Zurückgeblättert: Hass im Internet gibt es nicht erst seit Pegida

Das Säen von Hass im Internet ist keine Erfindung der besorgten Bürger der Gegenwart. Vom Widerstand gegen Hass im Netz berichtete die Zeit bereits 1998 in Ausgabe 52.
“Wisset, die euch Haß predigen, erlösen euch nicht.” Das Zitat der österreichischen Schriftstellerin Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach stammt aus dem Jahr 1911 und ist doch aktueller denn je. Die Diskussion darüber, wie Hass-Posts in sozialen Netzwerken gehandhabt werden sollen, war in den vergangenen Wochen und Monaten fester Bestandteil deutscher Tagespolitik. Dass die Diskussion um Hass im World Wide Web auch schon vor Pegida und Co. geführt wurde, beweist ein Blick in die Zeit-Ausgabe vom 16. Dezember 1998.

“Die Leute sollen wissen, was im Netz und in ihrer Nachbarschaft passiert, und sie sollen wissen, daß man diese Kerle nicht unterschätzen darf.”

Unter dem Titel „Haßparolen im Cyberspace“ berichtete Zeit-Autor Sven Stillich vor 17 Jahren von der Online-Initiative HateWatch, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den im Internet verbreiteten Hass auf Minderheiten offenzulegen. David Goldman, der Gründer von hatewatch.org, hatte mit Erschrecken feststellen müssen, wie Nazis, Schwulenfeinde und andere Hassgruppen vollkommen offen ihre kruden Werte- und Weltvorstellungen im Internet verbreiteten, und beschloss, selber die Gegenstimme zu bilden. Es ist Zeit, sich anzusehen, was aus HateWatch geworden ist, wie heute die Überwachung der Hasserfüllten gestaltet wird und was aus den Menschen aus Stillichs Artikel von 1998 geworden ist.

Hass war schon damals weit verbreitet

Hatewatch.org taucht in den Archiven von archive.org erstmals 1996 auf. Bereits damals gab es eine beachtliche Zahl an Rubriken, die beweist, dass sich zahlreiche unterschiedliche Hassgruppen schon damals im Internet breit gemacht hatten. Neben „Holocaust Deniers“, „Anti-Arab“ und „Racist Skinheads“ gab es etwa auch das „Who’s who in Hate“. Am 16. Januar 2001, genau zwei Jahre und einen Monat, nachdem die Zeit über die lobenswerte Arbeit der Initiative berichtet hatte, verkündete der Gründer und Leiter das Ende des Hass-Monitorings durch HateWatch. Goldman zog damals eine erfolgreiche Bilanz des Angebots: „Wir glauben, dass wir Erfolg bei unserer Mission hatten, die Online-Community über Fanatismus im Netz aufzuklären und ihnen die Werkzeuge zum Kampf dagegen an die Hand zu geben.“

“Seine Götter sind die ‚weißen Gene’, die er bedroht sieht von Schwarzen, Juden und anderen sogenannten ‚Schlammrassen’.”

Sven Stillich schrieb unter anderem über Matt Hale, „Oberhaupt der Weltkirche des Schöpfers“, der sich auf einen „heiligen Rassenkrieg“ vorbereite und mit seinen Machenschaften in das Visier von HateWatch geraten sei. Ein Mitglied seiner Kirche, Benjamin Nathaniel Smith, beging – angestachelt vom Hassgerede Hales – 1999 einen Amoklauf, bei dem er zwei Menschen tötete und neun verletzte, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtete. Schaut man sich an, wo der religiöse Rassist Hale heute seine Tage verbringt, weiß man, dass nicht nur seine hasserfüllten Worte hochgefährlich waren. Er selbst hatte den Mord an einer Richterin angeordnet, wurde aber überführt und 2003 zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt. Voraussichtlich wird er bis 2037 hinter Gittern sitzen.

Matt Hales „Weltkirche des Schöpfers“ war lange Jahre eine der am schnellsten wachsenden rassistischen Vereinigungen der USA, 2002 wurde sie in „Creativity Movement“ umbenannt. Nach der Gefangennahme Hales verlor sie dann vollkommen an Bedeutung. Die meisten anderen Hetzseiten, die Zeit-Autor Stillich in seinem Artikel erwähnte, haben heute nicht mehr die Bedeutung von damals. Die Aryan Nations verfiel in den später 2000ern in zahlreiche kleine Splittergruppen, die um die Macht in der Vereinigung kämpfen. Das schwulenfeindliche The American Guardian ist heute unauffindbar. Stormfront hingegen ist weiter aktiv und wird auch heute noch von Don Black geleitet. In dem Forum werden täglich zahlreiche Einträge veröffentlich. Im Thread “Describe your ideology in one word/phrase” schrieb erst am 31. Oktober ein Forumsmitglied: “Hitlerian”. Bemerkenswert: Don Blacks Sohn Derek wendete sich 2013 von den Thesen seines Vaters ab.

Initiative als Speerspitze im Kampf der guten gegen die schlechten Informationen

Nachdem Goldman seine HateWatch-Arbeit für beendet erklärt hatte, verkündete er als letzte Nachricht auf hatewatch.org, dass das Projekt vom Southern Poverty Law Center (SPLC) weitergeführt werde. David Goldman war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Auch das SPLC hat über die Jahre jeglichen Kontakt zu ihm verloren. Die ehrenvolle Aufgabe, über die Verkündung von Hass im Netz zu informieren und ein Auge auf all jene zu haben, die Hetze verbreiten, wird bis heute fortgeführt. In „Haßparolen im Cyberspace“ ist von rund 200 Hassgruppen die Rede, nach Angaben des SPLC werden mittlerweile mehr als 1600 solcher Gruppierungen überwacht. Neben dem bloßen Informieren über die Machenschaften der extremen Rechten in den USA, werden Polizei-Trainings und Expertenanalysen für Medien angeboten.

Ganz offensichtlich hat David Goldmans Gründung von hatewatch.org Früchte getragen und den Grundstein dafür gelegt, dass gegen den Hass im Netz angesprochen wird. Der Blick aus der Vergangenheit auf unsere Gegenwart zeigt aber auch: das Problem nimmt eher zu als ab. In Deutschland scheint es salonfähig geworden zu sein, in der Öffentlichkeit der sozialen Netzwerke unter eigenem Namen von Fremdenhass durchzogene Beiträge zu veröffentlichen. In dem Glauben, dass die, die da “Wir sind das Volk” rufen, wirklich das Volk sind, schreiben Menschen – in der Annahme, das sei normal – sich den Hass von der Seele und säen damit mehr und mehr Ablehnung gegen Flüchtlinge und Ausländer. In diesem Zusammenhang ist es unfassbar wichtig, lautstark auf die Hetzer aufmerksam zu machen, gegen sie anzureden, nicht stillzuhalten, sondern für Menschlichkeit einzustehen und Hass abzulehnen. David Goldman hat mit HateWatch vor fast zwei Jahrzehnten damit angefangen. Im Herbst 2015 ist Engagement wie das Seine wichtiger denn je.


Image “Gegensätze” (adapted) by David Schiersner (CC BY 2.0)


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Hendrik Geisler

Hendrik Geisler

hat Anglistik, Amerikanistik und Geographie studiert. Er volontiert beim Kölner Stadt-Anzeiger und schreibt für die Netzpiloten die Kolumne "Zurückgeblättert" und Texte über die Entwicklung der Medien.

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