BarCamp für die Elite – Einblicke in den digitalen Elfenbeinturm von Top-Managern und Unternehmern

In Köln wollte man ein Digital Barcamp veranstalten. Fein. Allerdings mit Preisen, die bis 1.450 Euro gestaffelt sind. Frühe Buchungsvögel könnten die Unkonferenz auf Champagner-Niveau zum Schnäppchen-Betrag von 725 Euro ergattern, um dann selbst als Teilnehmer das Programm zu gestalten. Als Hashtag wurde in einer Facebook-Debatte direkt ein Cashtag als neues Markenzeichen in die Runde geworfen, um den digital-darwinistischen Ausleseprozess besser zur Geltung zu bringen. Motto: Was nichts kostet, ist nichts wert. Schließlich will man ja nur die Elite des Managements beglücken. Das kam in der Barcamp-Community nicht so gut an. Schließlich geht es bei den offenen Veranstaltungsformaten um Anschlussfähigkeit und nicht um Ausschluss:

Wenn das Wesen der Digitalisierung darin besteht, Wissen allen verfügbar zu machen, Hierarchien aufzubrechen und kollaborativ den Wandel zu gestalten, und eben dieser Wandel doch an der Elfenbeinturm-Executive-Denke krankt, wie kann man dann im Jahre 2016 allen ernstes noch so Elfenbeinturm-Executive-Formate bringen? Das ist doch Meta-Banane“, kritisiert der Kölner Mittelstandsexperte Marco Petracca.

Der Kommunikationsberater Frank Michna hat bei den Veranstaltern des Höchstleister-Barcamps nachgefragt, was denn in dem Paket für ein Tages-Event von bis zu 1.450 Euro enthalten ist. „Wenn diese Preise aufgerufen werden, könnte man doch mit den Teilnehmern, die Sessions anbieten, ein völlig neues Modell fahren. Im Session-Pitch bekommen dann die Vortragenden mit der höchsten Zustimmungsrate gestaffelte Entlohnungen.“ In der Premium-Kategorie könnten es 500 bis 800 Euro sein. Die anderen Session-Anbieter werden dann mit Zahlungen von unter 500 Euro bedient.

Gratis-Pitch in exklusiver Umgebung

Bei den Machern des Digital Barcamps stieß der Vorschlag von Michna auf wenig Gegenliebe: Da liege ein Missverständnis vor. Der Eintrittspreis sei ein Filter, der dafür sorgt, dass sehr viele elitäre Leute kämen, die sonst nicht zu diesem Veranstaltungsformat gehen. Die Sessiongeber hätten dann die Chance für Präsentationen, um neue Kunden zu gewinnen. „Was da in Köln ablaufen soll, ist nichts anderes als ein Gratis-Pitch. Die Macher werden für ihre Impulsreden von den Teilnehmern bezahlt und die Teilnehmer wiederum sind die Gestalter des restlichen Programms, um gegenüber einem vorselektieren Auditorium zu brillieren. Wer dort hingeht, der hat weder verstanden, was in der digitalen Szene abläuft, noch was ein Barcamp ist“, moniert Michna.

Community Mark wird beschädigt

Die Idee der von Chris Messina entwickelten Community Mark wird mit solchen durchsichtigen Vertriebsabsichten ad absurdum geführt: „Messina ist jemand, dem wir neben der Idee zu der weltweiten Barcamp-Bewegung auch Hashtags zu verdanken haben. Dieser brillante Mann hat mit seinen Leistungen das Leben und den Umgang von allen Menschen mit dem Internet positiv beeinflusst. Das ist visionär. Nicht der Missbrauch eines Namens für etwas völlig anderes“, so Franz Patzig, Urgestein der Barcamp-Community in Deutschland. So sieht das auch Sascha Förster, Mitorganisator des Bonner Bacamps. Jeder könne mit Veranstaltungsformaten so viel Geld verdienen, wie er will. Aber nicht mit dem Label Barcamp. Das stehe nämlich für Offenheit, Partizipation und Augenhöhe, die wird auch über den Preis moderiert. „Wer einen hohen Preis abruft, verliert eines der anderen Voraussetzungen für den Mehrwert eines Barcamps, aber viel schlimmer: verwässert den Begriff, entwertet damit das, was die Community aufgebaut hat und bekommt dann deren Zorn zu spüren, da es keine juristische Marke gibt, sondern nur eine Community-Marke, die nur auf diese Weise geschützt werden kann“, kommentiert Förster. Die Community hat sich erfolgreich gewehrt. Das digital-darwinistische Spektakel findet unter einem anderen Namen statt. Es soll wohl jetzt um Change gehen. Das Notiz-Amt ruft zu einem elitären Change-Flashmob auf.


Image (adapted) „SUIT“ by Jonathan Mueller (CC BY 2.0)



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Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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3 comments

  1. Danke für den Artikel. Ich finde es auch etwas daneben, wenn Preise Vorträge und Zuschauer filtern. Irgendwann ist die Grenze zur Lächerlichkeit erreicht.

    Ich finde, wenn die Veranstaltung so gut ist, dass es sich lohnt, könnte man auch einen geringen Grundpreis anbieten, mit der Möglichkeit bei Gefallen etwas zu spenden.

    PS: Dieser lieb gemeinte Balken mit der Restzeit nervt auf Smartphones ein weinig, weil er immer im Text steht. Ihr solltet ihn entweder bei kleinen Display ausblenden oder die Anzeigezeit ausschließlich auf das Scrollen beschränken.

  2. Gunnar, danke für den Artikel. Gut, dass der Name „Barcamp“ nicht weiter verwendet wird. Im Kern denke ich aber, man soll doch die selbsternannte „Elite“ machen lassen, was sie will. Den Kick, den wir von Barcamps mitnehmen kriegen die sowieso nie, wenn sie immer nur im eigenen Saft dümplen und sich gegenseitig befruchten.

  3. Hallo Herr Sohn, ich habe hierzu gerade ein freundliches Telefonat mit Herrn Gassner geführt und denke, dass das Thema damit zu aller Zufriedenheit aus der Welt geschafft ist. Es hätte im Grunde sehr einfach sein können, aber es gab wohl ein paar Faktoren, die es unnötig verkompliziert haben. Ich werde Sie aber auch noch persönlich kontaktieren. Gruß!

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