DVD als Rarität: Sammeln statt ausrangieren

Bei meinem rituellen Rundgang auf dem Flohmarkt, auf der Suche nach verborgenen Schätzen, machte ich unter allerlei Trödel eine ungewöhnliche Beobachtung, die kaum meiner Aufmerksamkeit entging. Es gab eine überdurchschnittliche Ansammlung an DVDs in den buntgewürfelten Reihen der Gebrauchtwarenhändler, die ungeduldig zum Kaufen einluden. Manches lag wertlos in Behältern herum, anderes wiederum war liebevoll in extra angefertigten Kisten aufgereiht und nach Buchstaben sortiert. Eifrig ergriff ich diese Gelegenheit und blätterte unauffällig wie ein hinterlistiger Schurke los. Jeder kennt die Situation. Sobald man etwas fixiert und auffällig begutachtet, stürzen andere Schurken herbei, um einem die Beute abzujagen. Diese Vorsichtsmaßnahme sollte sich nachträglich als Irrtum erweisen. Schnell verdrängte ich meine Umgebung und begab mich wie im Rausch und mit funkelndem Blick in die groteske Gefühlswelt des Konsums. Nachdem ich mich durch die Titel und Namen gelesen hatte, erkannte ich sofort den Wert dieser kostbaren Sammlung.

Raritäten

Unzählige Raritäten und Klassiker in den wildesten Formaten, Materialien und Ausführungen, befanden sich unter den DVDs. So etwa Platinum, Gold und Silber Versionen, neben Collector´s und Limited Editionen. Manche DVD-Schalen waren aufwendig aus Holz, Metall-, oder Aluminium hergestellt. Glücklich und ein wenig konspirativ, freute ich mich heimlich über meine Entdeckungen und fischte sogleich ein gutes Dutzend dieser Raritäten raus. Ich war wahrhaftig auf einen Schatz gestoßen. Sogleich überprüfte ich den Zustand und die Qualität der DVDs. Kurzerhand zupfte ich einen Schein und zahlte einen soliden Preis, der galaktisch unter dem Realwert lag. Meine Freude war groß und ich befand den Grund zu erfahren, weshalb denn jemand solch eine Sammlung veräußert. Folglich machte mich die Verkäuferin auf die Umbrüche in der digitalen Welt aufmerksam und sagte mir den Tod der DVD voraus. Diese Erkenntnis war mir wohl entgangen. Daher kam also die Gleichgültigkeit meiner Mitmenschen.

Eigentlich sollte ich nicht überrascht sein. Das Tempo mit der sich technische Produkte in den letzten Jahren entwickelt haben, ist nämlich beinahe surreal. In unregelmäßigen Abständen wird eine Innovation präsentiert. Die DVD ereilt nun ein ähnliches Schicksal wie die VHS. Nachdem die VHS aus den Regalen verbannt wurde, rückt nun ein weiteres mediales „Fossil“ in die vermessene Tradition dieser Kultur des Ausrangierens. Während meine Regalböden wöchentlich mit neuen DVD Käufen bestückt werden und vertikal wachsen, schrumpfen die DVD Abteilungen in den Kaufhäusern immer schneller. Stattdessen erobern Streaming-Dienste die Haushalte. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die DVD, sondern allgemein auf unser Konsumverhalten. Selbst das klassische Fernsehen muss die Konkurrenz aus dem Netz fürchten. Bereits drei von vier Internetnutzern ab 14 Jahren schaut sich über Internetportale Videostreams an. Einer Umfrage zufolge ersetzt das Videostreaming bereits bei jedem dritten Nutzer den bisherigen TV-Konsum. So auch die unzähligen illegalen Videoportale wie z.B. movie4k.to.

Temporärer Wahnsinn

Es vergehen keine Tage ohne das eine neue Erfindung erfolgt, ein neues Ereignis die Medienlandschaft bewegt. Der Markt wird beherrscht von Wettbewerb und Innovation. Die hohe Volatilität nimmt dabei irrsinnige Ausmaße an und braust zwischen Fortschritt und temporärem Wahnsinn. Die Industrie ist jedenfalls anpassungsfähig. Sofort wird ein passendes Tool geliefert. Um Anteile und Reichweite zu generieren werden die Bedürfnisse einer neuen Zuschauergeneration gestillt. Insgesamt hat sich die kollektive Wahrnehmung mit der Zunahme von On-Demand Diensten verändert. Alles muss jederzeit abrufbar sein, die komplette Staffel am besten dazu. Mit weniger gibt man sich nicht zufrieden. Die Laufzeiten von der Kinopremiere bis zur Heimvideo-Veröffentlichung soll am besten auf ein Minimum verkürzt werden. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, brauchen wir natürlich mehr Zeit. Deshalb bin ich dafür, dass man den Tag auf flexible 26 Stunden erhöht und einen achten Wochentag einführt. Doch kehren wir wieder zur Realität zurück.

Video on Demand-Dienste

Streamingdienste oder Videoportale bedrohen nicht nur Speicherträger wie die DVD, sondern eben auch traditionelle Formate wie das TV oder Kino. Immer mehr Anbieter drängen auf den Markt, um den Thron des Erfolgs zu kosten. Netflix, Amazon Prime, Maxdome oder Sky sind mittlerweile eine ernste Konkurrenz zu klassischen Medien-Formaten. Die Dinge können sich dabei auch mal verwirren. Mittlerweile folgt der Markt nämlich einer überaus seltsamen Logik. Zwar gibt es einen Zuschauerschwund beim TV, andererseits gewinnt kurioserweise das TV-Format, insbesondere das Kabelfernsehen wieder zusehends an Attraktivität. Eine tragende Rolle spielen wunderlicherweise Serienproduktionen. Mittlerweile haben das auch die Privatsender begriffen. Der Aufwand mit der Serien heutzutage produziert werden, ähneln dabei immer mehr großen Kinoproduktionen und übertreffen diese meist durch eine epische Erzählweise. So findet auch eine Umdisponierung statt. Ein Serienstar geniesst mittlerweile genauso viel Ansehen wie ein Filmstar. Aber auch die Gagen machen Serienproduktionen attraktiver und locken mehr und mehr große Filmstars an.

Der Markt ist hart umkämpft, so viel ist klar. Die Macher sind sich über den stetigen Wandel bewusst und versuchen ihre Dienste an das Verhalten der Konsumenten anzupassen. Kehren wir uns ab von der Zählerei und widmen wir uns wieder den schönen Dingen zu. Ich kann mir vorstellen, dass uns die DVD noch eine Weile erhalten bleibt. Immerhin sieht eine DVD genauso repräsentabel aus wie eine VHS oder Schallplattensammlung. Kommerziell droht ihr definitv das Aus, als zukünftiges, kulturelles Gut hingegen gewinnt sie jedoch immer mehr Anhänger. Ob sie einen ähnlichen Kultstatus wie die Videokassette oder die Schallplatte erlangt, wird die Zeit zeigen.


Image by Oksana Churakova via stock.adobe.com

Huseyin Kocintar

hat Theater-, Film-, Medien und Philosophie an der Universität Wien studiert. Zur Zeit arbeitet er bei den Netzpiloten und macht zusätzlich ein Dokotoratsstudium am Institut für Philosophie.


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