Nach den #ParisAttacks: Paris in der Schockstarre

Paris ist im Ausnahmezustand. Mehr als 120 Menschen kommen am 13. November bei Terroranschlägen ums Leben, rund 250 Menschen sind verletzt. In der Nacht zum Samstag überschlagen sich die Ereignisse und die sozialen Netzwerke werden zu dem Anker, der noch bleibt, wenn alles außer Kontrolle gerät. Facebook fragt mich, ob ich in Sicherheit bin. Erst fand ich die “Überprüfung des Sicherheitsstatus”, die kurz nach den ersten Anschlägen in Paris auf meinem Profil aktiviert wurde, albern. Dann verstand ich, welches Ausmaß die Ereignisse um mich rum haben. Und dass es für dieses eine Mal für Freunde und Familie gut war, dass Facebook genau wusste, wo ich mich befinde und das mit vielen teilen konnte: Und zwar endlich um 2 Uhr nachts “in Sicherheit”.

Die Bar “Le Barav” ist nur wenige Minuten Fussweg von dem Konzertsaal entfernt, in der wir uns gegen Abend trafen. Um 22:44 Uhr bekomme ich eine SMS einer Freundin. Ob alles in Ordnung wäre. Warum sie das schreibt, verstehe ich einige Minuten später, wie auch alle anderen Gäste in der Bar. Die Ereignisse, die darauf folgen, erinnern an den 11. September 2001. Die Stimmung kippt schlagartig. Keiner lacht mehr, alle sitzen nur noch an ihrem Handy oder verfallen in diese merkwürdige Schockstarre, in die die ganze Stadt bis jetzt noch versetzt ist. Die Straßen sind wie leergefegt. Wenn sich jemand draussen bewegt, dann rennend. Die Terrasse ist in wenigen Minuten geräumt – alle werden gebeten in die Bar zu kommen. Und dort zu bleiben. Niemand rechnet zu dem Zeitpunkt mit mehr als 120 Toten und rund 250 Verletzten, davon viele schwer.

Die Informationen überschlagen sich. Erst hört man von einer Schiesserei in der Nähe. Dann wird klar, dass es ein Attentat ist. Mit einer Massengeiselnahme in der Konzerthalle Bataclan nebenan. Es sollen auch Schüsse in umliegenden Cafés fallen. Außerdem gibt es Explosionen am Stade de France. Die interaktive Karte von Paris, auf der alle betroffenen Orte angezeigt werden, muss ständig aktualisiert werden. Gute Freunde von mir sind bei dem Fussballspiel, bei dem gerade von zwei Selbstmordattentätern gesprochen wird. Ich selbst wollte eigentlich an dem Abend auch zu dem Spiel, habe mich aber kurzfristig umentschieden. Dass ich dafür an einem anderen Brennpunkt gelandet bin, ist Unglück im Unglück.

Trotzdem war das Schicksal auf meiner Seite an dem 13. November, der den Franzosen noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Denn wir konnten, nachdem wir zwei Stunden in der Bar ausharren mussten, per Fahrrad zu der Wohnung meiner Freundin flüchten. Ihr Freund fuhr mit dem Roller vor, checkte die Straßen ab und wir folgten ihm durch das sprachlose, gelähmte Paris. Verkehrsregeln waren völlig egal – Hauptsache weg von dem Attentat, das sich in greifbarer, hörbarer und fühlbarer Nähe befand.

Paris ist erschüttert über die neuen Anschläge. Es ist hier eine andere Stimmung als bei Charlie Hebdo, da diesmal nicht eine Institution sondern die Bürger selbst angegriffen wurden. Wahllos wurde auf die Menschen abgefeuert. Und das an mehreren Orten zum gleichen Zeitpunkt. In der Nacht entwickelt sich mit der Dynamik der Ereignisse auch die Aktivität in den sozialen Netzwerken, die ihrer Funktion gerecht werden: Sie vernetzen Menschen, die in dem Chaos aus Angst, Unruhen und Unsicherheit irgendwie einen Anhaltspunkt suchen.

Unter dem Hashtag #PortesOuvertes (Offene Türen) werden Schutzsuchenden, die auf dem Nachhauseweg blockiert sind, Zuflucht in den eigenen vier Wänden geboten. Vermisste Personen werden per Hashtag #rechercheParis gesucht. Solidarität unter allen Parisern, die sich in Worten (#NousSommesUnis – Wir sind vereint) und Gesten (#UneBougiePourParis – Eine Kerze für Paris) ausdrückt. Die Netzwerke werden zu den Plattformen, über die in irgendeiner Weise geholfen werden kann. Denn das, was neben der Fassungslosigkeit und tiefen Trauer am meisten dominiert, ist die Hilflosigkeit.

Mittlerweile sind über die Hälfte meiner Facebook-Kontakte der Aufforderung des Netzwerkes nachgekommen: “Ändere dein Profilbild, um deine Unterstützung für Frankreich und die Menschen in Paris zu zeigen”. Ihr Profilbild wird von den französischen Farben geziert. Irgendwie versucht man in dieser Zeit, für die es eigentlich keine Worte gibt, Zeichen zu setzen. Wer nicht zu den vielen Orten des Gedenkens, wie dem Place de la Republique kommen will oder kann, zeigt online seine Anteilnahme.

Wahrscheinlich wird erst in ein paar Tagen dieser Medien-Hype, der an diesem Pariser Wochenende entsteht, hinterfragt. Gerade sind noch ganz andere Fragen wichtig: Wo sind meine Freunde und meine Familie? Kann ich wieder auf die Straße? Und wie geht es jetzt hier weiter?


Teaser & Image “Paris” via Unsplash/Pixabay


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Maren Jentschke

Maren Jentschke

ist fasziniert von der Welt der Medien und hat während ihres Studiums schon in der Film- und Fernseh-Branche Erfahrungen sammeln können. In Paris macht sie derzeit ihren Master in „deutsch-französischen Journalismus“ an der Sorbonne Nouvelle.

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