Interview: Ältere Generationen im Wandel der Arbeitswelt

Die Digitalisierung geht so schnell voran, dass es gar nicht möglich ist, alle Entwicklung mitzubekommen und zu verstehen. Für ältere Generationen, deren Jugend und Berufsanfangszeit noch von der analogen Welt stattgefunden hat, ist es meist noch schwieriger, sich zurechtzufinden. Wie gehen diese Generationen mit dem stetigen Wandel in der Arbeitswelt um? Laura Geiger von der Fachgruppe Arbeits- und Leistungsfähigkeit im Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa) hat sich Interview unseren Fragen gestellt.

Marinela Potor (MP): Ist es für ältere Generationen schwerer, sich auf eine Digitalisierung der Arbeitsprozesse umzustellen?

Laura Geiger (LG): Hier gilt es, zwei verschiedenen Aspekte zu beachten: Zum einen ist die ältere Generation nicht in diesem Maße mit Technik aufgewachsen, wie es die sogenannten „Digital Natives“ sind. Den Umgang mit digitalisierten Prozessen sind ältere Arbeitnehmer daher eventuell weniger gewohnt. Zum anderen spielt das kalendarische Alter eine Rolle: Gerontologen stellten fest, dass sich die Bedingungen und das Ausmaß effektiven Lernens mit zunehmendem Alter verändern. So kommt es beispielsweise vor, dass ältere Personen länger brauchen, um etwas Neues zu lernen. Dennoch gibt es für Lernen keine Altersgrenze. Beachtet man altersspezifische Besonderheiten, ist Lernen lebenslang möglich.

Hier kommen außerdem auch die Technik bzw. die digitalen Produkte/Arbeitssysteme selbst ins Spiel: Wenn diese so konstruiert wurden, dass sie intuitiv bedienbar und möglicherweise individualisierbar sind, dann sollten sie für Beschäftigte jeder Altersgruppe unkompliziert nutzbar sein.

MP: Sind Arbeitsplätze für ältere Arbeitnehmer, die sich eventuell nicht schnell genug umstellen können, eher gefährdet oder gibt es hier möglicherweise durch die Digitalisierung auch ganz neue Chancen für diese Generationen?

LG: Durch – in welchem Maße auch immer – digitalisierte Arbeitsplätze ergeben sich auch neue Möglichkeiten für ältere Beschäftigte: Im Alter verändern sich die sensorischen Fähigkeiten einer Person wie etwa Tasten, Hören und Sehen. Die Technik bietet die Chance, Arbeitsmittel an diese veränderte Sensorik anzupassen. Arbeitnehmer, die altersbedingt körperlich eingeschränkt sind, können durch bestimmte Hilfsmittel bei der Arbeit physisch unterstützt werden.

MP: Einige Experten sagen voraus, dass mit der Digitalisierung und Prozessen der Arbeit 4.0 ein Wandel viel schneller von Statten gehen wird als bisher. Das bedeutet: Wissen ist schneller überholt und wir müssen uns stets an neue Technologien anpassen. Heißt das, dass traditionelle Ausbildungen oder das Wissen, das ältere Generationen mitbringen schon bald überholt ist?

LG: Die Halbwertzeit von Wissen verkürzt sich, dies aber nicht erst im Zuge der Digitalisierung, sondern bereits seit längerer Zeit. Vor der „Industrie 4.0“ gab es auch eine „Industrie 3.0“. Es ist aber durchaus denkbar, dass sich Kompetenzprofile von Beschäftigten im Rahmen der Digitalisierung stark verändern werden. Die ifaa-Studie „Industrie 4.0 in der Metall- und Elektroindustrie“, welche im Sommer 2015 in Unternehmen der Branche durchgeführt wurde, zeigt: Die Befragten erwarten zunehmende Qualifikationsanforderungen für Akademiker und Facharbeiter.

Diese sich verändernden Kompetenzbedarfe sollten identifiziert werden, um dann Ausbildungsinhalte anzupassen.
Allerdings: Durch die fortschreitende Digitalisierung kann auch das Lernen im Prozess der Arbeit selbst immer besser stattfinden. Das informelle Lernen wird im Rahmen der Digitalisierung zunehmen. Dies bietet auch neue Chancen für Geringqualifizierte.

MP: Wie kann man die älteren Generationen auf diesen Wandel vorbereiten?

LG: Da die Digitalisierung keine ad hoc-Veränderung darstellt, sondern einen Prozess, ist eine Schritt-für-Schritt-Heranführung an Neuerungen möglich, wenn Unternehmen sich frühzeitig mit diesen Entwicklungen auseinandersetzen und ihre Mitarbeiter einbinden.


Image „Hands“ by stevepb (CC0 Public Domain)


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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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