Vertrau mir, ich verarsch Dich! – Beobachtungen zur Reduktion sozialer Komplexität

Am 24. Oktober hat die Börsenaufsicht in den Vereinigten Staaten von Amerika festgestellt, dass der angebliche Herzanfall von Steve Jobs von einem Jugendlichen lanciert wurde (Focus berichtete). Nach Aussagen der US-Sicherheitsbehörden und der Börsenaufsicht gab es keine Hinweise auf ein finanzielles Motiv. Dennoch wirft der Vorfall zwei Fragen auf: Aus welchen anderen Gründen lancieren Menschen Falschmeldungen? Und was bringt andere dazu, diese zu glauben? Als Grund der Verbreitung falscher Information kommt einerseits die viel zitierte Aufmerksamkeitsökonomie in Frage (vgl. dazu Telepolis ), andererseits ist der teilweise unkritische Umgang mit Informationen weit verbreitet. So wurde die sechs Jahre alte Meldung über die Zahlungsunfähigkeit der Fluggesellschaft United Airlines von Google-News irrtümlicherweise als aktuelle Meldung aufgenommen. Darauf folgten panikartige Verkäufe der Aktie, sie wurde sogar vorübergehend aus dem Handel genommen.  Im Falle des Aktionärs, dem eine solche Meldung zu Ohren kommt, ist so etwas mit Geld verbunden und von der Größe des Aktienpakets hängt die Größe der Verlustangst ab. Das rationale Überdenken der Information und Suchen nach Quellen, die diese bestätigen, wird begleitet von der Dynamik der anderen Aktionäre und kann – wie im Fall von United Airlines- in Panik umschlagen. Niklas Luhmann versteht Vertrauen als einen Mechanismus zur „Reduktion sozialer Komplexität“, die aber eine riskante Vorleistung darstellt. So muss man sowohl die Information selbst als auch die Quelle der Information zur Betrachtung heranziehen. Wenn die Nachricht in der Realität des Betrachters plausibel erscheint, ist eine weitere Prüfung unwahrscheinlicher als bei solchen, die den Rezipienten in Erstaunen und Ungläubigkeit versetzen. So passt, im Hinblick auf die gesundheitliche Vorgeschichte von Steve Jobs und die dazugehörige Berichterstattung, ein Herzinfarkt durchaus ins Bild. (Im August 2008 veröffentlichte Bloomberg fälschlicherweise einen Nachruf). Die Bewertung der Informationsquelle als vertrauenswürdig ist somit erst einmal von der Nachricht selbst entkoppelt. Auch wenn die Luhmann’sche Erklärung für Vertrauen hier greift, sollte man sich die Arbeiten von R. B. Zajonc, R. F. Bornstein und X. Fang zum Mere-Exposure-Effekt ansehen. Dort wird belegt, dass durch die mehrfache Darbietung von Personen, Situationen oder Dingen eine positive Einstellung dem Dargebotenen gegenüber entsteht, falls die erste Darbietung nicht negativ war. Robert D. Putnam glaubt an das Gute im Menschen und den Glauben daran als Grundvoraussetzung für Vertrauen, wie auch folgendes Zitat belegt:

„I’ll do this for you now, without expecting anything immediately in return and perhaps without even knowing you, confident that down the road you or someone else will return the favor.“

Der Erwerb von Vertrauen scheint also recht einfach, leider genauso einfach ist es aber, es zu verspielen. Verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen ist dann ungleich schwieriger als ein (unbelastetes) Initialvertrauen aufzubauen. Sicherlich spielen die Dauer, über die ein tief gehendes Vertrauen erworben wird, und die Einstellung des Umfelds auf lange Sicht eine entscheidende Rolle. Dennoch zeigen Theorie und Praxis wie wenig nötig ist, um genügend Vertrauen aufzubauen, damit eine Information glaubwürdig erscheint. Literatur und Links zum Weiterlesen: — Robert D. Putnam: Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community. New York: Simon und Schuster, 2000. ISBN 0-74320304-6 — Niklas Luhmann: Vertrauen – Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität UTB, Stuttgart; Auflage: 4. A. (1. Dezember 2000)  ISBN 978-3825221850 — >Kooptech

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Doreen Butze

Doreen Butze

studierte Soziologie, Psychologie und Betriebswirtschaft an der TU-Chemnitz. Sie ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Social Media. Privat bloggt Doreen unter http://www.finsblog.de über alles Mögliche und Unmögliche.

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