Wie Blade Runner 2049 uns auf eine Zukunft mit Robotern vorbereitet

Die Vorstellung von einer äußerst gefährlichen künstlichen Intelligenz, die unsere Welt übernimmt, ist den meisten unter uns dank abschreckenden Filmreihen wie Matrix oder Terminator mittlerweile nicht allzu fremd.

Aber wie sieht es mit mitfühlenden Darstellungen von Robotern aus? Während die gutmütigen Züge von Arnold Schwarzeneggers Charakter in den späten Teilen der Terminator-Filmreihe eine absolute Ausnahme dieser Zeit darstellten, werden menschenähnliche Maschinen in gegenwärtigen Kinofilmen oft hilfsbereit und in einer positiven, unterhaltsamen Weise inszeniert. Ex Machina, Chappie oder A.I. Artificial Intelligence sind nur wenige der zahlreichen Beispiele.

Der Wandel in den Darstellungsweisen von damals zu heute steht höchstwahrscheinlich auch in Verbindung mit der Art, wie sich unsere Denkweise und Beziehung zu derartigen Technologien verändert hat. Blade Runner 2049, die langersehnte Fortsetzung des Originalfilms aus dem Jahr 1982, ist Teil dieser Veränderung.

Die Fähigkeit von Science Fiction, technische Erfindungen zu inspirieren, dürfte weithin bekannt sein. Eine Vielzahl von Schriftstellern und Technologen – wie beispielsweise Arthur C. Clarke und Geoffrey Landis – sowie unterschiedliche Einfälle aus der Welt des Science Fiction regten zu den wissenschaftlichen Nachforschungen an, denen wir moderne Innovationen wie Touch Screen-Bildschirme oder Tablet-Computer verdanken. Aber das Genre erfüllt noch andere Zwecke. Im fiktiven Umfeld können nämlich mögliche Lebensweisen der Zukunft ausgetestet und die gesellschaftlichen und ethischen Begleiterscheinungen heute entwickelter Technologien entdeckt werden. Auf diese Weise kann uns Science Fiction auf den Umgang mit derartigen Ereignissen in der realen Welt vorbereiten.

Jacques Ellul, ein Philosoph und Kritiker moderner Technologien, zog nach näherer Betrachtung eine eher pessimistische Schlussfolgerung aus Science Fiction. Bereits 1980 äußerte er, dass das Genre uns einen übermäßigen und unkontrollierten Umgang mit Technik aufzeigt, um uns als Zuschauern nahezulegen, uns mit der momentanen technischen Entwicklung zufrieden zu geben.

Die negativen Aspekte der Technologie, von der wir heute Gebrauch machen, sind gewissermaßen durchtriebener als solche, die in Orwells Film von 1984 dargestellt werden – wobei sie natürlich dennoch missbraucht werden können. Selbstverständlich sind Ausführungen solcher Art zutreffend für alle Arten von dystopischer Fiktion. Einige Wissenschaftler haben die wichtige Rolle, die Science Fiction in der Haltung der Öffentlichkeit zur modernen Technologie spielt, längst erkannt und flehen entsprechende Autoren daher regelrecht an, keine dystopischen Werke mehr zu publizieren. Erfolgreich waren sie hierbei allerdings weniger, innerhalb der letzten Jahre wurde vor allem die Jugendliteratur mit Science Fiction geradezu überschwemmt.

Blade Runner

Blade Runner basiert auf Philip K. Dicks Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen? aus dem Jahr 1968. Gestaltet wird die im Jahr 2019 erschöpfte Erde, welche von den meisten Menschen zugunsten eines besseren Lebens in außerirdischen Kolonien verlassen wurde. Künstliche Menschen (Androiden), auch bekannt als „Replikanten“ wurden für die Sklavenarbeit innerhalb solcher Kolonien konstruiert. Rick Deckard (Harrison Ford) ist ein sogenannter „Blade Runner“ – Sein Job besteht darin, aufsässige Androiden zu verfolgen und sie „zur Ruhe zu setzen“ (zu töten). Erst als Deckard Rachel kennenlernt, eine Replikantin, die durch implantierte Erinnerungen manipuliert wurde und nun glaubt, ein Mensch zu sein, beginnt unsereins daran zu zweifeln, dass die Androiden sich von den Menschen unterscheiden. In Wahrheit sind sie nicht anders als die Menschen.

Teil der Intrige des originalen Blade Runner-Films – für alle, die den Director’s Cut nicht gesehen haben – ist die dauernde Diskussion, ob Deckard selbst auch ein Replikant ist. Buch und Film ziehen hier unterschiedliche Schlüsse über Deckards Identität beziehungsweise Zugehörigkeit. Die verschiedenen Aussagen von Harrison Ford und Regisseur Ridley Scott bestärken diese Spekulationen seit Veröffentlichung des Films zusätzlich.

Doch spielt die Tatsache, ob Deckard ein Replikant ist, wirklich eine Rolle? Wir alle haben bereits mit Rachel sympathisiert und fühlten eine tiefe Erleichterung, als sie und Deckard im Originalfilm ihrem persönlichen ‚Happy End‘ entgegenfahren. Wir sind an ihrer Seite, als die beiden sich gegen die unbestreitbar menschlichen Blade Runner zur Wehr setzen, welche sie ohne zu zögern „zur Ruhe setzen“ wollen.

Blade Runner 2049 greift die Handlung 30 Jahre später auf. Neue Regeln und Gesetze, um die Replikanten zu kontrollieren, wurden mittlerweile erlassen und sollen ihre eindeutige Unterscheidung von den Menschen sicherstellen. „K“ (Ryan Gosling) ist ein Blade Runner soll verdächtige Vorfälle untersuchen, die mit Deckard und Rachel aus dem früheren Film in Verbindung stehen. Er deckt Informationen auf, die große Bedeutung für die Zukunft der Replikanten und ihrer dystopischen Gesellschaft tragen – und wir alle fiebern mit, als die menschlichen Emotionen Überhand nehmen und er gegen seinen Zwang zum Gehorsam ankämpft.

Je mehr die fiktiven Roboter unser Mitgefühl erregen, desto mehr können wir uns ihre Existenz im wirklichen Leben vorstellen. Zugegebenermaßen erkennen wir Deckard und K auf der Kinoleinwand weniger als menschenähnliche Maschinen, jedoch als wirkliche Schauspieler an. Unsere Sympathie hängt größtenteils also auch mit den menschlichen Zügen des jeweiligen Darstellers zusammen. Die Sympathie, die wir mit den äußerlich menschlichen Charakteren empfinden, legt uns gleichzeitig auch eine gegensätzliche Ansicht nahe, laut welcher es sich lediglich um menschenähnliche Gestalten handelt. Ob solche Maschinen menschliche Emotionen tatsächlich so überzeugend darstellen könnten, bleibt immerhin eine andere Frage.

Die unheimliche Stadt

Eine Fragestellung von enormer Tragweite bleibt letztendlich die, wie wir tatsächlich auf die Existenz menschenähnlicher Maschinen reagieren würden. Forscher, die auf dem Gebiet der Robotik arbeiten, entwickelten hierzu das sogenannte Phänomen der „unheimlichen Stadt“, welches beschreibt, dass wir auf Roboter, die Menschen zunehmend in Erscheinungsbild und Ausdruck ähneln, genauso einfühlsam wie auf echte Menschen reagieren. Gleicht das Erscheinungsbild jedoch weniger der humanen Gestalt, schwenkt die besagte Empathie jedoch augenblicklich wieder in Ekel und Unwohlsein um.

Diese unheimliche Stadt, die zwischen den Maschinen, welche „nahezu menschlich“ – und Abscheu hervorrufen – und solchen, die „vollkommen menschlich“ – und somit eine vertraute Erscheinung abgeben – existiert, könnte von evolutionärer Bedeutung sein. Wir sind darauf eingestellt. Lebewesen, die uns ähneln, jedoch auf bestimmte Weise „fehlerhaft“ oder „mangelhaft“ aussehen mit einer ansteckenden Krankheit oder einem genetischen Defekt in Verbindung zu bringen. Oder es handelt sich um das psychologische Unwohlsein, etwas, das menschlich scheint, wie einen Roboter fortbewegen zu sehen – Menschen können Dinge gut in unterschiedliche Kategorien einordnen, reagieren allerdings irritiert, sobald diese Kategorien sich überschneiden.

Diese Vorstellung einer unheimlichen Stadt wird bedeutsam, sobald wir die Existenz von menschenähnlichen Robotern in Betracht ziehen, mit welchen wir ansonsten ausschließlich in fiktiven Geschichten in Kontakt kommen. Mit einer solchen emotionalen Dissonanz müssen wir kaum rechnen, sobald Maschinen ins Spiel kommen, die ausschließlich auf Zerstörung aus sind – wir rufen uns ihre unheimlich vertraute Erscheinung ins Gedächtnis zurück, hassen sie aber für ihre gewaltsamen Handlungen und wollen uns ihnen keineswegs ergeben. Dennoch können wir ihnen gegenüber Zuneigung, Freundschaft und sogar kameradschaftliche Gefühle empfinden.

Blade Runner 2049 regt uns an, die emotionale Grenze hinüber in die unheimliche Stadt zu überwinden. Eine Irritation erzeugt dieses Werk auf gelungene Art und Weise: Klaffende Wunden verschließen sich nicht von selbst durch eine sanfte Berührung – und niemand sollte einfach zu töten sein. Aber die offensichtlich nicht-humanen Eigenschaften von K schützen uns nicht davor, seine ebenso menschliche Seite zu akzeptieren oder gemeinsam mit den unterdrückten Replikanten zu leiden. Diese beiden Tatsachen bleiben in der trostlosen Welt von Blade Runner erhalten.

Würden Roboter also jemals eine autarke Annäherung an die menschliche Psyche erzeugen, könnten sie offen von uns Menschen empfangen und in unsere Gesellschaft aufgenommen werden. Wenn sie nur menschlich genug erscheinen und agieren, würden wir ihre weniger menschlichen Eigenschaften schlichtweg hinnehmen und ignorieren. Immerhin haben wir diese fiktiven Erscheinungen in Geschichten seit Jahren willkommen geheißen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf The Conversation unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Screenshot (adapted) „Blade Runner“ by Warner Bros. Pictures


The Conversation

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Victoria Lorrimar

Victoria Lorrimar

ist Doktorandin in Theologie und Naturwissenschaften an der Uni-versity of Oxford. Victorias Doktorarbeit ist an der Schnittstelle von Wissenschaft und Technologie, Theologie, Philosophie und Literatur.

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Michael Burdett

Michael Burdett

hat einen Abschluss in Ingenieurwesen, Physik und Theologie und wurde in jedem Fach akademisch und professionell ausgezeichnet. Seine akademischen Interessen liegen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Technologie, Theologie und Philosophie.

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