WIRED Germany

WIRED Germany: Der (Re)Launch

Ab heute gibt es in Deutschland wieder die WIRED zu kaufen und im Internet zu lesen. Events und Weiterbildungsangebote sollen die Marke WIRED zusätzlich etablieren. // von Christina zur Nedden

WIRED Germany

Ab heute erscheint WIRED Germany mit neuer Webseite und zehnmal im Jahr als Magazin. Zum Gesamtkonzept gehören auch ein kostenpflichtiges Membership-Modell, eine Eventreihe und Weiterbildungskurse zum digitalen Wandel. Mit diesem umfassenden Markenkonzept könnte WIRED in Deutschland bald als weitaus mehr als „nur“ ein Technik-Magazin wahrgenommen werden.


Weiterführende Lesetipps zum Start von WIRED Germany:

  • Netzpiloten-Projektleiter Tobias Schwarz hat sich hier die erste Ausgabe der WIRED Germany genauer angesehen.

  • Mehr zum Launch von WIRED Germany hat uns Nikolaus Röttger im Interview verraten.


Kompass im Digitalisierungstaifun

„Die digitale Revolution peitscht wie ein bengalischer Taifun durch unser Leben“ lautet der erste Satz im Editorial der heute (neu) gestarteten WIRED Germany. Chefredakteur Nikolaus Röttger zitiert aus der im Jahr 1993 erschienenen Erstausgabe des amerikanischen Tech-Magazins und findet, dass dieses Szenario auch ins heutige Deutschland passt.

Deutschland ist anders als die USA oder Großbritannien misstrauischer gegenüber technologischen Entwicklungen. Ein bengalischer Taifun macht Angst. Die deutsche Ausgabe der WIRED möchte jedoch nicht die Gefahren von Digitalisierung beleuchten, sondern ihren Lesern eine zukunftsoptimistische Grundhaltung in Bezug auf Technologie, Digitalkultur, Wissenschaft, Business und Design vermitteln. „German Angst“ soll hier keinen Platz haben. „Digitalisierung und Technologie sind im Mainstream angekommen“, sagt Röttger im Interview mit Netzpiloten. Die Rolle der deutschen WIRED sieht er in diesem unausweichlichen Unwetter als „Kompass für eine Welt im Wandel„. Auf der Presseveranstaltung zum Launch wird betont, dass die WIRED ein „General Interest“ und kein „Geek Interest“ Magazin mehr ist. Der Titel der neuen Ausgabe „Die Zukunft des Ich“ macht deutlich, dass Identität und Digitalisierung uns alle betreffen (mehr dazu in unserer Heftbesprechung).

Um den allgemeinen Tech-Optimismus des Magazins zu unterstreichen, gibt es zum Launch eine Kampagne namens „Zukunft ist Einstellungssache“. Sie richtet sich an die von WIRED neu erfundene „Generation Y Not“. Anders als die kulturpessimistische Generation Y fragt sie nicht „Warum?“ sondern „Warum nicht?“. „Die Generation Y Not ist Innovationen gegenüber aufgeschlossen und hinterfragt Etabliertes. Sie ist zukunftshungrig, neugierig und will selbst gestalten„, erklärt Röttger beim Launch-Event. Er hofft, dass diese Zielgruppe nicht wie in den USA vor allem männlich ist. „Unsere Themen sind Unisex. Ich wünsche mir, dass wir dieses Gleichgewicht halten„.

Launch oder Relaunch?

Die Chancen dass die neue WIRED auch Frauen in Deutschland erreicht stehen besser als vor ein paar Jahren. Denn auch wenn auf der Presseveranstaltung kaum ein Wort darüber verloren wurde, gab es die WIRED schon einmal in Deutschland – als Beilage des Condé Nast Männermagazins „GQ“.

Der Verlag bezeichnet die fünf Ausgaben die zwischen 2011 und 2013 als Magazin und iPad-App erschienen als „Testausgaben“. „Sie sollten zeigen, was auf dem deutschen Markt funktioniert und was nicht. Die deutsche WIRED wurde nie eingestellt, sondern die Testphase wurde beendet„, erklärt Nikolaus Röttger im Interview. Der Business Punk-Entwickler und frühere Gründerszene.de-Chefredakteur ist nach Thomas Knüwer und Krautreporter-Chef Alexander von Streit der dritte Journalist, der mit der Leitung des amerikanischen Kult-Magazins in Deutschland beauftragt wurde.

Für den (Neu)start wurde in einer sechsmonatigen Entwicklungsphase ein Redaktionsteam aus 19 Personen mit Sitz in Berlin-Mitte zusammengestellt. Redaktionsleiter Joachim Hentschel war bis 2012 Vize-Chef vom deutschen Rolling Stone Magazin und schrieb u.a. für Business Punk und die Süddeutsche Zeitung. Editor-at-Large Anja Rützel kennt man als Mitgründerin von Business Punk und ebenfalls von Gründerszene. Online-Chef Felix Nicklas kommt von der VICE, genauso sowie ein Teil der Textredaktion.

Mehr als ein Magazin

Mit der WIRED startet heute nicht nur ein Magazin, sondern eine Marke in Deutschland (mehr dazu im Interview mit Nikolaus Röttger). Diese Marke besteht neben dem Printmagazin aus einer Webseite mit optionalem Membership-Modell, Events, Konferenzen und Weiterbildungsprogrammen. Geschichten sollen über alle Kanäle kommuniziert und miteinander verknüpft werden.

Das Magazin hat den typischen WIRED-Look, obwohl sich die Rubriken von Ausgaben anderer Länder leicht unterscheiden. Eine Eins-zu-Eins Kopie amerikanischer Inhalte ist hier nicht zu erwarten. Es gibt weniger Werbung als in der US-Ausgabe. Die WIRED möchte „respektvoll“ mit dem Leser umgehen. Für die erste Ausgabe wurden nur einseitige Werbeanzeigen verkauft. Die Webseite organisiert Themen nach Playlist-Prinzip in „Collections“. Leser sollen langfristig die Möglichkeit haben sich ihre Inhalte zu individualisieren. Die WIRED will sich nach den Interessen einer mobilen Leserschaft richten und überzeugt indem zuerst das mobile Design und dann die Gesamtfunktionalität von WIRED.de entwickelt wurde.

Wer noch mehr in die WIRED-Welt eintauchen möchte, kann Mitglied von WIRED+ werden. Als Member bekommt man das Magazin nachhause geliefert, kann es sich als ePaper herunterladen, Geschichten der gedruckten Ausgabe zum Teil schon vor dem Erscheinungsdatum online bekommen und exklusive Multimedia-Reportagen auf der Webseite lesen. Erfrischend neuer Ansatz: Exklusive Online-Geschichten können auch mit Freunden, die keine Member, sind über soziale Medien geteilt werden. Eine Mitgliedschaft kostet im Jahr 45 Euro. Man kann sich also entweder 10 Mal im Jahr für 4,50 Euro das Magazin kaufen oder für den gleich Preis das erweiterte Angebot bekommen.

Doch die WIRED hat noch zwei weitere Standbeine (außer Werbung natürlich) um Geld zu verdienen: Events und Weiterbildungskurse. Über den genauen Inhalt der Events weiß man noch nicht viel. Es soll, ähnlich wie in England, Konferenzen zu Bildung, Finanzen etc. geben. Ausstellungen mit lokal arbeitenden Künstlern sind ebenfalls geplant. Die Weiterbildungskurse werden in Kooperation mit dem schwedischen Schulungsinstitut Hyper Island – beim Presseevent als „Digitales Harvard“ betitelt – Einzelpersonen und Unternehmen angeboten.

Magazin oder Marke – Was bringt die Zukunft?

Auf WIRED.de heißt es: „WIRED erzählt die Erfindung der Zukunft“. Doch wie sieht es mit der eigenen Zukunft von WIRED in Deutschland aus? Bisher kennt man vor allem die Printausgabe. Doch als Service-Anbieter von Konferenzen und Workshops könnte WIRED bald schon – ähnlich wie TechCrunch – als weitaus mehr als ein monatlich erscheinendes Tech-Magazin wahrgenommen werden. Nikolaus Röttger sagt dazu: „Das Magazin wird immer unser Kerngeschäft bleiben. Der digitale Wandel findet jedoch nicht nur auf einer Plattform statt. Wir wollen die Markenwelt der WIRED in Deutschland auf verschiedenen Kanälen aufbauen und unsere Nutzer an der Marke teilhaben lassen.“

Wahrscheinlich ist es zu früh, um in die Zukunft zu schauen. WIRED Germany wird sich nach dem Launch noch weiterentwickeln. Condé Nast-Digitalchefin Nelly Kennedy nennt dieses Arbeitsmodell „Always in Beta“. Die WIRED hat in Deutschland gefehlt. Schön, dass sie wieder da ist.

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Christina zur Nedden

Christina zur Nedden

ist freie Journalistin und Volontärin an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin. Ihre veröffentlichten Texte gibt es auf ihrer Website christinazurnedden.com. Auf Twitter ist sie unter @czurnedden zu finden.

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