Digitale Bildung (Bild: Brad Flickinger [CC BY 2.0], via Flickr)

Wie Deutschland die Digitale Bildung verschläft

Vor allem der Bildungsbereich muss in Deutschland für die Digitalisierung fit gemacht werden, doch die Politik droht die Entwicklung zu verschlafen. // von Henning Tillmann

Digitale Bildung (Bild: Brad Flickinger [CC BY 2.0], via Flickr)

Die Digitalisierung schreitet voran: Unser Medienkonsum und Kommunikationsverhalten hat es schon vollständig erfasst. Ein Bereich ruht aber in den wohligen, miefigen und vor allem analogen Zeiten der 1980er Jahre: Die Bildung. Digitale Bildung ist in Deutschland ein Fremdwort und bedeutet eben nicht, nur Beamer mit Powerpoint statt Overheadprojektoren einzusetzen. Es gibt sehr viel zu tun – ein weiteres Aufschieben von Reformen wäre fatal. Drei notwendige Schritte.

Vor wenigen Wochen gab es die Meldung, dass die Handschrift bei Kindern auszusterben drohe. Es folgten Beiträge im Feuilleton und Bildungspolitiker meldeten sich zu Wort. Diese Debatte zeigt, dass wir uns lieber mit den Themen der Vergangenheit, als mit denen der Zukunft beschäftigen wollen. Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal eine Seite per Hand beschrieben? Ich kann mich nicht daran erinnern, es ist lang her. Natürlich, eine Handschrift schult auch die Motorik, daher möchte ich die Handschrift gar nicht abwerten – wohl aber die Fokussierung auf bestimmte Themen in bildungspolitischen Diskursen.

In dem Ressortabgestimmten Entwurf der Digitalen Agenda existiert zwar ein Abschnitt zu „Bildung, Forschung, Wissenschaft, Kultur und Medien“, wirklich konkrete Aussagen zur digitalen Bildung sucht man aber vergeblich. Ein Hauptproblem ist dabei sicherlich auch das Kooperationsverbot, das dem Bund verbietet sich in die Bildungsaufgaben der Länder einzumischen (bzw. diese zu finanzieren). Die SPD forderte im letzten Bundestagswahlkampf eine Abschaffung eben dieser (unsinnigen) Regelung, konnte sich damit aber nicht gegen CDU/CSU durchsetzen. Zwar soll es eine leichte Aufweichung geben, diese beträfe aber nur Hochschulen. Aber auch ohne Kooperationsverbot existieren bei vielen Bildungspolitikerinnen und -politiker Skepsis oder gar Furcht bzgl. der Digitalisierung. Vielmehr scheint dieses Koopertationsverbot auch gern als Ausrede verwendet zu werden, um sich mit manchen Themen nicht beschäftigen zu müssen.

In Deutschland sind quasi alle Kinder und Jugendliche online (PDF). Doch nicht nur Menschen sind online, wir treten ebenso in das Zeitalter des Internets der Dinge ein: Geräte vernetzen sich und sind online verfügbar. Dies wird einen enormen Einfluss auf unseren Alltag, unseren Beruf und auch die Bildung haben. Was Eltern ggf. versäumen – einen medienpädagogischen vernünftigen Umgang mit Computern und dem Internet – muss spätestens in den Schulen erklärt und vermittelt werden. Dazu bedarf es enormen Anstrengung im Bereich der Medienkompetenz bei den Lehrkräften.

Digitale Lehrmittel

Zwar gibt es in Schulen bereits jetzt Räume, die mit Computern ausgestattet sind – die Digitalisierung des Klassenzimmers ist allerdings noch nicht eingetreten. Dies macht sich insbesondere an den Lehrmaterialien bemerkbar, die fast ausschließlich in gedruckter Form vorliegen. Die Vorteile der Digitalisierung, somit die einfache Weiterverbreitung und auch, falls keine technischen Beschränkungen vorliegen, die Möglichkeit, Inhalte anpassen und erweitern zu können, wurden bislang versäumt. Ein Grund für den Mangel an digitalen Lehrmittel sind fehlende rechtliche Rahmenbedingungen. So erlauben aktuelle gesetzliche Regelungen keine digitale Kopie von Lehrmaterialien bzw. deren erneute Weitergabe, insbesondere mit Erweiterungen, Änderungen und Neuzusammenstellungen (Remix).

Durch die technischen Möglichkeiten von digitalen Lehrmitteln kann die textbezogene Vermittlung von Inhalten um multimediale Aspekte erweitert werden. Mit interaktiven Objekten, Videos und Spielen können Sachverhalte vereinfacht und für Schülerinnen und Schüler greifbarer vermittelt werden. Ebenso kann durch Social Reading – dem gemeinsamen Lesen eines E-Books innerhalb der Schülerschaft – über Inhalte diskutiert und untereinander vermittelt werden. Desweiteren müssen Schülerinnen und Schüler bei elektronischen Schulbüchern keine schweren Bücher tragen, es reicht ein Gerät (Tablet oder Laptop) zur Anzeige und Verwendung.

Werden (Tablet-)Computer großflächig in Schulen eingesetzt, erweitert sich der Markt für Lehrmaterialien um einen weiteren Akteur. Neben den Inhalteanbietern sind auch die Gerätehersteller fortan von Bedeutung. Damit keine feste Bindung an nur genau einen Hersteller entsteht, müssen elektronische Schulbücher plattformneutral, in einem offenen Format und unter einer freien Lizenz veröffentlicht werden, das die Weitergabe von (bearbeiteten) Werken ermöglicht (z. B. Creative Commons). Es ist bereits jetzt möglich, Schulbücher z. B. im offenen Format HTML5 zu entwickeln.

Durch den offenen Zugang zu den Materialien folgt die Kostenfreiheit für Schülerinnen und Schüler und die Steigerung der Bildungsgerechtigkeit. Ebenso kann der Markt für Schulbücher erweitert werden, so dass Vergleiche zwischen verschiedenen Büchern möglich und die Qualität der Lerninhalte verbessert wird. All dies wird als Open Educational Resources, kurz OER bezeichnet. Erfolgreiche Beispiele bei der Umsetzung gibt es z. B. beim Massachusetts Institute for Technology oder direkt bei unseren Nachbarn in Polen, wo OER bereits großflächig eingesetzt wird.

Um OER in Deutschland einführen zu können, sollte der Bundestag und der Bundesrat zu aller erst das Kooperationsverbot aufheben. Es sind ebenso ein Kompetenzzentrum für OER geschaffen werden, in dem die Grundsätze des offenen Zugangs zu Lehrmittel konkretisiert werden. Im zweiten Schritt sollen dann einheitliche Regelung zu digitalen Lehrmitteln verabschiedet und diese dann auch in den Schulen vor Ort umgesetzt werden.

Pflichtfach Informatik

Wir sind umgeben von kleineren oder größeren Computern, sei es das Smartphone oder künftig der intelligente und vernetzte Kühlschrank. Nur die wenigsten verstehen jedoch die Funktionsweise der Geräte oder des Internets. Dadurch entsteht ein enormes Kompetenz- und folglich auch Machtgefälle: Wenige technisch versierte Menschen, verstehen die Funktionsweise und können diese ggf. beeinflussen, andere sind darauf angewiesen, dass die Geräte einfach funktionieren. Als Nutzer oder Nutzerin bin ich z. B. nicht mehr, anders als noch in den 1990er Jahren, durch weniger benutzerfreundliche Geräte verpflichtet, mich mit der Technik auseinanderzusetzen (bspw. Installation von Gerätetreibern an Computern). Dieser Fortschritt der Usability bedeutet aber auch ein verringertes Technikverständnis. In einer Welt, die gerade erst am Beginn der Digitalisierung steht, ist dies eine fatale Entwicklung – nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht mit Bezug zum Fachkräftemangel. Wenn für 99 % der Bevölkerung jedes Objekt in ihrer Umgebung eine Black-Box ist, so ist dies der erste Schritt in eine wahr gewordene Dystopie.

Die Einführung des Pflichtfachs Informatik in der Sekundarstufe 1, vielleicht sogar in der Grundschule, ist daher dringend nötig. Es soll hier weniger um das eigene Programmieren gehen, sondern um das technische Verständnisse der (zukünftigen) Lebensrealitäten. Ebenfalls soll Medienkompetenz vermittelt werden, wobei diese auch verstärkt in allen anderen Schulfächern zum Alltag gehören sollte.

Programmieren als Fremdsprache

Frankreich, Spanisch, Russisch oder doch Latein? Neben Englisch stehen die Schülerinnen und Schüler vor der Wahl der zweiten Fremdsprache. Als weitere Option sollte es eine Programmiersprache geben. Vielleicht Java. Vielleicht JavaScript. Oder gar Swift? Völlig egal. Denn es gibt eine Ähnlichkeit zur lateinischen Sprache: Wenn man sie einmal verstanden hat, sind Ableitungen und Dialekte einfach nachzulernen. Eine Programmiersprache ist nicht nur sehr nützlich, sie besteht ebenso wie eine normale Sprache aus Syntax und Semantik. Diese zu verstehen und umzusetzen ist dabei sogar viel wichtiger als bei einer natürlichen Sprache. Ein Wort an der falschen Stelle oder sogar auch nur das Auslassen eines Semikolons entscheiden darüber, ob ein Ausdruck Sinn ergibt. Und auch Programmiersprachen sind lebendige Sprachen; sogar die Jugendsprache hat ihren ganz eigenen Einfluss.

Dies sind nur drei Themenblöcke der digitalen Bildung, die es abzuarbeiten gilt. Es wird höchste Zeit, dass die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger der Länder und des Bundes gemeinsam ein schlüssiges Konzept zur Digitalisierung der Bildung erarbeiten. Denn: Die Digitalisierung wird kommen, so oder so. Momentan kann Politik diesen Prozess noch gestalten. Noch.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf henning-tillmann.de


Teaser & Image by Brad Flickinger (CC BY 2.0)



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Henning Tillmann

Henning Tillmann

ist selbständiger Journalist, Softwareentwickler und Mediengestalter in Berlin.? Er forschte zum Browser Fingerprinting und war u. a. Associate des Think-Tanks "Stiftung Neue Verantwortung", bei dem er sich mit der Veränderung des Internets durch unternehmerische Ökosysteme befasste. Als selbständiger Entwickler erstellt er Online-Konzepte, Websites und Datenbanksysteme, u. a. für Unternehmen, NGOs und politische Mandatsträger. Henning Tillmann ist Mitglied der Medien- und Netzpolitischen Kommission der SPD.

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5 comments

  1. Vor ca. 4 Jahren konnten Berliner ein, in Österreich bereits erfolgreiches Lehrprogramm für Grundschüler bewundern. Ein ungelöstes Problem am Ende des Vortrags war, dass in deutschen Lehrplänen die Benutzung eines interaktiven Programms unter „Freizeit“ abgebucht werden muss und deswegen nicht im Unterricht eingesetzt werden dürfe.
    Die größten Bremser der Digitalisierung sind übrigens die Schulbuchverlage. Diese befürchten, dass beim Einsatz von Tablets, automatische Updates die staatlichen Subventionen in Millionenhöhe überflüssig machen, die den Verlagen alljährlich für Neuauflagen von Schulbüchern(!) gezahlt werden.
    Der deutsche Dornröschenschlaf ist ein fest etabliertes System und die 100 Jahre bis zum erlösenden Kuss noch lange nicht vorbei.

  2. Um die Handschrift würde ich mich nicht sorgen. Ein ordentlicher Tablet-Computer sollte unbedingt einen Schreibstift (Stylus) haben und wenn es dann auch noch Handschrifterkennung gibt, wäre alles perfekt.

  3. Dieser Beitrag hat Tempo, Kraft und lässt mich fast atemlos zurück!

    Ich erlebe die Begeisterung von Schulen sehr positiv. Allerdings habe ich primär mit Schulen und Lehrern zu tun, die sich bereits auf den Weg zur Digitalisierung gemacht haben.

    Das Hauptproblem ist die Finanzierung und zwar von der Anschaffung, Administration bis zur Modernisierung und nicht zu vergessen: Die gute Ausbildung des Lehrpersonals.

    Die sogenannten „Brennpunktschulen“ stehen immer abseits. Sponsoren kümmern sich lieber um andere Schulen.

    Das Einflechten der IT-Themen in „ewige“ Unterrichtsfächer wird ab und an bereits praktiziert: Textverarbeitung im Deutschunterricht.
    Tabellenkalkulation in Mathe
    aber nicht alle Lehrer ziehen da mit.

    Die IT-Räume sind ständig ausgebucht. Der Raumwechsel braucht Zeit durch Computerstart, Auftragserteilung und Lernumsetzung. Das passt nicht in 45 Minuten-Einheiten.
    Zuhause – und später im Beruf – sind die Geräte jederzeit verfügbar. Jeden „normalen“ Klassenraum aber entsprechend mit Geräten auszurüsten, und zwar so, dass die Geräte sofort verfügbar, dennoch geschützt sind und nicht ständig den Arbeitsplatz beschränken, erfordert auch neues Mobiliar. In Zeiten, in denen wir über Renovierungsstau an Schulgebäuden etc. diskutieren, rückt so eine Idee in die Traumregion, findet sich aber als Tablet-Klassen etc. bei privaten Schulen. So ist es doch wieder elitär.

    Und vergessen wir bitte nicht die ganz persönlichen Sorgen des Lehrpersonals: Die Jugend – auch schon in der Sekundarstufe – ist IT-technisch teilweise schon so „ausgeschlafen“, dass ein „Wackeln“ im Thema das Image ankratzen kann. Privat sind einige Schüler moderner ausgestattet als ihre Lehrer.

    Wer IT integrieren will/soll, muss sich für dieses Medium begeistern. Es braucht hier eine Anpassung der Studiengänge, ergänzende Angebote für Studenten und ständig Fortbildungen für das Lehrpersonal mit Blick auf Weiterentwicklung und die Anforderungen im Beruf, damit Schule auf der Höhe der Zeit bleibt.
    In Berlin gab es ein Konzept, bei dem selbstständige IT-Trainer die Lehrer fortgebildet haben. Als Firmentrainer wissen die genau, was in der Wirtschaft gefordert ist.

    Aber einmal ausbilden reicht nicht. Der IT-Bildungsbereich ist enorm änderungsfreudig und daher für das Lehrpersonal lernintensiv.

    Der Wandel ist schon da – wie im Bericht geschrieben: Die Konzepte fehlen und Schule kann von Weiterbildungsunternehmen lernen.

  4. Ach, schöne neue Welt. Soll ich deinen Optimismus bewundern oder deine Naivität belächeln? Wenn das alles so einfach wäre…Die Geschichte der Bildungsreformen in D ist lang, entscheidende Änderungen sind an den Beharrungskräften vieler gescheitert. Und dann soll es so einfach „freie“ Lernmaterialien geben? Die Bildungsverlage sind einfach nur ein Hindernis, weil sie tatsächlich Geld verdienen wollen?
    Es wird ein langer Weg sein, bis das, was du „digital“ nennst, umgesetzt werden kann. Und ist denn alles, was „digital“ ist, auch gut? Soll ich alles bewundern, was „digital“ ist? Und herablassend urteilen über Leute, die z.B. das Erlernen der Handschrift als anachronistisch abtun?
    Wenn das alles so einfach wäre. Hab schon schlauere Beiträge gelesen. Deine Argumente werden weder Politiker noch Lehrer noch Verlage noch „Digitale“ überzeugen!

    Gruß, fl

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