Sie richten sich vor allem gegen die derzeitige Interimsregierung unter Loukas Papadimos sowie gegen die rigiden von EU, IWF und Weltbank auferlegten , und von der Regierung exekutierten Sparmaßnahmen.

Eine stetig sinkende Wirtschaftsleistung, steigende Preise, Kürzungen von Sozialleistungen, eine explodierende Arbeitslosenquote von 22 % in der Gesamtbevölkerung und 50% bei den 18-24 jährigen haben dem Land stark zugesetzt…

„Das Land ist nicht nur wirtschaftlich in eine Depression verfallen “, meint die dreiundreißigjährige Fenia, die in Österreich lebt und gerade auf Besuch bei ihren Eltern in Athen ist. Innerhalb weniger Monate musste die Bevölkerung Lohnkürzungen von bis zu 40% hinnehmen. “Der Mindestlohn wurde auf knapp 500 Euro brutto herabgesesetzt und gleichzeitig steigen auch die Lebenserhaltungskosten rasant an. Die Griechen sind im Grunde ein sehr fröhliches Volk, aber derzeit sieht man davon wenig.“

Für einen Liter griechisches Olivenöl bezahlt man im Athener Supermarkt mittlerweile sechs Euro. Solche Preise will und kann sich hier keiner Leisten. Aus diesem Grund fahren immer mehr Bauern in die Städte und verkaufen ihre Ware direkt an die Konsumenten.Nicht nur Olivenöl, sondern vor allem auch Kartoffeln, Zwiebeln, Oliven, Orangen und anderes Gemüse landen so unter Umgehung der Zwischenhändler – für Produzenten wie Konsumenten gleichermaßen profitabel – auf den Tellern. Der Liter Olivenöl kostet lediglich zwei Euro. Mittlerweile haben sich aber auch die Zwischenhändler organisiert und versuchen die amtierende Regierung von Maßnahmen gegen den Direktverkauf zu überzeugen. Viele sind gezwungen ihre Wertgegenstände gegen Bares zu tauschen. Welche Blüten der Krisen bedingte Goldrausch treibt, zeigt ein Besuch bei einem Goldhändler im von Armut gebeutelten Athener Stadtteil Omonia: Die Kunden bekommen lediglich ein Drittel des Tageskurses ausbezahlt. Sie verkaufen dennoch.

Nördlich von Athen, in der 80.000 Einwohner zählenden Hafenstadt Volos geht man andere Wege. Schon seit mehr als einem Jahr regiert hier neben dem Euro der sogenannte “Tems“. Der Tems ist eine virtuelle Zahlungseinheit im Tauschnetzwerk. Wer möchte kann hier Dienstleistung gegen Ware, Ware gegen Ware oder Dienstleistung gegen Dienstleistung tauschen. Verrechnet wird über ein zentrales, internetbasiertes Verwaltungssystem. Es beschränkt die Menge an Tems die jemand sparen und schulden darf. Die Menschen müssen den Tems benutzen und im Gegenzug ihre Dienstleistungen wie kleinere Reparaturarbieten, Unterricht, Kinderbetreuung etc. anbieten. Wer sich den täglichen Lebensbedarf mit Tems erwirtschaftet, lebt oft bis zu 50% günstiger als mit dem Euro.

Dass es eng wird auf dem sozialen Parkett zeigt auch, dass immer mehr sozial benachteiligte Gruppierungen als Projektionsflächen für die Ursachen der derzeitigen Situation herhalten müssen. Konstantin, 65, Rezeptionist und Opfer eines Raubüberfalls in Metaxourghio meint: “Vor 5 Jahren konnte ich hier noch ohne Angst nachts zu Fuß durch die Straßen gehen, jetzt bin ich nicht einmal mehr im Auto sicher. Die EU hat uns mit den Immigranten einfach im Stich gelassen.“ Im Mai soll gewählt werden. Die Interrimsregierung, deren Berufung hier von vielen als Coup d‘ Etat bezeichnet wird, müsste den Termin spätestens 40 Tage vor dem Wahltermin ankündigen, aber die Angst vor der Wahl ist groß: vor allem EU und IWF, die größten Kreditgeber Griechenlands, befürchten den swahrscheinlichen Sieg der traditionell sehr starken Linksparteien, der zu Zahlungsverweigerungen sowie einem freiwilligen Austritt Griechenlands aus der Eurozone führen könnte.

Wie die Zukunft aussieht traut sich kaum jemand zu fragen. „Die Menschen haben begonnen von einem Tag auf den nächsten zu hoffen“ , sagt Jorgo, ein Bankangestellter und Syndikalistischer Gewerkschafter. Er ergänzt: “Die Leute ertragen die Sparmaßnahmen schon jetzt nicht mehr und die neuen Sparmaßnahmen, die im Gegenzug zu dem letzte Woche verabschiedeten 130 Milliarden schweren Hilfspaket vereinbart wurden, stehen erst auf dem Papier und sind noch nicht bei den Menschen angekommen. Greifen sie dann erstmal, wird hier nichts mehr wie früher sein“. Nur Elias, ein freischaffender Journalist, kann der Krise auch positive Seiten abgewinnen: „ Auf den Staat ist kein Verlass mehr, und die Menschen werden lernen müssen ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen“.

[Text und Fotos: Robert Jolly]

Links:

Webseite der Alternativwährung TEMS (griechisch)
CIA World factbook [englisch]
Europäisches Statistikamt

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