Kann Donald Trump den Journalismus zum Besseren verändern?

Es überrascht wohl niemanden: wohin auch immer Donald Trump sich bewegt, die Schlagzeilen folgen ihm auf dem Fuße. Was aber tatsächlich interessant ist, ist, wie viele dieser Schlagzeilen den Journalismus oder die Autoren selbst zum Thema haben. Trump forderte die „Öffnung“ der Gesetze zur üblen Nachrede. Er verspottete die Behinderung des New York Times-Reporters Serge Kovaleski. Er stritt mit der Fox News-Moderatorin Megyn Kelly über Fragen, die sie ihm während einer Präsidentschaftsdebatte der Republikaner stellte. Und dann sind da noch die Gewaltvorwürfe gegen Journalisten bei Trumps Kundgebungen. Trump fordert die Normen und Konventionen der Politik heraus und so äußern Einige ihre Angst vor einer „Zerstörung der demokratischen Kultur“ als eine Folge des Schadens, den er hinterlässt. Die Journalisten als Chronisten des politischen Systems sehen sich einem Dilemma konfrontiert. Wie sollen sie über Trumps Kandidatur berichten? Können sie – und sollten sie – objektiv sein? Objektivität ist ein oft missverstandenes Konzept und wird zu oft unkritisch mythologisiert als ein zentrales Element der amerikanischen journalistischen Praxis. Mich interessiert, wie der Druck, objektiv sein zu müssen – und in dem Fall losgelöst von den sehr realen Auswirkungen, die Trump auf den demokratischen Prozess hat – die wichtige Rolle der Journalisten als Diener der Demokratie behindern kann.

Der Cokie Roberts-Fall

Im vergangenen März wurde die langjährige NPR-Kommentatorin Cokie Roberts mit Schimpftiraden von Journalisten bedacht, darunter einige ihrer eigenen NPR-Kollegen, weil sie eine Kolumne mitverfasst hatte.

Laut ihr sei Trump „einer der am wenigsten qualifizierten Kandidaten, die jemals ernsthaft die Präsidentschaft angestrebt haben. Sollte er von einer großen Partei nominiert – geschweige denn gewählt – werden, dann würde der Ruf der Vereinigten Staaten in der ganzen Welt einen vernichtenden Schlag erhalten.“

Roberts wurde von ihren Kollegen und den Verantwortlichen bei NRP ordentlich gescholten für ihr Unvermögen, einer objektiven Norm zu folgen – und das, obwohl sie Kommentatorin ist. David Greene, Moderator der „Morning Edition“, drückte seine Enttäuschung über Roberts sogar live in der Sendung aus, indem er sagte, dass „Objektivität fundamental für das, was wir als Journalisten tun“ sei und fragte, ob sie es ihm verübeln könne, dass „Leute wie ich etwas enttäuscht sind, zu hören, dass Sie einfach daherkommen und in einer Wahlkampfsituation wie dieser eine persönliche Position einnehmen?“ Roberts verteidigte ihre Kolumne, indem sie sich selbst als jemanden beschrieb, der unparteiisch, aber „interessiert an der Arbeit der Regierung“ sei. Ihr Statement war im Grunde genommen ein Bezug auf die grundlegenden demokratischen Werte und die Art und Weise, wie Trump diese herausfordert. Im Gegensatz dazu – und als eine meisterhafte Darstellung der Spannung zwischen den journalistischen und den geschäftlichen Werten – erklärte die CBS-Verantwortliche Leslie Moonves einer Gruppe von Investoren, dass Trump zwar „vielleicht nicht gut für Amerika“ sei, aber dafür „verdammt gut für CBS… Der Rubel rollt!“

Ist Ihr Analyst mein Kommentator?

Das NPR-Dilemma indiziert größere Veränderungen im Medien-Ökosystem. Eine Studie, die ich zusammen mit Elizabeth Blanks Hindman durchgeführt habe, untersuchte die Reaktionen von Journalisten auf die Entscheidung von NPR, ihren Analysten Juan Williams für seine Aussage, die er 2010 bei Fox News äußerte – er fühle sich „unwohl“, wenn er mit Muslimen ein Flugzeug teile – zu feuern. Die Reaktionen deuteten auf viel Verwirrung um die Rolle von Williams hin, inklusive des Sinnierens darüber, was es eigentlich genau bedeutet, ein „Analyst“ anstelle eines, sagen wir, „Reporters“ oder „Kommentators“ zu sein. Andere kritisierten Williams dafür, sich nicht an die Norm der Objektivität gehalten zu haben. Wir fanden Ähnliches in den journalistischen Reaktionen auf den Rücktritt der langjährigen Korrespondentin des Weißen Hauses, Helen Thomas, als Folge einer Reihe von kontroversen Äußerungen ihrerseits, dass Israel „Palästina schnellstmöglich verlassen“ sollte. Der Großteil der Reaktionen bestand aus Kritik an der Korrespondentin dafür, dass sie unfähig war, objektiv über den Konflikt zwischen Israel und Palästina zu berichten. Dabei war ihre Rolle zu der Zeit doch die einer Kolumnistin. Wir interpretieren diese Ergebnisse als Hinweise auf eine größere Unsicherheit in Bezug auf die Rolle des Journalismus im 21. Jahrhundert. Die Frage nach der Objektivität zu stellen, führt zu der größeren Frage, was genau wir eigentlich vom Journalismus des 21. Jahrhunderts erwarten. Ist „Objektivität“, zumindest so, wie sie aktuell verstanden wird, überhaupt zweckdienlich? Es ist eine Tatsache, dass Cokie Roberts nicht die einzige ist, die ihr Unbehagen über Trumps Kandidatur äußert. Die Huffington Post hat begonnen, zu jedem Artikel über Trump eine Notiz der Redaktion hinzuzufügen, die die Leser informiert, dass Trump „ein notorischer Lügner, wütender Fremdenhasser, Rassist, Frauenfeind, Birther (=Anhänger einer Verschwörungstheorie, derzufolge Barack Obama außerhalb der USA geboren wurde) und Tyrann“ sei. Der Boston Globe erregte Aufmerksamkeit mit dem Cover einer seiner Sonntags-Ausgaben, auf dem skizziert wurde, wie die Welt unter Trump als Präsident aussehen würde, mit Massendeportationen und Handelskriegen an der Tagesordnung. Wie also sollen Journalisten auf einen autoritären Kandidaten reagieren, der zu Gewalt anstachelt, rassistische Spannungen provoziert und droht, das Sozialgefüge zu zerbrechen, indem er in den schlimmsten Exzessen der amerikanischen Bigotterie schwelgt?

‚Journalisten sind der Demokratie zur Loyalität verpflichtet‘

Die erste Verteidigung von Roberts Kolumne besteht darin, hervorzuheben, dass es sich um eine Kolumne handelt, die von einer Kommentatorin verfasst wurde. Roberts tat also tatsächlich, wofür sie auch bezahlt wurde: sie vertrat eine Meinung. Dies macht Kritik an ihrer Kolumne umso bizarrer. Die zweite, fundamentalere Verteidigung besteht darin, auf einem tieferen Level zu ergründen, wie Journalisten in einer liberalen Demokratie auf Phänomene reagieren, die die grundlegenden Gebote einer liberalen Demokratie infrage stellen. Es handelt sich dabei um eine längst fällige Diskussion. Eine, die lange erstickt wurde durch eine enge Konzeption von Objektivität. Zu häufig betont Objektivität, wie sie praktiziert wird, Neutralität und Balance um jeden Preis. Dies zeigt sich zum Beispiel daran, wie der menschliche Einfluss auf den Klimawandel noch immer diskutiert wird, obwohl eine überwältigende Anzahl an Wissenschaftlern sagt, dass es unanfechtbare Beweise dafür gibt, dass der Klimawandel und der menschliche Einfluss darauf eine Tatsache ist, die öffentlich thematisiert werden muss. Diese Art der Objektivität positioniert den Journalisten als einen „moralisch losgelösten“ Kommunikator, der, wie der Ethiker Ted Glasser argumentiert, „weder den Bedarf noch die Möglichkeit besitzt, eine kritische Perspektive zu entwickeln, von der aus er/sie die Ereignisse, Angelegenheiten und Personalien, über die er oder sie berichten soll, erfassen kann.“ In „Die Grenzen der objektiven Berichterstattung“ argumentiert der Philosoph Raphael Cohen-Almagor, dass „die Subjektivität der Objektivität vorzuziehen ist, wenn die Medien über illiberale und nicht-demokratische Phänomene berichten.“ Cohen-Almagor sagt – und ich stimme dem zu – dass Journalisten ihre moralische Neutralität ablegen sollten, wenn sie mit Angelegenheiten konfrontiert werden, die die Grundwerte der liberalen Demokratie herausfordern. Aus dieser Perspektive sollte Journalismus unabhängig in Bezug auf Parteien sein, aber zu 100 Prozent auf der Seite der Demokratie, der verantwortungsbewussten Regierungsführung, dem Schutz der Bürgerrechte und der bürgerlichen Freiheit stehen. Wie Cohen-Almagor sagt, leben Journalisten „innerhalb einer demokratischen Sphäre und sind der Demokratie zur Loyalität verpflichtet. Freie Meinungsäußerung und freier Journalismus existieren, weil die Demokratie dies möglich macht.“ Diese Idee ist gar nicht so unüblich und braucht nicht kontrovers zu sein. Tatsächlich müssen wir in der Geschichte des Journalismus gar nicht so weit zurückgehen, um Beispiele dafür zu finden. Einer der Gründe, warum Edward R. Murrow als einer der besten amerikanischen Journalisten angesehen wird, ist seine Opposition zur Demagogie von Joseph McCarthy, indem er eine Episode von „See It Now“ der methodischen Darlegung von McCarthys Verleumdungen und Täuschungen widmet. Murrow erkannte die Bedrohung des amerikanischen, demokratischen Sozialgefüges, die von McCarthy (und vom McCarthyismus) ausging und ging zur Gegenwehr über. Wo ist der Edward R. Murrow von heute? Trump strapaziert die Grenzen des politischen Systems. Seine Plattform und Proklamationen, und die Art und Weise, wie er sich artikuliert, stellen eine solche Herausforderung für die bestehende Ordnung dar, dass es nötig wird zu fragen, ob die Regeln im Bereich der politischen Berichterstattung nicht neu überdacht werden sollten. Vielleicht ist ein neues journalistisches Vokabular vonnöten. Trumps Kandidatur könnte die Gelegenheit für solche Neuüberlegungen sein. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Donald Trump“ by Gage Skidmore (CC BY-SA 2.0)


Schlagwörter: , , , , , , ,
Ryan J. Thomas

Ryan J. Thomas

ist stellvertretender Professor an der Missouri School of Journalism. Er gibt Kurse in Medienethik, Massenkommunikationstheorie und Recherche-Methoden. Außerdem untersucht er, wie Gewerkschaften, soziale Bewegungen und Immigranten in der Berichterstattung dargestellt werden

More Posts