Friede, Freude, Kopf in den Sand

In seiner Kolumne beschäftigt sich Nico Lumma mit dem Medienwandel und Kompetenzen die damit einhergehen. Nicht nur im Beruf, sondern auch in der Schule und Familie. Diesmal geht es um den deutschen Buchhandel. Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels für Jaron Lanier war lange überfällig. Lange dachte man, die Musikindustrie hätte den Schuss nicht gehört und würde die Zukunft verschlafen, aber da haben die Herren der Plattenlabel die Rechnung ohne den Börsenverein des deutschen Buchhandels gemacht. Lange schon führt der Börsenverein einen Kampf gegen das Böse in Deutschland. Das Böse, das ist das Digitale.

Das Böse wird verkörpert von Jeff Bezos und die E-Books sind schlimm, einfach nur schlimm. Na sicher, mit dieser Einstellung kann man einen Verband wie den Börsenverein des deutschen Buchhandels ganz wunderbar positionieren als vermeintlichen Gralshüter des Schönen, Wahren, Guten. Aber ehrlich gesagt wirkt die Führung des Börsenvereins des deutschen Buchhandels wie ein Haufen Ewiggestriger, die nicht mehr verstehen können, welche Veränderungen ihre Branche erfassen und daher verzweifelt versuchen, am Status Quo Ante festzuhalten, denn früher war alles besser.

Jaron Lanier passt da natürlich ganz hervorragend ins Bild. Vom vermeintlichen Saulus zum vermeintlichen Paulus geläutert, verkündet Lanier so zielgerichtet Platitüden, dass man sich durchaus Gedanken über den Zustand deutscher Feuilletons machen muss, die einen derartigen kruden Krempel auch noch feiern. Ein Mahner ist heutzutage jemand, der die Vergangenheit verklärt und Panik vor der Zukunft schürt. Also genau so, wie der Börsenverein des deutschen Buchhandels seit Jahren agiert.

Man könnte ja auch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels dafür nutzen, ein Zeichen zu setzen für die neuen Chancen, die sich in alternativen Publikationsformen wie dem Self-Publishing bieten. Immerhin waren im Mai erstmals alle Top-eBooks auf Amazon.de durch einen Selbstverlag entstanden und nicht durch Verlage auf den Markt gebracht. Aber, hey, wo kommen wir denn da hin? Veränderungen werden so lange ignoriert, bis auch der letzte kleine Buchhändler Pleite gegangen ist und die großen Ketten zwischen Nippes und Spielzeug nur noch vereinzelt Bücher anbieten, von Beratung mal ganz zu schweigen. Eigentlich müsste der Börsenverein des deutschen Buchhandels alles versuchen, um Bücher und Leser zusammenzubringen, aber stattdessen fokussiert man lieber auf das weitere Ausprägen von Vorurteilen gegenüber der Digitalsierung und feiert jemanden wie Lanier mit dem Friedenspreis.

 

Nico Lumma

arbeitet als COO des next media accelerator (http://nma.vc) in Hamburg. Er bloggt auf lumma.de und ist seit 1995 eigentlich nicht mehr offline gewesen. Er ist Mitglied der Medien- und netzpolitischen Kommission des SPD Parteivorstandes und Co-Vorsitzender des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. Unter @Nico findet man ihn auf Twitter. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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