WIRED Germany (Bild: Tobias Schwarz/Netzpiloten, CC BY 4.0)

Blattkritik zum heutigen Start der WIRED Germany

Nach einer dreijährigen Testphase startet heute die WIRED in Deutschland neu – Anlass für eine Blattkritik der ersten „richtigen“ Ausgabe. // von Tobias Schwarz

WIRED Germany (Bild: Tobias Schwarz/Netzpiloten, CC BY 4.0)

Unter Leitung von Chefredakteur Nikolaus Röttger ist der Berliner Redaktion des zu Condé Nast gehörenden Magazins eins gelungen: eine WIRED. Die erste Ausgabe der deutschen WIRED zeigt von Beginn an, was sie ist. Im Detail und dem spürbaren Raum für Entwicklung steckt jedoch noch jede Menge Potenzial, damit das im Vorfeld versprochene Eigene, dass die deutsche Ausgabe von anderen WIRED-Ausgaben unterscheiden soll, entwickelt wird.


Weiterführende Lesetipps zum Start von WIRED Germany:


Alles auf Anfang

Mit großem Interesse kaufte ich mir 2011 die erste deutschsprachige WIRED bzw. ich kaufte mir das Männermagazin GQ, denn die erste Ausgabe war dem Magazin als gefühlte Ergänzung für die Themen Technik, Lifestyle, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur beigelegt. Dies änderte sich schon nach wenigen Ausgaben und wird zum Start einer „richtigen“ deutschen WIRED, die auch noch in Großbritannien, Italien, Japan und Taiwan erscheint, nicht wiederholt.

Meiner Meinung nach zum Glück, denn das Zielpublikum ist, wie auch schon 2011, mehr als nur (männliche) Geeks, die zwar nicht programmieren oder löten können, aber mit dem iPhone wahre „Alleskönner“ sind. WIRED war und ist für alle die interessant, die einen Journalismus wollen, der sich mit der heute entstehenden Technologie von morgen beschäftigt. Die gedruckte Gegenthese zum deutschen Feuilleton.

Relevanz statt Geekness

Der größte Wandel der deutschen WIRED ist die inhaltliche Ausrichtung. Es wird auf Relevanz gesetzt, die über eine Berichterstattung für einen kleinen Kreis einer technischen Elite weit hinaus geht. Es geht in der ersten Ausgabe nicht um Hypes und Trends, sondern Entwicklungen, wie es die US-amerikanische WIRED auch nur in ihren stärksten Momenten schafft. Nicht das neue iPhone oder verschlüsseltes Chatten steht im Vordergrund, sondern das Ich im Digitalen. Dazu kommen Beiträge über den Wandel der Arbeitswelt durch Roboter, Fernsehserien zum digitalen Wandel, wie Ijad Madisch sein Wissenschaftsnetz Researchgate aufbaut oder ein Interview mit Eric Schmidt, dem Chairman von Google.

WIRED 11.14 Aufmacher Ijad Madisch Reportage

Die Beiträge sind gut recherchiert und je nach Autor auch sehr gut geschrieben. Mein persönlicher Höhepunkt der ersten Ausgabe ist die Kolumne von Hakan Tanriverdi, der den verlogenen Gründungsmythos des Internets lesenswert offenlegt. Denn weder wurde durch das Internet soziale Ungleichheiten abgeschafft, noch rechtfertigt ein falsch verstandenes Konzept von Meinungsfreiheit Shitstorms mit Sexismus und Rassismus. Und das, weil das Internet auch nur ein Abbild unserer Gesellschaft ist: „Das Internet ist weiß, männlich und tut alles, damit das so bleibt„.

Ansprechendes Design – online und offline

Zwar kann die deutsche WIRED vom Layout her nicht leugnen, was sie ist, aber Art Director Axel Lauer hat es geschafft, eine im Printbereich oft vermisste Klarheit zu schaffen, die der Leserschaft Orientierung bietet. Trotz abwechselnder Formate, kürzerer und längerer Texte, Fotostrecken und Zeichnungen, entsteht ein angenehmes Lesegefühl, dass auch von Unterbrechungen nicht getrübt wird. In der Testphase war Markus Rindermann dafür verantwortlich, der die Messlatte schon hochlegte, doch sich rückblickend betrachtet vielleicht etwas zu sehr an dem Vorbild aus den USA orientierte.

Auch im Layout setzt sich die Entscheidung nahtlos fort, nicht mehr zwischen Print und Web zu unterscheiden. Auf der Website werden grafische Aspekte sogar noch stärker als im Print in den Vordergrund gestellt. Wie auch die Werbung, denn es wechseln sich zwar Inhalte und Werbung fast gleichberechtigt ab, was mich schon länger an der US-WIRED stört, doch Röttger hat darauf geachtet, dass längere Geschichten und Themen nicht von Werbung unterbrochen werden, sondern einen eigenen Raum für sich haben.

Durch diese „respektvolle Werbung“ sollen sich die Leser und Leserinnen nicht gestört fühlen. Dazu kommt die an Playlisten von Spotify oder iTunes erinnernde Sortierung der Artikel in Collections, detailliert vertaggt und somit unterschiedlich durchsuchbar. Die WIRED ist ein gelungenes Designbeispiel und der digitale Zugang zu den Inhalten auch noch ausgezeichnet gelungen.

Die „German Angst“ im Nacken

Die sogenannten „German Angst“ ist die nicht sichtbare Verbindung der ersten Ausgabe aus dem Jahr 2011 und dieser weiteren Erstausgabe aus dem Jahr 2014. Vor drei Jahren fragte sich der damalige Chefredakteur Thomas Knüwer, ob es in Deutschland überhaupt noch eine Begeisterung für den Fortschritt gibt. Die Frage blieb erst einmal unbeantwortet, das Magazin verbat sich blinden Zukunftsoptimismus und erklärte stattdessen, was Geeks sind und was es eigentlich mit der „German Angst“ auf sich hat. Grundlagenarbeit, die man auch im Jahr des ersten netzpolitischen Bundestagsausschuss wiederholen könnte.

Röttger setzt diese Denkweise wohl unbeabsichtigt fort. Im Editorial schreibt er: „In einer Zeit, in der das Digitale normal ist, sind wir in den vergangenen Monaten vermehrt der Frage begegnet: Was macht Technologie mit uns?„. Der sich selbst verordnete Zukunftsoptimismus klingt eigentlich anders, doch Röttger plant mit seinem neuesten Projekt eine die breite Gesellschaft ansprechende Aufklärung über grundlegende Aspekte des digitalen Wandels. Dabei werden die Gefahren nicht verschwiegen, sondern die Chancen in den Vordergrund gestellt. Ich bin deshalb gespannt, wie die WIRED diese Frage in Zukunft beantworten wird.


Teaser & Image by Tobias Schwarz/Netzpiloten (CC BY 4.0)


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Tobias Schwarz

Tobias Schwarz

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit.

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