Crowdsourcing: Demokratisierung oder Genickbruch?

Das Superwahljahr 2009 zeigt neue Blüten im Web: Frank-Walter Steinmeier möchte nicht nur deine Stimme für die Wahl, sondern auch deine Logo-Idee für den Wahlkampf. Deshalb betreibt er feinstes Crowdsourcing beim Berliner StartUp Jovoto, und am 17. März soll der Sieger feststehen. Grund genug, dieses Phänomen in diesem meinungsbetonten Beitrag einer gründlichen Überprüfung zu unterziehen.

Lob und Kritik für eine zukunftsweisende Praxis

Crowdsourcing, der Buzz von vor ein paar Jahren, der große Hoffnungsträger. Unternehmen schreiben Wettbewerbe aus, wollen neue Logos oder ganze Websites, und dafür winkt Ruhm und Geld. Doch nicht ein paar große Agenturen oder berühmte Designer wetteifern um den Kuchen, nein, jeder kann mitmachen, und jeder wird gleich behandelt. So erhalten Underdogs mit guten Ideen eine Chance, die man ohne Crowdsourcing nie gefragt hätte. Für die Unternehmen winkt eine Vielfalt an Vorschlägen, die sie niemals von einer einzigen Agentur bekommen hätten. Also, alles gut mit dem Phänomen?

Nicht ganz, glaubt man dem Netz. Forbes spricht in einem kontroversen Beitrag zum Crowdsourcing-StartUp CrowdSpring von Demokratisierung des versnobten Design-Business, etablierte Designer schließen sich jedoch zur Gruppe „No! Spec“ zusammen und verlangen von ihren Kollegen, nicht auf Spekulationsbasis zu arbeiten. Auf Wired fragt Jeff Howe, ob Crowdsourcing nun gut oder böse sei und prophezeit der Design-Industrie ein ähnliches Schicksal wie der Stock Photography – die mittlerweile zum größten Teil von Fotografie-Liebhabern getragen wird, die aber niemals von den Erträgen ihres Hobbys leben könnten.

Quo vadis, Design-Industrie? Schon fallen die Preise auf unglaubliche 200 $ für einige Aufträge bei CrowdSpring. Andere Crowdsourcing-Wettbewerbe lohnen sich wirklich. Bei ihnen gibt es einen guten Lohn und großen Ruhm – für den oder die Gewinner. Die 30 oder 200 anderen Designer werden für ihre Arbeit nicht bezahlt. Den Lohn könnte der Gewinner dann in neue Software oder Ausrüstung investieren, um dann, nun ja, an anderen Wettbewerben teilzunehmen. Mit dem Ruhm könnte man sich dann in einer Agentur bewerben und an neuen Wettbewerben teilnehmen. Manche gewinnt man, andere verliert man. Bleibt die Frage: wie viele Wettbewerbe darf man verlieren, damit die Gewinne groß genug bleiben? Wie viel Arbeit darf man in einen Wettbewerb hineinstecken, damit das Risiko des Verlusts noch tragbar ist? Und: Möchte man auf dieser Unsicherheit wirklich eine Karriere aufbauen oder gar eine Familie gründen? So könnte der Pfeil, den man mit vielen Hoffnungen an eine Demokratisierung des Designs in die Zukunft schoss, schnell zum Bumerang werden, der einem das Genick bricht.

Crowdspring: gleiche Chancen für jeden. Das eigene Logo kostete 200 $.
Crowdspring: gleiche Chancen für jeden. Das eigene Logo kostete 200 $.

Wo also liegt die Lösung? „No! Spec“? Möglich, aber auch nur für diejenigen, die sich „No! Spec“-Rufe leisten können. Alternativ könnte jeder für sich die Entscheidung treffen, wie viel Aufwand er in einen unsicheren Gewinn stecken möchte – mit dem Ergebnis, dass dann vielversprechende Entwürfe nicht richtig ausgearbeitet werden können. Als frischer Designer könnte man auch jede Chance ergreifen, die sich bietet, in der Hoffnung, dass sich das auf lange Sicht auszahlt oder man rechtzeitig den Absprung in eine etabliertere Position schafft. Oder brauchen wir Minimalstandards, unter denen eine ernsthafte Design-Community nicht arbeitet und die ein Crowdsourcer erfüllen muss, damit es nicht massenhaft Kritik hagelt?

Für Jovoto und Frank-Walter Steinmeier kann man jedenfalls Entwarnung geben: mit einem hohen Preisgeld, Belohnungen bis zum 12. Platz und dem Verbleib der Rechte beim Kreativen sind die Bestimmungen vorbildlich.

Björn Rohles

ist Medienwissenschaftler und beobachtet als Autor („Grundkurs Gutes Webdesign“) und Berater den digitalen Wandel. Seine Themenschwerpunkte sind User Experience, anwenderfreundliches Design und digitale Strategien. Er schreibt regelmäßig für Fachmedien wie das t3n Magazin, die Netzpiloten oder Screenguide. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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