Borderliners: Irland, Trump & Brexit

Am Anfang kommt erst mal das Ende. Ich hatte in meiner Reihe “CheckUp Ireland” für die Netzpiloten über irische Tech-Themen geschrieben. Als die “Chefpiloten” dann wegen einer neuen Kolumne an mich herantraten, lag das Thema Brexit als eine Art Bogen für die Kolumne auf der Hand. Und warum “Borderliners”? Erinnert Ihr Euch noch an den Film “Flatliners” mit einem Kiefer Sutherland, bevor er mit „24“ omnipräsenten war? Dort wurde mit dem Tod gespielt und mit immer riskanteren Wiederbelebungen Grenzen überschritten.

In dieser Kolumne wird es auch um Grenzen und um Tod gehen. Zwar sehen viele in England, Wales, Schottland, Nordirland (na ja) und sogar hier in Irland Chancen im Brexit. Aber es gibt auch zahlreiche Beobachter in Irland (und in Nordirland, wenn sie nur ehrlich sind), die den Tod ganzer Industrien vorhersehen und sogar Tote befürchten, wenn es wieder Grenzkontrollen geben sollte. Ich komme also gar nicht umhin, am Anfang erst mal wieder zum Ende zurückzukommen.

Da wir gerade vom Ende reden…

Während ich hier so tippe, läuft im Hintergrund CNN live aus Davos und der Mann, der den größeren Atomknopf als der andere Irre hat, aber gemeinsam mit ihm unser aller Ende ein bischen näher bringt, läuft durch’s Bild, was ich persönlich als Störung desselben empfinde. Da schaue ich mir doch lieber “Friends” auf Comedy Central an. Diese Möglichkeit hat aber nicht jeder und so mancher Entscheider kann dem pompösen Präsidenten gar nicht entgehen. Trumps Steuer-“Reform”, die im Grunde nichts anderes als eine radikale Steuersenkung ist, erzeugte in Dublin bei denen, die US-Multinationals nach Irland bringen, Herzkasper bis fast schon hin zum Stillstand (womit wir wieder bei den “Flatliners” wären).

Aber zurück zu den “Borderliners”. Nordirland hatte zwar mehrheitlich gegen Brexit gestimmt. Die Regional-Regierung in Belfast ist aber wegen Streitereien zwischen der pro-irischen nationalistischen Partei Sinn Féin und der unionistischen und stolz am lautesten “God save the Queen” singenden DUP seit über einem Jahr suspendiert. Es kann also zumindest nicht gemeinsam Einfluss auf Brexit-Entscheidungen in London genommen werden. Böse Zungen behaupten, dass das der DUP gar nicht mal unrecht ist, hält sie doch die Minderheitsregierung der Tories (noch) unter Theresa May davon ab, Kiefer Sutherlands “Flatliners” beizutreten. Aber die Briten bauen ja eh auf all die verbesserten Handelsverträge, die nach Brexit ohne die böse EU mit der ganzen Welt abgeschlossen werden.

Vor allem der “besondere Freund” im Weissen Haus stehe bereit, versucht Theresa May die Zweifler in Belfast zu beschwichtigen. In Belfast? Das Belfast, in dem der kanadische Flugzeugbauer Bombardier Teile für Flugzeuge von tausenden “stolzen Briten” bauen lässt? Teile, die für Kunden in den vom besonderen Freund regierten USA bestimmt sind? Der Freund kündigte nach einer Intervention des Bombardier-Konkurrenten Boeing mal eben an, Strafzölle in Höhe von 292 Prozent auf die Teile aus Belfast zu knallen.

Zwar entschied die US-Handelskommission gerade erst in dieser Woche gegen die radikale Maßahme, dennoch bekam Theresa May hier einen Vorgeschmack darauf, dass “America First” auch zwischen Freunden nicht als “Britain First” missverstanden werden darf. “Britain First” ist für Trump halt nur dann interessant, wenn er hetzerische Videos der Anti-Immigrations-Bewegung gleichen Namens retweetet.

Tja, wer solche Freunde hat …

Kein Wunder also, dass es immer mehr Stimmen gibt, die ein zweites Referendum der Briten ins Spiel bringen. Dass zu diesen Stimmen neben den bereits erwähnten herzkranken Iren und einigen Londoner Labour-Abgeordneten auch immer mehr Mitglieder von Theresa Mays Tories zählen, darf eigentlich nicht verwundern. Vielen Konservativen wird schlecht, wenn sie den eigenen Ministern dabei zuhören müssen, wie sie sich gegenseitig widersprechen, was die Brexit-Strategie der Regierung anbetrifft. Dass aber ausgerechnet Nigel Farage, der ehemalige Anführer der UK Independence Party und Freund von Donald Trump, neulich im BBC-Interview mit Andrew Marr ein zweites Referendum ins Spiel brachte, ließ nicht nur den Kiefer seines Gastgebers nach unten sinken. Nur dieser arrogante Nigel, der seinem pompösen Buddy Donald sehr nahe kommt, was die Verachtung von Umfragen (und Einwanderern) anbetrifft, konnte es fertig bringen, Andrew Marr und der britischen Öffentlichkeit bei einem eventuellen Referendum noch höhere Prozente für Brexit vorherzusagen.

Ob nach einem zweiten Referendum oder ohne eine erneute Abstimmung (aber dafür ohne einen Plan) – Theresa May gab sich dennoch in Davos weiterhin zuversichtlich, was die Zukunft des Empire anbetrifft. Klar, die Wege dort wurden ja für Staatsoberhäupter und Konzernchefs gut gestreut. Derweil schlittert das Königreich aber weiter ins Ungewisse, was die Zukunft nach Brexit anbetrifft. Und gegenüber, auf der anderen Seite der irischen See, verschlingt man lieber “24” im Boxset, als sich so am Brexit zu verschlucken, dass statt dessen “Flatliners” auf dem Programm steht.


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Rainer Kiebat

Rainer Kiebat

arbeitet als freier Journalist in der irischen Hauptstadt Dublin. Nach einem Rundflug über multinationale Unternehmen wie AOL und Google landete er 2013 wieder bei der “alten Liebe” Journalismus und berichtet seitdem für deutsche Medien wie die “Rheinische Post” und “Spiegel Online” aus Irland und Nordirland. Irische Medien wie die “Sunday Business Post”, der “Irish Independent”, sowie die “Sunday Times” & “The Times” (Irish Editions) gehören ebenfalls zu seinem Portfolio. Für die Netzpiloten wird Rainer von den Dubliner “Silicon Docks” - wo Google, Facebook, Twitter und zahlreiche Tech-StartUps sitzen – und aus anderen Tech-Clustern wie Cork, Galway oder Limerick berichten. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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