Asoziales Verhalten – Es ist alles in deinem Kopf

Viele Jahre lang haben Wissenschaftler geglaubt, dass es eine Verbindung zwischen gravierendem asozialem Verhalten und verhaltensauffälliger Entwicklung gibt. Jedoch gab es sehr wenig Forschung, die sich mit dieser Theorie beschäftigt. In einer kürzlich durchgeführten Studie nutzten wir MRT-Scans, um die Hirne von Teenagern zu untersuchen, bei denen eine Verhaltensstörung diagnostiziert wurde; also eine psychiatrische Erkrankung, die starkes asoziales Verhalten und Aggression mit sich bringt. Diese Scans lieferten weitere Belege dafür, dass Verhaltensstörungen echte psychiatrische Störungen sind, und nicht, wie manche Experten behaupten, eine übertriebene Form von jugendlicher Rebellion. Wir untersuchten die Hirne von 58 jungen Teilnehmern im Alter von 16 bis 21 mit Verhaltensstörung und von 25 gesunden Kontrollpersonen in der selben Altersgruppe. Wir benutzten die Scans, um die Dicke von 68 unterschiedlichen Teilen der äußeren Hirnrinde zu messen – diese hat unter Anderem Einfluss auf Bereiche wie Bewusstsein, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Erinnerung und Sprache. Anschließend maßen wir den Grad der Ähnlichkeit zwischen diesen verschiedenen Regionen der Rinde. Diese Ähnlichkeitsmessung sagt etwas darüber aus, ob unterschiedliche Bereiche der Hirnrinde sich in einem vergleichbaren Verhältnis entwickeln. Dies wäre ein Hinweis darauf, dass sie „zusammen wachsen“ – das würde wiederum bedeuten, dass sie zusammenarbeiten und funktional verbunden sind. Man kann zudem messen, ob sie sich in einem sehr unterschiedlichen Verhältnis entwickeln. Dies würde nahelegen, dass sie unterschiedliche Funktionen haben. Wir rechneten damit, herauszufinden, dass die jungen Leute mit der Verhaltensstörung Letzteres aufweisen würden, also weniger Ähnlichkeit zwischen der Dicke verschiedener Teile der Hirnrinde als die gesunden Kontrollpersonen. Wir wurden von den Ergebnissen überrascht. Sie zeigten klare Unterschiede zwischen den jungen Leuten, deren Verhaltensprobleme bereits früh im Leben begonnen hatten, und denen, derer Verhaltensprobleme in der Pubertät begannen. Allerdings unterschieden sich beide Gruppen von der gesunden Kontrollgruppe. Wir stellten fest, dass diverse Teile der Hirnrinde sich in Bezug auf die Dicke der Hirnrinde bei den Teenagern, die bereits in jungen Jahren Verhaltensprobleme entwickelt hatten, deutlich mehr ähnelten, als bei den gesunden Kontrollpersonen. Dies legt den Schluss nahe, dass die Entwicklung des Gehirns bei Kindern, die früh an Verhaltensproblemen leiden, viel synchroner vonstatten geht. Es könnte bedeuten, dass ihre Gehirne weniger speziell geprägt sind. Im Gegensatz dazu entwickeln sich bei normal entwickelten Kindern typischerweise die Teile der Rinde, die nahe beieinander liegen, mit ähnlicher Geschwindigkeit, während andere, die weiter voneinander entfernt liegen oder die unterschiedliche Funktionen haben, sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit entwickeln. Das bedeutet, dass die Hirne normal entwickelter Kinder strenger in verschiedene Netzwerke unterteilt sind, die unterschiedliche Funktionen erfüllen. Doch wir wissen nicht, in welcher Verbindung diese Spezialisierung zu asozialem Verhalten steht. Dieses Muster der verstärkten Ähnlichkeit zwischen verschiedenen Bereichen der Hirnrinde bei Jugendlichen mit frühen Verhaltensproblemen könnte durch die verzögerte Entwicklung der Regionen erklärt werden, die sich normalerweise in der frühen Kindheit entwickeln. Oder es könnte daran liegen, dass die Regionen, die normalerweise später im Leben reifen, sich hier früher entwickeln. Eine andere Feststellung, die uns überraschte, war das Ausmaß dieser strukturellen Veränderungen. Statt Unterschiede zwischen den Gruppen in spezifischen Teilen des Hirns zu finden, die zuvor bereits mit asozialem Verhalten in Verbindung gebracht wurden – beispielsweise im Frontalkortex – fanden wir weitgehende Veränderungen quasi über die gesamte Hirnrinde verteilt. Jedoch fanden wir auch ein völlig anderes Veränderungsmuster der Rindendicke bei den Teenagern, deren Verhaltensprobleme sich in der Jugend entwickelten (die „Spätzünder“). Unterschiedliche Bereiche ihrer Hirnrinde wiesen im Vergleich mit den normal entwickelten Jugendlichen sogar noch weniger Ähnlichkeit miteinander auf. Dies war ebenfalls ein weit verbreitetes Muster, das viele verschiedene Bereiche des Hirns betraf, nicht nur ein oder zwei spezifische Regionen. Dieses Ergebnis könnte Veränderungen der Gehirnentwicklung widerspiegeln, die insbesondere in der Jugend auftreten. Beispielsweise entwickeln sich bei dieser Gruppe Hirnregionen, deren Entwicklung normalerweise in der späten Kindheit oder Jugend stattfindet, langsamer als bei gesunden Personen.

Neue Wege öffnen

Diese Ergebnisse liefern einige der stärksten Belege dafür, dass Anomalien in der Entwicklung des Gehirns möglicherweise zur Entwicklung ernsthaften asozialen Verhaltens in der Kindheit oder der Jugend beitragen. Sie legen außerdem den Schluss nahe, dass es wichtige Unterschiede zwischen den Gehirnstrukturen der Leute, die bereits früh Verhaltensprobleme entwickeln, und denen solcher Personen, die in ihrer Jugend „auf die schiefe Bahn geraten“ sind, gibt. Studien, die die Veränderungen in der Gehirnentwicklung und asoziales Verhalten über längere Zeiträume hinweg verfolgen, sind notwendig, um herauszufinden, ob das Verhalten einer Person sich verbessert, wenn die Entwicklung ihres Gehirns sich normalisiert. Und die Methode, die wir nutzten, um den „Schaltplan“ des Gehirns zu studieren, könnte in Zukunft auch genutzt werden, um den Einfluss von Psychotherapien oder Medikamenten zu untersuchen, oder um bei Kindern mit hohem Risiko – wie beispielsweise die jüngeren Geschwister jugendlicher Straftäter – intervenieren zu können, bevor sie ernsthafte Verhaltensprobleme entwickeln. Es wird außerdem wichtig sein, herauszufinden, ob die Veränderungen, die wir in den Hirnen der Teenager mit Verhaltensproblemen feststellten, von umweltbedingten Risikofaktoren verursacht werden; beispielsweise Missbrauch, Vernachlässigung oder Alkohol- und Tabakkonsum der Mutter während der Schwangerschaft. Weiterhin gilt es, herauszufinden, ob die Veränderungen zum Teil auch von genetischen Unterschieden zwischen den Personen mit Verhaltensproblemen und den normal entwickelten Jugendlichen verursacht werden könnten. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Punch“ by Edgar Languren (CC0 Public Domain)


Graeme Fairchild

ist Professor an der Universität von Southampton. Seine Forschungen konzentrieren sich auf psychologische und neurobiologische Faktoren, die sich mit Aggression und asozialem Verhalten auseinandersetzen


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