Wir sind WWW-eltmeister!

Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke! Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt. Wir sind Weltmeister!“ Oder phonetisch korrekter: „Wiä sind Wältmeistaaaaaaa!“ Seit dem magischen Sonntagabend habe ich diesen Satz gefühlte hundert Male glücklich gequiekt, gelacht, gesungen. Auch Tage später wache ich manchmal morgens auf und der erste Gedanke schickt mir ein Grinsen auf die Lippen. Weltmeister. Wir. Und zwar wir alle. Ich gebe es unumwunden zu: ich habe glühend mitgefiebert. Wie fast immer, wenn Turnierfußball gespielt wird. Wie verrückt. Und: auf allen Kanälen. Konkret äusserte sich das so: der Konsum und die Benutzung der digitalen Medien und ihrer Inhalte hat sich bei äquivalent zur Quoten-Entwicklung in der ARD verhalten. Schuss nach oben in astronomische Höhen. Was Nutzungsdauer und -frequenz und Vielfalt der gesuchten Themen betraf. Fleißig habe ich lustige oder ernst gemeinte Artikel, die ihren Weg zu Facebook fanden oder dort entstanden gelesen, geliked, geteilt. Ich habe mich mit Begeisterung an analogen Tippspielen im Freundeskreis, aber auch bei einem inoffiziellen im Twitterumfeld beteiligt. Auch wenn ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ich nach der Vorrunde vergaß, die K.O.-Spiele einzuschätzen und daher entgegen meinem sonst selbstredend untrügerischen Gespür am Ende weit abgeschlagen im Nirvana der fußballtipperischen Bedeutungslosigkeit versank. Doch damit nicht genug. Das @DFB_Team hat mich als neue Followerin dazu gewonnen. So wie fast alle Nationalspieler, die auf dieser Plattform zu finden sind. Ich hab Selfies mit Karnevalsbemalung in schwarzrotgelb gemacht. Und zwar Mittags um 12. Hernach wurden sie in die digitale Welt gesandt. Ja: ich war mittendrin und nicht nur dabei. Und dieses Mal so sehr wie nie. Zumindest ist das meine Schlussbilanz. Rückblende. Die erste WM, an die ich mich bewusst erinnere, ist die von 1990. Ich war frisch und fröhlich pubertierend und eigentlich im Dauerkicher-Modus. Fußball hatte ich in das Zentrum meines Radars gerückt, weil sich auch Benni im Zentrum meines Radars befand. Benni war irre süß. Und großer Fußballfan. Nicht nur zu Weltmeisterschaften, sondern wenn die reguläre Bundesliga angepfiffen war mit Leib und Seele ein FC Bayern München-Anhänger. Nie wieder konnte ich alle Spieler des bajuwarischen Erfolgsclubs, ihre Positionen, Schwächen und Stärken besser wiedergeben, als in jenen Tagen. Aus purer Liebe natürlich. Nicht unbedingt aus tiefstem Interesse. Wo denken Sie hin. Für das Turnier 1990 in Italien begann ich allerdings eine eigene, von Benni unabhängige Leidenschaft zu entwickeln. Wegen Italien, meinem absoluten Lieblingsland bis zu diesem Zeitpunkt. Und wegen der Euphorie, die sich breit machte und von der ich mich bereitwillig erfassen ließ. Das gemeinsame Mitfiebern im Garten der Nachbarn vor diesem unfassbar kleinen TV-Gerät. Das Wetten abschließen, Tippen und Punkte sammeln. Panini-Bildchen habe ich selbstverständlich auch noch und nöcher gekauft. Weil es Spaß gemacht hat und mir immer wieder Anlass für aufregende Zufallsberührungen mit meinem Schwarm gab – wenn ich nämlich mit Benni doppelte Bilder tauschte. Das alles – das hatte was. Tippen. Tauschen. Sammeln. Kleben. Spiele gucken. Hoffen. Bangen. Jubeln. Das waren die Disziplinen 1990. 24 Jahre später sieht das Ganze in mancher Hinsicht etwas anders aus. Wir durften es alle miterleben. Das Fußballvergnügen ist längst in der Multimedialität angekommen. Und das auf drei unterschiedlichen Ebenen: wenn es um den Infogehalt (1), den Unterhaltungswert (2) oder eben auch nur die Überbrückung (3) zäher Spielphasen geht. Im Detail habe ich das so erlebt: Jeder von uns durfte ein bisschen „Mutti“ sein. Jeder konnte auf eine Art den Spielern in die Kabine folgen, wie sonst nur Angie M., die Bundes-Mama, mit der Lizenz zum Trikottausch. Möglich macht es die Twitter-/Selfie-/Handyfoto-Begeisterung einiger Nationalhelden. Eine gefühlte Nähe, die es früher nicht gab. Die den Stars nichts von ihrem Nimbus nimmt und sie dennoch gleichzeitig verbindlicher und volksnäher macht. Oder aber der kollektive #Aufschrei nach ungerechten Schiri-Entscheidungen. Haben Sie das Bild noch im Kopf? Nur wenige Sekunden nach dem nicht gepfiffenen Foul im Strafraum inkl. gerechtfertigtem Elfer gegen Christoph Kramer machten Beweisfotos, die die Härte des Vergehens zeigten in den sozialen Netzwerken die Runde. Wirklich. Nur Sekunden danach. Bemerkenswert. Auch Fußball-Apps schossen in diesem Juni wie Pilze aus dem feuchtnassen Herbstlaub-Boden. Wenngleich alle mir bekannten Modelle in ihrer Funktionsweise herzlich zu wünschen übrig ließen. Einige Lacher hatten wir allerdings, wenn wir in größerer Runde spannenden Partien folgten und endlos lange 60 Sekunden nach einem Treffer, nach allen Live-Tickern und Live-Streams das Handy eines meiner Freunde lauthals „Toooor“ verkündete. Besser spät als nie. Wäre ich in der Pampa gewesen ohne fließend Wasser und Strom und Hoffnung auf Zivilisation gewesen, ich hätte diese Information geschätzt. Auch mit enormer Zeitverzögerung. So führte sich das Programm selbst zum Absurden. Ebenso habe ich beobachtet, wie langweiligere Spiele kurzerhand gecandycrusht wurden. Ein Handyspiel mit großem Suchtpotenzial, hab ich mir sagen lassen. Oder aber der unterforderte Zuschauer konzentrierte sich aufs gemeinschaftliche Langeweile austauschen in den gängigen Communities. Das machte das Öde zwar nicht flotter. Aber war prima Beschäftigungstherapie für die Wartezeit bis zur nächsten spektakulären Szene. Muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich als treues Fußballturnier-Fangirl selbstverständlich auch bei zähen Spielen mit all meiner Aufmerksamkeit und meinen müden Augen auf dem Spielfeld hing? Und dass ich das Fernsehbild nicht mit dem Display meines Handies betrogen habe? Muss ich nicht. Gut. Meine multimediale WM endete erst am Montag „danach“. Ich habe am Final-Sonntag meine Vorfreude getwittert. Ich habe Videos von Belanglosigkeiten an diesem Tag gemacht. Für mich. Und für den Fall, dass das ein denkwürdiger Tag werden würde. Ich habe die letzten Sekunden des Spiels bis zum Schlusspfiff gefilmt. Inklusive dem Siegerjubel der Menschengruppe, mit der ich gucken durfte. Ich habe die Nacht lachend und glücklich beschlossen, indem ich auf irgendeiner der öffentlichen Plattformen dem DFB-Team ein recht uneloquentes „Ihr seid die Geilsten!“ schriftlich entgegen gegröhlt habe.

Am nächsten Tag Clips von TV-Sendern über unsere Nationalelf angeklickt. Stories über Heimreise, Ankunft, den Empfang am Brandenburger Tor. Immer und immer wieder. Ich war virtuell dabei, hatte Gänsehaut und konnte diese per Mausklick wiederholen so oft ich wollte. Mit diesem wohligen Gefühl klingt die WWW-M für mich gemählich aus. Der Nachhall ist dank der Nachlese und dem einfachen, beliebig häufigen Zugriff darauf länger als sonst – zumindest ist das mein Eindruck. < ß>Keine vier Tage nach dem Finale passiert der Super-GAU. Also zumindest empfinden das Multimediamenschen als GAU, soviel steht fest. Der omnipotente Steuerknüppel meiner multimedialen Weltmeisterschaft und im übrigen auch meines sonstigen Berufslebens – das Mobiltelefon – fällt mir beim Spülen ins Wasser. Fragen Sie nicht, warum ich unbedingt mit feucht-glitschigen Fingern ans bimmelnde Handy rangehen musste. Heute bin ich auch klüger.

Kurzum: das Telefon ist kaputt. Trotz blitzschnellem Rettungseinsatz und Trockenföhn-Versuch. Ich wähne meine gesamten Aufzeichnungen der WM 2014 im digitalen Nichts und verfalle in eine kurze, aber ordentlich quengelnde Trauerphase. Menno Menno Menno. Nachdem mich die Besinnung wieder hat, mache ich es wie früher. Ich rufe die Bilder im Kopf hervor. Und mit jedem Gedanken an die besonderen Momente werden sie so stark, dass sie, so ereifere ich mich, mit den Jahren nur an Farbe und Strahlkraft gewinnen können. Statt, wie befürchtet, zu verblassen. Stunden später klage ich einer Freundin mein Leid. Das ja gar nicht mehr so sehr mein Leid sein will, höchstens noch ein Seufzen mit Schulterzucken. Ich nestle am Ersatzgerät herum. Sie dreht sich beim Hinausgehen noch einmal zu mir um und raunt: „…und deinen ganzen Krams holst du dir einfach aus der digitalen Wolke wieder. Weißte, ne?“ „Jaja….ähm: JA?! JAAAAAAAA!“


Image (adapted) „Die Mannschaft auf dem Weg zur Fanmeile, Berlin (15.07.2014)“ by mw238 (CC BY-SA 2.0)


Miriam Pielhau

kannte die Netzpiloten schon von Anfang an. Sie arbeitete bis zu ihrem frühen Tode seit Mitte der 90er Jahre als Radio- und TV-Moderatorin und war auch als Schauspielerin für Film und am Theater bekannt. Ihre Kolumnen bei den Netzpiloten werden nach wie vor gerne gelesen und erinnern an ihre herzliche Leichtigkeit mit der sie uns unvergessen bleibt.


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