3 Gründe, wieso wir süchtig nach unseren Smartphones sind

Apple hat kürzlich die Markteinführung seines neuen iPhone 8 und iPhone X bekanntgegeben, die mit eleganten neuen Funktionen ausgestattet sind. Apple erhofft sich ebenso, mit ihren iPhones eine neue Gemeinschaft aufzubauen. Vor der Markteinführung gab Angela Ahrendts, Leiterin des Retail-Managements bei Apple, bekannt, dass ihre Geschäfte als so genannte „Marktplätze“ gleichzeitig einen offenen Raum verkörpern werden, die Außenbereiche, Diskussionsforen und die Vorstandsetagen miteinander kombinieren. Die mit Spannung erwartete Produkteinführung wurde von Millionen per Livestream, über Internetforen, Blogs und Nachrichtenmedien verfolgt. Ich war ebenfalls dabei.

Wieso also haben diese Telefone eine solche Anziehungskraft? Okay, es ist sicherlich nicht nur das bahnbrechende Design oder die Verbindung zur Gemeinschaft. Als Minister, Psychotherapeut und Stipendiat, der die Beziehung zu tragbaren Geräten studiert hat, glaube ich, dass es um weitaus mehr geht. Tatsächlich würde ich behaupten – wie ich in meinem Buch „Growing Down: Theology and Human Nature in the Virtual Age” auch dargelegt habe – dass Telefone unsere grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse befriedigen. Hier also drei Gründe, wieso wir unsere Telefone lieben.

1. Teil eines erweiterten Ichs

Das Verständnis unseres Selbst wird gebildet, während wir uns noch im Mutterleib befinden. Die Entwicklung des Ichs beschleunigt sich allerdings nach unserer Geburt. Ein Neugeborenes klammert sich in erster Linie an seine primäre Bezugsperson und später an Dinge – und nimmt damit das sogenannte „erweiterte Ich“ auf.

William James, einer der führenden amerikanischen Psychologen des 20. Jahrhunderts, war unter den ersten, die sich für das erweiterte Ich aussprachen. In seinem Werk „Principles of Psychology“ definierte James das Ich als die „totale Summe von allem, was jemand sein Eigen nennen kann, nicht nur sein Körper und die psychischen Kräfte, sondern seine Kleidung, seine Frau und Kinder“. Wenn der Mensch irgendeinen Teil seines erweiterten Ichs verliert, darunter auch Geld oder andere wertgeschätzte Objekte, kann dies, wie er es erklärte, zu einem Gefühl von großem Verlust führen. In der frühen Kindheit weinen Kinder beispielsweise, wenn Babys und Kleinkinder plötzlich ihren Schnuller oder andere Spielzeuge verlieren, Spielzeuge, die Teil ihres erweiterten Selbst wurden.

Meiner Meinung nach spielen Telefone mittlerweile eine ähnliche Rolle. Es kommt nicht selten vor, dass ich eine plötzliche Welle von Angst aufkommen spüre, wenn mir mein Telefon herunterfällt oder ich es nicht finden kann. Meiner Erfahrung nach geht es vielen anderen Menschen ganz genau so. Es spiegelt sich ebenso darin wieder, wie oft wir unsere Geräte auf Neuigkeiten überprüfen.

Der Psychologe Larry Rosen und seine Kollegen der California State University fanden heraus, dass 51 Prozent der Mitmenschen, die in den Achtzigern und Neunzigern geboren wurden, Angst verspürten, wenn man sie davon abhielt, ihre Geräte für mehr als 15 Minuten auf Neuigkeiten zu überprüfen. Interessanterweise ist die Messgröße bei Menschen, die zwischen 1965 und 1979 geboren wurden, mit 42 Prozent merklich kleiner.

Der überwiegende Grund dafür liegt darin, dass sie in einer Zeit aufwuchsen, in welcher die Technologien tragbarer Geräte noch im Anfangsstadium waren und sich erst langsam verbreitet haben. Für diese Gruppe wurde das Telefon erst dann ein Teil ihres erweiterten Ichs, als sie in ihre Jugendjahre oder in ihre jungen Erwachsenenjahre kamen.

2. Die Erinnerung an liebevolle Beziehungen

Die Smartphones wurden auch mit ihren Spielen, Apps und Benachrichtigungen ein essentieller Aspekt unseres Selbstverständnisses. Das Ganze funktioniert so: Angelehnt an die psychodynamische Theorie, die besagt, dass Kindheitserinnerungen den Charakter formen, lege ich dar, dass unsere Theorie mit der Technik das Umfeld widerspiegelt, welches von unseren Eltern mit ihrer Fürsorge für uns geschaffen wurde. Dieses Umfeld, wie der britische Psychiater Donald W. Winnicott schrieb, dreht sich um Berührungen, einem aufmerksamen Bewusstsein gegenüber dem, was das Kind benötigt. Auch soll der Augenkontakt aufrechterhalten werden.

Auf die selbe Art und Weise durchleben wir die Berührungen und das Zugehörigkeitsgefühl erneut durch unsere Telefone. Die Technologie bietet uns eine Ebene, auf welcher das Ich sich befriedigen, spielen und sich lebendig fühlen kann – eine Ebene, die uns zuvor von Bezugspersonen bereit gestellt wurde.

Wenn wir unsere Telefone benutzen, werden wir an intime Momente erinnert – entweder aus unserer Kindheit oder dem Erwachsenenleben. Die im Gehirn chemisch gebildete Substanz Dopamin und das Liebeshormon Oxytozin, das eine große Rolle beim Eintritt des Höhengefühls nach der Einnahme von Drogen spielt, lösen ebenso ein Gefühl von Zugehörigkeit und Verbundenheit aus. Die Nutzung des Smartphones hat den gleichen Effekt, wie wenn Eltern ihr Kind auf eine liebevolle Weise anschauen oder wenn sich zwei verliebte Menschen in die Augen schauen. Laut Apple-Vorstand Philip Schiller lernt das iPhone X, „wer Du bist.“

Eine theologische Betrachtungsweise stützt genau diese These der süchtigmachenden Stoffe. Die jüdisch-christliche Tradition identifiziert Gott beispielsweise als einen intimen Gott, der sich nach persönlichen Momenten sehnt und eine liebevolle Umgebung erschafft. In der Bibel in 4. Buch Mose Vers 6:24-26 steht geschrieben: „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“

3. Das Verlangen nach Produktion und Reproduktion wird erfüllt

Der Anthropologe Michael Taussig erinnert uns daran, dass es „in unserer zweiten Natur liegt, zu kopieren, zu imitieren, Vorbilder zu erschaffen [und] Unterschiede zu erkunden“, während wir versuchen, ein besseres und differenzierteres Ich aus uns zu machen.

Unsere Telefone helfen uns, diesem Ziel näher zu kommen. Wir machen Fotos, manipulieren Bilder, tragen zu Diskussionen bei, verschönern ein Selfie und nehmen Kontakt mit anderen auf. Indem wir uns gegenseitig Nachrichten schicken, erschaffen wir eine Unterhaltung. Durch die Suche werden wir schlauer – auch dann, wenn es uns vielleicht an Klugheit mangelt. Somit gleichen wir uns unseren Vorfahren an, die auf Höhlenwände schrieben und sich gegenseitig Geschichten am Feuer erzählten.

Es sollte deswegen keine Überraschung sein, dass Smartphones gerade 46 Prozent des gesamten Internetgebrauchs ausmachen. Dieser Wert soll bis 2021 auf 75 Prozent ansteigen. Wir sind anscheinend dazu verdammt, mit dem Telefon in unserer Hand zu leben.

Mit Technologie leben

Vor diesem Hintergrund würde ich allerdings argumentieren, dass wir uns persönlich dafür einsetzen sollten einen Wechsel durchzusetzen. Wenn wir die Räume, in denen wir uns aufhalten, auf kleine Bildschirme oder „Marktplätze“ beschränken, kann uns dies enttäuschen. Wir benötigen intime Beziehungen, in denen wir Kontakte pflegen, in denen wir uns gegenseitig in die Augen schauen. Wir brauchen ebenso Räume, auch im Netz, in denen tiefe Verbindungen geschaffen werden können, in denen wir uns ausruhen, spielen und Neues entdecken können.

Während also einige von uns auf den Marktplatz gehen werden, um das nächste iPhone kaufen zu können oder online zu gehen, wäre es am Besten, sich an das Sprichwort des Technologiehistorikers Melvin Kranzberg zu erinnern: „Technologie ist weder gut noch schlecht; aber ebenso wenig ist sie neutral.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Smartphone1“ by Pexels [CC0 Public Domain]


The Conversation

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Jaco Hamman

Jaco Hamman

seine Forschungsinteressen umfassen die Bildung von pastoralen Führungspersönlichkeiten, Religionspsychologie, psychodynamische Theorie, Spielstudien und die Vertiefung der Beziehung der Menschheit zur Technologie. Zurzeit ist er Religions-, Psychologie und Kulturprofessor an der Vanderbilt University.

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