#EsIstVorbei: Schlussmachen im Zeitalter des Internets

Warum es Algorithmen uns so schwer machen, mit einer Beziehung endgültig abzuschließen. Menschliche Beziehungen umspannen mittlerweile längst auch unsere sozialen Netzwerke. Wir sind über etliche Social Media Accounts miteinander verbunden. Das ist aber nur so lange wünschenswert, bis wir eine Beziehung beenden wollen. Denn auch wenn das Internet uns besser als je zuvor vernetzen kann, kann es eins bisher noch nicht sehr gut: Beziehungen beenden. Müssen wir also eine adäquate Schlussmach-Netiquette entwickeln?

Es war einmal vor langer Zeit, da hatten die Menschen noch kein Internet und auch keine Smartphones. Ich kann mich noch gut an diese Zeiten erinnern, in der ich noch die Telefonnummern meiner Freunde auswendig kannte und meine Eltern aus Telefonzellen anrief, um zu sagen, um wie viel Uhr ich zu Hause sei.

Es war auch die Zeit, in der ich meinem damaligen Schwarm eine Postkarte mit meiner Telefonnummer als einziger Nachricht schickte und er daraufhin tatsächlich in mühsamer Kleinarbeit über’s Jahrbuch und die Suche im Telefonbuch herausfand, wer ich denn war. Es war also eine Zeit, in der man sich tatsächlich ein bisschen anstrengen musste, um eine neue Beziehung aufzubauen.

Social Media hat dies für uns erheblich einfacher gemacht. Mit nur wenigen Klicks können wir heutzutage Menschen über Facebook, Snapchat, Instagram, Twitter oder Tinder kennenlernen. Soziale Medien sind darauf ausgerichtet, das Aufbauen neuer Beziehungen so einfach und unkompliziert wie möglich zu machen. Doch was passiert, wenn wir eine Beziehung beenden wollen? Wenn die Liebe, die einmal da war und zwei Menschen über sämtliche soziale Netzwerke hinweg verbunden hat, plötzlich aufhört? Im echten Leben können wir relativ einfach einen Schlussstrich ziehen: “Es ist aus!” Schluss. Ende. Vorbei. Doch im Internet gibt es bisher noch keinen äquivalenten digitalen Schlussstrich.

Ein Algorithmus vergisst nie

Schuld daran sind vor allem die Algorithmen, die von Programmieren nur darauf ausgerichtet sind, Beziehungen zu finden, nicht aber, diese zu beenden. Wenn sich der Algorithmus von Google Mail erstmal gemerkt hat, dass der Partner immer mit in die Betreffzeile gesetzt wird, vergisst er das nicht mehr. Wenn beim Venmo-Zahlformular lange nach Beziehungsende immer noch der Name des Ex-Partners als Zahlungsvorschlag auftaucht, dann nur weil ein Algorithmus so programmiert wurde. Algorithmen sind hervorragend, um Verbindungen zu finden und sich diese zu merken. Doch vergessen können Algorithmen nicht. Beziehungsende? Nicht vorprogrammiert! Die schmerzhafte Erinnerung an die zerbrochene Beziehung starrt uns jedes Mal ins Gesicht, wenn wir unseren Facebook-Feed öffnen oder unsere alten Instagram-Fotos durchschauen.

Wenn es vorbei ist, ziehen wir im echten Leben einfach in einen anderen Stadtteil, löschen Telefonnummern und packen gemeinsame Erinnerungsstücke in eine Kiste, die wir in der hintersten Ecke des Dachbodens verstauen. Für die digitale Welt der sozialen Medien gibt es eine solche Kiste leider noch nicht. Es gibt aber mittlerweile zumindest einige Versuche, um uns auch das digitale Schlussmachen leichter zu machen.

Brauchen wir einen digitalen Schlussmach-Coach?

Die bekannteste Applikation ist wohl Block Your Ex, mit dem der bisherige Partner aus dem persönlichen Newsfeed geblockt wird. Wer einen ganz radikalen Schlussstrich ziehen will, nutzt den Kill Switch. Eine sehr hilfreiche Applikation gegen schwache Momente kann auch die iPhone-App Drunk Dial sein. Oder für die ganz dramatischen gibt es mittlerweile auch eine Applikation, mit der man digital “Fotos verbrennen” kann.

Doch all diese Applikationen haben noch ihre Schwächen. Selbst mit der Block Your Ex-App sehen wir immer noch, welche Events in unserer Nähe unser Ex-Partner besucht. Auch Tinder zeigt uns immer noch die Freunde unserer ehemaligen Partner als möglichen Match an. Wenn Schlussmachen schon im echten Leben nicht einfach ist, kann es in der digitalen Welt eine riesige Anstrengung sein, alle Spuren an den Ex-Partner zu verwischen. So anstrengend, dass sich die Idee eines Social Media Break Up Coordinator derzeit rasant im Internet verbreitet. Bisher ist dieser Schlussmach-Coach nur eine theatralische Performance von Caroline Sinders, einer Künstlerin und digitalen Anthropologin aus den USA. Doch die Idee dahinter könnte zu einem echten Kassenschlager werden: In ihrem Stück kümmert sich Sinders als Break-Up-Koordinatorin darum, alle Spuren an den oder die Ex im Netz zu entfernen – gegen Bezahlung versteht sich. Das erspart ihren Kunden die Mühe und den Kummer, selbst alle Social Media Profile nach dem Ex-Partner durchforsten zu müssen. Sinders kann das, was die Schlussmach-Apps noch nicht können: Mit menschlichem Mitgefühl nachvollziehen, welche digitalen Verbindungen wir nach einer zerbrochenen Beziehung kappen möchten.

Wir haben keine Netiquette für’s Beziehungsende

Es besteht also eindeutig Bedarf an einer Verbindung zwischen menschlichen Gefühlen und Algorithmen, wenn es um das digitale Schlussmachen geht. Denn es gibt bisher auch keine wirklichen Konventionen darüber, was die richtige “Beziehungsende-Netiquette” denn eigentlich ist. Darf ich noch ein “like” setzen, wenn mein Ex-Freund etwas Lustiges auf Facebook postet? Ist es in Ordnung auf den Tweet der Ex-Freundin zu antworten?

Die digitale Anthropologin Ilana Gershon von der Indiana University in den USA hat sich in einer Studie mit diesen Fragen ausführlich beschäftigt. Sie wollte herausfinden, was uns das Nutzerverhalten in sozialen Medien über das Beenden von Beziehung sagen kann. Ihre Schlussfolgerung: Selbst wenn uns vom persönlichen Schlussmachen bis zum Schicken einer WhatsApp-Nachricht immer mehr Kommunikationsformen zur Verfügung stehen, nutzen User diese in sehr differenzierter Form. Eine SMS zum Schlussmachen wird nicht gleich gesetzt mit einem Gmail-Chat, in dem man die Beziehung beendet. Doch wer was als angebracht empfindet und welche Normen es zum Schlussmachen gibt, das konnte selbst diese Studie nicht klären.

Doch es kann nicht mehr lange dauern, bis Programmierer auch Algorithmen dies beibringen werden. In Zukunft installieren wir dann vielleicht nur noch eine Schlussmach-App, mit der wir all die schmerzhaften Spuren zu unserer alten Beziehung automatisch verwischen können: Aus und vorbei, klick und weg.


Teaser & Image „Love (of technology)“ Matthew G (CC BY 2.0)


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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest.

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